„Die Enthüllung der Welt“ von Stefan Schmortte

Die Enthüllung der Welt von Stefan Schmortte

Dem ersten Buch eines neuen Jahres kommt für mich große Bedeutung zu. Fast schon abergläubisch wähle ich es ganz bewusst aus, weil dieses erste Lesen für mich Signalwirkung hat und wegweisend ist. Diesmal sollte es ein historischer Roman sein. Ein Buch mit möglichst unverbrauchtem Thema, literarischem Neuland und einer Story, die geeignet erschien, mich in mein literarisches Universum 2018 zu katapultieren. Ich entschied mich für ein Debüt. Autor neu, Inhalt neu, Jahr neu. Was wollte ich mehr? Es ist ein fast heiliges Ritual, dieses erste Buch besonders zu zelebrieren.

Die Enthüllung der Welt“ von Stefan Schmortte, erschienen im Lago Verlag, sollte es sein. Das 17. Jahrhundert klang als Ziel meiner Zeitreise mehr als interessant und das Kernthema des Romans war mir bisher in gebundener Form noch nicht begegnet. Die Geschichte des Mikroskops. Im Kleinen das Große erkennen. Expeditionen in eine unentdeckte Welt, ohne die eigenen vier Wände verlassen zu müssen. Entdeckungen von großer wissenschaftlicher Tragweite in einer Zeit, in der sich die Gelehrten der Welt noch darum stritten, ob unsere Erde sich wirklich dreht. Eine Zeit, in der die Aufklärung den Ansichten der katholischen Kirche diametral entgegenstand und man als Forscher riskieren musste nicht nur seinen Ruf, sondern auch das Leben zu verlieren.

Die Enthüllung der Welt von Stefan Schmortte

In genau diese spannende Zeit wollte ich mich hineinlesen. Historisch fundiert und authentisch musste es sein. Und die Protagonisten sollten mich an sich binden. Gefühle wecken. Eine besondere geschichtliche Epoche mit ihrem Leben füllen und mich zum Wegbegleiter erwählen. Ja, Ansprüche an einen Roman können sehr hoch sein. Ich will es hier vorwegnehmen. Ich habe die beste Entscheidung meines Lesens getroffen. Es war ein grandioser Start ins Lesejahr 2018 und ich werde dieses Buch so schnell nicht vergessen, weil es in jeder Beziehung alles hielt, was ich mir von ihm versprach! Es ist spannend, emotional, unvorhersehbar, fundiert und wirkt wie aus der Zeit gefallen, weil es einen atmosphärischen Bogen spannt, der literarisch außerordentlich tragfähig ist.

Nur eines ist Die Enthüllung der Welt sicher nicht. Ein historischer Roman. Weg mit den Schubladen, hinfort ihr Klischees! Hier betritt ein Autor das literarische Parkett, der wie sein fiktionaler Protagonist Piet van Leeuwen der allzu dogmatischen Sicht der tradierten Kategorisierung des Denkens entgegentritt und sich von allen Zwängen löst. Stefan Schmortte verweigert sich der einfachen Einordnung, dem Schubladendenken des Mainstreams. „Die Enthüllung der Welt“ ist ein brillant erzählter Roman. Ich habe es mit einer Geschichte zu tun, die mir an einem Lagerfeuer erzählt werden könnte. Sie lebt von den Charakteren, die frei erfunden sind und doch so lebendig wirken, als hätte es sie wirklich gegeben. Dies ist kein historisch wissenschaftlicher Roman, der sich bei genauer mikroskopischer Betrachtung vermessen lässt. Dies ist eine tolle Geschichte.

Die Enthüllung der Welt von Stefan Schmortte

„Es war noch sehr früh am Morgen, als in der niederländischen Stadt Delft, am Ende einer kopfsteingepflasterten Gasse nahe der alten Kirche, ein junger Mann in seinem Haus erwachte, der mehr als jeder andere seiner Zeit einen Blick für die Kleinigkeiten in der Welt besaß.“

Mit diesem ersten Satz im Roman lernen wir Piet van Leeuwen kennen. Ein junger Mann mit einem außergewöhnlichen Lebensweg in ungewöhnlich unruhigen Zeiten. In diesem ersten Satz erkennen wir schon, dass er über eine besondere Fähigkeit verfügt, die ihn von anderen Menschen seines Zeitalters unterscheidet. Er ist scharfsichtig wie kein Zweiter. Er erkennt mit bloßem Auge Details, die andere nicht mal mit einer Lupe sehen würden. Eine Gottesgabe, könnte man sagen. Wenn man es sich leicht machen wollte. Fluch und Segen, könnte man sagen, wenn man diese Gabe im Kontext seines Lebens betrachtet.

