„Nick Cave – Mercy on me“ von Reinhard Kleist

Nick Cave – Mercy me von Reinhard Kleist

Was, wenn ein Buch augenscheinlich für eine bestimmte Zielgruppe geschrieben wurde und ich mich ganz sicher nicht zu dieser Gruppe zähle? Finger weg? Links liegen lassen und nicht beachten? Was aber, wenn genau dieses Buch von jemandem verfasst und illustriert wurde, der mein Lesen schon mehrfach bereichert hat? Schwere Entscheidung? Vielleicht! Nicht jedoch, wenn es sich um Reinhard Kleist handelt, weil er mich schon mit „Ein Maler zieht in den Krieg“, „Der Traum von Olympia“ und „Das Böse kommt auf leisen Sohlen“ nachhaltig beeindruckt hat. Wort- und bildgewaltig ist er in mein Leben getreten, hat der verzweifelten jungen Olympiahoffnung Samia Yusuf Omar, meinem Lieblingsmaler Franz Marc und einem Klassiker von Ray Bradbury mit seinen Werken neues Leben eingehaucht und nun bin ich in vielerlei Hinsicht von „Nick Cave“ überwältigt, weil die Graphic Novel aus dem Hause Carlsen Verlag mit mehr als 320 großformatigen Seiten das wohl umfangreichste Buch von Reinhard Kleist ist.

Nick Cave – Mercy me von Reinhard Kleist

Nick Cave. Mercy on me.” Ein verheißungsvoller Titel, da ich mich auch ein wenig nach Gnade sehnte. Oder sollte ich besser sagen „Shame on me“, weil mir der Name gar nichts sagte. Ein klassischer Fall von Bildungslücke oder selektiver Wahrnehmung, wie sonst sollte ich mir erklären, dass dieser Musiker bisher nicht auf meiner Playlist in Erscheinung getreten ist. Nick Cave. Ich musste doch tatsächlich Wikipedia bemühen und erst nach einer ersten Recherche erinnerte ich mich dunkel an ein Duett mit Kylie Minogue. „Where The Wild Roses Grow“. Ja, das sagte mir was, aber scheinbar war es so, dass ich 1995 eher auf die Sängerin geachtet habe, als auf den zotteligen Punk an ihrer Seite.

Allerdings konnte ich mich noch gut an das emotionale und traurige Musikvideo über die Vergänglichkeit der Schönheit und des Lebens erinnern. Warum jedoch sollte ich mich der Graphic Novel widmen, wenn mir schon der Name des Sängers gar nichts sagte? Konnte ich denn überhaupt verstehen, was Reinhard Kleist hier illustriert und geschrieben hatte? Ich zweifelte zwar, ließ mich aber doch auf das hochwertig und aufwendig gestaltete Buch ein. Nein. Ich kann nicht nein zu Reinhard Kleist sagen. Und so begegnete ich Nick Cave zum ersten Mal in meinem Leben in einem Buch. Nicht auf der Bühne oder in einem Musikalbum, nicht auf meiner Playlist und schon gar nicht rein akustisch. Der erste Zugang zu einem Menschen, der so durch seine Musik geprägt ist, war ein optischer. Konnte das gutgehen?

Nick Cave – Mercy me von Reinhard Kleist

Es hat dann ein wenig gedauert, bis mir klar war, was Reinhard Kleist mit meinen Sinnen veranstaltete. Allerdings wirklich nur ein wenig, denn dann surfte ich auf einer Welle, die ich musikalisch noch nie zuvor bewältigt hatte. Ich sah die Musik von einem Musiker, ich las sie und ich wurde in sein Leben entführt, das nun in allen Facetten vor mir ausgebreitet wurde. Diese Graphic Novel ist die Playlist einer Karriere, der es nicht an tiefgründigen Lyrics fehlt. Dieses Buch rockt sich in die Seele der Leser, weil es auf jeder Seite einen anderen Rhythmus vorgibt. Mal sanft, dann wieder rebellisch und am Ende fast schon versöhnlich sentimental. Ein Buch, das man hören kann, wenn man es zulässt. Ich habe es zugelassen und bin dankbar dafür.

Nick Cave – Mercy me von Reinhard Kleist

Reinhard Kleist schreibt und illustriert eine Hommage an seine Rock-Ikone, ohne sich dabei auf das Leben von Nick Cave zu stürzen. Biografisch ist das Buch sicherlich, aber die Perspektive ist außergewöhnlich. Wir nähern uns dem Sänger durch die Texte und Songs, die er schrieb. Wir lernen ihn durch die fiktionalen Figuren kennen, die von ihm besungen, ermordet, geliebt und vergöttert wurden. Und diese Protagonisten sind es, die Nick Cave mit ihrem Schicksal in der Musik konfrontieren. Beeindruckend, den Sänger mit jenem besungenen Killer zu erleben, den er auf den „Mercy Seat“, also auf den elektrischen Stuhl, komponierte. Emotional, das Schöne sterben zu sehen, weil es eben sterben muss. Eine Rose zwischen den geschlossenen Lippen, den Blick gerade erst gebrochen und im Wasser treibend. Kylie Minogue mit einem glanzvollen Auftritt.

Nick Cave – Mercy me von Reinhard Kleist

Am Beispiel Nick Cave beginnen wir uns in Künstler hineinzuversetzen, die nach neuen Wegen suchen, die einzigartig und anders sein wollen, die sich vom Mainstream und seinen Grenzen lösen wollen. Wir erleben Schaffenskrisen, Blockaden und Krisen. Die Bewusstseinserweiterung durch Drogen erscheint wie das Doping bei Sportlern. Im Wettstreit mit den Kreativen dieser Welt ist die neue Idee, der zündende Funke jeweils auch die Lebensversicherung ohne die auch ein Künstler nicht existieren kann. Extrem ist hier die Individualität. Und ohne Ego geht man unter. Nur so entstehen Ikonen. Und nur diese können die Welt verändern. Hier ist Nick Cave die Metapher für Kultur in ihrer reinsten Ausprägung. Trendsetter, Weltveränderer und Lifestyle-Prototypen leben ihre Genialität nicht in mathematischen Formeln und bürokratischen Schranken. Sie leben.

Nick Cave – Mercy me von Reinhard Kleist

Nick Cave – Mercy on me“ steht nicht allein für sich. Ein aufwendiges Artbook im Schallplattenformat begleitet die Graphic Novel. „Nick Cave & The Bad Seeds“ ist im Gesamtkontext der biografischen Annäherung an diesen Musiker nicht nur eine reine Werkstudie von Reinhard Kleist. Der Bildband zeigt vielmehr weitere Details und auch Portraits, Lebensmomente und illustrierte Hintergründe zum Leben von Nick Cave. Es sind Bücher, die sich komplementär ergänzen und meiner kleinen Bibliothek der Werke von Reinhard Kleist sehr gut zu Gesicht stehen. Aus diesen Spiegelscherben eines Sängers wird ein Spiegelkabinett mit eigenem Sound. Das Songbook eines Lebens.

Nick Cave – Artbook von Reinhard Kleist

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