„Mercy Seat“ von Elizabeth H. Winthrop

Mercy Seat von Elizabeth H. Winthrop

Man nennt sie die „Grausige Gertie“. Sie zieht ihre Spuren durchs ganze Land, ist transportabel, lässt sich auf einen Truck verladen und ist die wahrlich letzte Instanz im finalen Akt der US-Amerikanischen Rechtsprechung bei Kapitalverbrechen. Gertie ist das, was man landauf landab als „Mercy Seat“ bezeichnet. Die Gnade, die der Stuhl gewährt ist jedoch eher von zweifelhafter Natur. Es handelt sich um einen elektrischen Stuhl, der zum Ort der geplanten Hinrichtung gebracht wird, weil das einfacher ist, als die Todeskandidaten quer durchs Land zu fahren. Und er bietet den Vorteil, dass die Exekution dort vollstreckt werden kann, wo die Tat begangen wurde.

Wir schreiben das Jahr 1943 und befinden uns tief im amerikanischen Süden. Es ist ein Jahr, in dem der Zweite Weltkrieg zahllose Opfer fordert und Todesnachrichten zur Tagesordnung gehören. Auch in St. Martinville im Herzen Louisianas. Hierhin ist er unterwegs. Der Mercy Seat. Und er wird von den Bewohnern des kleinen Städtchens sehnsuchtsvoll erwartet. Auf dem elektrischen Stuhl soll ein junger Schwarzer namens Will Jones hingerichtet werden. Seine Tat: unverzeihlich, kapital, eines Todesurteils in jeder Beziehung würdig. Gerade in dieser Gegend. Er soll Grace, ein weißes Mädchen vergewaltigt haben. Und voller Scham hat sich das junge Ding anschließend das Leben genommen. Das Urteil der Geschworenen war einstimmig und nun wartet man darauf, dass dieses schreckliche Verbrechen gesühnt wird.

Mercy Seat von Elizabeth H. Winthrop

Und bevor man sich jetzt aufregt, sollte man einfach mal überlegen, wie fair dieser Prozess bis zum Urteil abgelaufen ist. Früher haben die Weißen hier die Dinge selbst geregelt. Da waren Gerichtsverhandlungen überflüssig und auf den elekrtischen Stuhl musste man auch nicht warten, gab es doch ausreichend hohe Bäume, an denen man die Lynchjustiz selbst vollziehen konnte. Aber diese Zeiten sind doch längst vorbei. Hier geht jetzt alles mit rechten Dingen zu und die Hautfarbe des jungen Täters spielt sicher nur eine untergeordnete Rolle. Also nur die Ruhe bewahren. Recht und Ordnung sind hohe Güter, denen gerade im Süden der USA in den 1940er Jahren mit fairen Mitteln Geltung verschafft wurde. Ein Prozess, ein aufrechter Staatsanwalt, ein Verteidiger und neutrale örtliche Geschworene. Irgendwas auszusetzen? Jetzt muss das Todesurtel nur noch vollstreckt werden. Zeit für den „Mercy Seat„.

Elizabeth H. Winthrop erzählt in ihrem Roman „Mercy Seat“ die Geschichte eines Tages. Sie erzählt sie nicht nur, sie entführt uns multiperspektivisch in den kleinen Ort, in dem die Hinrichtung stattfinden soll und macht uns mit den Menschen bekannt, die in St. Martinville von diesem Ereignis mittelbar oder unmittelbar betroffen sind. Es ist ein brillant konstruiertes literarisches Puzzle, das sie vor uns ausbreitet und das sich Stein für Stein zu einem Bild zusammensetzen lässt, das uns zu wütenden Betrachtern eines Justizskandals macht. Denn hier ist was faul. Und zwar gewaltig. Nicht nur der Prozess und die Anklage stinken zum Himmel. Hier ist es die besondere rassistische Stimmung des amerikanischen Südens, die ein Todesurteil über jemanden fällt, der unschuldig ist.

Mercy Seat von Elizabeth H. Winthrop

Wir erkennen die üblichen RassisMuster und Automatismen einer rassistischen Gesellschaft, die alle Hebel in Bewegung setzt, um sich selbst in ihrem Hass gegen die Menschen zu bestätigen, die nicht der eigenen Norm entsprechen. Die Sklaverei wurde zwar de facto nach dem Ende des Amerikanischen Bürgerkriegs abgeschafft. Jedoch nicht in den Köpfen derjenigen, die sich selbst und ihre weiße Hautfarbe als überlegen empfinden. Unschuldsvermutungen sind absolut unzulässig. Vorurteile führen schnell zu tatsächlichen Verurteilungen und die Wahrheit interessiert wirklich niemanden. Dies ist kein Einzelfall, keine kurze Periode in der Geschichte des amerikanischen Südens. Es ist ein Muster, das sich bis in unsere heutige Zeit aufspüren lässt. Auch in der Literatur. Denken wir nur an Mudbound oder Wer die Nachtigall stört. Denken wir nur an Ta-Nehisi Coates und sein Manifest „Zwischen mir und der Welt„. Muster, die immer wieder auftauchen. Rassismus ist wie eine unheilbare Epidemie. Zeitlos.

