Frau Einstein – Die Relativität der Liebe von Marie Benedict

Frau Einstein von Marie Bnedict

„Bald ist es überstanden. Das Ende kommt näher wie ein dunkler,
verführerischer Schatten, der mein Licht auslöschen wird.
Meine Zeit läuft ab und ich blicke zurück.“

So beginnt der Roman „Frau Einstein“ aus der Feder von Marie Benedict. Es sind nicht mehr viele Stunden, die Mileva Marić am 4. August 1948 bleiben, um im Alter von 72 Jahren einen Rückblick auf ein ebenso bewegtes, wie von Enttäuschung und Verlust geprägtes Leben zu werfen. Mitza, so wird sie meist von guten Freunden genannt, doch wir kennen sie nur unter dem Nachnamen, den sie mehr als sechzehn Jahre lang trug. Ein Name, der sie weltberühmt machte. Nicht jedoch aufgrund ihrer eigenen Leistung oder der Fähigkeiten, die ihr das Schicksal in die Wiege gelegt hatte. Sie war die erste Frau von Albert Einstein. Sie war Mileva „Mitza“ Marić Einstein.

Frau Einstein von Marie Benedict

„Romantik und Wissenschaft sind zwei Dinge, die nicht zusammenpassen.
Jedenfalls nicht, wenn man eine Frau ist.“

Marie Benedict entführt uns in ihrem biografischen Roman in eine Zeit, in der das Rollenbild der Frau von ihren häuslichen Pflichten geprägt war. Das Wahlrecht und der Zugang zu akademischen Berufen wurden ihnen zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch verwehrt. Hinzu kamen regionale Unterschiede und Vorurteile gegenüber Osteuropäern und so konnte man nicht unbedingt davon ausgehen, dass der blitzgescheiten Mitza die Türen der Welt offenstehen. Serbin und Frau zu sein, ein doppeltes Handicap in dieser Zeit. Wäre da nicht ausgerechnet ihr Vater gewesen, der alles für seine Tochter in die Waagschale warf, sie wäre wohl nie die aufstrebende Mathematikerin geworden, die er schon früh in ihr zu erkennen glaubte. Seiner mudra glava (weiser Kopf) wollte er die Welt der Wissenschaft öffnen. Doch er wusste ganz genau, was seiner Tochter niemals in den Weg kommen durfte. Die LIEBE…

Frau Einstein von Marie Benedict

„Ein Körper verharrt im Zustand der Ruhe oder der gleichförmigen Bewegung, sofern er nicht durch einwirkende Kräfte zur Änderung seines Zustands gezwungen wird.“

Sir Isaac Newton

So wurde aus dem jungen Mädchen eine der ersten Studentinnen der Mathematik die in Zürich in das Haifischbecken der männlichen Kommilitonen geworfen wurde. Und hier bestätigt sich das oben zitierte Newton`sche Gesetz schon früh. Mileva stößt nicht nur auf Gegenwehr, sie wird sogar aufgrund ihres Intellekts schnell akzeptiert und doch kommt es so, wie ihr Vater befürchtet hatte. Sie trifft sie auf eine Kraft, die sie magisch anzieht, sie jedoch nachhaltig aus der eigenen Bahn werfen wird. Mileva begegnet dem jungen Physikstudenten Albert Einstein. Aus ersten theoretischen Diskussionen wird Freundschaft, aus Freundschaft wird Liebe und was für sie nach einem gemeinsamen Lebensweg aussieht, entwickelt sich anders, als sie es sich je hätte vorstellen können.

