„Stella“ von Takis Würger

Stella von Takis Würger - AstroLibrium

Stella von Takis Würger

Man lese einen Roman. Man gehe davon aus, dass die Protagonisten fiktional sind. In jeder Beziehung frei erfunden, frei im Handeln, Denken, Fühlen und Sprechen. Dabei in manchen Fällen jedoch plausibel in einen realen historischen Kontext eingebettet, was für Leser besonders reizvoll ist, weil sie ihre Kenntnisse der Epoche mit den agierenden Charakteren des Romans in Einklang bringen können. Man denke dabei an literarische Beispiele, die diesem Genre ihren Stempel aufgedrückt haben. Ich denke da besonders an „Jeder stirbt für sich allein“ von Hans Fallada.

Fallada löst sich von biografischen Zwängen, erfindet das Ehepaar Anna und Otto Quangel und platziert diese beiden einfachen Arbeiter im Nazi-Deutschland des Jahres 1940 in der Reichshauptstadt Berlin. Er lässt sie am „Heldentod“ ihres einzigen Sohnes verzweifeln, hilflos dem Untergang ins Auge schauen und einen Weg des Widerstands finden, um andere vor ihrem Schicksal zu warnen. Postkarten werden geschrieben und beginnen in Berlin für Aufsehen zu sorgen. Hans Fallada begleitet das Widerstandsnest der trauernden Eltern bis zu ihrer Entdeckung und Hinrichtung. Ein historischer Roman, der mich lange beschäftigt hat.

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Besonders, weil es die Quangels wirklich gegeben hat. Elise und Otto Hampel hat Fallada mit seinem Roman ein indirektes, doch umso zeitloseres Denkmal gesetzt. Und doch hat er sich entschieden, seinen fiktiven Charakteren andere Namen zu geben. Im technischen Vorgehen des Schreibens eine perfekte Entscheidung. Fallada konnte sich in seine Protagonisten hineinversetzten, ihnen Worte in den Mund legen, die historisch nicht belegt waren und sie miteinander interagieren lassen. Er überschritt niemals eine Grenze, die jenen realen Vorbildern für seinen Roman Schaden zugefügt hätte. Fallada erzielte einen unfassbaren Effekt. Immer dann, wenn man im Roman zweifelte, ob eine solche Widerstandsaktion denkbar gewesen wäre, dachte man an die Hampels. Hier ist Fallada für mich der Maßstab dessen, was Literatur kann und darf. Hier definiert sich in der gesamten Tragweite die Grenze zwischen Fiktion und Biografie.

Ich muss das erklären, damit ich beschreiben kann, welch ambivalente Gefühle mich beschlichen, als ich den Roman Stella“ von Takis Würger las. Auch er schreibt mich zurück ins Berlin der 1940er Jahre. Genau gesagt in das Jahr 1942. Auch er bettet die Handlung seines Romans in einen verbrieften und detaillierten historischen Kontext ein und beginnt jedes Kapitel mit den tatsächlichen Ereignissen des jeweiligen Monats. Er beschreibt dies so faszinierend, dass ich lesend immer wieder an „1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“ denken musste, weil Takis Würger ebenso wie Florian Illies kleine und große Ereignisse vor unseren Augen ablaufen lässt, um den Wahnsinn der Zeit für uns verständlich zu machen. Brillant in der Formulierung, faszinierend in der Technik.

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Darüber hinaus zitiert Takis Würger mehrfach reale Prozessdokumente, was dem Geschehen seines Romans Glaubwürdigkeit und Authentizität verleiht. Es handelt sich dabei um Zeugenaussagen, die nach dem Kriegsende von einem unglaublichen Verrat berichteten. Hatte es sein können, dass eine Jüdin die in Berlin untergetauchten Juden an die Gestapo verraten hatte? War es möglich, dass eine junge Frau als Greifarm der Nazis unterwegs war, um ihre eigentlichen Leidensgenossen zu enttarnen? Ja. Das ist real. Das ist Geschichte. Es gab diese Frau, die mehr als 300 Juden verraten hatte und damit für ihre Deportation verantwortlich war. Takis Würger bewegt sich in seinem Buch auf sicherem Terrain. Fallada lässt grüßen.

