„Das Leben des Vernon Subutex 2“ von Virginie Despentes

Das Leben des Vernon Subutex 2 von Virginie Despentes

Eigentlich muss man den Mittelband einer Trilogie kaum rezensieren. Eigentlich ist ein solcher Artikel nur für die Leser des ersten Teils von Interesse, verleitet kaum einen Nichtleser dazu, mit dem Auftaktband zu beginnen „Klingt gut, aber da warte ich, bis die Trilogie vollständig vorliegt“ und schreckt kaum jemanden ab, der monatelang gewartet hat, bis die Fortsetzung endlich auf dem Markt ist. Und Leser, die schon den ersten Teil einer Buchreihe (aus welchem Grund auch immer) abgebrochen haben, holt selbst eine gute Kritik zum zweiten Teil nicht mehr in die Buchreihe zurück. So ist es auch mit dem literarischen „Coup de France“, der mich durch mein Lesen und Hören begleitet.

Das Leben des Vernon Subutex“ von Virginie Despentes hat nicht nur mein Lesen, sondern auch meine Wahrnehmung einer komplexen Gesellschaft nachhaltig verändert und tiefe Spuren in mir hinterlassen. In welcher Art und Weise Vernon Subutex mich so intensiv berührte, kann man in meiner Buch- und Hörbuchvorstellung zum Auftaktband nachlesen. Dopplungen oder Redundanzen zum zuvor Geschriebenen erspare ich mir und euch. Also, wer immer noch nicht weiß, wessen Leben wir hier mit- und nachleben dürfen, dem sei meine Rezension zum ersten Teil der Reihe ans Herz gelegt. Es wird schnell ersichtlich, warum ich sehnsüchtig auf die Fortsetzung wartete und mit welchen Erwartungen ich mich erneut in das Paris eines Aussteigers begab, dessen Abstieg am Ende der fulminanten Einleitung in diesen zweiten Teil überleitete.

Das Leben des Vernon Subutex 2 von Virginie Despentes

Wer es also bis hierhin geschafft hat, der gehört zu den Familienangehörigen von Vernon Subutex, hat den ersten und vielleicht sogar auch den zweiten Teil der Trilogie gelesen oder/und gehört, oder ist einfach unerschrocken genug, meinen Worten folgen zu wollen, einfach weil sie hier niedergeschrieben wurden. Hallo, alle zusammen. Freut mich sehr, euch wieder nach Paris mitnehmen zu können. Ich bin oft dort, ob literarisch oder im realen Leben. Kenne alle Prachtstraßen und Gassen, ihre Geschichte und das soziale Gefälle zwischen den Champs-Élysées und den Banlieus. Ich bin hier durchaus ein wenig zuhause. Nicht zuletzt, weil ich diese Metropole mit anderen Augen sehe, seit mir Vernon Subutex über den Weg gelaufen ist.

Aussteiger, Lebenskünstler, ewig Gestriger, Rebell, Relikt seiner Generation und Wanderer zwischen den Welten des Urbanen. So habe ich ihn kennengelernt. Raus aus dem normalen Leben, rein in die Rolle des Getriebenen und Bittstellers, der an den Türen ehemaliger Freunde und Freundinnen zu verzweifeln beginnt. Autofokus auf eine Gesellschaft, die sich so gerne der genauen Betrachtung entzieht. Das Kaleidoskop der französischen Schichten, in denen wir uns sofort wiedererkennen. Bilderstürmer, der an der Oberfläche des Selbstbildes klopft, bis es langsam zu bröckeln beginnt. Analyst des Werteverfalls und -wandels in einem sozialen System, das sich schon lange in asoziale Subsysteme verloren hat. Wachstumsverweigerer und Beziehungstrottel, Enttäuschter und Enttäuscher. Sympathischer Rekord-Versager auf der nach unten offenen Subutex-Skala. Kurz gesagt: Ich mag ihn.

