Arno Schmidt – „Tina oder über die Unsterblichkeit“

Tina oder über die Unsterblichkeit von Arno Schmidt

„Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt.“

Berthold Brecht

Oft hört man diese Zeilen, wenn es darum geht, Verstorbener zu gedenken. Es ist ein tröstender Gedanke, den Brecht hier in die Welt gesetzt hat. Unabhängig von allem Religiösen liegt es in der Hand und im Herzen der Zurückgebliebenen, demjenigen der sie zurückgelassen hat zur Unsterblichkeit zu verhelfen. Ein Gedanke, der uns hilft mit Verlusten umzugehen. Ob die Idee jedoch auch denjenigen hilft, die ihr irdisches Leben hinter sich gelassen haben, kann nicht mit Sicherheit belegt werden. Wie sieht sie wohl aus, diese Zwischenwelt vor dem endgültigen Tod, in der wir die Verblichenen noch so lange an uns binden können, bis sie wirklich gehen dürfen? Fühlen sie sich dort wohl?

Viele literarische Betrachtungen wurden seit Homer zu dieser Zwischenwelt, dem Elysium verfasst. Auf diese Insel der Seligen  werden diejenigen Helden entrückt, die von den Göttern geliebt wurden oder denen sie die Unsterblichkeit schenkten. Wie sich die Helden dort fühlten? Auch das ist fraglich. Arno Schmidt (1914 – 1979), der große deutsche Schriftsteller, hat sich so seine eigenen Gedanken gemacht. Gedanken über eine Zwischenwelt  für besondere Helden, die nicht durch Götter dort festgehalten. Wir sind es, die das Endgültige verhindern. Wir halten fest. Ganz im Sinne von Brecht. Wir verleihen Unsterblichkeit. Doch zu welchem Preis…

Tina oder über die Unsterblichkeit von Arno Schmidt

Tina – oder über die Unsterblichkeit. Ein schmales Bändchen aus dem Insel Verlag mit atmosphärischen Radierungen und einem Nachwort von Eberhard Schlotter fand seinen Weg in die kleine literarische Sternwarte. Thomas Calliebe, Herzensfreund und Buchhändler meines Vertrauens, hat mit diesem Buch erneut beweisen, dass er genau weiß, welche Bücher bei mir Gedanken- und Gefühlsstürme auslösen. Geschenke, die ich selbst niemals aufspüren würde. Bücher, die mir nie begegnen würden. Welten, die ich nie erschlossen hätte, wäre da nicht Band Nr. 1387 aus der Insel Bücherei in mein Lesen getreten.

Hier schließt sich der Kreis von Brecht zu Homer. Hier werden Augen geöffnet und Gedankenstürme losgetreten. Hier werden die Perspektiven gewechselt und Horizonte erweitert. Hier wird das Unsterbliche bissig, satirisch überhöht und zur Bedrohung für jene, die alles wollen, nur eben nicht in einer Zwischenwelt festgehalten zu werden. Es ist ein literarischer Gewissensbiss, den mir  Arno Schmidt gerade hier versetzt, weil ich mitverantwortlich bin und mit genau diesen Worten, dieser Rezension einen Schaden anrichte, den ich nie wieder gutmachen kann. Dieser Artikel ist im Sinne dieses Buches ein Sakrileg an Arno Schmidt.  Und doch… ich kann nicht anders. Verzeihen Sie mir.

Tina oder über die Unsterblichkeit von Arno Schmidt

Man stelle sich bitte Arno Schmidts Elysium vor. Jene Zwischenwelt, in die er seine Leser hier an der Hand von Tina entführt. Sie liegt geradewegs unter Darmstadt. Richtig gelesen! Gut erreichbar mit einem Fahrstuhl in einer Litfaßsäule und mit Reiseführerin immer einen Besuch wert. Ein wenig verstörend vielleicht, in der Zwischenwelt auf ein Standbild für jemanden zu stoßen, dem wir hier oben – also in unserer Welt – nie eines errichten würden. Ein Denkmal für Omar, jenen nie genug zu verehrenden Brandstifter, der die Bibliothek von Alexandria in Flammen aufgehen ließ. Bücherverbrennung wird hier zum heilsbringenden Mythos erhoben. Warum, das wird uns schnell klar.

