„Die Frau, die liebte“ von Janet Lewis

Die Frau, die liebte von Janet Lewis

Ich denke, das kennt jeder von uns, der sein Leben seit langen Jahren mit einem Partner zusammen verbringt. Man wird morgens wach, schaut im Bett auf die rechte Seite und fragt sich, wer der fremde Mensch ist, der neben uns liegt. Oder man fühlt in besonderen Situationen eine plötzliche Befremdnis aufkommen, wenn sich der Partner nicht so verhält, wie man es von ihm erwartet. Man fragt sich dann, ob es sich bei dem Menschen, den man ganz neu wahrnimmt, wirklich um den Lebensgefährten handelt, in den man sich vor Jahren verliebt hat. Wer ist der Fremde da in meinem Bett? Das habt Ihr euch doch sicher auch schon mal gefragt. Oder?

Was aber, wenn aus diesem plötzlichen Fremdeln heraus eine fixe Idee entsteht? Was, wenn man tatsächlich zu vermuten beginnt, dass sich eine fremde Person in das eigene Leben eingeschlichen hat. Was, wenn sich dieser Verdacht manifestiert und in ganz kleinen Mosaiksteinen ein Bild entsteht, das jeden Zweifel rechtfertigt? Was dann und wie weiter? Zieht man Vertraute ins Vertrauen? Geht man zum Psychiater oder ist man auf sich alleine gestellt, wenn sogar Verwandte und gute Freunde darauf beharren, dass man so langsam durchdreht? Klingt extrem spannend und habt Ihr vielleicht sogar bildlich vor Augen.

Die Frau, die liebte von Janet Lewis

Könnt ihr euch an den Spielfilm „Sommersby“ erinnern? Könnt Ihr Euch an Jodie Foster und Richard Gere erinnern, die 1993 gemeinsam auf der Leinwand brillierten? Seht Ihr den zerlumpten Soldaten noch, der aus dem Amerikanischen Bürgerkrieg nach Hause kommt und seine Frau nach vielen Jahren erstmals wieder in die Arme schließt. Könnt Ihr Euch noch an die zweifelnde Ehefrau erinnern, die gegen jedes innere Gefühl den Fremden bei sich aufnimmt, der behauptet, ihr Ehemann zu sein? Ein Verwirrspiel voller Wendungen sondergleichen. Immer, wenn man sich sicher war, Sommersby auf die Spur gekommen zu sein, überraschte er mit überzeugendem Wissen, über das man nur verfügen konnte, wenn man der echte Sommersby war.

Aus dem Wechselspiel der Gefühle wurde dank der brillanten Schauspieler eine große Psychostudie zweier Menschen, die zu den Gefangenen der Geschichten und Legenden ihres Lebens wurden. Spannend bis zur letzten Sekunde. Wusstet Ihr, dass dieser Film auf einem Roman basierte, der bereits 1941 erstmals veröffentlicht wurde? Janet Lewis schrieb unter dem Originaltitel „The Wife of Martin Guerre“ eine Novelle, die auf wahren Ereignissen beruhte. Heute müsste man jedoch sagen: „Oft kopiert, nie erreicht!“ Denn diese Story geht psychologisch tiefer, als diese bekannte Filmadaption. Endlich liegt das Buch in deutscher Übersetzung von Susanne Höbel bei dtv vor. Ich habe mich lesend schnell von allen Bildern verabschiedet, die ich aus der Verfilmung in Erinnerung hatte. Zu eigenständig ist das Buch. Zu weit entfernt erscheint die Adaption. Ein Lesen, das sich mehr als lohnt. Die Frau, die liebte“ – Eine Herzensempfehlung.