Das Leben des Vernon Subutex 2 von Virginie Despentes

Das jedoch hätte ich ihm gerne erspart: Das Leben als Obdachloser in Paris. Hier genau setzt „Das Leben des Vernon Subutex – 2“ den schleichenden Abstieg aus den Schlusskapiteln des Auftaktbandes logisch, konsequent und allzu schmerzhaft fort. Hier brilliert Virginie Despentes mit dem nächsten scharfen Blick auf eine Stadt, die sich im Ganzen jedem Besucher so beharrlich entzieht. Jenseits des Schillernden, abseits des Bürgerlichen und fernab der städtischen Problemzonen in den Banlieus landen wir nun mitten auf der Straße. Die Aussicht ist schön. Sacré-Coeur am frühen Morgen ist eine traumhafte Kulisse, besonders nach alptraumhaft verbrachten Nächten auf Parkbänken. Ganz unten ist er angekommen, unser Vernon. Und nicht nur das. All jene, denen er im ersten Teil des Lesens das ein oder andere lebenswichtige Utensil (PC, Uhren, Herzen, usw.) entwendet hat, haben sich zu einer Gruppe der Verfolger zusammengeschlossen, die ihn in der Welt der Clochards zu finden versucht.

Wem wir hier am Montmartre wiederbegegnen? Keine Sorge, ihr kennt sie alle. Und nicht zuletzt haben sowohl der Verlag Kiepenheuer und Witsch, als auch Der Audio Verlag die Buch- bzw. Hörbuchausgabe mit einem Personenverzeichnis versehen. Ein perfekter Service an Lesern und Hörern, da die Personenfülle im Roman schon Formen angenommen hat, die ein solches Dramatis Personae mehr als hilfreich macht. Es ist also angerichtet. Paris aus einer anderen Perspektive. Von ganz unten. Und dazu noch enttäuschte Freunde und Bekannte auf einer gnadenlosen Hetzjagd durch die Straßen der Stadt. Über allem schwebt noch immer das scheinbar verschwundene Vermächtnis des verstorbenen Sängers Alexandre Bleach. Dieses Selbst-Interview auf Tonband ist der einzige Trumpf in Händen von Vernon Subutex, beinhaltet die Aufnahme doch allen soziokulturellen Sprengstoff, um die Reihen seiner vermeintlichen Freunde ziemlich ins Wanken zu bringen.

Das Leben des Vernon Subutex 2 von Virginie Despentes

Ein starker Mittelband der Subutex-Trilogie. Lückenlos fortgesetzt. Hemmungslos in jeder Beziehung weitergedacht und erzählt. Ein wundervoller Mix aus altbekannten und neu hinzugekommenen Charakteren erweitert das Paris-Kaleidoskop um Facetten, die den Roman weiterbringen. Das kleine Universum aus Prostituierten, Porno-Darstellern und Privatdetektiven, in Kombination mit liebestollen älteren und jungen Frauen, die auf dem Selbstfindungstrip ihres Lebens über Subutex stolpern, erweitert sich nun um ein paar erzählenswerte Charaktere aus der Obdachlosen-Szene, wie zwei beste Freunde, die nach einer Gewalttat im ersten Band so richtig zur Geltung kommen, und eine alles überstrahlende junge Tätowiererin, die überall ihre Spuren hinterlässt. Unterhaltung und Tiefgang sind hier erneut vorprogrammiert.

Es gilt einen Mord aufzudecken, verloren geglaubte Tonbänder wiederzufinden, eine sich radikalisierende Tochter vom Islam fernzuhalten, für brutale Überfälle zu büßen, in Freundschafts-Kummer zu verfallen und ganz nebenbei die Stadt und sich selbst immer wieder neu zu definieren. Grandios, wie Virginie Despentes bekannte Fäden aufgreift, sie mit neuen verbindet und dann zu einem Spinnennetz verwebt, in dessen Mitte sie in aller Seelenruhe die Fäden zieht. Egal, wo sich etwas bewegt, alles vibriert. Es ist kein Ende in Sicht, wenn wir das Buch oder seine Hörbuchfassung verlassen. Es wird schon alles gutgehen. Es wird alles weitergehen. Es wird schon werden. So sitzt man vor dem letzten Wort dieses Mittelbandes. Wir werden Zeugen, wie sich eine Subkultur bildet, in deren Mittelpunkt niemand anderes steht, als der charismatische Looser Subutex. Nein, es endet nicht in Paris. Ja, ich freue mich auf die Fortsetzung und das Ende der Story, die mich immer noch bewegt. Ich freue mich auf alte und neue Bekannte. Oh ja, ich bin schon sehr gespannt auf „Das Leben des Vernon Subutex – 3“. Wir sehen und hören uns bald wieder… Versprochen… Hier geht es weiter

Das Leben des Vernon Subutex 2 von Virginie Despentes

Virginie Despentes seziert ihr Frankreich bei lebendigem Leib mit dem gewetzten Tranchiermesser eines literarischen Sternekochs.

Das Leben des Vernon Subutex 2 von Virginie Despentes

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