„Der Weg des Bogens“ – Zielgenau mit Paulo Coelho

Paulo Coelho – Der Weg des Bogens

Kyūdō. Das klingt nach alter japanischer Kampfsportart, ist aber meilenweit davon entfernt, obwohl die Bewaffnung des Kyūdō-Schützen martialisch anmutet. Bogen und Pfeil sind seine Wegbegleiter und doch gleicht der Bewegungsablauf beim Schießen in Gänze eher einem zeremoniellen Akt, als einer sportlichen Betätigung mit kämpferisch anmutendem Hintergrund. Unterstrichen wird dies durch die eindrucksvolle traditionelle Bekleidung des Schützens, die ihn ohne Rüstung in Rock (Hakama) und Bluse (Gi) fast schutzlos erscheinen lässt. Fremdartig wirkt dieser kontemplativ zeremonielle Sport auf westliche Betrachter und es macht doch neugierig, was sich hinter all dem verbirgt.

Paulo Coelho entschlüsselt in seinem Buch Der Weg des Bogens zwar nicht die Hintergründe des Kyūdō, aber er transferiert die im Verborgenen zelebrierten und seit Jahrhunderten gehüteten Geheimnisse so, dass wir sie nicht nur verstehen, sondern in unser tägliches Leben übertragen können. Es ist nicht spirituell oder religiös, dient nicht der Kontemplation oder gar der Selbstfindung auf dem Jakobsweg, was Coelho uns mit dem an sich schmalen Text ins Leben schreibt. Sein Buch kann dazu beitragen, Lehren aus einem fremden Kulturkreis mit unseren Ansichten in Einklang zu bringen und dabei Fremdes nicht mehr fremd erscheinen zu lassen.

Paulo Coelho – Der Weg des Bogens

Der Weg des Bogens, übrigens die wörtliche Übersetzung des Begriffes Kyūdō, erzählt die Geschichte eines japanischen Jungen, der im Tischler seiner Stadt durch puren Zufall einen wahren Kyūdō-Meister erkennt. Tsetsuya lebt ein unauffälliges und bescheidenes Leben, niemand sah ihn zuvor mit einem Bogen, bis ein Fremder ihn zu einem Wettkampf herausfordert. Erst in diesem Moment erkennt der Junge, dass hinter dem bescheidenen Tischler eine der größten Kyūdō-Legenden des Landes verborgen ist. Was liegt da näher, als genau ihn darum zu bitten, sein Schüler werden zu dürfen?

Hier sind wir Leser mit dem Jungen auf Augenhöhe. Vielleicht haben wir schon mal einen solchen japanischen Bogenschützen gesehen und uns über das Zeitlupentempo seines Bewegungsablaufes gewundert, vielleicht haben wir uns schon mal gefragt, wie man so überhaupt sein Ziel treffen kann. Vielleicht haben wir es mit Tai-Chi verglichen, jenem inneren Schattenboxen, das viele Japaner ohne jeden Gegner zelebrieren. Und doch liegen viele Wahrheiten in der inneren Auseinandersetzung mit sich selbst, seinen Fähigkeiten und den unveränderbaren äußeren Rahmenbedingungen, die das eigene Leben beeinflussen.

Paulo Coelho – Der Weg des Bogens

Paulo Coelho gelingt mit Worten, was unsere Augen nicht leisten können. Er lässt uns in eine traditionelle und rituelle Reflektion eintauchen, in der die Einheit von Bogen, Pfeil und Ziel nur entstehen kann, wenn der Mensch in Balance ist. Dieser Balanceakt beruht auf Erkenntnis und Demut. Tugenden, die uns heute schnell verlorengehen und die schwer wiederzuerlangen sind. Wir sollten diesem wundervoll illustrierten Buch aus dem Hause Diogenes einfach vertrauen. Offenen Herzens, ohne Vorbehalte und voller Neugier auf das Unbekannte dem Wort und der Weisheit Tsetsuyas folgen und dessen Worte auf uns wirken lassen. Zitate pflastern immer den Weg von Paulo Coelho. Doch mir persönlich bleibt diesmal ein wenig mehr.

