„Kleine Feuer überall“ von Celeste Ng

Kleine Feuer überall von Celeste Ng

„Hier, stellte sie fest, war alles nuanciert; alles hatte eine verborgene Seite
oder unerforschte Tiefen. Alles lohnte, näher betrachtet zu werden.“

Dieses Zitat aus dem Roman „Kleine Feuer überall“ von Celeste Ng – dtv – sollten wir tief auf uns einwirken lassen. Diese Textstelle charakterisiert das gesamte Buch, erklärt seine Faszination und die Anziehungskraft einer Geschichte, die man landläufig als Mischung aus Generationen- und Coming-of-Age-Roman bezeichnen könnte, wenn man es wollte. Ich will es nicht. Und das aus gutem Grund. Celeste Ng erweist sich als brillante Brandstifterin, indem sie aus vielen kleinen, ganz zart vor sich hin glimmenden Brandnestern einen Flächenbrand erzeugt, der uns wie eine Feuerwalze überrollt ohne dass es auch nur den Hauch einer Chance gäbe, auch nur einen Brandherd löschen zu können. Der Titel ihres Buches wird zum Sinnbild einer facettenreichen Story, die ihren Lesern keine Ruhepause gönnt. Passives Lesen war gestern. Celeste Ng ist heute. Sie nutzt unsere Gefühle und Gedanken als Brandbeschleuniger ihrer eigenen Geschichte. Selten war ich so Feuer und Flamme für einen Roman.

Selten sind meine Versuche, ein Lesefeuer einzudämmen kläglicher gescheitert. Bevor ich recht verstand, warum ich so lichterloh brannte, war es um mich geschehen. Ich muss euch warnen, es handelt sich um ein Buchfeuer, das nicht so ungefährlich ist, wie man es vermuten könnte. Es brennt sich in der Tiefe fest und selbst wenn man das Gefühl hat, es schon längst überstanden zu haben, glimmt die Glut beharrlich weiter.

Kleine Feuer überall von Celeste Ng – Ein edles Leseexemplar (rechts)

„In diesem Sommer redeten alle in Shaker Heights darüber,
wie Isabelle, das jüngste Kind der Richardsons, schließlich
durchdrehte und das Haus niederbrannte.“

Womit aus Sicht der Schriftstellerin schon mit dem ersten Satz fast alles erzählt ist, worauf wir uns lesend einstellen müssen. Wo, wer, wie und was. Alles ist drin. Alles wird mit wenigen Worten so genau skizziert, dass wir schon spüren, wie ein paar sehr trockene Reisigbündel mit nur einem Streichholz in Brand gesetzt werden. Celeste Ng entführt uns in die heile Welt von Shaker Heights. Hier wohnen die gut Betuchten. Hier residiert man unweit von Cleveland. Hier gibt es feste Regeln, hier ist alles geplant und Abweichungen werden nicht toleriert. Shaker Heights ist konservativ, reich und ebenso von sich eingenommen, wie die Menschen, die hier leben. Der äußere Schein wird zum Lifestyle kultiviert und man redet gerne über- statt miteinander. Das Oberflächliche wird zum Gebot und genau hier steht nun ein Haus in Flammen.

Und wir sind mittendrin. Stehen fassungslos im Garten des Anwesens und fühlen mit Mrs. Richardson, die hier ihren Traum vom Glück in Rauch aufgehen sieht. Unglaublich, dass ausgerechnet ihre jüngste Tochter Isabelle die Brandstifterin sein könnte. Aber so steht es im ersten Satz geschrieben. Unverrückbar und wenn man den Brandspuren im Roman folgt, eigentlich doch nur allzu glaubhaft. Isabelle, von allen nur „Izzy“ genannt, ist eine Abweichung von der Norm. Sie ist anders, durchgeknallt, verrückt. Mit ihren 16 Jahren so weit weg von Gut und Böse, dass selbst ihre ältere Schwester Lexie und die beiden Brüder Moody und Trip dankbar für den internen Blitzableiter sind. Im Haus der Richardsons hat Ärger nur einen Namen: „Izzy“.

Kleine Feuer überall von Celeste Ng

Was Celeste Ng mit Izzy gelingt ist famos. Sie streut auf den ersten 90 Seiten ihres Romans so viele Vorurteile zu dem jungen Mädchen, dass es kaum auffällt, dass „Izzy“ bis zu diesem Zeitpunkt gar nicht persönlich in Erscheinung getreten ist. Und als ich ihr zum ersten Mal persönlich begegne, ist es magisch, was Celeste Ng in mir bewirkt hat. Ich lasse mich von der vorgefertigten Meinung nicht beeinflussen, stehe „Izzy“ nicht nur neutral, sondern eher wohlwollend gegenüber und versuche, sie zu verstehen. Ich wäre froh, dies würde im wahren Leben ebenso gelingen, nachdem man nur Schlechtes von einem Menschen gehört hat.

