Der Spaß an der Sache – David Foster Wallace – Die Anthologie

Der Spaß an der Sache – David Foster Wallace

Zehn Jahre ist es nun schon her, seit David Foster Wallace Selbstmord begangen hat. Unvergessen sind seine Werke, die sich mit jeder einzelnen Faser ihres Seins vom üblichen Mainstream abhoben. Unvergessen, der „weiße Klotz“, mit dem so viele Leser noch heute die größte Herausforderung ihres Lebens verbinden. „Unendlicher Spaß“, die wohl wichtigste Unterhaltungspatrone, die David jemals abgefeuert hat. Ein Roman, den man einfach besitzen musste, den man kaum wirklich greifen konnte und der doch so tief in meinem Gedächtnis verankert ist, weil er den eigentlichen Point-Of-No-Return meines Lesens darstellte. Fernab von allen fein konstruierten Geschichten entwickelten die Protagonisten dieses 1522 Seiten umfassenden Kultromans ein Eigenleben, das im Laufe des Lesens anderer Bücher immer wieder aufzuflackern schien. Drei Monate war ich mit diesem Werk beschäftigt. Es war für mich der Jakobsweg des Lesens. Literatur in ihrer höchsten Ausprägung. (Weiterlesen oder hören – Sie entscheiden selbst)

Der Spaß an der Sache – David Foster Wallace – Die Rezension fürs Ohr

Seitdem sammle ich Bücher, Essays und andere Texte von David Foster Wallace. Im Wissen um die Tatsache, dass sein Lebenswerk überschaubar und endlich ist, weiß ich den Wert einer unveröffentlichten Kurzgeschichte aus seiner Feder zu schätzen und zelebriere jeden neuen Moment in und zwischen den Zeilen seiner Kompositionen. Seit vielen Jahren schreibe ich regelmäßig über David Foster Wallace. Wir sind beide 1962 geboren. Er sprach oft darüber, dass es eine große Herausforderung im Leben ist, sich nicht schon im Alter von dreißig oder fünfzig Jahren selbst zu erschießen.

Der Spaß an der Sache – David Foster Wallace

„Die Wahrheit im Vollsinn des Wortes dreht sich um das Leben vor dem Tod. Sie dreht sich um die Frage, wie man dreißig oder sogar fünfzig Jahre alt wird, ohne sich die Kugel zu geben.“

Dieses Zitat stammt aus seiner legendären Abschlussrede vor Absolventen des Kenyon Colleges, die er im Jahr 2005 hielt. Nur drei Jahre, bevor er freiwillig aus dem Leben schied. Unter dem Titel „Das hier ist Wasser“ wurde diese Rede veröffentlicht und gilt seitdem als die meist-zitierte Botschaft an junge Menschen, die am Ende ihrer schulischen Ausbildung auf die Menschheit losgelassen werden. Insofern haben diese Worte nachhaltige Wirkung auf kommende Generationen. Zeitlos, weil eine Rede eben nicht nur eine Rede blieb, sondern ihren Weg in ein kleines bedeutendes Büchlein fand. Zehn Jahre ist es nun her, seit diese bedeutende Stimme für immer verstummt ist. Und doch bleibt sie unvergessen, weil der Verlag Kiepenheuer und Witsch dem Nachlass dieses bedeutenden US-amerikanischen Schriftstellers treu bleibt.

Der Spaß an der Sache – David Foster Wallace

Sein Lebenswerk findet man in der Übersetzung von Ulrich Blumenbach nur hier. Von den großen Werken bis zu den kleinen Texten, von ersten Auftragsarbeiten bis zu literarischen Auseinandersetzungen mit der eigenen Krankheit. Von der Langeweile bis zum Spaß. Ein Regalmeter meines Lesens gehört David Foster Wallace. Wobei ich mit jeder veröffentlichten Zeile ahne, dass es die letzte sein könnte, die publiziert wird. Der zehnte Todestag des Autors ist also in vielerlei Hinsicht Grund genug, an ihn und seine facettenreichen Texte zu erinnern. Dass man dies in Form einer Mammut-Anthologie all seiner Essays und Reportagen versucht, ist für mich eine literarische Sensation. Es sind fulminante 1088 Seiten, die fast alles umfassen, was David jemals neben seinem Hauptwerk geschrieben hat. Der Titel wird seinem Inhalt gerecht:

Der Spaß an der Sache

Es ist ein monumentales Buch, das wir in Händen halten dürfen. Es ist ein Buch, in dem sich Texte wiederfinden, die bereits als eigenständige Bücher literarisch für Furore gesorgt haben. Hier sind sie versammelt, wie an einem Lagerfeuer, das zum Gedenken an David entzündet wurde. Hier finden wir die großen und kleinen Gedankenflüge einer schriftstellerischen Karriere in einem „silbernen Klotz“ vereint. Neben seiner Rede „Das hier ist Wasser“ findet sich seine Kreuzfahrtreportage „Schrecklich amüsant, aber in Zukunft ohne mich“ und seine nachhaltig sarkastische Reportage über seinen Besuch eines Lebensmittel-Festivals. „Am Beispiel des Hummers“ ist in der Lage, aus absolut überzeugten Feinschmeckern eingefleischte Vegetarier zu machen. (Was für ein feiner Widerspruch.)