Im tiefen Dialog mit Coelhos „Handbuch des Kriegers des Lichts“ entwickelt „Der Weg des Bogens“ eine literarische Dynamik, die nicht entschleunigt oder reinigt, sie inspiriert durch die Komplexität der Gedanken, die pfeilschnell und zielsicher treffen. Es wird schnell klar, dass ein Krieger des Lichts besser durch Leben kommt, wenn er auch den Weg des Bogens verinnerlicht hat. Übung schult das Auge und die Hand. Und doch führt sie nicht zu Routine, denn es gilt dem Alltäglichen und Unbedachten zu entsagen, um bei vollem Bewusstsein und konzentriert die richtigen Ziele anvisieren zu können. In wenigen und hochkonzentriert gebündelten Worten ohne jede Ausschweifungen ist das Buch so japanisch, wie man es sich nur wünscht. Es schmiegt sich an meine Bibliothek der Bücher an, die ihre Weisheiten aus diesem Kulturkreis schöpften. Japan.

Paulo Coelho – Der Weg des Bogens

Es ist immer wieder Japan, das mich in der Literatur fasziniert. Es sind Traditionen, Werte und eine ganz besondere Lebensphilosophie, die sich wie ein roter Faden durch jene Bücher zieht, die mich mit Japan verbinden. Ich bettete mein müdes Haupt auf das „Kopfkissenbuch„, faltete Papier-Kraniche mit „Herr Origami„, durchbrach auf meiner Suche nach echter „Seide“ die Seeblockade um Japan und erlebte mit „Sadako“ einen wahren Meilenstein gegen das Vergessen der Opfer von Hiroshima. Und doch hat auch gerade Paulo Coelho gezeigt, dass er nicht nur mit Lebensweisheiten brillieren kann. In „Die Spionin“ zeigt er eine ganz andere Seite seines Schreibens. Biografisch nähert er sich Mata Hari und wer nicht weiß, wer diesen Roman geschrieben hat, würde nicht auf Coelho als Verfasser kommen. Auch hier sind es die Zitate, die sich einprägen. Tief.

Es sind wie immer die wichtigen Zitate, die am Ende des Lesens vom gemeinsamen Weg mit Paulo Coelho bleiben. Viele Zitate, die selbsterklärend sind. Andere, die man sich hart erarbeiten muss und einige, die so sehr polarisieren, dass man sich an ihnen reiben kann. Das ist Literatur… Das ist Coelho

Paulo Coelho – Der Weg des Bogens

Das macht ihn auch blogübergreifend so interessant. Er löst mit wenigen Worten in unterschiedlichen Menschen verschiedene Assoziationen aus. Es ist, als schriebe er in einer universellen Sprache, die keiner Übersetzung bedarf. Coelho kann sich auf seine Leser verlassen, da sie seine Worte richtig zu deuten wissen. Als Beweis für die These verweise ich einfach nur auf Literatwo. Ein Blog des Lichts, der den Bogen raus hat.

Danke für den japanischen „Schnee“ zum Bogen. Eine Lachenweinenlawine.

Der Weg des Bogens und Schnee – Von Blog zu Blog

So schließt sich mit dieser einhundertsten Buchvorstellung 2017 der Kreis eines ganz besonderen Lesejahres. Wie könnte man ein solches Traumjahr besser enden, wie es besser in ein neues übergleiten lassen, als mit einem gespannten Bogen aus der Feder von Paulo Coelho. Der Bogen ist das Synonym meiner Leidenschaft für die Welt der Literatur und der Pfeil steht für jedes Buch, das mich einerseits trifft, das ich mit der kleinen literarischen Sternwarte allerdings sofort wieder in die Sehne einlege und auf ein neues Ziel abschieße. Seid ihr dieses Ziel, ist es meine eigene Suche nach dem Buch der Bücher oder ist es letzlich gar nicht so wichtig? Suchen wir doch gemeinsam nach Antworten. Leb` wohl 2017, du warst ein erlesenes Jahr und herzlich willkommen 2018.

Ich hab´ dich im Visier...

Paulo Coelho – Der Weg des Bogens – Das neue Jahr im Visier

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3 Gedanken zu „„Der Weg des Bogens“ – Zielgenau mit Paulo Coelho

  1. Pingback: „Was wichtig ist“ – Eine Rede von J.K. Rowling | AstroLibrium

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