„Drei Mann in einem Boot“ von Jerome K. Jerome

Drei Mann in einem Boot von Jerome K. Jerome

Jetzt mal unter uns, Jungs. Die Zeiten haben sich schon sehr verändert, Rollenbilder und Männerwelten sind nicht mehr das, was sie mal waren, aber manchmal gelingt uns doch die Flucht. Vatertagsausflüge (neudeutsch Herrentagstouren) wecken die Männer in uns. Was für richtige Jungs. Survival unter verschärften Bedingungen, oder wann ist es ansonsten noch denkbar, dass wir uns selbst vor einen Bollerwagen spannen und in wagemutigen Abenteuergruppen zu Expeditionen aufbrechen, die es in sich haben? Ist es nicht ein wahrlich HERRlicher Anblick, diese von allen Pflichten befreiten Männer im Schweiße ihres Angesichts und unter Einfluss berauschender Getränke zu beobachten und ihnen die Daumen zu drücken, dass sie gesund zu ihren Familien zurückkehren?

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Wahre Traditionen werden niemals untergehen. Männerausflüge gehören einfach zur Geschichte der Menschheit, wie Revolutionen, Kriege und die Pest. Frauen sind da einfach fehl am Platz. Schmückendes Beiwerk. Zierrat. Gerne gesehen, aber genau an diesen Tagen nicht erwünscht. MANN will unter sich sein. Das Leben schmecken. In Erinnerungen schwelgen. Sich selbst ausprobieren. In der Rolle aufgehen und die Fünf auch mal gerade sein lassen. Tradition. Glaubt ihr nicht? Lasst uns doch in der Literatur nach einer Spur suchen, die heute traditionsstiftend für Männerausflüge sein könnte. In keinem Land werden wir schneller fündig, als im konservativen England des späten 19. Jahrhunderts. Da war die Welt für den Mann noch in Ordnung. Frauenwahlrecht? Lach. Noch Jahrzehnte entfernt. Hier konnte das Mannsein noch zelebriert werden, ohne sich dafür schämen zu müssen. Jerome K. Jerome verfasste das Standardwerk in Sachen Herrenausflug.

Drei Mann in einem Boot von Jerome K. Jerome

Seine Erzählung „Drei Mann in einem Boot – Ganz zu schweigen vom Hund“ kann mit Fug und Recht als die Mutter aller Männerausflüge bezeichnet werden. Wobei es ja eigentlich eher der Vater heißen müsste. So ändern sich die Zeiten. Aber egal. Es ist wie es ist und wenn uns die Sehnsucht nach einer längst untergegangenen Welt der Männer packt, dann empfiehlt es sich, jenes epochale Werk zu lesen. Eine Schiffsreise stand schon immer ganz oben auf der Richterskala der großen Abenteuer unserer Zeit. Bootsausflüge galten im viktorianischen Zeitalter als DAS Maß der Dinge, wenn es galt Mut und Geschick zu beweisen. Jerome K. Jerome nimmt uns mit zu dieser Expedition auf der Themse. Wobei man schon bemerken muss, dass die Themse allein schon für sich ein Synonym für Wildwasser und Lebensgefahr ist. (hust)

Und ja, die drei Männer, die der Autor hier in die Stromschnellen schreibt sind die wohl letzten großen Abenteurer eines Zeitalters der großen Eroberer. Und das Boot, ja, das Boot steht in direkter Tradition mit den großen Forschungsschiffen des Empire. Die Golden Hind, die Endurance oder die Terror müssen in einem Atemzug mit dem Boot genannt werden, um das es hier geht. (hust) In Wirklichkeit handelt es sich hier um eine Nussschale, ein kleines Ruderboot mit zwei Riemen und Platz für den dritten Mann, der sich gerade ausruhen und steuern kann. Wobei wir schon zu allen Problemen kommen, die Jerome K. Jerome zur Grundlage seiner Geschichte macht. Drei verwöhnte Männer, ein sehr kleines Boot und ein Hund, von dem noch die Rede sein wird.

Drei Mann in einem Boot von Jerome K. Jerome

Der Autor macht sich über alle Klischees lustig, die dem geneigten Leser dabei in den Sinn kommen. Und nicht nur das. Er nimmt sich selbst auf Schippe und Korn, weil er nach dem Motto „Wir sitzen alle im selben Boot“ einer der drei Alltagshelden an Bord ist. Drei Männer, die für alles geeignet scheinen, nur nicht für diese Reise. Briten eines Zeitalters der gepflegten Erscheinung, des Komforts und eben echte Snobs, wie sie im Buche stehen. In diesem. Hypochonder, die körperliche Arbeit nicht kennen und viel zu egoistisch sind, um im Team wirken zu können. Jerome, George und Harry werden zu Schreckgespenstern für jeden, der darüber nachdenkt, wen man auf eine solche Reise mitnehmen könnte. Jeden, nur bitte keinen von den Dreien. Dann doch lieber den Hund Montmorency, der zwar für einigen Ärger sorgt, aber immer noch produktiver erscheint, als die Drei Männer in einem Boot.