Die Frau, die liebte von Janet Lewis

Janet Lewis holte psychologisch weiter aus, als sie einen Fremden im Bett ins Leben rief. Sie bringt einen situativen Kontext des Frankreichs im 16. Jahrhundert ins Spiel und entwickelt auf der Grundlage von komplex verflochtenen Familienstrukturen reicher Grundbesitzer den eigentlichen Nährboden für ihre Erzählung. Hier wird nicht einfach geheiratet. Hier werden Ehen arrangiert, Kinder versprochen und Hochzeiten dienen dem Erhalt des Reichtums. Patriarchat in Reinkultur. So wird auch Bertrande schon im zarten Kindesalter dem jungen Martin Guerre versprochen. Von Liebe kein Hauch zu erkennen. Auch einige Jahre später nach der Hochzeit begegnen sich eher Fremde im gemeinsamen Bett. Man arrangiert sich, auch wenn Martin sehr nach dem herrschsüchtigen Vater schlägt. Ein gemeinsamer Sohn festigt das Arrangement. Als Martin jedoch vom gemeinsamen Hof flieht, weil er seinen Vater betrogen hat, bleibt Bertrande wartend mit Kind zurück. Als Verlassene nicht viel wert. Nur Männer sind relevant für den Fortbestand des Besitzes.

Als Jahre später die Familie die Rückkehr des Martin Guerre feiert, ist Bertrande von allem überzeugt, nur nicht vom zufälligen Erscheinen ihres Gemahls. Hier setzen Mischgefühle ein, die den Gewissenskonflikt einer eigentlich zur Treue verpflichteten Frau widerspiegeln. Denn der neue Martin Guerre ist ganz anders, als derjenige, der sie vor Jahren verließ. Er ist sanftmütig, sympathisch und liebevoll. Und doch darf nie sein was sich hier abzuzeichnen droht. Bertrandes moralische Festungen stürzen ein. Sie wird schwanger und sucht Hilfe bei den Schwestern ihres vermeintlichen Mannes und beim Pfarrer. Doch steht sie allein mit ihrem Verdacht. Alle halten sie für verrückt und auch Martin Guerre kann nicht fassen, was sich hier zusammenbraut. Und selbst Bertrande wünscht sich eigentlich nichts sehnlicher, als den neuen liebevollen Mann.

Die Frau, die liebte von Janet Lewis

Auf dem Höhepunkt der Selbstzweifel tritt sie eine richterliche Untersuchung los und löst eine Kette von Ereignissen aus, die nicht mehr steuerbar sind. Brillant und stichhaltig erzählt. Das Wechselbad zwischen Gefühl, Hoffnung und Moral lässt keinen Spielraum für Bertrande. Lieber das Selbst opfern um der Verpflichtung zu entsprechen. Lieber auf den Mann verzichten, den sie zwar liebt, dem sie jedoch nicht verpflichtet ist. Ein Frauenbild, das katastrophaler nicht selbst interpretiert werden kann. Ein Moralbild, dem man nur erliegen kann. „Die Frau, die liebte“ muss im Herzen scheitern, egal wie sie sich entscheidet, egal welchen Weg sie geht und egal, was sie dabei fühlt.

Wer nun denkt, die Frage des echten Martin Guerre würde im Gericht geklärt, der sollte einfach dieses Buch lesen. Janet Lewis hat es sich nicht leichtgemacht. Sie hat in alten Prozessakten gestöbert und einen solchen Fall in der Vergangenheit gefunden, in dem sie die Inspiration verspürte, die Geschichte aus der Perspektive von Bertrande zu erzählen. Inneneinsichten einer verzweifelt Liebenden bietet sie uns auf 128 Seiten, die keine Frage offenlassen. Und doch stellt sie uns viele Fragen. Identität, Zuneigung und Selbstaufgabe stehen im Mittelpunkt der Erzählung. Wie würde eine solche Geschichte heute enden? Wie würden wir entscheiden und wie würden wir am Ende reagieren? Im Leben wie im Lesen ist es so, dass es keine klare Antwort gibt. Nur ein Gefühl. Und das ist eigentlich untrüglich. Doch das Ende hätte auch ich nicht kommen sehen. Nicht so.

Die Frau, die liebte von Janet Lewis