Elizabeth H. Winthrop führt uns die RassismusRisse vor Augen, die durch Familien und Beziehungen in die Tiefe des menschlichen Geistes reichen. Wir klopfen an Türen, die sich „Nur für Weiße“ öffnen, erleben im Inneren der Häuser jedoch auch aufrechte Frauen, die zwischen Gut und Böse zu unterscheiden versuchen. Wir treffen auf einen Geistlichen, der Will Jones in dessen letzten Stunden begleiten soll und dadurch an den Rand des Glaubens gebracht wird. Wir sitzen im Wohnzimmer des Staatsanwaltes, der mit besten vorurteilsfreien Vorsätzen nach Louisiana kam und nun einem Druck erliegt, den die Wutbürger subtil und schmerzhaft aufbauen. Wir erleben einen Vater, der den Brief mit der Nachricht über den Tod seines Sohnes im Krieg mit sich trägt und dessen Trauer sich angesichts des Todesurteils gegen einen jungen Menschen Bahn bricht. Es ist nur ein Tag, den wir hier verbringen. Der „Mercy Seat“ erreicht St. Martinville. Die Zeit läuft ab. Der Leser wird hier ebenso gegrillt, wie man es mit Will Jones vorhat.

Mercy Seat von Elizabeth H. Winthrop

Während sich die Rassisten im Ort auf den Weg in die Stadt machen, sind wir an der Seite des Vaters des Todeskandidaten. Er nähert sich mit einem Grabstein für den eigenen Sohn und befürchtet zu spät zu kommen, um ihn ein letztes Mal zu sehen. Wir zweifeln an der Schuld, zweifeln am Urteil, zweifeln an der Schuld. Doch wie sollen wir uns ein Urteil bilden? Erst als wir die Todeszelle betreten, Will Jones begegnen und ihm im besten literarischen Sinne in die Augen schauen, wird uns klar, was hier passieren wird. Er trauert um ein Mädchen, das er nicht lieben durfte. Eine Schande wäre es für sie gewesen. Und doch haben sie beide die Grenzen des Rassismus überwunden. Die Schande in den Augen ihres Vaters jedoch treibt sie ins Unausweichliche. Will ist nur der Liebe schuldig. Das reicht in einer schwarz-weißen Beziehung in diesen Tagen.

Alle Wege führen zum Ort der Hinrichtung. Der „Mercy Seat“ ist aufgebaut und ans Stromaggregat des Trucks angeschlossen. Die dumpfe Menge vor dem Gebäude johlt, die Zeugen nehmen ihre Plätze ein und zuletzt bringt man auch Will Jones, der nun zu büßen hat für einen einvernehmlichen Grenzübertritt über die Rassenschranken. In der Menschenmenge finden wir die verblendeten ewig Gestrigen, die Mitläufer, aber auch jene, die wissen, dass hier gerade himmelschreiendes Unrecht geschieht. Will Jones wird festgeschnallt. Das Urteil wird verlesen. Lese- und Stromspannung sind nicht mehr zu unterscheiden. Meine Sicherungen brennen durch. Mein Wutlesen bahnt sich seinen Weg und zitternd blättere ich um.

Mercy Seat von Elizabeth H. Winthrop

Was dann geschieht…? Nun, das sollte man sich selbst erlesen. Die Autorin zeigt ihr unfassbar authentisch wirkendes Erzählgefühl gerade im Höhepunkt dieses Romans und lässt nicht mehr locker, bis auch wir die Stromstöße am eigenen Leib fühlen. Kein Buch für zartbesaitete Leser. Mitgefühl und Empathie erleiden einen Stromschlag nach dem anderen. Schockwellen lassen unsere Gedanken verschmoren und ein Hilfeschrei durchzuckt unseren Geist. Und doch kommt alles anders, als man denkt. Atemlos und am Ende der Nerven schließe ich das Buch an seinem Ende. Ein Ende, das wahrlich nie ein Ende war, denn diese Geschichte basiert auf einem tatsächlichen Geschehen.

Mercy Seat ist ein Manifest gegen die Todesstrafe als solche, ein lauter Abgesang auf die Rassisten dieser Welt und auch ein heiserer Weckruf an alle Opportunisten, die lieber im Gleichschritt mitlaufen, anstatt sich dem Unrecht in den Weg zu stellen. Wenn man den Anwalt Atticus Finch und seine Tochter Scout in „Wer die Nachtigall stört“ in sein Leseherz geschlossen hat, erlebt in diesem Roman mit dem Staatsanwalt Polly Livingstone und seinem Sohn Gabe die dramatische Überhöhung eines Konflikts, der nach menschlichem Ermessen kaum aufzulösen ist. Eine emotionale Denksportaufgabe von Format, vor die uns Elizabeth H. Winthrop hier stellt. Elektrisierend!

Mercy Seat von Elizabeth H. Winthrop

Dies ist nicht mein erster „Mercy Seat“ in diesem Jahr. Reinhard Kleist hat in der Graphic Novel „Nick Cave – Mercy on me“ einen elektrischen Stuhl verewigt.

Und wer auf die Suche nach dem realen Vorbild für Will Jones gehen möchte, der sollte bis nach dem Lesen von „Mercy Seat“ warten. Danach lohnt sich die Recherche zu Willie Francis

Mercy Seat von Elizabeth H. Winthrop und Von dieser Welt von James Baldwin

Bald mehr zum Thema Rassismus. Von dieser Welt – James Baldwin (März ´18)