Und doch gibt es einen Unterschied, der mich zusammenzucken ließ. Dies ist ein Roman. Die Protagonistin ist erfunden. Sie hatte ein wahres Vorbild. Doch hier erleben wir sie in den nicht verbrieften Momenten, blicken tief in ihre Seele, ihre Gefühle und in den Gewissenskonflikt, der in ihr tobt. Stella Goldschlag wird als Jüdin mit ihren Eltern selbst inhaftiert. Sie wird misshandelt und kommt nur unter der Bedingung frei, dass sie sich auf die Suche nach jüdischen U-Booten begibt. Untergetauchte Juden musste sie denunzieren, um sich und ihre Eltern zu retten, die als Faustpfand inhaftiert blieben. Es ist verstörend, sich in die Situation der jungen Frau hineinzuversetzen. Es ist fatal, sich auch nur für einen Moment vorzustellen, was sie gefühlt und gedacht haben mag. Und immer, wenn man zweifelt, ob ein solcher Verrat überhaupt denkbar sei, denkt man an Hans Fallada, die Hampels und vergewissert sich, dass Stella Goldschlag ein Vorbild in der Geschichte hat.

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Stella Goldschlag im Film Die Unsichtbaren – Auch im Kino eine wichtige Rolle

Doch hier bricht Takis Würger mit dem Regelwerk, das ich gerade beschrieb. Das Vorbild für Stella Goldschlag ist Stella Goldschlag. Ihr Leben und ihr Verrat vor der realen Bedrohungssituation für das eigene und das Leben ihrer Eltern sind historisch in jeder Beziehung gesichert. Dazu auch die Zitate aus den Gerichtsdokumenten des real durchgeführten Prozesses gegen Stella Goldschlag nach dem Krieg. Hier überschreitet der Autor nicht nur die Grenze, den Namen seiner erfundenen Figur nicht zu verändern. Nein. Er verlegt auch die Handlung seines Romans in ein Jahr, in dem Stella noch gar nicht festgenommen war. „Stella“ spielt 1942. Das reale Geschehen, auf das sich die Gerichtsprotokolle beziehen, vollzog sich 1943. Nun mag man denken, dies spielt keine Rolle. Man mag denken, das sei ja völlig egal, weil es eben nur ein Roman ist. Für mich jedoch ist das ein technischer Bruch, den man hätte vermeiden können, wenn man den Weg Falladas gegangen wäre und Stella nicht Stella genannt hätte. Hier wird aus einer realen Person eine fiktionale Frau, die sich von ihrem realen Vorbild nicht mehr trennen lässt.

Hier setzt sich der Schriftsteller bewusst einer Diskussion aus, was die Literatur darf und kann. Hier beginnt beim historisch versierten Leser ein Konflikt, der geeignet ist, die Botschaft des Romans deutlich zu überlagern. Hier fragt man sich, hier frage ich mich, wie frei ein Autor ist, eine reale Person zu klonen und sie zeitversetzt agieren zu lassen. Takis Würger hätte es einfacher haben können. Er hätte sich befreien können. Er hätte sich ausschließlich der inhaltlichen Diskussion aussetzen müssen. Diese wäre es wert gewesen, sich nur auf sie zu konzentrieren. Denn im rein literarischen Ergebnis hat der Autor einen faszinierend konstruierten, zutiefst menschlich motivierten Roman über eine Zwangslage geschrieben, die den totalen Zusammenbruch eines Menschen verursachen kann. Er wirft brutale Fragen auf, die von zeitloser Relevanz sind. Wie weit darf ich gehen, um mich und meine Familie zu retten? Was bin ich bereit zu verraten, in welcher Dimension verliere ich alle Werte aus den Augen, wenn ich kollaboriere? Was kann mein gerettetes Leben danach noch wert sein?

