Raquel J. Palacio – „WUNDER“ – Vom Buch zum Film

Wunder – Raquel J. Palacio – Vom Buch zum Film

Manchmal werden Literaturverfilmungen gar nicht mehr als solche wahrgenommen, weil die Romanvorlage zum Film schon lange zurückliegt, oder nicht die Zielgruppe von Lesern erreicht hat, die nun die Kinokassen stürmen. Im Januar werden jedenfalls viele Menschen einen neuen Film bestaunen, auf den ich eigentlich schon seit Jahren warte. Raquel J. Palacio veröffentlichte 2012 ihren Roman „Wunder“, der das Schicksal von August Pullman in den Mittelpunkt stellt. Einen Jungen, der aufgrund eines Gendefekts stark entstellt ist. Das Jugendbuch trat gegen Ausgrenzung und gezieltes Mobbing an, erfreute sich großer Beliebtheit und doch werden viele Erwachsene den Film nicht mit einem Buch in Einklang bringen. Grund genug für mich, eine Retrospektive auf diesen außergewöhnlichen Roman zu wagen und mich mit gutem Gefühl ins Kino zu setzen.

Mit Julia Roberts hat Regisseur Stephen Chbosky die Bestbesetzung für Auggies Mutter gefunden. Hier kann sie alle Facetten einer kämpferischen, verzweifelten und oftmals auch hilflosen Mutter abrufen, die auf der Gratwanderung zwischen Bemuttern, Behüten und Umsorgen nun den Schritt in die harte Realität mit ihrem Sohn gehen will. Die Konfrontation mit einem entstellten Kind stellt die Umwelt vor eine Herausforderung, der sie kaum gewachsen scheint, „Wunder“ trägt seinen Namen zu Recht, weil Auggie die Welt verändert. Jacob Tremblay brilliert in der Rolle von August. Der Schauspieler ist bekannt aus der Verfilmung von Emma Donoghues Roman „Raum“. Schon hier hat er als der kleine Jack Newsome, der in absoluter Isolation mit seiner Mutter aufwächst, geglänzt. Auch für „Wunder“ wurde er bereits für die Critics Choice Movie Awards als bester Jungschauspieler nominiert.

Lasst euch den Film nicht entgehen und vielleicht werft ihr einen Blick ins Buch, bevor ihr ins Kino geht, oder auch danach. Wunder ist es wert, gemeinsam mit jungen Menschen gelesen und gesehen zu werden. Ich möchte euch Auggie gerne ein wenig näher vorstellen…  Ich sehe ihn oft vor mir, wenn ich an das Buch denke…

Wunder – Raquel J. Palacio – Vom Buch zum Film

Ich sehe einen Jungen, der gerade mal zehn Jahre alt ist. Ich sehe einen Jungen, der nur einmal im Jahr befreit durchs Leben gehen kann. Ohne Angst gehänselt  zu werden und ohne Furcht, dass Menschen die Straßenseite wechseln, nachdem sie ihn sehen. Halloween. Der Tag, an dem sich alle Kinder verkleiden, sich hinter gruseligen Masken verstecken, nach „Süßem oder Saurem“ verlangen und sich diebisch freuen, wenn man entsetzt die Augen verdreht. Dieser Tag ist der schönste Tag des Jahres für August, weil er ohne Verkleidung den gleichen Effekt erzielt.

Ich lese die Worte des Jungen, der gerade mal zehn Jahre alt ist. Sie sind an mich gerichtet und er versucht mir meine Berührungsangst zu nehmen. Er spricht zu mir und ich höre ihm gebannt zu, da ich ahne, dass die Worte mich tief bewegen werden. Über sich selbst sagt er nur:

Ich heiße übrigens August. Ich werde nicht beschreiben, wie ich aussehe. Was immer ihr euch vorstellt – es ist schlimmer!“

Wunder – Raquel J. Palacio – Vom Buch zum Film

Ich folge diesem Jungen, der gerade mal zehn Jahre alt ist. Seine Eltern haben für ihn beschlossen, dass er trotz seiner genetisch bedingten Gesichtsdeformationen nun endlich eine richtige Schule besuchen muss. Den nächsten Schritt in ein Leben, in eine Zukunft der Normalität – dies ist ihr Ziel und auch August möchte diesen Schritt gehen. Denn hinter der verunstalteten Fassade ist er intelligent, liebenswürdig und hilfsbereit.

Ich erlebe ein Umfeld, das unnachgiebig nach Außenseitern sucht und einen solchen in August findet. Ein geborenes Opfer, das man gerne ausgrenzt – zumal man ja selbst unsicher ist, wie man einem Jungen begegnen soll, dem man nicht in die asymmetrisch angeordneten Augen schauen kann. Jemand, den man gut herumschubsen und leicht quälen kann – weil man es nicht besser weiß. Ich fühle „Auggies“ Schmerzen, Zweifel und die Zerrissenheit angesichts der Richtigkeit seines Weges. Ich ziehe mich heulend mit ihm zurück.

Wunder – Raquel J. Palacio – Vom Buch zum Film

Spätestens an dem Tag, als jene, die es besser wissen müssten (die Eltern seiner Mitschüler) sein Gesicht auf dem offiziellen Klassenfoto wegretuschieren, bricht in mir die blanke Wut aus. Spätestens an diesem Tag bricht die Welt meines neuen Freundes „Auggie“ haltlos in sich zusammen, da er realisieren muss, dass sein Traum von einem normalen Leben wie eine Seifenblase platzt. Man lästert nicht nur hinter vorgehaltener Hand über ihn. Man schließt von seinem Äußeren auf sein Inneres und erklärt ihn zum hässlichen Menschen – zu einem Wesen, das in einer schönen Gemeinschaft wie ein Fremdkörper wirkt. Selbst jene, denen er vertraut, verraten ihn bitterlich.