Mit unglaublich präziser Situationskomik zerlegt der Autor sich selbst und seine Gefährten in die kleinsten Moleküle von Unfähigkeit. Kleine Rückblenden erläutern, warum ganze Familien an ihnen verzweifeln, wenn auch nur einer von ihnen den Nagel auf den Kopf treffen will. Ein Bild aufzuhängen wird zum Staatsakt, an dessen Ende die heillose Panik um sich greift. Arbeitsmoral ist ein Fremdwort und schon das Packen für die Reise wird zur Lachnummer. Nachdem die drei Ausflügler eine erste Liste der ganz wichtigen und unverzichtbaren Dinge erstellt haben, die unbedingt an Bord müssen, ist es völlig klar, dass die Themse nicht genügend Tiefgang für einen solchen Frachtkahn hätte. Also beschränkt man sich auf das Allernotwendigste und auch das lässt uns die Lachfalten im Gesicht erbeben.

Drei Mann in einem Boot von Jerome K. Jerome

Wenn eine Geschichte aus dem 19. Jahrhundert ihren aberwitzigen Humor zeitlos trocken in unsere Zeit rettet, dann haben wir es mit einem großen Buch zu tun. Viele der Episoden dieser Schiffsreise bleiben im Gedächtnis. Pleiten, Pech und Pannen sind Wegbegleiter der drei Flussschiffer. Und wenn ausnahmsweise etwas gelingt, dann ist immer noch ein Hund an Bord, der sich ins Zeug wirft. Wir lernen im Buch, wie man die Wäsche unterwegs nicht waschen sollte, was beim Treideln strengstens zu unterlassen ist und warum es Unglück bringt, unterwegs weibliche Passagiere aufzunehmen, die in blütenweißen Kleidern an Bord Platz nehmen und auf ihr Äußeres bedacht sind.

„Drei Mann in einem Boot“ ist das wohl komischste britische Buch, das ich lesen und hören durfte. Die kleine feine Prachtausgabe der Manesse Bibliothek in neuem Design steht diesem Buch sehr gut. Es ist jetzt nicht nur inhaltlich, sondern optisch und haptisch ein wahrer literarischer Leckerbissen. Es ist jedoch kein Zufall, dass ich mich auch in die aktuelle Hörbuchfassung von Der Hörverlag verliebt habe. Das hat gleich mehrere Gründe. Die Episoden der Reise sind so unterhaltsam, dass man sich einfach extrem gut aufs Hören konzentrieren kann, weil man die Hände frei hat. Wie sollte man sich sonst die Lachtränen aus dem Gesicht wischen. Und mit Axel Milberg konnte der wohl am britischsten klingende deutsche Sprecher und Schauspieler für die Produktion gewonnen werde.

Drei Mann in einem Boot von Jerome K. Jerome

Milbergs distinguierter, versnobter Tonfall macht aus diesem Hörbuch ein echtes Erlebnis. Ihm gelingt der Zeitsprung in das angestaubte England so perfekt, dass man denkt, sich auf einer Zeitreise zu befinden. Sein Anglerlatein ist grandios, die Ignoranz gegenüber der Realität faszinierend und seine Verweigerungshaltung gegenüber jeder körperlichen Arbeit legendär. Axel Milberg rudert sich durch eine Geschichte, ohne sich dabei die Hände nass oder schmutzig zu machen. Es ist brillant, wie lebendig er dieser Erzählung Leben einhaucht. Bewundernswert, dass er nicht selbst lauthals lachen und prusten musste beim Einlesen der Geschichte. Er hat diesen Klassiker stimmlich vom Stapel gelassen und dem sanften Verlauf der Themse anvertraut. Dabei nimmt er jede Faser des Humors mit an Bord, den Jerome K. Jerome auf seine Packliste schrieb.

Vatertag, jetzt kannst du kommen. Rein in die Boote, Leinen los und auf in das letzte große Abenteuer für echte Männer. Wer zum Lachen in den Keller geht, sollte ihn noch schnell schallisolieren. Ansonsten hört man euch im ganzen Haus, ob ihr lest oder hört. Eure Lachtränen lassen den Pegelstand der Themse um einen gefühlten Meter steigen und sorgen dafür, dass euer Boot stets Gefahr läuft zu kentern. Wer beste Unterhaltung sucht, ist hier gut aufgehoben. Heuert an und lacht über euch selbst, über uns Männer oder einfach so, weil die pure Lust am Lesen und Hören hier einen Höhepunkt erreicht, der Flutwellen des Lachens in euer Leben spült.

Drei Mann in einem Boot von Jerome K. Jerome

Wir sitzen alle im selben Boot. Gute Fahrt und immer eine Handbreit Themse und Humor unter dem Kiel. Sie möchten diese Rezension hören? Bitte sehr

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