„Die Bienenkönigin“ von Claudia Praxmayer

Die Bienenkönigin von Claudia Praxmayer - AstroLibrium

Die Bienenkönigin von Claudia Praxmayer

Manchmal ist es sehr hilfreich, die guten alten Märchen der Gebrüder Grimm zu kennen. Die Bienenkönigin“ ist zwar nur ein kleines zartes Märchen, aber schon hier wird klar, dass man im Leben bitterlich dafür bestraft wird, wenn man seinen Unmut an hilflosen Lebewesen auslässt. Der kleine Dummling gilt als einfältig, weil er sich weigert einen Ameisenhaufen zu zerstören oder einen Bienenstock zu plündern. Später jedoch sind es genau diese kleinen verschonten Lebewesen, die ihm dabei helfen, unmögliche Aufgaben zu lösen und nicht, wie seine Brüder, in Stein verwandelt zu werden. Und die Moral von der Geschicht`? Töte kleine Bienen nicht! Haben wir wieder nicht zugehört?

Ja. Wir hätten es eigentlich wissen müssen! Scheinbar jedoch haben unsere guten alten Märchen ihre Wirkung verloren. Scheinbar ist damit auch die Ehrfurcht gegenüber den kleinsten Lebewesen verloren gegangen. Scheinbar hat uns heute sogar die Moral verlassen. Bienensterben. Weltweit. Ausgebeutete Bienenvölker, die aus wirtschaftlich rentablen Gründen durchs Land gekarrt werden, um Blüten zu bestäuben. Tiere, die in jeder Hinsicht nur noch als Produktionssklaven gehalten und nach getaner Arbeit auch gerne geopfert werden. Die Folgen? Dramatisch. Sachbücher, Dokumentationen, Filme und Vorträge ändern nichts am Bewusstsein. Können moderne Märchen unsere Moral wieder auf Vordermann bringen? Ist es die Emotion, die auf der Strecke blieb? Haben wir noch eine Chance zur Umkehr?

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Die Bienenkönigin von Claudia Praxmayer

Ich bin davon überzeugt. Spätestens seitdem sich viele namhafte Schriftsteller/Innen diesem Thema verschrieben haben. Ökologisch motivierte Romane mögen inzwischen fast schon zum literarischen Mainstream gehören. Sie mögen sogar manchmal auch im Glauben geschrieben sein, auf der richtigen Welle des Erfolges zu surfen. Das merken Leser jedoch sehr schnell. Eben weil es die großen Romane gibt, die eine breite Masse an Menschen erreichen. Gute Romane, die nicht nur den erhobenen Zeigefinger in den Vordergrund stellen, sondern ganz einfach mit einer guten Geschichte überzeugen. Es spricht sich schnell herum, welche Bücher man unbedingt lesen muss, um den eigenen Kurs zu korrigieren. „Die Geschichte der Bienen“ von Maja Lunde gehört eindeutig zu den empfehlenswertesten Werken der letzten Jahre.

Wenn man jedoch auch junge Menschen erreichen möchte, dann muss man auch für junge Menschen schreiben. Sie sind die Zielgruppe, die in der Lage ist, die Welt zu verändern. Hier ist noch nicht Hopfen und Malz verloren, wenn es darum geht, Gefühl vor Wirtschaftlichkeit zu stellen. Hier liegt die Zukunft auch in den Händen von Autoren und Autorinnen, die mit einem bestimmten Sendungsbewusstsein schreiben. Und wenn diese Kulturschaffenden ihrer Verantwortung gerecht werden, dann gelingt es vielleicht wieder, am Ende einer Geschichte die Frage nach ihrer Moral stellen zu können, ohne dass sie unbeantwortet im Raum stehen bleibt. Einen solchen Roman für Jugendliche habe ich gefunden.

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Die Bienenkönigin von Claudia Praxmayer

Dieser Roman ist über jeglichen Verdacht erhaben, das ökologische Thema nur zu transportieren, weil es gerade en vogue ist. Dieses Buch ist kein Trittbrettfahrer auf der Welle des Artenschutzes. Es ist vielmehr eine emotional fundierte Kampfschrift, der es gelingen kann, Mitgefühl und Gefühl zu paaren und Mutter Natur mit anderen Augen zu sehen. „Die Bienenkönigin“ von Claudia Praxmayer öffnet uns einen Erzählraum, der einem Bienenstock gleichkommt. Eine Wohngemeinschaft junger Menschen, in der es nur so brummt vor unbekümmerter Betriebsamkeit. Der „Beehive“ in San Francisco ist der Ausgangspunkt einer Geschichte, die so gut ist, dass sie unbedingt erzählt werden muss!

