„Thalamus“ von Ursula Poznanski – Reine Kopfsache

Thalamus von Ursula Poznanski

Das versprach gemütlich zu werden. Brachte mich Ursula Poznanski bisher in ihren Thrillern doch immer wieder dazu die Turnschuhe zu schnüren und ihren Protagonisten atemlos auf der Flucht vor dem Bösen auf der Welt zu folgen, so sollte es diesmal ganz anders werden. Ich verbannte mein Sportdress außerhalb meiner Reichweite und habe mich auf ein eher therapeutisches Lesen eingestellt. Spannend, gerne, aber rasend auf keinen Fall. Das würde das Setting nicht hergeben. Diesmal war es reine Kopfsache. In ihren bisherigen Romanen ging es um die gute Konstitution ihrer Protagonisten, weil sie sonst keine Überlebenschance gehabt hätten. Bei Timo (17) ist das ganz anders.

Er spielt die wesentliche Rolle in „Thalamus“, dem neuesten Jugendthriller aus der Feder der österreichischen Autorin, die in ihrem früheren Leben Medizinjournalistin war und nun quasi aus dem Vollen schöpfen konnte. Ich legte mich hin, machte es mir sehr bequem und bereitete mich darauf vor, Timo durch dieses Werk zu folgen. Das sollte ja so schwer nicht sein. Ein Motorradunfall, eine schwere Kopfverletzung, eine Operation am offenen Schädel und die nun folgende langwierige Rehabilitation hatten den Jungen in einen erbärmlichen Zustand versetzt. Laufen war da kaum drin. Ich entspannte mich, hatte doch die Fluchthelferin meines bisherigen Lesens mal eine Atempause für mich eingebaut.

Thalamus von Ursula Poznanski

Timos Sprachzentrum ist in Mitleidenschaft gezogen. Motorische Fähigkeiten sowie die Koordination seiner Bewegungen: Fehlanzeige. Er ist ans Bett gefesselt. Jedoch an ein Bett in bestem Hause. Der Markwaldhof gilt als DAS renommierte Reha-Zentrum für jene Patienten, denen ein Schädelhirntrauma einen Strich durch das sorgenfreie Leben gemacht hatte. Beste Ärzte, Hirnspezialisten, Logopäden und Physiotherapeuten ohne Ende kümmern sich hier um die schnelle Wiederherstellung der Traumatisierten. Timo hat eigentlich gute Aussichten auf Heilung. Jetzt bräuchte er Geduld und Konzentration, um durch Übungen wieder zurück ins Leben geführt zu werden.

Er kann sich nicht äußern, zum Schreiben reicht die Motorik nicht aus und so wird aus dem aktiven jungen Mann ein passiv alles über sich ergehen lassender Patient. Er wird gefüttert, lernt schrittweise das Sprechen und irgendwann soll er sich auch wieder auf eigenen Beinen bewegen können. Einzig sein Verstand ist nicht betroffen. Er ist im höchsten Maße aktiv und ein aufmerksamer Beobachter der Ereignisse, die den Alltag von Timo bestimmen. Manchmal denkt er zu träumen, oder traut dem eigenen Verstand noch nicht ganz, aber wenn etwas bei ihm funktioniert, dann sein Kopf. Nur Kopfsache.

Thalamus von Ursula Poznanski

Ich setzte mich an sein Bett, lesend und hörend. Und eigentlich hatte ich gar nicht vor, mich von hier fortzubewegen. Im Buch aus dem Loewe Verlag versunken oder der Stimme von Jens Wawrczeck im Hörbuch aus dem Hause Der Hörverlag aufmerksam zuhörend, kontrollierte ich Timos Vitalfunktionen, half bei der täglichen Logopädie und beobachtete seine langsamen Fortschritte in der Physiotherapie. So hätte es durchaus bleiben können. Fast jedoch hätte ich vergessen, wer diesen Roman geschrieben hatte und dass der Begriff „Thriller“ im Klappentext deutlich zu lesen war. Ursula Poznanski hatte in der packenden Einleitung dieses Romans lediglich das Setting beschrieben, in dem ich in den folgenden Stunden am eigenen Leib erlesen und erhören durfte, was es heißt, Zeuge ungewöhnlicher Vorfälle zu werden.

