„Das Mädchen, das den Mond trank“ von Kelly Barnhill

Das Mädchen, das den Mond trank von Kelly Barnhill

Es gibt keine Märchen mehr. Zumindest nicht mehr solche Märchen, die gemeinsam gelesen, zelebriert und in den Kontext eines jungen Lebens gestellt werden. Es gibt sie kaum noch, diese „Wir nehmen uns Zeit für ein Buch – Momente“, in denen wir uns mit einer Erzählung beschäftigen, an deren Ende man gerne sagen würde „Und die Moral von der Geschicht´“. Wir lesen vor uns hin, lassen junge Menschen oft alleine mit den Welten, die sie sich erlesen, verlieren so die gemeinsame Sprache und die Lehren aus dem Fokus, die man aus einem Buch ziehen könnte. Es ist im Lesen wie im Leben. Wir gehen „lost“, wenn es darum geht uns in der Welt unserer Kinder zu bewegen. Zeit, ein wenig dagegen anzugehen, das Ruder herumzureißen, den Kompass neu einzunorden und das Gemeinsame neu zu entdecken. Zeit für uns. Zeit für wir. Zeit für das Lesen in einer Dimension, die der mündlichen Überlieferung nahekommt. Vorlesen und Mitlesen werden so zu Vor- und Mitleben. Eine Vision? Mitnichten! (Gerne auch weiterhören)

Das Mädchen, das den Mond trank – Die Rezension fürs Ohr

Was es braucht, um diese unsichtbare Grenze zu überschreiten? Nicht sehr viel! Eigentlich nur die innere Bereitschaft, ein gutes Buch und ein paar wichtige Menschen, mit denen das gemeinsame Lesen zelebriert werden kann. Und was soll ich sagen? Ich habe das alles. Ich bin bereit und bei bester Leselaune, habe ein wahrhaftiges Märchen im Gepäck und begegne im Kinderheim St. Alban jungen Menschen, denen ich gerne vorlese und mit denen ich schon seit Jahren Gedanken und Gefühle austausche. Es ist Zeit für eine Lesenacht. Es ist Zeit für gemeinsame literarische Wohlfühlzeit. Es ist Zeit für ein Buch, das wie ein Geschenk aus heiterem Himmel in meinen Schoß fiel. Zeit für ein besonderes Mädchen, das besonderen Menschen begegnen darf. Zeit für:

Das Mädchen, das den Mond trank“ von Kelly Barnhill…

Das Mädchen, das den Mond trank von Kelly Barnhill

Was ist das für eine Welt, in der die Menschen sich Schutz vor einer bösen Hexe erkaufen, indem sie einmal im Jahr das jüngste Kind im Wald zurücklassen, um es zu opfern? Was ist das für eine Welt, in der einer Mutter das Kinder entrissen wird, um die Stadt zu retten? Wie groß muss die Angst sein, ein Kind zu bekommen. Nun gut, es ist den Ältesten des Schilf-Imperiums bekannt, dass es gar keine böse Hexe gibt. Aber es ist so schön einfach, den Aberglauben am Leben zu halten. Menschen in Angst lassen sich leicht kontrollieren. Echt praktisch. Ach, sagte ich, dass es keine Hexe gibt? Auch das ist falsch. Im Wald der ausgesetzten Kinder lebt wirklich eine Hexe. Allerdings eine gute. Xan rettet diese ausgesetzten Babys, päppelt sie auf und gibt sie an Eltern einer Stadt am anderen Ende des Waldes weiter. Sternenkinder werden sie dort seit jeher genannt. Sie entwickeln sich prächtig, als stünden sie unter einem guten Stern.

Was ist das für eine Welt, die wir hier im Wald kennenlernen? Die kleine Luna ist das diesjährige Opfer. Allerdings kommt es zu einem echten Missgeschick. Anstatt das Mädchen nur mit der Licht der Sterne zu füttern, lässt Xan es zu, dass die Kleine ganz aus Versehen den Mond trinkt. Und nun ist Luna magifiziert. Sagt man hier so. Sie ist also ziemlich aufgeladen mit Zauberkraft und es ist zu vermuten, dass sie im Alter von 13 Jahren zur echten Entfaltung kommt. Solange kann Xan die Zauberkraft mit eigenen Mitteln dämpfen. Luna und Xan bleiben zusammen. Ein solches Mädchen kann man ja schlecht an ahnungslose Menschen weitergeben. So wächst die kleine Familie, zu der auch ein sentimentales Flussmonster und ein Miniatur-Drache gehören glücklich, aber nicht gänzlich ohne magische Zwischenfälle zusammen.

Das Mädchen, das den Mond trank von Kelly Barnhill

Aus dieser magischen Ausgangssituation entwickelt Kelly Barnhill ein brillantes Märchen voller Überraschungen. Sie entwickelt ein Szenario, in dem wir aus einigen Perspektiven heraus das Leben im Wald, aber auch die Tristesse in der Stadt erleben, die regelmäßig ihre Kinder opfert. Lunas Mutter spielt dort eine ebenso wichtige Rolle, wie Antain, ein Junge aus besten Hause und ebensolchen Perspektiven. Er hat erlebt, wie Luna ihrer Mutter entrissen wurde. Er hat ihren Schmerz miterlebt. Und jetzt, wo er bald Vater wird, reift ein Plan in ihm. Sein Kind darf nicht das Opfer der bösen Hexe im Wald werden. Koste es was es wolle. Das ist Sehnsuchtslesen von Format. Aufgehellt durch skurrile und urkomische Situationen wissen wir nicht, ob wir lachen oder weinen sollen. Dieses Kinder- und Jugendbuch hat alles, was man sich nur wünschen kann. In jeder Ecke lauert Gefahr, aber auch jeweils ein entspannter Moment des Schmunzelns.

