„Wege, die sich kreuzen“ von Tommi Kinnunen

Wege, die sich kreuzen von Tommi Kinnunen

Eigentlich klingt es ja wie eine der vielen Familiensagas, die uns in der letzten Zeit sehr oft über den literarischen Weg laufen. Das Muster scheint bekannt und gilt doch gerade im Bereich der Generationen übergreifenden Erzählungen als ganz besonders vielversprechend. Man findet im Hier und Jetzt im Nachlass der Vorfahren Dokumente, Briefe oder Tagebücher, die nicht nur den Stammbaum der Familie sondern auch das eigene Leben in neuem Licht erstrahlen lassen. Im Rückblick kann man auf diese Art und Weise in den gut gehüteten Geheimnissen stöbern, ein paar Familien-Leichen im Keller entdecken und vielleicht sogar mehr über sich selbst erfahren. Ja, diese Bücher finden ihre Leser, sind unterhaltsam, bewegend und beleuchten dabei sogar Epochen, die wir lesend besser greifen können, als dies in Geschichtsbüchern möglich wäre.

Das könnte man auch vermuten, wenn man „Wege, die sich kreuzen“ von Tommi Kinnunen zu seinem literarischen Wegbegleiter erwählt. Könnte. Der Konjunktiv ist bewusst gewählt, bezieht er sich doch auf den Klappentext, der genau auf die bekannte Struktur einer solchen Geschichte hindeutet. Aber so ganz unter uns: Vergesst einfach den Text im Schutzumschlag. Er führt in die Irre und nimmt vorweg, was wir lesend erst gegen Ende eines Romans erfahren, den ich im Vergleich zu den Familiengeschichten, die ich zuletzt las, als außergewöhnlich, brillant erzählt, faszinierend konstruiert und als Geschenk an das aktive Lesen empfand. Never read any Klappentext! Glaubt mir!

Wege, die sich kreuzen von Tommi Kinnunen

Dabei sind alle Bestandteile einer solchen Familiensaga vorhanden. Geheimnisse und Schuld, Versagen und Enttäuschung, Unausgesprochenes und Vielgesagtes. Aber nicht eine Entdeckung eines Briefes auf dem Dachboden eines finnischen Hauses tritt die Ereignisse los. Das machen die Menschen, um die es hier geht schon ganz alleine. Und wie sie dies tun, ist sehr beeindruckend. Beginnen wir mit Tommi Kinnunen doch einfach mal im Finnland des Jahres 1996. Beginnen wir mit dem Ende eines Lebens, in dessen Verlauf Lahja alles erlebt hat, auf das man kurz vor dem letzten Atemzug voller Zweifel und Unbehagen zurückblicken kann. Eine Kindheit ohne Vater, eine dominante Mutter, Krieg, Flucht und Armut, Hunger, einen Neubeginn an der Seite eines Mannes, der sie nicht lieben konnte und ein Ende, an dem die Bilder aus der Vergangenheit sie auf dem Sterbebett einholen.

Was Tommi Kinnunen literarisch konstruiert, um uns die Geschichte zu erzählen ist eine dreifach geschwungene Erzählschleife, die sich wie drei Ströme durch das Lesen mäandert. Wir erleben ruhige Seitenarme, Stromschnellen und Wasserfälle im Verlauf der Geschichte. Wir treiben dahin, betrachten die Menschen und Landschaften an den Ufern und Ausläufern dieser Flüsse, sehen Dörfer im Krieg untergehen, erkennen ihre vertriebenen Bewohner auf der Flucht und sehen neue Häuser auf den Ruinen der alten entstehen. Aus den verbrannten Kaminen der Vergangenheit entstehen Feuerstellen, an denen die neue Glut des Lebens die Menschen wärmt. Und doch ist es die Erinnerung an einst, die alles dominiert. Es sind die eingeschlagenen Wege, die das Leben prägen. Es ist das Verständnis für die Vorfahren, die das eigene Leben verständlich machen.

Wege, die sich kreuzen von Tommi Kinnunen

Wer sich der sterbenden Lahja 1996 nähern möchte, muss ihre Mutter verstehen. Wer die Verluste und Erfahrungen eines Lebensentwurfes nachvollziehen möchte, hat nur diese eine Chance, dem Lebensweg der Hebamme Maria zu folgen, der 1895 als erster der drei Erzählflüsse in den Roman mündet. Kinnunen erzählt ihre Geschichte in unregelmäßigen Zeitsprüngen konsequent bis zu ihrem Ende. Die resolute Frau braucht alles, um ihre Tochter Lahja zu beschützen und ihr ein sicheres Zuhause zu bieten. Sie investiert ihre gesamte Energie in das Lebenshaus und die Zimmer, die sie für sich und ihre Tochter entstehen lässt. Eins braucht Maria nicht: Einen Mann. Das muss doch zu schaffen sein. Ohne jemanden, nach dem man sich selbst richten muss. Wer dem Weg von Maria folgt, kommt zu den Wegkreuzungen, die alles erklären.