Das Gehirn ist komplex und Unfallschäden haben oft weitreichende Folgen. Wenn man jedoch das Gefühl hat, dass unsere Denkmaschine perfekt funktioniert, dann wird es umso dramatischer, Dinge zu beobachten, die nicht wahr sein können. Timo beginnt an sich zu zweifeln, weil er zum Zeugen von Vorfällen wird, die einfach unmöglich sind. Da wandelt sein komatöser Zimmernachbar, der sich den ganzen Tag nicht bewegt und intensiv gepflegt werden muss, nachts quietschfidel durch Zimmer und spricht klar und deutlich. Da hört Timo Stimmen in seinem Kopf, die er unmöglich geträumt haben kann. Da erhebt auch er sich plötzlich, wie ferngesteuert aus seinem Bett und ist in der Lage, sich fast so zu bewegen, wie vor seinem Unfall. Naja, und zuletzt kann er nur durch die Kraft seiner Gedanken das Licht im Raum an- und ausschalten. Was geht hier ab?

Thalamus von Ursula Poznanski

Ursula Poznanski lotet in ihrem Thriller „Thalamus“ die Chancen und Risiken der modernen Schulmedizin aus und wägt ab, wie weit man gehen darf, um Patienten zu helfen. Die Gratwanderung zwischen medizinischer Notwendigkeit und wirtschaftlichem Interesse gelingt ihr ebenso brillant, wie die psychologische Tiefenzeichnung der Ärzte, die unter dem Deckmantel humanistischer Weltbilder ganz andere Ziele verfolgen. Hier spannt Ursula Poznanski einen Handlungsbogen, der Timos Schicksal ins Zentrum des Romans rückt, dann aber Schlag auf Schlag auf die anderen Patienten ausfächert. Wir schwanken lesend und hörend zwischen Zweifel und Unglauben, erkennen aber schon bald, dass es sich hier nicht um Hirngespinste handelt, unter denen die Traumatisierten leiden. Greifbar, authentisch und technisch nicht unwahrscheinlich, was uns hier packt.

Und dann ist es auch schon vorbei mit meinem gemütlichen Lesen. Hätte ich doch meine Turnschuhe eingepackt. Aus der inneren Dynamik schwappt die Story in greifbar hektische Betriebsamkeit, der man sich nicht entziehen kann. Timo kommt dem großen Geheimnis der Reha-Klinik auf die Spur. Er macht sich damit zum Hoffnungsträger für die Freunde, die er dort fand, aber gleichzeitig auch zur Zielscheibe jener, für die Timo zur existenziellen Gefahr wird. Ein medizinischer Hightech-Thriller, der im eigentlichen Sinn verschreibungspflichtig sein sollte. Gut nur, dass er nicht nur Privatlesern, sondern auch für uns Kassenleser rezeptfrei zugänglich ist. Zu Risiken und Nebenwirkungen der hochspannenden Unterhaltungs-Pille sollte man allerdings keinen Arzt oder Apotheker befragen. Blogger und Buchhändler tun es auch… Sie schwören nämlich auf Romane, die süchtig machen.

Und jetzt renne ich doch noch durch die Gänge des Markwaldhofs. Ich hätte es ja wissen müssen. Hilfe…

Thalamus von Ursula Poznanski

Mein Tipp frisch von der Frankfurter Buchmesse: Wer künftig Erwachsenen-Thriller von Ursula Poznanski lesen möchte, der sollte bei Droemer-Knaur Ausschau halten. Der spektakuläre Verlagswechsel wird am 1. Februar 2019 unter dem Titel „Vanitas – Schwarz wie Erde“ offensichtlich… Bleibt gespannt, da kommt Großes auf uns zu.

Vanitas – Schwarz wie Erde – Ursula Poznnski – Februar 2019

2 Gedanken zu „„Thalamus“ von Ursula Poznanski – Reine Kopfsache

  1. Moin moin,
    das klingt deutlich spannender als Aquila, zumal ich wissenschaftlich basierte Spannung sowieso sehr gern mag. Kommt auf meine Einkaufsliste, natürlich als Hörbuch.
    Und der Erwachsenenthriller mutet auch vielversprechend an. Ist notiert!
    Herbstliche Lesegrüße,
    Christina P.

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