„Letztendlich sind wir dem Universum egal“ (Buch und Film)

Letztendlich sind wir dem Universum egal von David Levithan

Geht es euch auch manchmal so, dass ihr von Büchern heimgesucht werdet, die ihr vor langer Zeit gelesen habt? Manchmal sind es andere Bücher, manchmal auch nur Gedanken und Ideen die uns mit einem Werk in Verbindung bringen, das eigentlich ganz ruhig im Bücherregal des Lebens zu schlummern scheint. Aber glaubt mir. Bücher sind wie wilde Bestien. Sie warten auf den richtigen Moment im Leben und fallen dann erneut über ihr damaliges Opfer her und verzehren es mit Haut und Haaren. Besonders häufig ist dies bei Literaturverfilmungen der Fall. Im Schnitt liegen heutzutage zwischen der Veröffentlichung eines Romans und seiner filmischen Adaption ungefähr vier Jahre. Filmrechte gehen über den Tisch, Ein Drehbuch wird geschrieben, Schauspieler treffen sich zum Casting mit Produktionsgesellschaften und irgendwann geht es dann los.

Zuletzt war ich begeistert von Filmen wie „Wunder“ und „Raum“, weil sie einfach den Geist der Romanvorlagen in herausragender Art und Weise auf die Leinwände der Welt gezaubert haben. Wie gut solche Verfilmungen sein können, sieht man jährlich in Los Angeles, wenn es heißt And the Oscar goes to.“ Auch in diesem Jahr stehen die Verfilmungen von Bestsellern hoch im Kurs. Man erhofft sich dabei wohl, der Erfolg an den Kassen der Buchhandlungen möge sich im Kinosaal niederschlagen und im besten Fall sogar wiederholen. Ehrgeizige Projekte sind dabei. Verfilmungen, die ich nach dem Lesen eines Buches für nicht möglich gehalten hätte. Zu komplex, zu kompliziert und in vielerlei Hinsicht zu anspruchsvoll für das action-orientierte Kinopublikum sind Romane, die als Buch noch herausragend funktionieren. Eine Wirkung, die sie dann im Kino sehr oft einbüßen. Ihr kennt das sicher. Literaturverfilmungen und Romanvorlagen. Ein sehr heikles Thema.

Letztendlich sind wir dem Universum egal von David Levithan

Heikel mutet auch das folgende Filmprojekt an. Kann man einen Film auf den Markt bringen, in dem die Hauptrolle von mehr als zwanzig Darstellern verkörpert wird? Ist es dem Publikum auch visuell zu vermitteln, was einer Romanvorlage so exzellent gelang? Gelingt es im Kino, den Blick von den reinen Äußerlichkeiten auf das Innenleben eines Menschen zu lenken? Ist der Zuschauer in der Lage einem derart komplexen situativen Rahmen zu folgen? Ich hatte so meine Zweifel. Buch bleibt eben Buch und Vorstellung ist sicher nicht kompatibel zu den Bildern, die Regisseure und Produzenten vor Augen haben, wenn sie an einen Kassenerfolg denken. Doch worum geht es eigentlich?

Letztendlich sind wir dem Universum egal“ von David Levithan ging literarisch im Jahr 2014 durch die Decke. Ein Jugendbuch, wie ich es bis dahin nicht gelesen hatte. Eine Story mit einer tief angelegten Botschaft, die nicht nur junge Leser bewegte. Eine Story, die so einzigartig war, dass sie vielfach ausgezeichnet wurde. Ein Buch, das sich so erfrischend vom Mainstream abhob, dass man sich zwischen seinen Seiten nur wohl fühlen konnte. Und nicht zuletzt ein Roman, dem ich eine Lesenacht im Kinderheim St. Alban widmete. Jetzt holt mich das Universum im Kino wieder ein und glaubt mir, es ist mir gar nicht egal. Ich platze vor Neugier, wie man diese Geschichte verfilmen konnte.

