„So sprach Achill“. Alessandro Baricco erobert Troja

So sprach Achill von Alessandro Baricco

Troja. Synonym für Verrat, Heldentum und Verlust. Wer kennt nicht Achill, Aeneas, Odysseus und die ewig schöne Helena? Doch wer hat Homers Ilias gelesen? Ist das Epos aus der griechischen Antike für uns heute überhaupt noch lesbar? Ich denke eher nein. Gedichte, Reime, Oden, Versformen, die Gliederung in Gesänge und nicht zuletzt die unüberschaubare Flut an Göttern mit zahllosen Stammbäumen und Verflechtungen sorgen beim Lesen des Originals schnell für Verzweiflung. Zumindest, wenn man keine altgriechischen Studien in der Hinterhand hat. Also was tun, wenn man die wohl größte Heldensage verstehen möchte?

„So sprach Achill“ verspricht Rettung. Man greife einfach zum großen italienischen Wortmagier Alessandro Baricco (Seide) und vertraue sich seiner Nacherzählung des Trojanischen Krieges, erschienen bei Hoffmann und Campe, an. Was ihm gelingt ist grandios. Wie er uns zeitgemäß und zeitlos in die Schlacht führt?

So sprach Achill von Alessandro Baricco

Ganz einfach. Man nehme das Original von Homer; entfrachte es von allen Göttern; mache die Helden zu eigenständig denkenden und handelnden Menschen; lasse diese aus ihrer Sicht erzählen und füge eigene typische Baricco-Texte ein. Was so entstand ist ein spannendes und flüssig zu lesendes Meisterwerk. Gleichsam eine Hommage an Homer, wie auch ein Buchkunstwerk für jeden, der mit der griechischen Mythologie auf Kriegsfuß steht. Alessandro Baricco erzählt hier von der größten Liebe aller Zeiten, von unglaublicher Feigheit, bedenkenlosem Verrat und tragischem Verlust, von betörendem Stursinn und wahrem Heldenmut. Zeitloser war Troja niemals zuvor. Und doch ist es eine große literarische Herausforderung sich in der heutigen Zeit mit Agamemnon, Ajax und Achill vor die Tore Trojas zu begeben und ein Schlachtengemetzel zu erleben, das in der Literaturgeschichte seinesgleichen sucht.

Ich tat es aus gutem Grund. Ich musste nach Troja, weil mich die Sehnsucht trieb. Es war Tania Blixen, die mich schon vor langer Zeit in die Schlacht trieb. Endlich war ich bereit, ihr zu folgen. Tania Blixen? Richtig gelesen…

So sprach Achill von Alessandro Baricco

Meine Affinität zum Trojanischen Krieg wurde mir schon 1986 von Tania Blixen in die Seele geschrieben. Sie verglich ihr Scheitern in Afrika mit dem Verlust Trojas und zitierte in „Jenseits von Afrika“ aus der Aeneis von Vergil…

„Infandum, regina, jubes renovare dolorem,
Troja in Flammen, sieben Jahre Verbannung,
dreizehn der besten Schiffe verloren!
Was wird das Ende sein von alledem?
Unerträumte Schönheit, königliche Ruhe
und süßes Entzücken.“

Seitdem assoziiere ich Verlust und Scheitern mit jenem Bild aus Tanias Lebensroman. Seitdem verbinde ich Melancholie mit Troja. Jetzt stehe ich mit Alessandro Baricco vor den Toren der Stadt. Rüste mich einerseits für ihre Verteidigung, plane andererseits die Eroberung und denke dabei an eine dänische Schriftstellerin. „So sprach Achill“ öffnet bei mir die Schleusen, die 1986 in meinem Herzen errichtet wurden.

Ach Tane, Du würdest das gerade jetzt so gut verstehen. Und nicht nur ich folgte dem Ruf zu den Waffen. Alessandro Baricco vollbrachte mit seiner Nacherzählung der „Ilias“ ein wahres Wunder.

So sprach Achill von Alessandro Baricco

10.000 Menschen zahlten Eintritt, um in Rom einer Lesung zu folgen, die Homers „Ilias“ zum Thema hatte. Nicht jedoch zur Originalfassung aus der Feder des großen Homer. Alessandro Baricco hatte eingeladen seiner Nacherzählung des Epos zu folgen. Eine Bearbeitung, die das Heldenepos rund um den Trojanischen Krieg auf neue Füße stellt. Einige chirurgisch präzise Eingriffe, einige Perspektivwechsel, neue Zutaten und schon war mit „So sprach Achill“ ein neues Werk entstanden. Ich lud Homer in meine kleine literarische Sternwarte ein. Ich wollte die „Ilias“ aus dem Anaconda Verlag und den neuen Achill miteinander vergleichen. Ich wollte Homer fragen und sehen, was von ihm übrig geblieben ist. Ich ließ mich vor die Tore von Troja schleifen, kämpfte dort um mein gutes Lesen und erlebte einen Gänsehautmoment nach dem anderen.

Baricco nimmt Homer nicht, was des Homers ist. Er würdigt sein Schreiben, macht es jedoch durch die inhaltliche Verkürzung transparent und nachvollziehbar. Die eigene schriftstellerische Leistung Bariccos setzt mit seinen Texten ein, die er ganz zart in das Epos einfließen lässt und die wir durch die kursive Schriftart sofort erkennen. Ehre und Heldenmut relativiert er ebenso, wie er Liebe und Abhängigkeit hervorhebt. Hier werden Helden lebendig, verwundbar und nachdenklich. Baricco entfrachtet und revitalisiert die Geschichte, die Geschichte schrieb. Seine Handschrift ist deutlich spürbar:

„Wir kämpften mit den Waffen in der Hand:
Dieser Mann ging in die Schlacht,
und in seiner Hand hielt er die Welt“

So sprach Achill von Alessandro Baricco

Wer erfahren möchte, warum Baricco in die Schlacht zog, der wird am Ende des Buchs in Staunen versetzt. Sein Nachwort ist das Nachwort eines Pazifisten, der dem Krieg der heutigen Zeit den Krieg erklärt. Er verdammt und verurteilt nicht. Er kommt zu der Erkenntnis, dass Krieg eine besondere Schönheit, eine magische Anziehungskraft und eine zeitlose Faszination auf uns Menschen ausübt. Das Gegenmittel? Eine andere Schönheit ins Feld zu führen. Eine Schönheit die noch faszinierender ist, als das Töten auf dem Schlachtfeld. Seine „Postille über den Krieg“ zeigt deutlich, dass er mit „So sprach Achill“ ein Trojanisches Pferd vor unsere Stadttore geschoben hat, dem er nun entsteigt um eine Geschichte zu erzählen. Manchmal sind es die Erzähler, die der Welt den Frieden bringen. Ein großes, ein zeitloses, ein wichtiges Buch.

„Wir wussten, auch der lange Krieg, den wir führten, war alt,
und eines Tages würde ihn der gewinnen,
der imstande sein würde,
ihn auf eine neue Weise zu führen.“

Alessandro Baricco zu lesen ist ein Privileg. Über ihn zu schreiben, meine wahre Passion. Hier geht´s zu meiner Baricco-Lebensbibliothek… 

Schon bald begebe ich mich an der Seite von Odysseus auf die große Odyssee. Wir wollen doch nach dem Trojanischen Krieg wieder nach Hause kommen.

So sprach Achill von Alessandro Baricco und mehr von Hoffmann und Campe

Zwei Odysseen von Bedeutung. Markus Zusak und Daniel Mendelsohn. Troja ist überall… Lesenswert für Liebhaber von Homer und echte Leseratten… 

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