Frau Einstein von Marie Benedict

„Izugbio sam ze. Ich war verloren.“

Was sich anfühlt wie eine wissenschaftlich-emotionale Allianz zweier Genies, wird für Mileva zum Abstellgleis ihrer eigenen Interessen. Eine ungewollte Schwangerschaft beendet ihr Studium, der uneheliche Status des Kindes steht Mileva und Albert im Weg und aus Rücksicht auf seine erste Anstellung tritt sie in den Hintergrund. Vergessen ist alles was sie zu seinen ersten Publikationen beigetragen hat, vergessen all die Impulse, die sie immer wieder setzte, um seine Physik-Theorien mathematisch zu untermauern. Vergessen all seine Versprechen von Hochzeit und einer gemeinsamen Karriere. Hier zeigt Albert Einstein, dass Liebe unberechenbar ist, dass ihr kein Formelwerk zugrunde liegt und dass der vielversprechende Jungakademiker in Herzensangelegenheiten nicht nur unkalkulierbar, sondern sogar egozentrisch berechnend ist. Mileva verlor sich in die Mutterrolle. Sie war verloren. Ihr Vater hatte es geahnt.

Frau Einstein von Marie Benedict

War Albert Einstein wirklich dieses menschliche Scheusal von dem Marie Benedict hier schreibt? Gut, dass meine kleine Bibliothek eigene Recherchen erlaubt. In „Lists of Note“ findet sich die Aufstellung der Bedingungen, die der spätere Nobelpreisträger an ein weiteres Zusammenleben mit seiner Mileva knüpft, um sie mit ihren Kindern nicht im Regen stehen zu lassen.

Klingt sehr herzlich und empathisch…

  • Kleider und Wäsche instand halten
  • Drei Mahlzeiten täglich ins Zimmer servieren
  • Verzicht auf alle persönlichen Beziehungen
  • Keine Zärtlichkeiten
  • Das Schlafzimmer verlassen, wenn er darauf besteht
  • Keine persönlichen Gespräche…

Bezeichnend auch, in welcher Form er sich später dazu verpflichtete, seine Frau zu entschädigen, damit er wieder als freier Radikaler durch die Welt der Wissenschaft toben konnte, die ihm zu Füßen lag. Alles konnte er wohl teilen, nicht jedoch den Erfolg, den er nur für sich reklamierte. Gar nicht nobel, der Preisträger.

Frau Einstein von Marie Benedict

Marie Benedict beschreibt mit chirurgischer Präzision die Spirale, aus der Mileva nicht mehr entfliehen kann. Sie zeichnet ein komplexes sozio-kulturelles Sittenbild dieser Zeit und lässt dabei kein gutes Haar am Strubbelkopf von Albert Einstein. Zwar betont sie klar und deutlich, dass sie keine wissenschaftlich untermauerte Biografie, sondern einen Roman geschrieben hat. Und doch spürt man deutlich, wie sehr sie des Pudels Kern in ihrem Buch getroffen hat. An den Fakten kommt man nicht vorbei. Und so bleibt uns als Leser nur, gemeinsam mit Mileva um Verluste zu trauern, kleine Hoffnungsschimmer als das zu nehmen, was sie sind: als reine Trugbilder und Illusion. Und es bleibt der Neid in der Erkenntnis, dass es auch anders hätte sein können. Eine Begegnung der Einsteins mit Marie und Pierre Curie. Sie leben vor, wie es hätte sein können. Tragisch.

Ein relativer Vergleich – Gar nicht Theoretisch – Mileva in der Literatur

Dieser Roman ist relevant. Gerade in Zeiten von unterschiedlicher Entlohnung bei der Arbeit, der Quotierung der Anzahl von Frauen in wirtschaftlichen Spitzenpositionen und auch in der Reflexion einer in der Gesellschaft eher einseitig geführten MeToo-Debatte ist es erhellend zu erkennen, was sich seit mehr als 100 Jahren verändert hat und was eigentlich immer noch nicht.

Relevant wird es auch sein, im April den Roman „Mileva Einstein oder Die Theorie der Einsamkeit“ von Slavenka Drakulic zu lesen. Ich bin sehr darauf gespannt, wie unterschiedlich sich beide Schriftstellerinnen der zweifellos erzählenswerten Geschichte in letzter literarischer Konsequenz angenähert haben. Hier ist der Vergleich.

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