„Mudbound – Die Tränen von Mississippi“ von Hillary Jordan

„Mudbound – Die Tränen von Mississippi“ von Hillary Jordan

Ich möchte gerne sofort zur Sache kommen. Ich mag nicht in epischer Breite darauf hinweisen wie intensiv ich mich lesend, denkend, fühlend und handelnd mit Rassismus in der Literatur und im wahren Leben auseinandersetze. Wer meinen Spuren folgt, wird die tiefen Eindrücke erkennen, die ich in Büchern zu diesem Thema hinterlassen habe. Als mir nun der Roman „Mudbound. Die Tränen von Mississippi“ von Hillary Jordan angeboten wurde, hat mich schon der Originaltitel der US-Ausgabe neugierig gemacht. Den tränenreichen und für mich überflüssigen Zusatz habe ich gleich vernachlässigt, da er dem Buch auch in der Rückschau nach dem Lesen nicht gerecht wird. Sprechen wir lieber von „Mudbound“.

Zeitgleich zur Ausstrahlung der Verfilmung des Romans bei Netflix begann mein Lesen. Ob ich mir die cineastische Adaption anschauen würde, war zu diesem frühen Zeitpunkt meiner Auseinandersetzung mit diesem Roman noch völlig offen. Primär war ich auf den Plot gespannt, da die Inhaltsangabe vermuten ließ, mehr als nur eine Story voller Klischees vorzufinden. Darüber hinaus schloss „Mudbound“ eine Lücke, die seit Mein Name ist nicht Freitag, Wer die Nachtigall stört und Gehe hin, stelle einen Wächter bis zu Ta-Nehesi Coates offenem Brief an seinen Sohn „Zwischen mir und der Welt“ klafft. Ein Zeitfenster zwischen der Abschaffung der Sklaverei und den ersten Bürgerrechtsbewegungen unter Martin Luther King. Wir befinden uns im Jahr 1946 und schauen uns den amerikanischen Süden nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges an.

„Mudbound“

„Mudbound – Die Tränen von Mississippi“ von Hillary Jordan

Es ist die Geschichte zweier Familien, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Es ist die Geschichte der offenen Rassentrennung und der nie verheilten Wunden, die durch die Abschaffung der Sklaverei geschlagen wurden. Es ist die Zeit klarer Hierarchien im Mississippi-Delta. Vereint sind beide Familien in der Verwurzelung mit dem Land. Was sie trennt sind die Besitzverhältnisse. Henry und Laura McAllen besitzen das Land auf dem Baumwolle angepflanzt wird. Sie haben das Sagen und beschäftigen Pächter, die ohne eigenen Grund und Boden für die McAllens arbeiten. Hap und Florence Jackson träumen ihren eigenen kleinen Traum, zukünftig unabhängig zu sein und selbst einmal ein Stückchen Land besitzen zu können. Für Afroamerikaner ein unmöglicher Traum…

Hillary Jordan verbindet die Geschichten der beiden Familien zu einem Sittenbild des amerikanischen Südens. Sie beschreibt Hoffnungen, Sehnsüchte und Grenzen. Sie lässt uns die Zerrissenheit hinter den Fassaden erlesen und zeigt alles, was hinter den Kulissen verborgen sein sollte. Laura McAllen hat sich dieses Leben ganz anders vorgestellt. Sie sollte in der Stadt wohnen. Behütet mit ihren Töchtern. Henry sollte nur zur Feldarbeit auf der Farm sein. Als alle von ihm vorgegebenen Pläne scheitern bleibt der Familie nur die heruntergekommene Farm zum Leben. Es bleibt der Matsch. Es ist einsam, abgelegen und unwürdig, so zu leben. Und es bleibt ihr, sich damit abzufinden, dass Henrys rassistischer Vater bei ihnen lebt und ihnen dieses Leben zur Hölle macht.

„Wenn ich an die Farm denke, denke ich an Schlamm… Man kam nicht gegen ihn an. Der Schlamm bedeckte alles. Ich träumte in Braun.“

„Mudbound – Die Tränen von Mississippi“ von Hillary Jordan

Für Florence Jackson hingegen ist das Land die Erfüllung ihres Traumes. Zukunft und Sicherheit sind eng mit der Existenz als Pächter verbunden. Und vielleicht kann die kleine Familie sich mehr aufbauen. Ein Unfall von Hap verschärft die Abhängigkeit  bis ins Unerträgliche hinein. Zwei Familien, ein Land, zwei starke Frauen, in deren Inneren gleich mehrere Kriege toben, prägen dem atemberaubend geschriebenen Roman ihren Stempel auf. Laura beginnt an ihrer Zuneigung zu Henry zu zweifeln, entwickelt immer mehr Abneigung gegen den Schwiegervater und träumt im Geheimen von einer Liebe, die alle Grenzen sprengen würde. Jamie, der Bruder ihres Mannes, ist Verheißung und Sehnsuchtsanker zugleich, weil er sie als Frau, nicht als Besitz, behandelt. Doch Jamie war als Kampfpilot im Krieg und von ihm fehlt jede Spur.

