„Ein Ire in Paris“ von Jo Baker

Ein Ire in Paris von Jo Baker

Ich liebe Romane, die sich den existenziellen Lebensfragen in aller Tiefe widmen. Ich folge gerne sehr biografisch angehauchten Lebenslinien, die darüber hinaus Fragen beantworten, die mich auch über das eigentliche Lesen hinaus beschäftigen. Fragen, in denen ich Muster erkenne, die andere Bücher aufrufen, mit dem gerade Erlesenen eine literarische Einheit einzugehen und gemeinsam nach Antworten zu suchen. Was macht ein Krieg aus den Menschen? Wie verändern sich Bedürfnisse, Begabungen? Wie geht man mit diesen Extremsituationen um und was bleibt am Ende des Weltenbrandes von demjenigen übrig, der in ihn verwickelt wurde? Wenn die Balance verlorengeht und der pure Überlebenswille regiert, dann verlieren andere Lebensbereiche an Bedeutung.

Die Bedürfnispyramide wird neu geordnet. Eines der ersten Opfer ist die Kultur. Wer täglich um sein Leben kämpft, braucht keine Bilder oder Romane, kein kreatives Feuer und keine Fantasie. Was macht dies nur mit einem Künstler? Vernichtet es ihn oder ist es eher so, dass genau diese Extremsituationen benötigt werden, um am Ende wie ein Phoenix aus der Asche ins Licht der Erkenntnis fliegen zu können. Was wäre ein Ernst Jünger ohne seine Erlebnisse im Ersten Weltkrieg? Gäbe es Remarque ohne Schlacht und hätte Hemingway den Nobelpreis gewonnen, ohne sich ganz bewusst als Reporter in den Krieg zu stürzen? Was trieb den Maler Franz Marc an, sein Blaues Pferd hinter sich zu lassen, um vor Verdun von einem braunen Ross geschossen zu werden? Was wäre die Literatur oder die bildende Kunst ohne die Grenzerfahrung Krieg?

Ein Ire in Paris von Jo Baker

Die britische Autorin Jo Baker beschäftigt sich in ihrem Roman „Ein Ire in Paris“ mit genau diesen Fragen. Es ist der Zweite Weltkrieg, der bei ihr die Grenzwerte des Lebens neu definiert. Es ist der irische Autor Samuel Beckett, den sie durch den Krieg begleitet und dem sie diese autobiografische Hommage widmet. Es ist jener Autor, der 1969 mit dem Literatur-Nobelpreis für seine Werke ausgezeichnet wurde, die sehr vom französischen Kriegsschauplatz der Jahre 1939 bis 1945 geprägt waren. Ein Autor, der mit „Warten auf Godot“ alle Sinnfragen des eigenen Lebens reflektierte. Ein Autor, der kein Wort zu Papier brachte, als es ihm in konsolidierten Verhältnissen gut ging, der im Grenzbereich der eigenen Todesangst jedoch zum sprudelnden Quell der Literatur und zum Schriftsteller von Weltformat mutierte. Wer sich für diesen Spagat interessiert, wer Godot als langweilig und nichtssagend empfindet, und wer einen Roman lesen möchte, dessen inhaltliche Tiefe die Sinnkrise eines Autors adaptiert und veranschaulicht, dem sei „Ein Ire in Paris“ ans Hirn gelegt. Und keine Sorge. Das Herz liest mit.

Samuel Beckett. Irischer, als man irisch nur sein kann. Grün im Herzen, grün in der Seele und stets von Heimweh erfüllt, selbst wenn er Zuhause ist. Und doch treibt es ihn nach Frankreich. Vor dem Krieg ist es die Fluchtbewegung vor dem Elternhaus und der konservativen Erziehung. Während des Krieges zieht ihn die Liebe zurück in das Land, das kurz vor der Eroberung durch die Nazis steht. Die Pianistin Suzanne Deschevaux-Dumesnil hat sein Herz erobert. Und nicht nur das. Sie fördert seine Leidenschaft zur Literatur und hält ihm den Rücken frei damit er schreiben kann. Seine Bekanntschaften zu den Großen der Literatur beflügeln sie. Seine Nähe zu James Joyce beflügelt sie. In Paris ist der Nährboden für eine literarische Karriere besonders fruchtbar.

Ein Ire in Paris von Jo Baker

Nur. Samuel Beckett schreibt nicht. Er vergeudet seine Zeit. In Gedanken versunken durchlebt er eine Schreibblockade nach der anderen, fühlt sich sinnlos, nutzlos und ist nicht mehr als der stille Beobachter einschneidender Veränderungen, die aus Paris das Paris der Deutschen machen. An seiner Seite wachen wir nächtelang am Radio, hören Nachrichten von der Maginot-Linie, die nicht hielt, was sie versprach. Spüren die Enge in den Herzen der Franzosen, die den Rachefeldzug nach dem Ersten Weltenbrand auf sich zukommen sehen. Wir sehen die Zerschlagung einer Gesellschaft, werden Zeugen von Judenverfolgung, Deportation und Unterdrückung. Das Umfeld wird kleiner, Gewalt regiert, die Gestapo durchsucht jeden Winkel. Fehler enden tödlich.