Letztendlich sind wir dem Universum egal von David Levithan

Es geht um A. Er ist kein normaler Jugendlicher, nicht mal ein normaler Mensch. A. ist eine Seele, die sich täglich eine neue Heimat suchen muss. Hier ist Seelenwanderung mit einer Odyssee vergleichbar, denn A. hat keinen Einfluss darauf, in welchem Körper er am nächsten Tag erwacht und mit / in wem er diesen einen Tag verbringen muss. Er hat sich an dieses Leben gewöhnt, weil er es nicht anders kennt. Nichts ist konstant. A. wandert nur jeweils in Körper, die seinem Alter entsprechen und bleibt dabei fast immer in der gleichen regionalen Umgebung. Alles andere kann wechseln. Geschlecht, Größe und Gewicht, Hautfarbe und Charakter. A. ist die Eintagsfliege im Inneren seiner Wirte. Er fühlt sich in sie hinein, lebt mit ihnen und verlässt sie ohne Spuren zu hinterlassen.

A. hat dabei eines gelernt. Nicht festhalten, keine Bindung eingehen und nicht hoffen, an diesem einen Tag im Körper eines anderen Menschen die Welt zu verändern. Bis er sich im Körper von Justin wiederfindet und dessen Freundin Rhiannon begegnet. Da ist Ende mit Vernunft. Hier ist Schluss mit Disziplin. A. verändert den Tag, indem er Justin sympathisch macht. Er geht auf die Wünsche seiner Freundin ein, nimmt sie ernst und zeigt Gefühle. Völlig neu für Rhiannon. Schade nur, dass am nächsten Tag keine Spur mehr davon übriggeblieben ist. Hier nimmt die Story richtig Fahrt auf, denn aus der heil- und ziellosen Seelenwanderung wird jetzt eine Reise, die A. immer wieder zu Rhiannon führt. Er hat sich verliebt. Doch wie soll er dem jungen Mädchen zeigen, dass er es ist, der ihr da täglich im neuen äußeren Erscheinungsbild begegnet?

Letztendlich sind wir dem Universum egal von David Levithan

Wir Leser leiden mit und hoffen pausenlos, dass Rhiannon die Wahrheit erkennt. Was zugegeben nicht einfach ist, denn A. ist vom Schicksal nicht gerade verwöhnt. Er muss mit dem Körper leben, der ihn beherbergt und genau in den wichtigen Situationen passt der so gar nicht zu seinen Wünschen. Wie soll er Rhiannon von seiner Liebe und seiner Situation überzeugen, wenn er ihr mal als schüchterner Nerd, als dunkelhäutige Schönheit, als homosexueller Junge, der sich nicht mit Mädchen treffen will oder in der Haut eines 140 Kilogramm schweren Jungen gegenübersitzt? Schon kompliziert, oder? Besonders, wenn man verliebt ist und sich von seiner besten Seite zeigen will.

„Letztendlich sind wir dem Universum egal“ sprengt die Grenzen des Denkbaren. Und gleichzeitig schießt dieser Roman seinen Leser in eine Gefühlswelt hinein, die ihm zu keinem Zeitpunkt fremd ist. Wie gerne würden wir nur nach unseren inneren Werten beurteilt werden? Wie gerne würden wir Äußerlichkeiten abstreifen und der Liebe eines Lebens so begegnen wie wir wirklich sind? Wie schön wäre es, wenn unser Gegenüber unsere Makel nicht sehen wollte, weil er sich in unser Wesen verliebt hat. Dieses Buch beschäftigt nachhaltig. Spätestens als Rhiannon beginnt, die A. zu glauben. Spätestens als sie in den Menschen ihres Umfeldes nach seinem liebenswerten Wesen zu suchen. Und allerspätestens als sie realisiert, was genau dieses Umfeld davon hält, dass dieses ach so brave Mädchen täglich mit anderen Typen abhängt.