Izzy hingegen verdient es sehr, dass wir ihr vorbehaltlos begegnen. Nur sie ist in der Lage den Schleier der Oberflächlichkeit zu lüften, unter dem sich die Kriege dieser heilen Welt austoben. Außenseiter zu sein ist schwer genug. In Shaker Heigths und in der intakten Familie der Richardsons jedoch genügt dieser Status schon, um die ganze Stadt vor ihr in Sicherheit zu bringen. Diese heile Welt konfrontiert Celeste Ng mit dem kompletten Gegenentwurf, als Mia und ihre 15-jährige Tochter Pearl in einer Wohnung einziehen, die den Richardsons gehört. Hier treffen Improvisation und Lebenskunst auf das klare Regelwerk des Spießertums der Richardsons. Entwurzelt und flüchtend wirkt Mia auf den außenstehenden Betrachter. Sie erscheint nur kurz auf einer Bildfläche, ist nie lange an einem Ort, vagabundiert mit ihrer Tochter durchs Land. Sie fotografiert ihr Leben, lebt ihre Fotografie und versucht davon zu leben. Ist ein Projekt beendet, dann heißt es Koffer packen und auf ins nächste Shaker Heights…

Kleine Feuer überall von Celeste Ng –

Dieser zwischenmenschliche Kontrast reicht Celeste Ng als Brennstoff, mit dem sie „Kleine Feuer überall“ entzündet. Ihre Protagonisten werden uns als Rohstoff in einer Umgebung anvertraut, die ihre Entwicklung beschleunigt. Wir lernen sie kennen, als wären wir an ihrer Seite aufgewachsen und begegnen den Herausforderungen des Lebens Seite an Seite von Grund auf neu. Gegenseitige Faszination für den jeweiligen Lebensweg verbindet Mia und Pearl mit den Richardsons. Ein Zuhause zu haben, das Leben mit Freunden zu genießen, mehr als nur ein paar Wochen die gleiche Schule zu besuchen, das weckt Pearls Interesse. Und nicht nur das. Auch einer der Richardsons lässt ein Feuer in ihr auflodern, das sie bisher nicht kannte.

Aus dem sozialen Zündstoff lässt Celeste Ng eine Geschichte entstehen, die sich von Kapitel zu Kapitel zu neuen Höhen steigert. Ungewollte Schwangerschaften gehen mit sehnsüchtigem Kinderwunsch Hand in Hand. Liebe, Vertrauen, Eifersucht und auch Hass sind das Saatgut des Flächenbrandes. Das zentrale Thema des Romans sind die Kinder. Lebensentwürfe der Eltern entscheiden über das Wohl und Wehe des eigenen Nachwuchses. Mütter entscheiden über ihre Zukunft. Kinder kämpfen dagegen an. Im Herzen des Romans prallen alle Welten aufeinander, die ein kindgerechtes Leben zum Thema haben. Celseste Ng zieht Verbindungslinien, wo wir zu Beginn nur Distanz und Trennendes wahrnehmen. Dabei schreibt sie uns gerade Pearl und Izzy ins Herz, weil die Lebenswege der beiden Mädchen unterschiedlicher nicht sein könnten und sie sich gegenseitig um das beneiden, was sie beim anderen sehen. Pearls Wunsch nach Heim und Familie ist ebenso drängend wie Izzys Sehnsucht nach Freiheit.

Kleine Feuer überall von Celeste Ng

Celeste Ng lässt ihre Romanfiguren für sich selbst sprechen. Sie verleiht ihnen die Flügel, durch den Roman zu fliegen und eine große Schärfentiefe, die ihre Handlungen plausibler machen. Sie gönnt uns viele Blicke hinter die Kulissen ihrer Charaktere und spielt intensiv mit den Leitmotiven ihres Romans. Mia`s Fotografien sprechen eine fast schon metaphorische Sprache und sind Ausdruck ihrer Lebensphilosophie. Unerfüllte Kinderwünsche spielen eine große Rolle im Buch. Für mich als Mann schon emotional belastend, wie Celeste Ng das Thema angeht. Für Frauen in dieser Situation sicher ein Wagnis, sich auf diesen Roman einzulassen. Er fordert viel, gibt allerdings auch vieles zurück. Die Feuer lassen niemanden kalt. Wer „Kleine Feuer überall“ in seinem Lesen auflodern lässt, wird einen großen Roman entdecken, der ebenso unvorhersehbar, wie spannungsgeladen ist. Die Story ist grandios erzählt, bewegend, empathisch und dann auch wieder im knallharten Klartext, wenn das Ende des Selbstbetruges erreicht ist. Ja, ich hätte das Haus auch angezündet. Das dürft ihr mir glauben.

Im Mai erscheint das Hörbuch zu „Kleine Feuer überall“ bei Der Audio Verlag. Es wird mir ein Vergnügen sein, mich der fantastischen Stimme von Britta Steffenhagen hinzugeben. Eine Rezension dieses Hörbuches werde ich auf Literatur Radio Bayern veröffentlichen, nicht ohne dabei drei Ausgaben der ungekürzten Lesung auf 2 mp3-CDs mit einer Dauer von mehr als 11,30 Stunden an euch zu verlosen. Ich bin davon überzeugt, dass ich auch hier einen Flächenbrand der großen Literatur erlebe, der mit keinem Gegenfeuer zu bekämpfen ist. Heiße Ohren sind vorprogrammiert. Brennt mit.

Kleine Feuer überall – Die Radio-Rezension

Exklusiv für euch:

Hier geht´s zur Hörbuchvorstellung bei Literatur Radio Bayern. Im PodCast erfahrt ihr auch, wie ihr eine der Hörbuchausgaben gewinnen könnt. Die Aktion läuft bis zum 10. Juni 2018. Viel Spaß beim Hören und viel Glück beim Finden der richtigen Antwort auf meine Frage zum Roman von Celeste Ng.

Kleine Feuer überall von Celeste Ng