Der literarische Entertainer – Autoren „Zwo Punkt Null“

Der literarische Entertainer – Autoren „Zwo Punkt Null“

Man stelle sich vor, die großen Klassiker der Literaturgeschichte wären unter den gleichen Rahmenbedingungen entstanden, die heute den Berufsalltag eines Autors bestimmen. Man stelle sich vor, die großen Schriftsteller vergangener Epochen wären neben dem eigentlichen Schreiben auch noch der medialen Omnipräsenz ausgeliefert gewesen, die vom modernen Schriftsteller unserer Tage erwartet wird. Wenn wir diese Frage zulassen, müssen wir uns in der Folge auch damit beschäftigen, was wir unseren Schriftstellern zumuten, was wir von ihnen erwarten und wie sich ihr Schreiben dadurch verändert. Wenn wir zu diesem Gedankenexperiment bereit sind, müssen wir uns auch bereiterklären, den nächsten Schritt zu gehen. Wir müssen uns selbst hinterfragen und die Frage zulassen, welche Rolle wir als Leser einnehmen und welchen Einfluss wir auf die Literatur ausüben.

Waren die Kräfteverhältnisse früher noch klar verteilt, so ist heute sehr deutlich zu erkennen, dass der Leser aus der passiven Rolle des Konsumenten literarischer Werke zusehends in eine aktive Rolle geschlüpft ist. Soziale Medien und Marktdynamik haben hier erdrutschartige Verwerfungen zugelassen und es fällt Autoren, die sich selbst noch als solche im klassischen Sinn verstehen, immer schwerer nur zu schreiben. Und nach dem Schreiben Kraft zu tanken, Inspirationen zu sammeln und sich wieder in die Tiefen des Elfenbeinturms zurückzuziehen, um erneut zu schreiben. Ein anderer Autorentypus scheint gefragt zu sein. Jener, der schon schreibend greifbar, ja beeinflussbar ist. Hier gilt es heute allgegenwärtig präsent zu sein, den Lesern das Gefühl zu geben, Zeugen eines Prozesses zu sein, der sich zuvor im Verborgenen abspielte.

Nehmen wir doch für unser Experiment einfach mal Mark Twain und katapultieren ihn ins 21. Jahrhundert, statten ihn mit allen technischen Möglichkeiten aus, über die seine aktuell literarisch tätigen Kollegen und Kolleginnen verfügen und flankieren seine Schaffensphasen mit den Ansprüchen seiner Leser. Verschaffen wir uns Zutritt zu dem großen Erzähler, der nicht nur durch „Die Abenteuer des Huckleberry Finn“, sondern auch durch seine Reiseberichte, wie „Bummel durch Europa“ weltberühmt wurde. Wir schalten ihn mal in den sozialen Medien frei und geben ihm Zugriff auf einige Accounts, ohne die ein Autor heute nicht existieren kann.

Facebook:

Mark Twain – Schriftsteller – Die offizielle Seite – 32500 Follower
Mark Twain – Das private Profil – 1569 Freunde – davon 159 gemeinsame Freunde

Instagram:

MarkTwain1835_ich_bins_wirklich – 6500 Abonnenten

Twitter:

MississipiMark35 (alle anderen Twain-Accounts waren vergeben) – 25000 Follower

WordPress

MTwainDerBlog mit drei bis vier Artikeln monatlich

Der literarische Entertainer – Autoren „Zwo Punkt Null“

Das müsste fürs Erste reichen, um ihn zu beschäftigen. Dann erweitern wir dieses Spektrum noch um einige echte Mark-Twain-Fanseiten, 56 Fake-Accounts, die Unruhe stiften und ergänzen das mediale Spektrum um mehrere Rezensenten-Plattformen, die ihm in Echtzeit Zugriff auf die Reaktionen seiner Leser bieten. Wir legen ihm auch noch einen Amazon-Account an, damit er (falls es ihm mal langweilig sein sollte) den echten Literaturkritikern begegnen kann. Darüber hinaus abonnieren wir die namhaften Online-Zeitungen mit ihren Feuilleton-Teilen. Schnell noch ein Smartphone in die Hand, einen versierten Online-Marketing-Ansprechpartner und eine Pressereferentin eines Verlages an die Seite und schon kann es losgehen mit dem kreativen Schreiben. 

Ach ja. Wir wollen doch nicht vergessen, im Impressum seines Blogs auch noch die reale Adresse und seinen Email-Account zu veröffentlichen, damit ihn auch Fragen und Wünsche erreichen, von denen er noch gar nicht zu träumen wagt. Ein wenig ratlos und unentschlossen wirkt er jetzt schon auf mich. Eigentlich hatte er vor, einen Roman über zwei Jungs am Mississippi zu schreiben, aber das muss er jetzt mal auf der Todo-Liste nach hinten schieben, da seine sozialen Medien seine Präsenz einfordern. Hier nur ein paar kleine Beispiele für Kommentare, Beiträge und Mails, die ihn gerade erreichen.