Letztendlich sind wir dem Universum egal von David Levithan

„Kann es sein, dass der A, in den ich mich verliebt habe, jeden Tag in einem anderen Körper lebt? Aber wenn Glück sich so gut anfühlt, ist es eigentlich egal, ob es tatsächlich echt ist oder nicht.“

David Levithan ließ uns nicht mit dieser Geschichte alleine. Letztendlich geht es nur um dich“ ist die langersehnte Fortsetzung, die jedoch nicht mehr aus der Sicht des Körperwanderers, sondern aus der Perspektive von Rhiannon erzählt wird. Wer auf der Suche nach außergewöhnlichem Lesestoff ist, sollte in diesen Büchern sein Glück und allerbeste Unterhaltung suchen. Ich garantiere, dass keine der aufgeworfenen Fragen spurlos an euch vorübergehen wird. Ob die Verfilmung dem Universum jedoch egal ist oder nicht, das habe ich herausgefunden. Ich hatte meine Vorstellung von der Welt, die A. täglich neu erlebt. Der Film katapultiert mich jedoch auf die andere Seite der Körper und lässt mich A. in allen unterschiedlichen Daseinsformen erleben. Funktioniert das?

Und wie das funktioniert hat. Wenn der Film zum Déjà-vu-Erlebnis wird, man sich im Bilde fühlt und die Eingriffe des Regisseurs in die Handlung das zuvor Erlesene nicht in den Hintergrund drängt, dann hat man es mit einer sehr guten Adaption zu tun. Gefühle und Empathie gehören zu den Stärken des Romans und genau hier holt der Film seine Vorlage ab und visualisiert, was wir uns selbst ausgemalt hatten. Mit filmischen Mitteln gelingt der Spagat zwischen Erzählen und Zeigen brillant. Allein schon Angourie Rice als Darstellerin von Rhiannon verdient sich Bestnoten. In ihrem Gesicht kann man alles ablesen, was wir im Buch Wort für Wort aufgesaugt haben. Jedem Gefühl verleiht diese junge Schauspielerin Leben. Zweifel, Hoffen, Lieben, Leiden, Fliegen. Wenn man ihr in die Augen schaut, muss man nichts mehr erzählen.

Letztendlich sind wir dem Universum egal von David Levithan

Die Höhepunkte des Romans werden zu den Höhepunkten des Films. Lachen und Weinen gehen Hand in Hand. Alle Emotionen werden leinwandfüllend hervorgerufen. In jeder Sequenz funktioniert dieser Film so, wie schon das Buch funktioniert hat. Er packt uns und lässt nicht mehr los. Dabei handelt es sich hier nicht um EINE Buchverfilmung. Allein schon der Beginn des Films erinnert zu 100 Prozent an den Einstieg in Levithans Fortsetzungsroman „Letztendlich geht es nur um dich“. Rhiannons Perspektive prägt den Film mehr als die Erlebnisse des „Eintagsmenschen“ in den jeweiligen Gastgebern. Hier geht es darum, wie sie sich täglich finden können, wie Zuneigung entsteht und wie das Umfeld auf diese ungewöhnlichen Beziehungen reagiert.

Wir Leser wissen immer mehr. Wir sind privilegiert, wenn wir diesen Film sehen. Uns reicht der Blindenstock am Bett von A. um zu erkennen, was an diesem Tag schiefgeht. Uns muss man nicht alles erzählen. Wir sind auf Augenhöhe. Nichtleser sehen das mit anderen Augen. Ich möchte nicht mit ihnen tauschen. Das ist mein Buch, mein Film und meine Welt der Fantasie, in der ich in aller Tiefe eintauchen und mitfühlen darf. Und am Ende wurde ich auch nicht enttäuscht, weil man dem Ende in all seiner Melancholie und Gegenläufigkeit zur Vorstellung eines Happy-Ends das Ende gönnte, das mich im Buch schon so sehr beschäftigte.

Letztendlich sind wir dem Universum egal von David Levithan

Wenn vergossene Tränen im Kino der Maßstab für die Qualität eines Films sind, dann hat „Letztendlich sind wir dem Universum egal“ fünf Tränen von möglichen fünf verdient. Davon zwei fürs Lachen und drei für Rührung und Gefühl. Was will ich mehr?

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