Ich weine oft in dieser Zeit. Ich weine um Auggie und fühle seinen eigenen Schmerz. Bis jemand in sein Leben tritt, der ich im wahren Leben gerne wäre. Jemand, der ihn so annimmt, wie er wirklich ist. Jemand für den falsches Mitleid ein Fremdwort ist. Jemand der nicht aus geheuchelter Anteilnahme Interesse vorgaukelt, sondern ein Mensch, der zeigt was es heißt, sein Gegenüber ohne jedes Vorurteil wahrzunehmen.

„Ich heiße übrigens Summer. Wie heißt Du? August? Hey, unsere Namen passen gut zusammen. Wir können das hier zum exklusiven Sommer-Tisch erklären. Nur Leute mit Sommer-Namen dürfen hier sitzen… Gibt`s hier irgendwen, der June oder July heißt?“

Wunder – Raquel J. Palacio – Vom Buch zum Film

Und dann hört das Weinen auf – dann enden die Zweifel, denn es ist „Auggie“ selbst, der mir auf die Schulter klopft und meint, es wäre nun aber wirklich mal an der Zeit mit erhobenem Kopf der Realität ins Auge zu schauen. Wie kann ein nicht mal 10-jähriger Junge nur so stark sein? Wie kann er das nur? Raquel J. Palacio gelingt mit „Wunder“ ein wahres Wunder. Sie stellt nicht nur August in den Mittelpunkt des Romans, sondern erzielt mit den wechselnden Erzählperspektiven eine beeindruckende Wirkung.

Nicht nur von innen lernen wir „Auggie“ kennen. Nein – auch das Außen entzieht sich nicht. Seine ältere Schwester kommt zu Wort, die einerseits wie eine Löwin für ihn kämpft, sich andererseits lebenslang zurückgesetzt fühlt, da sich doch alle Planeten der Familie nur um diesen einen Fixstern drehen. All jene, die „Auggie“ ganz bewusst oder unbewusst verletzen werden eingeblendet und als gänzlich außenstehender Leser wird man in einen literarisch hochklassigen Mahlstrom aus Missverständnissen, Hilflosigkeit, purer Falschheit und selbstloser Empathie verwickelt.

Wunder – Raquel J. Palacio – Vom Buch zum Film

Raquel J. Palacio verleiht den Planeten des Sonnensystems „Auggie“ Gehör und allein durch diesen Kunstgriff erzählt sie keine von reinem Mitleid geprägte Geschichte, sondern nimmt uns Leser an die Hand und fragt nach jedem Kapitel ganz zart „Und Du? Was hättest Du getan?“ Und diese Frage stellt sie ohne jeden Vorwurf. Sie erhebt nicht einmal den Anspruch es selbst besser gemacht zu haben.

„Wunder“ ist ein Wunder von einem Buch. Eine Gesellschaft inmitten einer tiefen Debatte um gleiche Rechte für Menschen mit Handicap kann durch einen solchen Roman verändert werden. Familien können verändert werden, wenn man nur für sich selbst überlegt, was die Erkrankung eines Kindes, eines Bruders oder einer Schwester bedeuten kann. Dieser Roman kann uns verändern, da er menschliche Schwächen im Umgang mit solch außergewöhnlichen Erkrankungen nicht verurteilt, sondern lediglich zeigt, welche Folgen unbewusst und bewusst durch unser Verhalten und Fehlverhalten entstehen können.

Dies ist mit Sicherheit kein trauriges Buch für Leser von 10 bis 99 Jahren. Dies ist keine wehleidige Geschichte. „Wunder“ ist ein Roman, bei dem man ein Wunder erlebt. In jeder Beziehung des Lesens. Unverkitscht – ungeschönt und doch so sehr strahlend wegen der riesigen Portion Hoffnung, die „Auggie“ durchs Leben trägt. Ihr müsst diesen besonderen Jungen kennenlernen. Gebt ihm eine Chance, euch von seinem Leben zu erzählen und hört dabei seinen Verwandten und Freunden zu. Und begeht dabei nicht den Fehler, auch die falschesten aller Freunde zu verurteilen. „Auggie“ würde das auch nicht tun – niemals.

Am Ende dieses großen Romans solltet ihr bereit sein, „Auggie“ in sein eigenes Leben zu entlassen. Gute Autoren lassen ihre Protagonisten an dem Punkt ziehen, an dem sie davon überzeugt sind, dass sie es von da an selbst schaffen können. Ein Satz von Jennifer Benkau (Dark Canopy und Dark Destiny), den ich nicht vergessen werde. Er ist so wahr und zeugt von wahrer Größe. Aber glaubt mir, bevor ihr „Auggie“ alleine lassen müsst, werdet ihr Zeuge eines Finales, das diesem kleinen besonderen Jungen mehr als würdig ist.

“You are beautiful – no matter what they say” – Nur eine kleine unbedeutende Zeile eines weltbekannten Songs, könnte man wohl meinen. Die eigentliche Wahrheit dieser melodischen Botschaft geht tiefer – viel tiefer. „Du bist schön – egal was andere sagen“. Kein Song passt besser zu diesem Buch, kein Song passt besser zu „Auggie“ und kein Song ist ehrlicher als dieser.

Wunder – Raquel J. Palacio – Vom Buch zum Film

Entdeckt die Schönheit von Buch und Film. Vielleicht findet ihr euch sogar selbst!

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