Sie ist deshalb so gut, weil sie plausibel ist. Sie ist so gut, weil sie bisher noch nicht so erzählt wurde und sie ist so gut, weil sie der Realität eine Seite abgewinnt, die man nur entdecken kann, wenn man als Schriftstellerin mit viel Gefühl und Sachverstand in den Bienenwaben der eigenen Geschichte lebt. Hier spürt man in jedem Kapitel, dass mit der Autorin auch die studierte Biologin schreibt. Eine literarische Symbiose, die der Handlung in jeder Beziehung Tragfähigkeit verleiht. Den Blick auf das Kleine lenken, in Bienen keine Selbstverständlichkeit zu sehen und Zusammenhänge zwischen uns und der Natur sichtbar zu machen. Das sind ihre Anliegen. Meisterhaft umgesetzt.

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Die Bienenkönigin von Claudia Praxmayer

Mel ist 19 Jahre alt und auf dem Weg zur beruflichen Selbstfindung. Eine Auszeit soll ihr zeigen, wohin sie ihr Lebensweg treibt. In ihrer WG in San Francisco wirbelt sie ebenso kreativ und aktiv in der Küche, wie sie sich um das kleine Bienenvolk im Garten kümmert. Die besondere Verbundenheit zu diesen Tieren hat sie von ihrer Großmutter geerbt. Als der Bienenstock von einer künstlichen Biene angegriffen wird, erkennt Mel sofort die Dimensionen dieser Attacke. Eine Miniatur-Drohne steuert zielsicher auf den Bienenstock zu. Im Miniatur-Tank, ein Pestizid zur Vernichtung von Bienen. Mit letzter Kraft gelingt es den Bienen, den Angriff abzuwehren, aber Mel ahnt, dass sie hier zur Zeugin von etwas Größerem geworden ist. Etwas Gefährlichem.

Diese Ausgangssituation ist die Basis für einen Hybrid Roman, dem es gelingt, im Verlauf der Geschichte Natur und Hightech-Elemente zu einem dichten Erzählraum zu verweben, aus dem es kein Entrinnen gibt. Wenn jemand in der Lage ist, Drohnen zum Fliegen zu bringen, die Bienen täuschend ähnlich sind, wenn er seine Microbiotics dann auch noch mit einem Tank versehen kann, wenn diese Kunstbienen ferngesteuert zum Angriff auf echte Bienen übergehen, dann muss es ein Motiv für diese Tat geben, das alles in den Schatten stellt. Wer kann ein Interesse daran haben, das Bienensterben zu beschleunigen? Mel und ihre Freunde kommen einer brisanten Verschwörung auf die Spur. Die Zeit läuft gegen die Bienenpopulation und gegen die kleine Gruppe, die sich den Drohnen in den Weg stellt.

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Die Bienenkönigin von Claudia Praxmayer

Bestechend in der Ausgangssituation, logisch im Motiv und faszinierend im Mix der realen Möglichkeiten mit fantastischen Elementen. Claudia Praxmayer bleibt da technisch, wo es zwingend erforderlich ist, sie wird tiefgründig und empathisch, wo es gilt, Mel zu verstehen und sie wird zur großen Erzählerin, wo es darauf ankommt, eine Geschichte voller Poesie und Gefühl zu erzählen. Mel gleicht mit dieser Begabung den Pferdeflüsterern und Schlangenbeschwörern dieser Welt. Ihrer Gabe verdanken wir die ganz großen Momente dieses Romans. Und doch wird schnell klar, dass wir alle, auch ohne einen besonderen Zugang zu Bienen, die Welt verändern können. Eine Botschaft, die Leser jeden Alters anspricht. Ein Roman, der in seiner logischen Konsequenz tiefer geht als „Die Geschichte der Bienen“. Zwei Romane, die man in den Honigwaben des eigenen Bücherregals vereinen sollte. Sie öffnen Horizonte. 

Ich habe mir „Die Bienenkönigin“ in der Hörbuchproduktion aus dem Hause Der Hörverlag von Leonie Landa vorlesen lassen. Der Sprecherin gelingt es, der jungen Mel Leben einzuhauchen, ihr Kämpferherz zu „verstimmlichen“ und der Verbundenheit mit den Bienen eine besondere Sprache zu verleihen. Gänsehautmomente garantiert, wenn Leonie Landa als Mel zu den Bienen singt. Das kann man nicht lesen. Das muss man mit eigenen Ohren gehört haben. Ein zeitlos hörenswerter Roman, den ich sicher nicht schnell aus den Ohren bekomme. Und noch dazu ein starkes Stück Bio-Ökologie im Gewand eines spannenden Jugendthrillers. Eine Story die ein Literatur-Bio-Siegel verdient hätte. Geht runter wie Honig! Versuchen Sie es selbst…

Und immer dran denken: Stirbt sie – stirbst auch Du!

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