„Krokodilwächter“ von Katrine Engberg – Buch und Hörbuch

Krokodilwächter von Katrine Engberg

Für mich gibt es sie ja eigentlich gar nicht. Diese Kategorisierungen von Thrillern in die Schubladen der regionalen Schauplätze. Typische Skandinavien-Thriller sind meist gar nicht so typisch und ein Kopenhagen-Thriller muss sich nicht zwangsläufig von den guten Krimis unterscheiden, die in anderen Hauptstädten angesiedelt sind. Assoziation verstellt mir hier oft den klaren Blick auf das eigentliche Geschehen. Nein. Für mich ist das eigentlich ganz einfach. Es gibt gute oder schlechte Thriller. Intelligent konstruierte oder an den Haaren der Opfer herbeigezogene. Thriller mit interessanten Protagonisten oder eben solche mit stereotypen Allerweltstypen, die in ihren Klischees verhaftet sind.

Nein. Ich denke nicht sofort an Schwermut, Kälte, landschaftliche Idylle, Alkohol, Lethargie, Kälte, Brutalität oder andere Ingredienzien, wenn ich einen Thriller lese, der mit einem Gütesiegel aus Skandinavien angepriesen wird. Ich schaue mir den Plot und sein Setting an, versuche herauszufinden, ob mich das Thema reizt und dann erst schlage ich erbarmungslos zu. Meine literarische Wünschelrute schlägt noch nicht aus, wenn allein schon ein Landstrich oder eine Stadt als Synonym für Spannung herhalten muss. Und so halte ich nun keinesfalls einen „Kopenhagen-Thriller“ in der Hand, den ich euch hier vorstellen möchte. Nein, es ist ein guter und lesenswerter Thriller, der als Auftakt einer neuen Serie im Diogenes Verlag erschienen ist.

Krokodilwächter von Katrine Engberg

Ich möchte euch den „Krokodilwächter“ von Katrine Engberg ans Herz legen. Ich kann an dieser Stelle versprechen, dass dieser Thriller für beschleunigten Puls sorgen wird. Kopenhagen hat sich die dänische Autorin als Schauplatz ausgesucht und damit aus meiner Sicht eine perfekte Wahl getroffen. Eigentlich scheinen Krokodile ja in der skandinavischen Metropole eher selten zu sein und nur im Zoo vorzukommen, aber ihr könnt euch darauf verlassen, dass Katrine Engberg diesen Titel nicht willkürlich für den Auftakt ihrer Krimi-Serie ausgewählt hat. Er steht jedoch nicht so sehr für das Reptil, in dessen Haut eigentlich niemand gerne stecken würde. Der Titel des Romans entwickelt sich erst gegen Ende der Geschichte zur einprägsamen Metapher für ein symbiotisches Verhältnis zwischen Opfer und Täter. Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten.

Die Ausgangssituation verspricht alleine schon für sich Hochspannung. Ein Mord erschüttert ein beschauliches Mehrfamilienhaus im Herzen der Stadt. Julie wohnt noch nicht so lange in Kopenhagen. Und nicht allein die Tatsache, dass sie ermordet wurde schockiert die Bewohner des Hauses, auch die Begleitumstände ihres Todes sind mehr als außergewöhnlich. Jemand hat sie nicht nur erstochen, sondern auch ein Kunstwerk aus filigranen Messerschnitten in ihrem Gesicht hinterlassen. Ob die junge Frau schon tot war, als ihr die Schnitte zugefügt wurden, ist nur eine der vielen offenen Fragen für die Ermittler der Kopenhagener Mordkommission.

Krokodilwächter von Katrine Engberg

Mit Jeppe Kørner und Anette Werner betritt ein besonderes und unverbrauchtes Ermittlerteam die Thrillerbühne der Weltliteratur. Beide zeichnen sich dadurch aus, völlig normal zu sein. Keine geplagten Seelen mit psychischen Ausfallerscheinungen in Stresssituationen begegnen uns hier, sondern Polizisten aus Fleisch und Blut. In ihrem greifbaren und authentischen Wesen ist die Authentizität dieses Thrillers begründet. In den Spannungssituationen eines beruflichen Alltags und den Wesensmerkmalen dieser beiden Ermittler zeigt sich die besondere Dynamik eines Berufes, der eigentlich nur mit Teamgeist bewältigt werden kann. Und genau dies sind die beiden Polizei-Assistenten nicht. Harmonisch ist anders. Methodisch aufeinander abgestimmt ebenso wenig.