Mail vom Verlag

Hi, Mark…

Lesereise scheint etwas zäh zu verlaufen. Kaum Buchungen durch Buchhändler. Keine Interview-Anfragen seitens der SZ oder der Welt. Wir empfehlen, im sozialen Netzwerk selbst ein wenig die Trommel zu rühren. Den Arbeitstitel „Huckleberry Finn“ sollten wir überdenken. Das Lektorat hält den Namen des Protagonisten für ungeeignet. Wie wäre es mit „Malte“ oder „Jörn“… Grüße aus dem Verlag. PS: Abgabetermin nicht verpassen

LovelyBooks – Die aktuelle Aktion

Hallo Leser. Wir verlosen im Oktober 35 Leseexemplare zu Mark Twains Reisebericht „Bummel durch Europa“ und veranstalten dann mit dem Autor zusammen eine offene Leserunde, in der er uns 24 Stunden am Tag und 7 Tage die Woche Rede und Antwort stehen wird. Natürlich könnt ihr ihm auch zu seinem neuen Roman „Die Abenteuer des Malte-Finn“ (vorläufiger Arbeitstitel des Verlages) Fragen stellen, der im nächsten Jahr erscheinen wird. Bewerbt euch…

Amazon-Rezension zu „Bummel durch Europa“ von Der BuchProfiRezensent

Ich vergebe hier nur einen Stern, weil das Buch einen Tag zu spät angekommen ist, der Karton Schrammen aufwies und ich dann gemerkt habe, dass ich solche Reiseberichte eigentlich gar nicht gerne lese.

Frage zum neuen Roman auf der Facebook-Seite

Hallo Herzensautor. Ich hätte so gerne auch ein Rezessionsexemplar zum neuen Buch, weil ich ein riessiger Fan von ihnen bin und ich von ihrer feinen Sprache so viel gelernt habe. Bittebitte… Deine Butterdoldenlatschenkiefer61

Twitter

@MississipiMark35 #totalepleite #drecksbuch #bummeldurcheuropa #wirsinddasvolk Selten so einen Müll gelesen. Zu romantisch und der beste Anreiz für Flüchtlinge diese beschriebene Route zu wählen.

Instagram

@MarkTwain1835_ich_bins_wirklich Supertolles Bild von dem Fluss, an dem „Maltes Abenteuer“ spielen soll. Aber warum ausgerechnet der Mississippi? Kann es nicht auch mal ein Fluss sein, den man sich leichter merken kann? Elbe oder Main. Nur mal so… Dein kerzenbastelfloh86

Nachricht von der Hörbuchproduktion

Lieber Mark. Haben jetzt die ersten Probe-Aufnahmen eingelesen. Sagt man eigentlich „Hackebärrie“ oder „Hucklebery„? Wir sind da unsicher. Malte wäre einfacher. Unser Sprecher verzweifelt gerade an dem „L“ mitten in Huckleberry. Liebe Grüße…

Die Verlagsseite

Im Januar 2019 bieten wir erstmals Spaziergänge mit Autoren an Originalschauplätzen ihrer Romane an. Den Auftakt macht unser beliebter Erzähler Mark Twain, mit dem ihr fünf Tage lang an der Elbe spazieren gehen könnt, um ganz nah dabei zu sein, wenn er euch die Hintergründe zu „Malte, Finn und der Schaufelraddampfer“ (Arbeitstitel) verrät.

Mark Twain – Schriftsteller – Die offizielle Seite –

Ich… öhm…

(2127 Likes, 115 Mal geteilt)

So könnte ich an dieser Stelle pausenlos weitermachen, aber ich habe ja immerhin einen Artikel zu schreiben. Wobei ich als Blogger das Privileg genieße, überhaupt zum Schreiben zu kommen, was mich von Mark Twain gerade sehr unterscheidet. Er ist ein wenig ratlos, wann er überhaupt die Zeit findet, sich ganz in Ruhe seinem Manuskript widmen zu können. Und bevor er überhaupt daran denken kann, es fortzusetzen, muss er ja auch noch überall Huckleberry durch Malte ersetzen und sich ein paar Orte an der Elbe genauer ansehen, nachdem das Lektorat den Mississippi verworfen hat. Ich habe gerade ein wenig das Gefühl, dass der Titel im Verlagsprogramm geschoben wird, bis Mark Twain auf der Frankfurter Buchmesse 2019 persönlich auftritt. Signierstunden, ein paar Meet&Greets, Interviews und einige offizielle Selfie-Termine wird er sich bestimmt aus den Rippen schnitzen können. Ist ja alles für die Leser.

Wenn ihr Fragen an ihn habt, könnt ihr ihm natürlich gerne auch hier schreiben. Mark Twain wird die Kommentare auf meinem Blog gerne beantworten. Zeit genug hat er ja. Und wenn es ein anderer Autor oder eine andere Schriftstellerin sein soll, dann stattet ihnen doch einfach einen kleinen Besuch ab. Sie sind ja da. Sie stehen zur Verfügung und haben nichts Besseres zu tun, als sich vom Schreiben abhalten zu lassen. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir das Leben und die Rollen von Autoren mehr verändern, als wir es wahrhaben wollen. Sie haben sich mit diesen Ansprüchen bestens arrangiert. Und doch mag ich mir manchmal nicht vorstellen, wie sie schreiben würden, wenn alle Einflussfaktoren der heutigen Zeit nur für einen kleinen Moment ausgeschaltet wären.

AstroLibrium – LesensFreude

(Ein Text aus dem Zyklus „LesensFreude“ / TextManufaktur / Arndt Stroscher 2018)

AstroLibrium – Die TextManufaktur

7 Gedanken zu „Der literarische Entertainer – Autoren „Zwo Punkt Null“

  1. Herrlich, aber bitte wo ist da die Satire? Das ist gelebter Alltag und endlich fällt es jemandem auf. Rezessionsexemplar. Ich schmeiß mich weg. Malte. Unglaublich. Ich habe dein Schreiben für mich entdeckt und bin besonders auf die ernsten Texte gespannt. Herzlich lachende Grüße. Nina

  2. Sehr schön getroffen und geschrieben, lieber Arndt. Genauso würde es wohl sein. Ich hoffe nur, er antwortet nicht auf jedes seltsame Ansinnen.

    Folgt noch ein Post zu Autorenanfragen an Blogger? Ich sollte jetzt mal erotische Literatur in Masse besprechen.

    Viele Grüße und ein frohes Fest.
    Uwe

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