„LENNON“ von David Foenkinos

Lennon von David Foenkinos

Walking on thin ice, I’m paying the price…

Diese Liedzeile vibrierte wohl noch in der New Yorker Luft, als John Lennon am 8. Dezember 1980 das Record-Plant-Studio verließ und gemeinsam mit seiner Frau Yoko Ono nach Hause ging. Vor dem Dakota Building wartete Mark David Chapman auf das Paar. Der Mann, dem John Lennon noch am Vormittag beim Verlassen des Gebäudes ein Autogramm gegeben hatte. Diesmal jedoch wollte er kein Andenken vom Musikidol einer ganzen Generation. Er erschoss John Lennon aus sechs Metern Entfernung. Der Song, den Lennon an diesem Tag im Studio aufgenommen hatte, scheint zur Metapher dieses Anschlages zu mutieren. Ich gehe auf dünnem Eis und zahle den Preis…

Gerade mal 18 Jahre alt war ich an diesem Tag, als Nachrichtenfetzen vom Mord an John Lennon berichteten. Ich fühlte mich so unverletzlich wie der Kopf der Beatles, war davon überzeugt, dass man wie er aus dem Bett heraus die Welt verändern könnte und dass Musik eine Waffe gegen die Gleichgültigkeit und Kälte war. Weltweites Entsetzen und stumme Aufschreie seiner Fans setzten ein. „Imagine“ wurde zum Soundtrack der Stunde. „Give Peace a Chance“ entwickelte sich zum Rhythmus der Trauer. Und nicht zuletzt blickten wir alle auf eine wohl beispiellose Zeit zurück, die heute als die Epoche der Beatles gilt. Der Gedanke an diesen Tag lässt eine Melancholie in mir auferstehen, die mich nie ganz losgelassen hat. Ein einziger Song der Beatles reicht mir schon aus. Manchmal auch ein einziges Wort. „Imagine…“ Dann bin ich wieder dort…

Lennon von David Foenkinos

„Walking on thin ice“. Auf ebensolches dünnes Eis begibt sich auch ein Schriftsteller, wenn er heute über John Lennon schreibt. Besonders dann, wenn er versucht sich ihm in einem biografischen Roman zu nähern, der geeignet scheint, eine Ikone vom Sockel zu stoßen. Besonders dann, wenn er eine Ausgangssituation wählt, die echte Fans von John Lennon erschaudern lässt. Besonders dann, wenn er vorgaukelt, mehr zu wissen, als Lennon selbst jemals preisgeben wollte. David Foenkinos, ein Schwergewicht der französischen Literatur, begibt sich mit seinem neuen Roman „Lennon“ auf das dünne Eis einer fiktionalen Betrachtung eines omnipräsenten Künstlers, dessen Spuren durch die Zeit weichgespült und idealisiert wurden. Die Frage ist: Will ich das lesen?

Will ich einen John Lennon erleben, der über einen Zeitraum von fünf Jahren seinem erfundenen Psycho-Therapeuten das Herz und die Seele ausschüttet? Möchte ich zum Zeugen fiktiver Sitzungen werden, in denen John Lennon auf der Couch liegend auf ein Leben zurückblickt, von dem wir heute nur das Positive in Erinnerung behalten wollen? Möchte ich den zerbrechlichen, zerrissenen, zugekifften, gewalttätigen, egozentrischen und psychotischen Lennon kennenlernen, den ich als genialen Sänger, Weltveränderer und Friedensaktivisten im Herzen trage? Will ich mich unter den Sockel dieses Buches stellen und darauf warten, bis mir die Ikone Lennon zerbrochen in die Arme fällt. Nein. Will ich nicht.

Lennon von David Foenkinos

Und doch lese ich, weil mich David Foenkinos bisher noch nie enttäuscht hat. Ich lese weil er mir mit „Charlotte“ einen der außergewöhnlichsten Romane geschenkt hat, den ich je lesen durfte. Ich lese, weil mir „Das geheime Leben des Monsieur Pick“ so viele Facetten des Lächelns abgerungen hat, wie selten zuvor in meinem Lesen. Ja, ich lese „Lennon“, weil ich einem Schriftsteller vertraue und doch erwarte ich, ihn auf dem dünnen Eis dieses Projekts einbrechen zu sehen. Einfach nur, weil ich vielleicht Dinge erfahre, die ich gar nicht wissen möchte und die vor dem Hintergrund eines Romans in jeder Beziehung interpretierbar und faktenfrei sind. Ich mag meinen John Lennon so in Erinnerung behalten, wie ich mir einbilde, dass es ihm gerecht wird.