Wir werden aber auch zu Zeugen eines Ausbruchs. Angesichts des Unrechts und in Folge der erlebten Erniedrigungen erhebt sich der bisher lethargische Beobachter und beschließt, den Krieg nicht mehr nur passiv über sich ergehen zu lassen. Was kann er als Schriftsteller tun? Wie kann er der Resistance helfen? Fragen, die wichtig sind, ihn aber wenig interessieren. Er will handeln, agieren und den Besatzern Schaden zufügen. Aus dem Beobachter wir ein Akteur. Er sammelt geheime Nachrichten, sortiert sie nach Übereinstimmungen und filtert relevante Informationen aus dem Dickicht. Als sich dann die Begriffe Brest, Gneisenau, Scharnhorst und Prinz Eugen häufen, weiß er was zu tun ist. Hilfe naht. Frankreich taumelt in die schmerzhafte Befreiung. Flucht und Elend werden zu Stellgrößen der dunklen Zukunft.

Ein Ire in Paris von Jo Baker

Jo Baker wirft uns literarisch ins Gefecht, lässt uns mit Beckett und seiner Geliebten durch Frankreich fliehen, hungern, frieren und verzweifeln. Hier vollzieht sich, was nun zur Unzeit geschieht. Beckett kann schreiben. Seine Worte fliegen. Angst befreit seine Seele und setzt einen Prozess in Gang, den Suzanne gerade jetzt nicht brauchen kann. Statt Feuerholz und Eiern liefert er nun Notizbücher voller klarer Gedanken. Hier greift Beckett erstmals die Themen auf, die signifikant für sein Schreiben sind. Das ständige und an Sinnlosigkeit grenzende Warten, die Tatenlosigkeit, das Gefühl, keinen Nutzen zu haben. Und immer wieder entsteht auf dieser Grundlage am Straßenrand einer der großen Fluchtrouten durchs Land eine neue brillante Idee.

Die irische Melancholie bleibt seine emotionale Triebfeder. Als James Joyce blind und verbittert stirbt, scheint ein zweiter Geist Besitz von Beckett zu ergreifen. Getrieben von der neu erwachten Rastlosigkeit kämpft er sich und seine Geliebte mit Worten und Taten aus der Hoffnungslosigkeit. Die tobenden inneren Konflikte, Gewissensbisse und die an Psychosen grenzenden Denkprozesse zerlegt Jo Baker in literarische Bilder, die Beckett verständlich machen. Wer einmal seinen Godot las und die wartenden Männer vor sich sieht, wird jetzt erahnen, wie sie in seinem Geist entstanden. Er selbst hat das sinnlose Warten erduldet und sich auf einer weitaus höheren Ebene davon befreit. Im ständigen Wechsel seiner Jugenderinnerungen begreifen wir die Zerrissenheit Becketts zwischen einer Straße, die wie ein steiler Pfad erobert werden muss und dem höchsten Baum, auf dem man sich selbst zum Warten verurteilt.

Ein Ire in Paris von Jo Baker

Es ist ein großes literarisches Erlebnis, Jo Baker nach Paris zu folgen. Sie knüpft für mich an Bilder an, die ich in anderen Romanen zu diesem Thema las. Und doch ist es Jo Baker, die einen neuen Maßstab aufstellt, wenn es darum geht, Extremwelten in der Literatur literarisch zu antizipieren. Ihre sprachliche Wucht gleicht einer Lawine. Die Trägheit des Wartens ist ebenso quälend wie bewusstseinserweiternd. Sie schreibt im poetischsten Sinne poetisch, wenn es gilt Wortgemälde zu malen. Sie schreibt Klartext, wenn der Krieg in seiner ausufernden Dimension zu entgleiten beginnt. Sie erzählt und weiß zu packen. Sie lässt uns nicht los und vermittelt in ihrer Hommage ein deutliches und inhaltsgeladenes Psychogramm eines Schriftstellers und der besonderen Zeit, die ihn geprägt und verändert hat.

„A Country Road. A Tree.“ Ich mag diesen Originaltitel des Romans. Er spiegelt die Zerrissenheit zwischen Straße und Baum so eindringlich wider. Der deutsche Titel ist ebenfalls gelungen, obwohl der „Ire in Paris“ erst zu dem wird, den wir heute kennen, nachdem er die sterbende Metropole an der Seine verlassen hatte. Mein letzter Urlaub in Paris steht mir noch vor Augen. Zeichen der damaligen Besatzung sind immer noch deutlich zu erkennen. Zeichen, die die Zeit überdauert, den Hass aufeinander jedoch in vielfacher Hinsicht besiegt haben. Das Heute sieht anders aus, weil wir nicht vergessen und weil wir bereit sind, über den Tellerrand der Vergangenheit zu schauen. Jo Baker leistet einen großen Beitrag im Verständnis für diese Zeit und in der Wertschätzung für einen Schriftsteller, der sich mir bisher entzogen hat.

Ein Ire in Paris von Jo Baker und mehr Bücher zum besetzten Frankreich – Astrolibrium

Das besetzte Frankreich bot und bietet Stoff für große Romane. Sofern es gelingt, die üblichen Klischees im Keim zu ersticken und die Wahrheit plastisch und authentisch zu Wort kommen zu lassen, wird es immer lehrreich sein sich dieser Zeit zu widmen. In beiden Ländern hat man das Erbe vom Erzfeind abgelegt. Warum sollten wir zulassen, dass man heute politisch wieder in die andere Richtung manövriert. Besucht Paris, geht mit offenen Augen durch die Stadt der Liebe. Lasst euch fallen und vergesst nicht.