Hier sind sie gefangen, die Schriftsteller und Autoren, die das Zeitliche gesegnet haben. All jene, die verstorben und doch nicht gänzlich tot sind, weil ihnen der Zugang zum endgültigen Nichts noch verwehrt wird, weil sie in der realen Welt nicht vergessen wurden. Denn hier unten gilt nur eine Regel:

„Jeder ist so lange zum Leben hier unten verdammt,
wie sein Name noch akustisch oder optisch auf
Erden oben erscheint.“

Das heißt im Klartext, in Ruhe tot sein darf nur derjenige, der auf Erden unerwähnt ist. Befindet sich noch ein einziges Werk eines verstorbenen Autors im Handel, wird er posthum in Anthologien veröffentlicht, in Vorworten anderer Bücher zitiert oder gar von einem Verlag neu verlegt, so war es das mit dem Abschied aus der Zwischenwelt. Erst wenn man aus den Buchhandlungen, Archiven, Bibliotheken und Bücherregalen dieser Welt verschwunden ist, darf man gehen. Erlösung. Insofern war die Bücherverbrennung von Alexandria ein wahrhaft großer Segen für viele der ewig hier Gefangenen.

Tina oder über die Unsterblichkeit von Arno Schmidt

Und hier kommen wir Rezensenten, Blogger und Literaturliebhaber ins Spiel. Was fällt uns eigentlich ein noch länger über die großen Klassiker zu schreiben? Warum sind wir dazu verleitet, längst verblichene Autoren zu zitieren, sie zu erwähnen und ihnen so den Weg ins Nichts zu verbauen. Man stelle sich nur vor, ein Schriftsteller hätte es fast geschafft. Kurz vor der Erlösung kommen wir daher und verewigen ihn in einem Artikel, weil wir wieder eine Bücherkette aufgespürt haben, die ihn mit einschließt. Und schon war es das mit der himmlischen Ruhe und dem endgültigen Verschwinden. Der arme Goethe wird wohl niemals frei sein. Und ich selbst habe noch vor wenigen Tagen dafür gesorgt, dass sich Herman Melville im Zwischenreich noch ein wenig länger häuslich niederlassen darf. Oder muss.

Arno Schmidt hat eine Eintrittskarte für seine Leser. Wir müssen nur Tina folgen, mit ihr in den Fahrstuhl steigen und die Unterwelt besuchen. Sie wird uns alles zeigen, sie wird uns erklären auf wen wir hier treffen und was es bedeutet, hier auf Erlösung zu warten. Nur eines sollte uns dabei besser nicht passieren. Wir sollten uns nicht in Tina verlieben. Genau das passiert dem Erzähler dieser Geschichte. Er empfindet mehr, als er eigentlich empfinden sollte. Keine gute Idee, denn Tina ist eine fast Unbekannte. Sie ist fast vergessen, wird nicht mehr veröffentlicht, gelesen oder zitiert. Sie hat es schon fast geschafft. Und dann kommt er… und verliebt sich. So ein Pech.

Tina oder über die Unsterblichkeit von Arno Schmidt

Hochemotional endete für mich das Lesen. Unsterblich ist und macht dieses kleine Buch. Inspirierend und betörend verlief meine Begegnung mit Tina. Sie zu erkennen ist magisch, sie zu vergessen unmöglich, sie zu halten schwer. Es gab nur einen Weg. Ich bin dankbar, dass Arno Schmidt ihn gewählt hat. Selbst riskierend, dass wir auf dieser Welle weiterreiten, ihn rezensieren, das Buch kaufen, es bewahren und daraus zitieren. Ich liebe dieses in mir erzeugte Bild, jemanden aus dem Vergessen zu befreien, um ihn lieben zu können. Ich liebe die Bilder von Eberhard Schlotter, weil seine Radierungen den Text umfließen, wie Tina ihren Besucher umfließt. Unwiderstehlich. Geheimnisvoll und zart. Der Notausgang wird unerreichbar.

Das Nachwort des Künstlers Eberhard Schlotter ist persönlich und bewegend. Es verdeutlicht, warum es ihm ein Anliegen war, genau dieses Büchlein zu illustrieren. Es zeigt, wie sehr er sich der Wucht seiner Bilder bewusst ist. Und ganz nebenbei erzählt er seine persönliche Geschichte, die ohne Insel Bücherei nicht denkbar wäre. So ende ich hier wissend, dass ich in vielfacher Hinsicht des Sakrilegs schuldig bin. Aber glaubt mir. Ich würde ewig schreiben, um ewig lieben zu dürfen. Nur um diesen Moment nicht zu vergessen:

„Gefällt übereinander. Ihr Haar hing von meinem Kopf.
Unsere Atemkolben stießen breiter hervor.
Geklebt: »Achdu«“

Tina oder über die Unsterblichkeit von Arno Schmidt

Wenn Sie dieses „Achdu“ gerne hören wollen, folgen Sie mir zu meinem PodCast für Literatur Radio Bayern. Hier geht´s zu meiner Rezension fürs Ohr.

Dieser PodCast ist ein Sakrileg am Autor, aber ich konnte nicht anders!