ARTEMIS – Leben auf dem Mond mit Andy Weir

ARTEMIS von Andy Weir

Es war ein großer Schritt für mich und ein kleiner Schritt für die Menschheit. Ich war gerade einmal sieben Jahre alt, als ich mir mit meinem Vater am 20. Juli 1969 die Nacht um die Ohren schlagen durfte, um gebannt auf den Fernseher zu schauen. Man sah eigentlich nicht viel. Schwarzweiß-Standbilder und langweilige Wissenschaftler, die versuchten Zeit zu überbrücken bis es endlich soweit war. The Eagle has landed. Ein wichtiger Augenblick für die Menschheitsgeschichte. Und ich war mittendrin. Ich fühlte mich, als sei ich Teil von Mission Control in Houston, Texas und befände mich selbst in der Mondlandefähre Eagle und wäre Mitglied von Apollo 11. Sehr übernächtigt wartete ich nun nur noch auf den Moment, in dem der erste Mensch den Mond betreten würde.

In diesen Stunden waren wir alle Neil Armstrong. Wir waren alle auf dem Mond und machten Luftsprünge, wo es gar keine Luft gab. Genossen die geringe Schwerkraft und staunten über Fotos vom Aufgang der Erde am Horizont. Es waren Wundertage an der Seite der Astronauten und ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich Mitleid mit Michael Collins hatte. Denn während Neil Armstrong und Buzz Aldrin auf dem Mond Geschichte schrieben, umkreiste er im Kommandomodul Columbia den Erdtrabanten um auf die Rückkehr der ersten Menschen vom Mond zu warten. Und jetzt bin ich selbst auf dem Mond. Ich habe es endlich geschafft und es hat sich so sehr gelohnt, geduldig zu warten, bis „ARTEMIS“ erbaut war. Ich bin auf dem Mond….

ARTEMIS von Andy Weir

Ein bisschen wehmütig war mir ja schon zumute, als ich Artemis erstmals betrat. Der Landeplatz der Eagle ist inzwischen ein Besucherzentrum für betuchte Weltraum-Touristen und eine riesige modulare Stadt ermöglicht 2000 Bewohnern das Leben auf dem Mond. Hier gibt es alles, was man sich nur wünschen kann. Unter den fünf großen Kuppeln, die durch Korridore miteinander verbunden sind, spielt sich das Leben wie in einer Stadt auf der Erde ab. Es gibt Restaurants, Shops, Bars, eine Zugverbindung zum Besucherzentrum und natürlich jede Menge touristischer Angebote, um für Nervenkitzel zu sorgen. Mondspaziergänge in aufblasbaren Hamsterkugeln zum Beispiel.

ARTEMIS. So heißt die Weltraummetropole. Andy Weir hat sie mit seiner Fantasie erbaut und entführt uns nun schon zum zweiten Mal in die Tiefen des Universums. Der Marsianer“ war ein wissenschaftsgeladener Survival-Thriller, der mir in der Einsamkeit des roten Planeten alles abverlangte, was ich an Überlebenswille aufbieten konnte. Auf dem Mond fühle ich mich in Gesellschaft vieler Mondianer schon deutlich sicherer. Das ist keine Testphase, was ich hier erleben darf. Es ist technisch ausgereift. Der Prototyp einer Mondstadt funktioniert in seiner Infrastruktur bestens, die Energieversorgung steht auf sicheren Füßen. Sauerstoff und Wasser sind keine Mangelware. Und der Mond ist nicht nur als Außenposten der Menschheit im All von Bedeutung. Auch seine Rohstoffe spielen eine große Rolle auf der Erde. Artemis ist ein Hybrid aus Sonderhandelszone und Industriegebiet zur Produktion von Aluminium. Eine doppelte Goldgrube, in der die Schwerkraft alles erleichtert. Ein Sechstel der Erdschwerkraft herrscht vor. Das macht das Leben der Menschen in Artemis leicht.

ARTEMIS von Andy Weir

Das ARTEMIS-Taschenbuch vom Heyne Verlag war mein Mond-Wanderführer und immer wenn die Schwerelosigkeit des guten Lesens das Buch an die Decke schweben ließ, tauchte ich in die Hörbuchausgabe von Random House Audio ein. Ich war also für alle Lesens- und Hörenslagen auf dem Mond bestens gerüstet und ließ mich erneut auf ein Abenteuer von Andy Weir ein. Bevor ich das Werk jedoch rezensiere, möchte ich ein kleines Glossar von ARTEMIS-Begriffen voranstellen, die sowohl das Lesen der Rezension, als auch den Genuss des Buches erleichtern:

KSC – Kenya Space Center
EVA – ExtraVehicular Activity (Mondspaziergang)
DAGL – mega-schnelles Glasfaserkabel
GIZMO – unspezifischer Name für ein Gerät, dessen Namen man vergessen hat
HIB – HüllenInspektionsBot (Miniroboter, der die Außenhaut von Artemis kontrolliert)
MOTE – Mondwährung
GUNK – Mond-Essen für arme Leute (Algen mit Geschmacksstoffen)
FLEISCHDOSE – Touristen-Raumfahrzeug
HAMSTERKUGEL – aufgeblasener transparenter Ball für Mondspaziergänge

So, nachdem ihr den Mondjargon beherrscht, können wir loslegen. Wir schlüpfen in einen EVA-Anzug und erkunden den Mond. Habt ihr euer GIZMO? Ansonsten ist es schwer, sich hier zu orientieren und zu verständigen. Und wenn es gut läuft, verdienen wir da draußen ausreichend viele MOTTEN, um heute Abend essen zu gehen. Und ihr könnt mir glauben, dass wir uns nicht mit GUNK abspeisen lassen.

ARTEMIS von Andy Weir

Zeit, unsere junge Begleiterin kennenzulernen. Jazz Bashara. 26 Jahre alt, schon ein wenig durchgeknallt und DAS absolute Talent, wenn es darum geht, Dinge auf den Mond zu schmuggeln, die hier streng verboten sind. Zigarren und Feuerzeuge, um nur zwei kleine Beispiele zu nennen. Sie hat es faustdick hinter den Ohren, ist gut vernetzt und will aus dem perspektivlosen Leben auf dem Mond etwas mehr rausholen. Dass sie damit genau ins Beuteschema von Geschäftsleuten passt, die ihre kriminelle Energie in einem Paradies für illegale Geschäfte ausleben wollen, wird ihr erst bewusst, als es für sie und ARTEMIS schon fast zu spät ist. Man bietet ihr eine Million Motten, um auf dem Mond das wirtschaftliche Gleichgewicht ins Wanken zu bringen.

Andy Weir gelingt es nicht nur, eine besondere extraterrestrische Gesellschaft zu erschaffen. Er transformiert den Mond und seine Rahmenbedingungen zum Schauplatz eines Wirtschaftsthrillers, der nur in dieser Atmosphäre ohne Atmosphäre spielen kann. Der Mond wurde nicht nur von Wissenschaftlern und Touristen erobert. Er ist Spielball des organisierten Verbrechens, denn wo lässt sich Geld besser waschen, als hier. Die Risiken? Egal. Es geht doch nur um 2000 Menschenleben. Was Chicago und New York schon lange hinter sich haben ereilt nun ARTEMIS. Syndikate beherrschen die Szene. Andy Weir schreibt weniger wissenschaftlich als noch im Marsianer. Er verpackt sein Wissen in Bilder, die uns bewegen. ARTEMIS als Lebensraum für die behinderte Lene, die nur hier ohne Rollstuhl leben kann. Dieser Roman und seine Protagonisten leben vom Mond.

ARTEMIS von Andy Weir

Ich weiß immer noch nicht, wie ich es lebend zurück auf die Erde geschafft habe. Jazz hat ein wahres Feuerwerk abgebrannt, wo es definitiv nicht brennen sollte. Brillant konstruiert, gewohnt brillant erzählt und spannend bis zur letzten Seite und dem letzten Track. Das Hörbuch überrascht uns zweistimmig. Gabrielle Pietermann verkörpert die Erzählperspektive von Jazz Bashara. Eine Stimme, die Daenerys Targaryen in Game of Thrones für unsere Ohren verkörpert, macht nun die kleinkriminelle Heldin mehr als sympathisch greifbar. Ein antizyklisch verlaufender Mailverkehr mit einem jungen Mann auf der Erde unterbricht den Erzählstrom auf dem Mond. Hier erfahren wir viel über die junge Jazz und ihre Gefühle. Diese Briefe von Kelvin liest Marius Clarén. Hier trumpft das Hörbuch groß auf.

Fogt mir auf den Mond. Kommt mit nach ARTEMIS. Erlebt den Thriller, in dem Uhren die Erdphasen anzeigen, man die zunehmende Halberde bewundert, die Kinder Wände hochgehen, Roastbeef eine Delikatesse ist, weil die Kuh 400.000 Kilometer entfernt war und die Liebe von Jazz` Vater sich in der Qualität einer Schweißnaht äußert, mit der er das Leben seiner Tochter retten kann. Folgt mir zum Mond. Es ist kein Spaziergang. Es ist allerfeinste Unterhaltung mit Tiefgang und authentischem sozialem Hintergrund. Andy Weir schreibt uns den Highway to the Moon ins Bücherregal. Und wer das Lesen und Hören bei Schwerelosigkeit nicht mag, wird auf die Erde deportiert und mit Schwerkraft nicht unter drei Monaten bestraft!

ARTEMIS von Andy Weir