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Trennen wir diesen Roman von all meinen Bedenken. Abstrahieren wir „Stella“ auf den reinen Inhalt und betrachten meine historisch motivierte Kritik als nicht relevant, so bleibt die Charakterstudie zweier Menschen, die im Berlin des Jahres 1942 miteinander lieben, leiden, leben, hoffen und verzweifeln. Ein junger Schweizer, der sich von Stella verzaubern lässt, eine Liaison mit ihr beginnt und dann erkennt, dass sie nicht die Frau ist, die sie zu sein vorgibt. Sie öffnet sich ihm. Sie zeigt ihm die Folterspuren und lässt ihn an ihren Seelenqualen teilhaben. Der unbedarfte junge Mann wird Mitwisser einer Frau, die selbst dann noch untergetauchte Juden verrät, nachdem ihre Eltern längst in ein KZ deportiert wurden. Drogen, Angst und Leidenschaft. Die Trauer um die eigenen Chancen, die es nicht mehr gibt. All das sind Bestimmungsgrößen der brillant erzählten Geschichte.

Takis Würger zwingt seine Leser in eine Auseinandersetzung mit eigenen Werten und Maßstäben. Er zwingt uns dazu, an die Verratenen zu denken. Er warnt vor jeder Form von Kollaboration bei gleichzeitiger Selbstaufgabe. Er formuliert keine Schuld, er macht sie spürbar. Er bringt uns dazu, Bücher über verfolgte Juden im Berlin der Nazis zu lesen. Ich habe „Untergetaucht“ von Marie Jalowicz Simon immer wieder im Sinn, wenn ich an jene denke, die in der Gefahr lebten, vom „Blonden Gift der Nazis“ Stella verraten zu werden. Ich habe „Stella“ von Peter Wyden im Sinn, ein Buch in dem sich der Autor bis hin zu einer persönlichen Begegnung mit der uneinsichtigen realen Stella Goldschlag vorwagte und zu Beginn der 1990er Jahre einen Tatsachenbericht vorlegte, der mit dem Tabu des jüdischen Verrates an jüdischen Opfern brach. Ich denke an alle Opfer des Holocaust, über die ich in meiner Rubrik „Gegen das Vergessen“ schrieb.

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Stella von Takis Würger

Ich habe noch viele Fragen an Takis Würger. Wir sind so verblieben, dass wir uns in Leipzig treffen. Gedanken und Meinungen austauschen. Diskutieren. Ein Interview für Literatur Radio Hörbahn wäre das geeignete Mittel, dieses Gespräch festzuhalten. Ich bin dankbar für seine spontane Bereitschaft, sich den offenen Fragen und der Kritik zu stellen. Ich muss einfach herausfinden, wie weit Literatur gehen darf und wo ich meine gedanklichen Grenzen niederreißen muss, um im Niemandsland eines Romans Fuß zu fassen. Ich bleibe neugierig.

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Stella von Takis Würger

Der Steidl Verlag schließt die Lücke: Stella Goldschlag – Eine wahre Geschichtevon Peter Wyden ab dem 25. Februar im Handel und auch hier zu finden. Der Titel wurde geändert, die Ausgabe ist aktualisiert und doch ist es das absolute Referenzwerk zu dieser Diskussion. Ohne Peter Wyden keine wahre Geschichte…

Stella Goldschlag - Eine wahre Geschichte von Peter Wyden - Steidl - Astrolibrium

Stella Goldschlag – Eine wahre Geschichte von Peter Wyden – Steidl

14 Gedanken zu „„Stella“ von Takis Würger

  1. Hallo lieber Arndt, ich muss das jetzt so sagen aber ich liebe Deine Rezensionen. Mein lieber Schwan was Du da immer alles hineinpackst ist einfach richtig groß. So viel Hintergrundwissen und so manches auf das man erst dadurch stösst. ‚STELLA‘ hatte mich ja auch sehr gebissen. Den Stil fand ich großartig, die historischen ‚Einklinker‘ immer am Anfang der Kapitel sehr spannend aber, nunja, Stella eben. Diese Stella und nicht irgendeine. Hat mich stellenweise furchtbar geärgert und doch habe ich jetzt mehr oder weniger meinen Frieden mit dem Buch gemacht. Du trägst Deinen Teil dazu bei – herzlichen Dank für das Telefonat, das hat mich etwas geerdet.
    Liebe Grüße und in ‚Untergetaucht‘ bin ich schon drinnen 🙂
    Kerstin