Der Spaß an der Sache – David Foster Wallace

Am 12. September jährt sich der Tag, an dem er von seiner Frau Karen Green tot in der Garage gefunden wurde zum zehnten Mal. Ohne Abschiedsbrief, umgeben von den Manuskripten und Notizen, die sein künftiges Schreiben skizzierten. Es gibt kein Grab, es gibt kein Denkmal, es bleibt nur das Sehnsuchtszeichen seiner Frau, die den Verlust mit den Worten „Hard to fill“ und einem Foto von Davids Schuhen dokumentierte. Jetzt zeigt sich in einem Mammut-Buch, dass es wirklich schwer ist, diese großen Schuhe zu füllen, die er seinen literarischen Nachfolgern hinterlassen hat. Vielen sind sie ein paar Nummern zu groß. „Der Spaß an der Sache“ zeigt nachhaltig, was einen Schriftsteller ausmacht. Ein Lebenswerk, das nicht auf einen Schlag gelesen werden muss oder soll. Hier kommt es auf die Dosierung an. Das ist der unendliche Spaß, den man mit diesem Buch haben kann.

Worauf jedoch lässt man sich ein, wenn man sich den „silbernen Klotz“ ans Bein bindet? Ist das nur etwas für wahre Foster-Wallace-Fans oder kann man es mit einem kulinarischen Ausflug in die Haute Cuisine der Literatur vergleichen, der auch für ganz normale Leser taugt? Ich bin da aufgrund meiner Leidenschaft natürlich nicht neutral. In ein gut sortiertes Bücherregal gehört zumindest ein David-Foster-Wallace. Warum also nicht einer, der ihn gleich enzyklopädisch näherbringt? Warum nicht eine nach Themen sortierte Collage eines Lebenswerkes? Und diese Themen haben es in sich.

Der Spaß an der Sache – David Foster Wallace

Man findet Essyas und Texte zu den Überschriften:

Tennis
Ästhetik, Sprache und Literatur,
Politik,
Film, Fernsehen und Radio,
Unterhaltungsindustrie und
Leben

Natürlich darf hier auch Der große rote Sohn nicht fehlen. Die facettenreiche und tiefgründige Abrechnung mit der amerikanischen Porno-Industrie. Hier ist nicht nur der Sohn rot, hier wird es auch der Leser. Garantiert. Und wer noch nicht genug von einem der wesentlichen Stilmittel Davids hat, der findet im Essay „Der Moderator“ einen wohl völlig neuen Zugang zu den zahllosen Fußnoten, die schon fast zum Synonym für sein Schreiben wurden. In diesem Text kann man mit Fug und Recht behaupten, dass jene Fußnoten den Umfang des eigentlichen Inhalts der kleinen Geschichte in den Schatten stellen. 

Selbst für mich gibt es in diesem Werk noch unglaublich viel Neues zu entdecken und ich kann schon jetzt vorhersagen, dass ich mich an besonderen Tagen aus reinem „Spaß an der Sache“ mit diesem Buch auseinandersetzen werde. Einatmen, ausatmen werden die Devisen für diese neuen Begegnungen sein. Ich weiß schon jetzt, dass ich längst nicht alles verstehen werde, was David geschrieben hat. Darum geht es für mich allerdings schon lange nicht mehr. Es ist eher das „Wie“ seines Schreibens, das mich mit jeder Faser dieses Mammut-Buches fesseln und inspirieren wird.

Der Spaß an der Sache – David Foster Wallace

Vielleicht interessiert Euch mein ganzes Foster-Wallace-Universum:

Alles ist grün – KiWi
Am Beispiel des Hummers – KiWi
Das hier ist Wasser – Eine Anstiftung zum Denken – KiWi
Der bleiche König hält Hof in Deutschland – Eine Vorschau auf sein letztes Buch
Der bleiche König – Die Reise durch das Buch – KiWi
Ein erstes Gedicht – Wie alles begann – The Viking Poem
Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich– Goldmann
Signifying Rappers– KiWi
The Pale King – Eine Kolumne – Pulitzerpreis – Verweigerung 2012
Unendlicher Spaß – KiWi
Unendliches Spiel – Eine besondere Hörspielaktion zum unendlichen Spaß
Unendliches Spiel – Mein Hörbuchtraum wird wahr – Der Hörverlag
Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur Üblen Sache – KiWi
Der große rote Sohn – Kiwi

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – Ein Leben von Daniel T. Max – KiWi (Eine Biografie)

Der Spaß an der Sache – David Foster Wallace

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