Doch genau diese Diskrepanz ist der Brennstoff im Triebwerk dieses Thrillers. In kurzer Zeit zeigen sich erste Ermittlungserfolge. Der Personenkreis möglicher Täter ist nicht sonderlich groß. Profiler grenzen ihn plausibel ein und als sich bei der Besitzerin des Hauses, Esther de Laurenti, ein Thriller-Manuskript findet, scheinen sich die Kreise zu schließen. Wird doch in ihrem Buch der Mord an einer jungen Frau genauso verübt, wie es sich im Fall der jungen Julie zugetragen hat. Auch im Manuskript findet man ein junges Mädchen mit einem tödlichen Schnitt-Kunstwerk im Gesicht vor. Nun gilt es das Manuskript zu lesen und daraus weitere Schlüsse zu ziehen. Kørner und Werner legen los.

Krokodilwächter von Katrine Engberg

Schnell scheinen sich Motiv und Profil zu decken. Schnell findet man im Umfeld der Professorin einen möglichen Täter auf den alles passt, der jedoch ebenso schnell wie endgültig von der Bildfläche des Thrillers verschwindet. Ermordet. So nah dran. So weit entfernt. Und als dann auch noch Esther de Laurentis Thriller-Manuskript in den Tiefen des Internets wie von Geisterhand weitergeschrieben wird, stehen Kørner und Werner wieder am Anfang der Ermittlungen. Der Wechsel aus Handlungsfaden und Manuskript verleiht dem Buch eine besondere Dynamik. Man rätselt mit, kombiniert und entwickelt ganz eigene Theorien. Was Katrine Engberg natürlich nicht daran hindert, mit uns Katz und Maus zu spielen.

Ein Spiel auf hohem Niveau. Ein Spiel, das am Ende aller Ermittlungen keine Fragen offenlässt. Und ein Spiel, das weitere Leben kosten wird. Unser Kopenhagen-Streifzug führt uns in ganz besondere Kreise dieser pulsierenden Stadt. Er führt uns unweigerlich zu Geheimnissen, die ausreichenden Zündstoff für einen guten Page-Turner bieten. Im Moment des Erkennens, fallen uns kriminalistische Schuppen von den Augen. Katrine Engberg schreibt auf hohem Niveau. Sie konstruiert nicht wild vor sich hin und fabuliert keine Story, der es an Bodenhaftung fehlt. Der „Krokodilwächter“ hat es in sich. Zarte Leseseelen sollten nicht vor dem Thriller zurückschrecken. Blut fließt hier nur subtil und auch nur dann, wenn es für die Handlung erforderlich ist. Gewaltorgien zeichnen dieses Buch nicht aus. Es packt uns anders. Indirekt. Lesenswert.

Krokodilwächter von Katrine Engberg

Ich habe zu gleichen Teilen gelesen und gehört. Dietmar Bär macht aus dem Buch ein wahres Hörerlebnis. Er versteht es, uns die Handlung verstehen zu lassen und den Faden nicht zu verlieren. Und doch gelingt ihm eines nicht. Im Vorlesen verschwimmen die Grenzen zwischen dem eigentlichen Roman und dem eingeflochtenen Manuskript. Das Buch trennt diese beiden Stränge durch unterschiedliche Schriftarten. Ein zweiter Sprecher hätte hier gutgetan. Man muss zu genau hinhören, um die Grenze auszuloten. Dietmar Bär nuanciert seine Stimme meisterlich in der Produktion aus dem Hause Der Audio Verlag, aber hier hat das gebundene Diogenes-Werk einfach Vorteile, die sich stimmlich nicht aufholen lassen.

Ein besonderes Highlight zum Schluss. Die Schnitte auf dem Buchcover sind nicht nur aufgeprägt. Es sind tiefe Einschnitte in das Cover eines Thrillers, der auch für euch ein einschneidendes Erlebnis sein wird. Bleiben wir gespannt. Die Kopenhagen-Serie geht weiter.

Krokodilwächter von Katrine Engberg

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