Und ich mag mich ab und an in Yoko Ono hineindenken, deren eigenes Leben am Ende war, als sie die Schüsse vor dem Dakota-Building hörte. Ich möchte mir das nicht kaputtmachen lassen. Auch nicht von Foenkinos. Gerade nicht von ihm. Und dann bin ich lesend auch schon an dem Punkt angelangt, der mir Kopfschmerzen bereitet. Höre John Lennon zu, der auf der Couch liegend einen wahren Seelenstriptease vorführt, in seine Kindheit und Jugend zurückblickt und sich seinem Therapeuten so schonungslos öffnet, wie es wohl in der Realität niemals geschehen ist. Aus der Ich-Perspektive wird nun erzählt, was man vielleicht vermuten, aber nicht wissen konnte. Schwere Kindheit, Vereinsamung, fehlende Nestwärme, Vaterkomplex… alles, was es so braucht, um zu erklären, warum man später auf die schiefe Bahn geraten war.

Lennon von David Foenkinos

Ich breche ab. Zuviel für mich. Das ist nicht Lennon. Das hört und fühlt sich nicht nach ihm an. Ich verabschiede mich ins Internet, suche nach Interviews und Aufnahmen aus der New Yorker Zeit, Statements zu seiner Karriere und werde stutzig. Ich wollte es so vielleicht nie hören, aber ich erkenne die Stimme und den Tonfall aus dem Buch wieder und lese weiter. Vielleicht hat David Foenkinos aus seiner Warte als Schriftsteller mehr gehört, genauer zugehört, neutraler betrachtet und ist deshalb zu einer Sichtweise des Erzählens gelangt, die John Lennon eher gerecht wird, als jeder verklärte Blick von mir. Ich lasse mich auf Foenkinos und seinen „Lennon“ ein. Nun ohne Vorbehalte. Erkenne und realisiere, wie er das Idealbild von Lennon in ein brutal zerrissenes Puzzle zerlegt und es dann Stein für Stein wieder zusammensetzt. 

Das so entstehende Portrait sieht am Ende so aus, wie das Bild, an das ich mich erinnern wollte. Jetzt erst erkenne ich all das, was meine eigene Vorstellung auf dem Bild übertüncht und überschminkt hatte. Aus kleinen Falten im Gesicht werden Narben, aus Grübchen Gruben und aus dem bohrenden Blick wird ein Hilfeschrei. Das ist keine Demontage eines Idols. Es ist das Erden einer Ikone. Was auf diese Weise entsteht ist der ungeschönte Abriss der Geschichte der Beatles, die Beschreibung aller Kollisionen und der Abgesang auf die Musikindustrie jener Tage. Der Soundtrack des Romans ist die Anthologie der Beatles-Songs und die Beatlemania hämmert ihre fatalen Rhythmen in und zwischen die Zeilen. Nein. Foenkinos hat Lennon nicht zerstört, er hat ihn nicht erhöht, er romantisiert ihn ebenso wenig, wie er ihn schlachtet. Ich habe das Gefühl, in der Tiefe der Auseinandersetzung mit John Lennon etwas gewonnen zu haben. Etwas, das ich nie wahrhaben oder erkennen wollte. Einen Blick ins Innere, der plausibel und ehrlich erscheint.

Lennon von David Foenkinos

Lennon ist fiktionale Künstlerbiografie und tatsächliche Kulturstory von Format und wird gerade bei eingefleischten Fans des Sängers sehr polarisieren. Entweder ich liebe, oder ich hasse dieses Buch. Das muss jeder mit sich selbst ausmachen. Ich bin mit diesem Roman im Reinen. Ich bin mit meiner Erinnerung im Reinen. Und vielleicht bewirkt dieses Buch ganz nebenbei noch etwas, was Biografien bisher nicht gelang. Es wirft ein neues Bild auf jene Yoko Ono, die heute noch als die skrupellose Frau gilt, die den Beatles den Todesstoß versetzte. Sie wird immer noch als die Egomanin gesehen, die John Lennon, wie bei einer feindlichen Übernahme besetzte und ihn seiner eigenen Vergangenheit entfremdete.

David Foenkinos hat das gut gemacht. Ich verdanke diesem Roman, dass ich mich mal wieder in meine Jugend fallen lassen konnte, meine Playlist von damals erneut im Ohr habe und an den 8. Dezember 1980 denken kann, ohne in Schockstarre und pure Resignation zu verfallen. Manchmal braucht man einen guten Freund, der einem dabei hilft. Manchmal kann ein Schriftsteller ein guter Freund sein. David Foenkinos ist nicht im dünnen Eis eingebrochen. Er hat es ein wenig tragfähiger gemacht. Danke dafür. Es klingt wie ein alter Beatles-Song, den ich jetzt ganz leise höre, wenn ich hier an diesen Roman denke. Manchmal braucht man einen Freund, für einen neuen Blick aufs Leben.

No, I get by with a little help from my friends
Mm, I get high with a little help from my friends
Mm, gonna try with a little help from my friends

Lennon von David Foenkinos