Florence hebt sich vom Frauen- und Rollenbild afroamerikanischer Klischees ab. Sie entspricht nicht der Vorstellung von der duldsamen Mommy, die sich mit allem nur abzufinden hat. Ihre Würde, ihr Stolz und ihre innere Auflehnung gegen den Rassismus machen aus ihr eine unglaublich starke Persönlichkeit. Einzig ihren Sohn Ronsel sehnt sie herbei. Von ihm verspricht sie sich die Rettung aus der Abhängigkeit. Er verkörpert alles, was ihrem Mann fehlt. Er ist das stolze Ebenbild seiner Mutter und er ist mehr als sie jemals erhofft hätte. Ronsel war im Zweiten Weltkrieg Kommandant eines Panzers, Sergeant und ausgezeichneter Held. Gegen alle Widerstände hat er in Europa gezeigt, was es heißt, für sein Land zu kämpfen.

„Mudbound – Die Tränen von Mississippi“ von Hillary Jordan

Mudbound, das Matschloch, ist der Dreh- und Angelpunkt eines Romans, in dem alles zu versinken droht. Die Spirale droht, alles mitzureißen, bis Jamie und Ronsel nach Hause kommen. Sie vereint, was alle Konventionen überwindet. Der gemeinsam geführte Krieg auf den Schlachtfeldern Europas. Sie freunden sich an. Sie haben nicht mehr nötig, Konflikten aus dem Weg zu gehen. Ronsel erlebt am eigenen Leib, was es bedeutet, als dunkelhäutiger Sergeant in die rassistische Heimat zurückzukommen. Es sind nur die Rückbänke im Bus, die ihm vorbehalten sind. Die Hintereingänge im Haus der weißen Geschäftsleute und das brave Akzeptieren der Diskriminierung. Mehr wird nicht von ihm erwartet. Mehr darf er sich nicht leisten. Und die Freundschaft zu einem Weißen ist eine Schande. Für beide zugleich.

Mit Jamie und Ronsel sprengt Hillary Jordan die Ketten dieses Romans. Hier wird die Geschichte völlig neu geschrieben und hier nimmt sie Fahrt auf. Eine Freundschaft, die es nicht geben darf, hat sich zu beweisen. Zwei Familien im Mahlstrom der Gefühle und Ereignisse drohen im Matsch des Mississippi-Deltas zu versinken. Hier ist es mehr als hart, der Geschichte zu folgen. Hier schreibt Hillary Jordan den Rassismus an die Wand, wie sie den Teufel nicht nur an die Wand malt. Hier werden Hass und Hautfarbe zur Zerreißprobe des Lesens. Florence und Laura werden zu den Augen eines Orkans, der Ronsel und Jamie zu zerstören droht. Nichts für zarte Gemüter. Nichts für jene, die sich nach Romantik sehnen. Nichts für Mainstream-Liebhaber. Was im Matsch beginnt, endet im Matsch und doch erhebt sich die Hoffnung in aller Sprachlosigkeit. Gepeinigt und stumm. Mehr sei hier nicht verraten. Literatur pur.

„Mudbound – Die Tränen von Mississippi“ von Hillary Jordan

Kann man diesen Klischee-Killer verfilmen? Kann man die Tiefe der Story und die Charakterzeichnung auf die Leinwand bringen? Ich musste das wissen und schaute mir „Mudbound“ auf Netflix an. Ich musste das sehen. Ich musste nach dem Lesen mit allen Sinnen erspüren, was der Film aus diesem Buch gemacht hat. Die Kritiken waren jedenfalls hervorragend. Die Auszeichnungen und Nominierungen für die Schauspieler schienen eine deutliche Sprache zu sprechen. Mehr als empfehlenswert, grandios und Meisterwerk, war überall zu lesen. Doch kann man diese Komplexität verfilmen? Was musste verdichtet werden und wo stößt das Medium Film an seine Grenzen? Oder war es andererseits vielleicht so, dass die Verfilmung mehr ist als eine übliche Adaption mit vielen inhaltlichen Mängeln?