    • Liebe Kerstin. Unser Telefonat hat mir auch sehr geholfen. Frieden mit einem Buch machen. Ein wunderschöner Begriff. Ich kritisiere technisch und hätte einen anderen Weg bevorzugt. Aber viele Fragen werde ich hoffentlich in Leipzig stellen können.

      Denk bei „Untergetaucht“ ab und an an die reale Stella. Sie muss ein schreckliches Angstbild verbreitet haben. Herzlichst, Arndt (Und danke für all die lieben Worte zu diesem Text)

  2. Eine heikle Frage. Ich stelle mich auf die Seite von Fallada. Technisch in jeder Hinsicht besser, wenn es darum geht, einen Roman zu schreiben. Trotzdem merkt man, wie sehr du „Stella“ in dieser Fassung magst. Das macht mich sehr neugierig. Deine Kritik ist mega-fundiert. Und doch so liebevoll. Gruß, Simon.

  3. Pingback: Berlin, 1942 | Frau Lehmann liest

  4. Ich habe das Buch (noch?) nicht gelesen. Du bist der erste, der mich wirklich neugierig macht. Bisher nur Lobeshymnen und buchhändlerische Jubelrufe. Die Rezension gefällt mir sehr gut, vor allem der Vergleich mit Fallada. Vielleicht wäre das Buch ja was für unseren Lesekreis. Da hat man dann auch gleich die Diskussionsmöglichkeit.

    Lieben Gruß,
    Mona

    • Ich bin weit entfernt, einfach in Hymnen einzustimmen. Dazu ist es einfach zu diskussionswürdig. Zündstoff für einen Lesekreis hat es. In jeder Beziehung. Inhaltlich und technisch. Das wäre ein grandioses Projekt…

  5. Lieber Arndt, man kann nicht immer alles lesen, was andere, darf ich sagen befreundete Blogger so vorstellen. Dies hier ist eine interessante Rezension, die mich neugierig macht, allerdings mehr auf Fallada und nicht Würger.
    Andererseits fällt mir hierbei Andreas Eschbach ein, der, in einem völlig anderem Genre, gleichermaßen in dieser Zeit einen Handlungsstrang in „NSA“ erfindet. Er lässt nämlich die für das deutsche „Nationale Sicherheitsamt“ im Jahr 1942 die Programmiererin die „Weiße Rose“ finden, noch vor deren zweitem Flugblatt. Die bringt Hans und Sophie Scholl in Gefängnis, aber nicht auf das Schafott. Etwas später führen Suchprogramme zur Durchsuchung von Wohnungen in Amsterdam. Du ahnst, was kommt, die Familie Frank wird gefunden und deren Schicksal nimmt seinen Lauf.
    So unterschiedlich kann man Zeit und Personen betrachten, hier bin ich geneigt, dir zuzustimmen, man darf historische Personen wohl nicht ungeprüft interpretieren. Zumindest dann nicht, wenn deren Leben und Handeln noch nicht weit zurück liegen.

    Bei dem Gespräch im Leipzig wäre ich gern, still zuhörend, dabei.
    Viele Grüße
    Uwe

    https://litterae-artesque.blogspot.com/2018/12/eschbach-andreas-nsa.html

  6. Da ist ganz schön was los im Netz. Also unvoreingenommen bin ich gerade nicht mehr so sehr. Wird nicht leicht, das Thema objektiviert zu betrachten.
    Wusstest du, das es sogar ein Musical zu ihr gibt?
    In wikipedia ist von 600 bis 3000 Opfern die Rede. 3000? Das wären jeden verdammten Tag fünf Opfer.
    Ich recherchiere noch ein wenig.
    Gruß
    Uwe

  7. Pingback: NSA von Andreas Eschbach | AstroLibrium

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