Kein Wunder also, dass auch Lahja ihr erstes Kind bekommt, ohne den Vater zu heiraten. Auch das wäre doch wohl zu schaffen. Zwei starke Frauen unter einem Dach und keine Männer, die ihnen ihren Willen aufzwingen. Dann nimmt der Erzählfluss ihrer Tochter Lahja im Jahr 1911 ihren Beginn und auch hier erzählt Kinnunen, was von ihr zu erzählen ist. Bis zu ihrem Ende im Jahr 1996. Was sich schnell erschließt, ist dass der männerlose Traum Lahjas ein Wunschgebilde blieb. Sie war nicht so stark, wie die Mutter und sie hatte Glück.Sie traf auf Onni. Ungewöhnlich für die damalige Zeit, dass er eine Frau mit unehelichem Kind zu seiner Frau nahm. Ungewöhnlich, dass er guter Vater und guter Mann war. Ungewöhnlich, dass zwei weitere gemeinsame Kinder das Leben unter einem Dach komplettierten. Maria, Lahja und Onni. Die uneheliche Anna und die beiden gemeinsamen Kinder Johannes und Helena. Eine kleine Gemeinschaft, in der nichts so war, wie es nach außen schien.

Wege, die sich kreuzen von Tommi Kinnunen

Onni bringt die Unwucht ins Leben zweier starker Frauen. Onni tut scheinbar viel, um sich als guter Mann und Vater zu erweisen. Eines jedoch gelingt ihm nie. Er kann Lahja nicht das geben, wonach sie sich am meisten sehnt. Körperliche Erfüllung. Auch die Zeit heilt diese Wunden nicht und im Erzählfluss von Onni, dem wir ab 1930 folgen dürfen, erschließt sich die immer größer werdende Belastung, die auf dem gemeinsam errichteten Lebensgebäude lastet. Onnis Geschichte ist eine Geschichte, die gelesen werden muss, um zu verstehen, warum dieses gemeinsame Leben unter Vorbehalt steht. Dass Lahja am Ende ihres Lebens ohne ihren Mann mit ihrer Geschichte konfrontiert wird hat einen Grund. Und genau dieser Grund ist Grund genug, diesen Roman nicht nur zu lesen. Er ist Grund, die Zeitschleifen übereinander zu legen.

Tommi Kinnunen erzählt auf den drei Wegen seines Romans nichts doppelt. Wir finden Anküpfpunkte zu den jeweiligen Perspektiven, sehen Bestätigungen für manche Vermutung und fühlen auf beklemmende Art und Weise, wie sich die Zimmer im Haus immer wieder neu verteilen. Maria wird im Lauf ihres Leben an den Rand gedrängt. In vielen Momenten ihres Lebens befürchtet Lahja, dass ihr ähnliches widerfahren könnte. Sie nimmt den Kampf auf. Einen Kampf, der alles verändert. Einen Kampf, der sie am Ende ihres Lebens zu einer einsamen Frau macht. Sie hat den Kampf gewonnen. Der Preis jedoch ist hoch. Erst hier – erst am Ende – erst im letzten Moment findet sich ein Brief aus ihrer Feder. Ein Brief, der mir den Boden unter den Füßen wegzog. Zeilen, die mich dazu verführten, einige Kapitel des Buches erneut und neu zu lesen. Aktiver kann Lesen nicht sein.

Wege, die sich kreuzen von Tommi Kinnunen

Tommi Kinnunen erzählt nicht nur über „Wege, die sich kreuzen“. Er lässt uns auf diesen Kreuzungen mit seinen Protagonisten kollidieren. Er gibt uns das Gefühl, viel zu wissen und doch verunsichert er uns mit Details, die nicht ins Bild zu passen scheinen. Die Spannungsbögen ziehen seine Leser in einen tiefen Sog einer Geschichte, die so typisch finnisch klingt, sich so finnisch anfühlt und von der kämpferischen Melancholie getragen wird, die wir mit diesem Land und seiner Geschichte assoziieren. Die Wege, die ich lesend beschritt, überlagern sich an manchen Stellen. Diese gilt es aufzuspüren und sich gut zu merken, sie vielleicht sogar zu markieren. Es sind die Jahre, die in den drei Wegen von Maria, Lahja und Onni gemeinsam erzählend betreten werden.

Ein großer Roman. Ein Lesevergnügen der besonderen Art und ein Ende, das ich kaum vergessen werde, weil es den Roman neu erzählt. Vielleicht habt ihr Lust, am Ende aller Wegkreuzungen weiter im finnischen Literaturmeer zu fischen. Es lohnt sich wirklich, weil sich ja vielleicht eine gemeinsame Melodie aufspüren lässt, die zur Melodie eines Landes und seiner Autoren und Autorinnen verschmilzt…

Eine weitere Blog-Wegkreuzung führtt Euch zu Constanze und Zeichen und Zeiten. Ihre Rezension mündet ebenso auf die Allee des guten Literatur…  .

Finnland und AstroLibrium

Auf in ein großes Abenteuer auf hoher See. Meeresroman“ von Petri Tamminen.