Sehenswert. Das unterschreibe ich. Angemessen und beachtlich. Der Film wird in jeder Hinsicht dem Buch gerecht. Seine Schwächen liegen in den Aspekten, die kaum verfilmbar sind. Lauras innere Zerrissenheit, die Ängste, Zweifel und Gefühle wirken im Roman direkter auf den Leser ein, weil sie selbst zur Sprache kommt. Die Innenansicht ist dynamisch und intensiv. Im Film betrachten wir sie von außen. Die Enge, in der sie sich mit ihrem Schwiegervater zu arrangieren hat ist im Film spürbar. Im Roman ist sie sprachlich mit so starken Worten beschrieben, dass sie real zu schmerzen beginnt. Im Film finden sich viele originale Dialoge aus dem Buch. Untermalt durch brillante Musik erlangen die Worte auch hier eine besondere Wirkung. Und doch war mir Laura näher, als ich ihr lesend begegnete.

„Mudbound – Die Tränen von Mississippi“ von Hillary Jordan

Die Stärken des Films liegen in seinen technischen Möglichkeiten. Hier brilliert er auf allen Ebenen. Was im Buch durch Kapitel getrennt, zeitlich aber auf einer Ebene zu verstehen ist, wird in der Filmfassung durch grandiose Schnitttechnik zu parallelen und zeitglich laufenden Ereignissen, die hierdurch in ihrer Wirkung extrem verstärkt werden. Stürze vollziehen sich nicht durch Kapitel voneinander getrennt, sondern simultan. Ein Sturz von einem Dach geht einher mit dem steten Sinkflug eines Kampfflugzeugs und dem Sprung aus einem Panzer. Dieses Abwärtstrudeln fängt der Film in einer Sequenz ein, die unvergessen bleibt. In jeder einzelnen Rolle brillant besetzt, überzeugt der Film rein schauspielerisch in herausragender Art und Weise. Eine perfekte Besetzung.

Rundum eine gelungene Adaption und damit für mich eine der sehenswertesten Literaturverfilmungen meines Lebens. Und doch empfehle ich beides, weil Film und Buch sich in vielerlei Beziehung komplementär ergänzen. Ich verstehe den Film besser, weil ich gelesen habe. Ich verliebe mich erneut ins Buch, wenn den Film sehe. Sie sind als Symbiose zu verstehen und sollten nicht voneinander getrennt werden. Ein solches Gefühl habe ich selten am Ende von Buch und Film. Besonders dann, wenn sie sich in ihrem Ende, mit der letzten Klappe und im letzten Kapitel in einer wesentlichen Nuance unterscheiden.

Nein. Ich bin kein Freund von alternativen Endpunkten. Der Roman endet in vielen Perspektiven so komplex, wie er aufgebaut war. Facettenreich und voller Hintergründe. Mir war klar, dass dies im Film nur angerissen werden kann. Und doch endet das Buch mit einem Hoffnungsschimmer, den ich mir hoffnungsvoller gewünscht hätte. Ich liebe dieses Ende, weil es eben zum Roman passt, aber ich hatte so sehr auf etwas anderes gehofft. Im Film wurde mir dieses Ende mit einer letzten Szene geschenkt. Schaut den Film, lest das Buch und gönnt euch den literarisch cineastischen Luxus, vor dem Ende des Films das letzte Kapitel des Buchs ganz bewusst und laut zu lesen. Dann schaut euch das Ende des Films an. Ich weiß, welches Ende die Tränen fließen lässt. Ich weiß es so genau.

Vier besondere Oscar-Nominierungen 2018 würdigen diesen Film:

Mary J. Bilge ist in der bisher einmaligen Kombination für zwei Oscars nominiert. Als beste weibliche Nebendarstellerin und für den besten FilmsongMighty River„. Ein emotionales Statement gegen Rassismus…

Eine Nominierung gilt dem besten adaptierten Drehbuch nach der Romanvorlage von Hillary Jordan, womit die literarische Strahlkraft des Werks hervorgehoben wird.

Und nicht zuletzt ist mit Rachel Morrison erstmals eine Frau in der Kategorie beste Kamera nominiert.

Mudbound – Der Film und seine Oscar-Nominierungen

Das vermittelte Spannungsfeld eines dunkelhäutigen Soldaten im Einsatz für sein Land trotz aller Diskriminierung hat mich persönlich in meiner Haltung bestärkt. Die Grenzen kann man nur überschreiten, wenn man nicht alleine ist. Ich schrieb darüber und weiß immer noch sehr gut, warum ich kein Rassist bin. Auch das hat mit Hautfarbe zu tun.

„Mudbound“ von Hillary Jordan – Buch und Film