Denn jeder guten Gabe scheint Gott ein ebenso großes Leid an die Seite gestellt zu haben. Piet van Leeuwen ist kleinwüchsig, verunstaltet und eben genau nicht das, was sich seine Mutter als Sohn gewünscht hat. Sie schämt sich für ihn. Missgeburt und Schande. Worte, die seine ganze Kindheit begleiten. Als sein Vater Selbstmord begeht entsorgt man den kleinen Piet mit Hilfe der Kirche in ein Kinderheim. Weg mit ihm. Aus den Augen aus dem Sinn. Die brutale Erziehung und ständige Misshandlungen härten Piet für sein Leben ab. Flucht ist sein einziger Ausweg. Seine Augen sind sein einziger Trumpf. Die letzte Botschaft seines Vaters wird zum Lebensmantra…

Die Enthüllung der Welt von Stefan Schmortte

„Wer für das Allerkleinste im Leben ein Auge hat, wird das Allergrößte in seinem Leben erreichen!“

Mit seiner Scharfsichtigkeit öffnet er den Menschen in seinem Umfeld die Augen. Piet van Leeuwen geht seinen Weg. Einen Weg, der von Neugier und Liebe geprägt ist. Einen Weg, der das Unsichtbare sichtbar werden lässt. Wenn schon das bloße Auge in der Lage ist, Dinge zu sehen, die eigentlich unsichtbar sind, was könnte man da noch entdecken, wenn man die eigene Sehkraft verstärken würde? Diese Frage führt ihn zur Suche seines Lebens und damit in seine kleine Werkstatt und zu seiner Apparatur, mit der er erstmals Dinge beobachten kann, die dem menschlichen Auge verborgen waren.

Mit diesem ersten Mikroskop tritt er eine Kette von Ereignissen los, die sein Leben verändern. Er muss um sein Leben fürchten, da seine Beobachtungen im Widerspruch zur Kirchenlehre stehen. Er erlangt wissenschaftlichen Ruhm, indem er von Menschen unterstützt wird, die der Aufklärung im 17. Jahrhundert den Weg bereiten. Er hat gegen den Aberglauben der Zeit zu kämpfen und gegen die Stadt in der er lebt. Die Heimkehr nach Delft, die Stadt aus dem man ihn als Kind vertrieb, erweist sich als fatal. Nicht nur wegen der vermeintlichen Scharlatanerie des Unsichtbaren, sondern wegen der Liebe seines Lebens, die Piet nach Delft gefolgt ist. Eine Jüdin, die er aus einem Hurenhaus in Amsterdam freigekauft hat. Als hätte er nicht Probleme genug.

Die Enthüllung der Welt von Stefan Schmortte – Der Lesestein

Stefan Schmortte lässt uns sehen, was sonst niemand sieht, er lässt uns fühlen, was niemand fühlt und er lässt uns erleben, was wir niemals selbst erleben wollen. In jeder Enthüllung seines Romans liegt ein eigener Weg verborgen. Freunde und Feinde von Piet van Leeuwen werden zu unseren Wegbegleitern. Wir versinken in Abgründen kirchlicher Dogmatik, verzweifeln an abstrusen wissenschaftlichen Fehldeutungen und kämpfen mit dem einzigen Freund seines Lebens auf hoher See ums Überleben. Es ist unfassbar facettenreich, was wir auf diesen 550 Seiten erlesen dürfen. Es ist ein Lesen voller Emotion und Zuneigung zu Piet und Carla. Es ist ein Lesen, geprägt von Zweifel und Erkenntnis. Ein Lesen, das so lesenswert ist, wie man es sich nur wünschen kann.

Am Scheideweg der „Enthüllung der Welt“ schreit uns der Autor eine Botschaft ins Leben, die „seinen“ Piet van Leeuwen zum großen Zweifelnden und Suchenden in der Literatur werden lässt. Wenn man das Allerkleinste im Leben zu wichtig nimmt, kann es sein, dass man das Allergrößte in seinem Leben verliert. Tragfähig ist der Roman. Tragfähig, seine Message. Er ist prädestiniert um das eigene Lesen zu feiern. Ich umgab mich mit Lesesteinen, Skizzen von Leonardo da Vinci, ich warf Blicke durch Lupen und versuchte doch das Größte nicht aus den Augen zu verlieren. Die Liebe. An der Seite von Piet van Leeuwen liest man die Welt mit anderen Augen.

Die Enthüllung der Welt von Stefan Schmortte

Stefan Schmortte, für mich ein Autor mit beachtlichem Potenzial. Ein Roman, der sich auf dem Buchmarkt nicht verstecken muss. Es war ein perfekter Lesestart in mein literarisches Traumjahr 2018. Wenn mich alle Bücher dieses Jahres so begeistern, ist mein Lesen ein Traum. Zelebriert euer Lesen… Es lohnt sich…

Die Enthüllung der Welt von Stefan Schmortte – Das Lesen zelebrieren

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4 Gedanken zu „„Die Enthüllung der Welt“ von Stefan Schmortte

  1. Hatte ich bis jetzt noch nicht auf dem Schirm. Aber ich befürchte, dass ich da wohl mal reingucken muss. Mein Lieber es ist noch nicht mal Februar 😉 Also bitte nicht übertreiben, ich werd sonst noch wahnsinnig 😉

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