„Ein Baby mit Magie zu versehen, das ist, wie einem Kleinkind ein Schwert in die Hand zu drücken – zu viel Kraft kombiniert mit zu wenig Vernunft.“

Barnhill`s Charaktere sind so märchenhaft und nahbar, als wären wir selbst auch magifiziert worden. Wie die Geschichte endet? Warum ein Monster und ein Drache im Wald verborgen leben und ob es Antain gelingt, sein Kind zu retten? Das würde ich nie verraten. Ich würde euch um einen großen Moment des Lesens betrügen. Eines kann ich jedoch versprechen. Das furiose Ende lässt keine Frage offen und kein Auge trocken.

Das Mädchen, das den Mond trank von Kelly Barnhill

Am Ende allen gemeinsamen Lesens steht nun also die Frage alle Fragen: „Was ist die Moral von der Geschicht`?“ Was kann ich in mein Leben mitnehmen und wo sind Botschaften versteckt, an denen junge Menschen wachsen können? Hier geht es nicht um erhobene moralisierende Zeigefinger. Hier geht es nicht um leere Weisheiten oder theoretische Lehren, an denen man sich festhalten muss. Es geht um das Gefühl des Lesens, das zum Gefühl des Lebens werden kann. Glaubt mir, es ist nicht schwer, eine solche Leseemotion aus einem Buch zu extrahieren. Das Bauchgefühl ist hier der beste Ratgeber. Mit welchen Figuren der Geschichte würde ich gerne tauschen, warum steht mir ein Protagonist so nah und vor wem würde ich mich in Acht nehmen? Schlägt mein Herz bei einer bestimmten Situation im Buch höher und was schreckt mich ab? In wen kann ich mich gut hineinversetzen und wer bleibt mir völlig fremd? Eure Antworten auf diese Fragen stellen den magnetischen Pol des Lesens dar, nach dem ihr navigiert.

Hier blühen die Samen auf, die uns Schriftsteller mit viel Liebe ins Herz pflanzen. Wir sind das Gewächshaus des guten Lesens und zum Teil selbst dafür verantwortlich, ob sich Botschaften verfestigen und weitererzählt werden. Und nicht zuletzt können wir auch gute Ratgeber sein. Dabei helfen, wichtige Geschichten zu finden und schließlich am Ende mit der Frage nach der Moral einen Impuls geben, der oft fehlt, wenn man als junger Mensch ganz alleine liest. Wer einmal im Leben mit diesem Mädchen den Mond trank, wird erkennen wie wichtig dieses Märchen sein kann. Bei aller Fantasy, bei allem Märchenhaften ist es doch eine Message, die so lebendig und nachhaltig vermittelt und im Roman gelebt wird, wie selten zuvor.

Das Mädchen, das den Mond trank von Kelly Barnhill

Seid nicht leichtgläubig, vertraut euren Gefühlen und Instinkten, macht den Mund auf, stellt Fragen, gebt euch nicht mit Ausflüchten oder nichtssagenden Antworten zufrieden und bleibt hellwach, wenn es darum geht eure Umwelt zu beobachten. Botschaften, die nicht ungehört bleiben. Lehren, die man nie vergisst und die zeitlos tragfähig sind. Jede Fake-News verliert ihre Wirkung, jedes noch so glaubwürdig gestreute Gerücht verpufft und viele Vorurteile verlieren ihre Grundlage. Wer „Das Mädchen, das den Mond trank“ aufmerksam liest, wird mit wachem Blick durch die Welt gehen und feststellen, dass es keine unbequemen Fragen gibt. Es gibt nur Menschen, für die es zu bequem geworden ist, aktiv denkend durchs Leben zu gehen. Sie gilt es aufzurütteln. Und wer könnte das besser als die Heranwachsenden, die alles hinterfragen dürfen. Traut euch. Trinkt vom Mond.

Es gibt keine Märchen mehr? Oh, was für ein Irrtum. Hexen, Miniaturdrachen und sentimentale Monster. Verzauberte Kinder und fliegende Origamis, mit Flügeln die so scharf sind wie Skalpelle. Zwei Welten, die unterschiedlicher nicht sein könnten und ein Niemandsland, das wahrlich nicht niemandem gehört, sondern einer der grandiosesten guten Hexen die man jemals kennenlernen durfte. Die geretteten Sternenkinder haben viel mit den verlorenen Jungs auf Nimmerland gemeinsam. Luna und Peter Pan haben sicher den Mond wie Muttermilch getrunken. Mit ihnen fliegt man wohlbehütet durch die größten Abenteuer der Literatur. St. Alban im Mondlicht sieht heute anders aus. Dieses Kinderheim hat so viel vom Wald, in dem Kinder ausgesetzt werden. Auch hier werden sie gerettet und zu Sternenkindern in einer besseren Welt. Ich habe in Schwester Anna meine Xan getroffen, die aus ihren Mondtrinkern glückliche Kinder macht.

Das Mädchen, das den Mond trank von Kelly Barnhill – Eine Lesenacht

Mehr zu St. Alban und AstroLibrium: Lesenächte, ein Drache im Kinderheim, ein Video mit Gesprächskreis bei Literatur Radio Bayern. Unsere Reise ging gestern weiter (hier noch ein Eindruck auf Facebook) und wird schon im Juli fortgesetzt.

Und hier geht es zu weiteren besonderen Mädchen in der Literatur.

Das Mädchen, das den Mond trank von Kelly Barnhill