Büchlein wechsel Dich – Manesse legt neu auf

Manesse Bibliothek – Das neue Design

Stell Dir vor, Du hast Jahre damit verbracht, eine kleine feine Bibliothek im Reich Deines Lesens aufzubauen. Stell Dir vor, diese kleine Bibliothek sei einzigartig und so unverwechselbar, dass sie den Zeichen der Zeit widerstehen könnte. Ihr Design und die Inhalte wären so besonders, dass sie am Ende Deines Lesens auch gleichzeitig als ein Vermächtnis dienen könnte, das man seinen Liebsten gerne hinterlässt. Stell Dir vor, es wären ausschließlich Klassiker und sehr besondere Werke der Literatur, die sich hier in einheitlicher Größe und Gestaltung ihr Stelldichein geben würden. Und nun stell Dir vor, dass der Verlag, der für diese exquisite Auswahl mit seinem guten Namen steht, zu der Entscheidung gedrängt wird, all das über den Bücherhaufen zu werfen, was Dir so lieb und teuer erscheint.

Die Rede ist von der “Manesse-Bibliothek der Weltliteratur“. Der Verlag nimmt sich hierbei selbst in die Pflicht, indem er ein Ziel vorgibt, dem sich andere Verlage in dieser Deutlichkeit gar nicht mehr verschreiben in der heutigen Zeit. Es geht um

* Weltliteratur in attraktiver Ausstattung
* die ambitionierte Klassikervermittlung aus allen Kultursprachen und Epochen
* Romane, Lyrik und Erzählungen in Erst- und Neuübersetzungen

Manesse Bibliothek – Das neue Design

Um sich ein Bild vom Umfang dieser Weltbibliothek zu machen, muss man sich nur mal die Zahl der unterschiedlichen Werke vor Augen halten, die hier seit 1944 in einem weitgehend einheitlichen Design verlegt wurden. Es sind mehr als 600 unterschiedliche Werke von Moby Dick bis zu Jenseits von Afrika. Auch wenn es unmöglich erscheint, all diese Werke zu besitzen, so sind die „Kleinen Großen“ doch sicher in jeder privaten Bibliothek in einigen Exemplaren enthalten.

Und jetzt? Was sehen wir mit wachem Blick auf Buchmessen und im Buchhandel unseres Vertrauens? Das Design der Bücher hat sich verändert. Was vormals schon sehr bieder und uniform daherkam, wirkt jetzt poppig und bunt. Die Wesensmerkmale der althergebrachten Bibliothek der Weltliteratur sind nun auf dem Cover nicht mehr zu erkennen. Futsch ist sie, die geliebte Eintönigkeit der weißen Bücherarmee mit ihren so unterschiedlich gefärbten und im Cover fest eingedruckten Bauchbinden. So stehen sie in Reih und Glied im Bücherregal und vermitteln durch ihr Äußeres, dass man es hier in jeder Beziehung mit einer literarischen Elite zu tun hat. Keine Alltagsware. Mainstream, was ist das? Eigentlich ein Erfolgsrezept im schnelllebigen Büchermeer. Eigentlich ein absolutes Alleinstellungsmerkmal in Wertigkeit und Inhalt. Eigentlich zeitlos…

Manesse Bibliothek – Jenseits von Afrika (1986, 2014, 2017)

Und was haben wir draus gemacht! Ja, ich meine uns Leser! Wir finden die Bücher schön und lieben es, sie ein wenig zu sammeln. Wir staunen schon, wenn wir mehr als zehn von ihnen auf einem Fleck entdecken. Aber letztlich haben wir sie anscheinend in den letzten Jahren nicht mehr so intensiv eingekauft, dass es sich weiter lohnen würde, an ihnen festzuhalten. Die Wertschätzung dieser Bücher vollzog sich nur noch in immer kleineren Kreisen und die Kaufinteressen gerade jüngerer Leser ließen unsere kleinen Lieblinge links liegen. Und nun? Wundern wir uns und sammeln uns zum Protest?

Vereinzelt ja. Vereinzelt flammt Bestürzung auf. Man habe eine Lebenssammlung in Luft aufgelöst, weil die neuen Bände nicht mehr dazu passen würden. Doch was wäre, wenn Manesse diesen Paradigmenwechsel nicht eingeleitet, sondern einfach kapituliert hätte? Dann würde sich die Frage gar nicht mehr stellen, wie eine Klassiker-Sammlung fortgeführt werden kann. Der Buchhandel seinerseits sieht das neue Design als mutige und alternativlose Entscheidung, sind doch gerade die Büchertempel diejenigen, die in letzter Konsequenz den Einbruch der Verkaufszahlen unmittelbar zu spüren bekamen. Jetzt blickt man gemeinsam nach vorne, präsentiert die neuen Kleinen in eigenen und augenfälligen Displays oder lässt sie gemeinsam dekoriert für sich selbst sprechen. Ob wir Leser angesichts der spürbaren Konkurrenz durch kleinformatige Bücher zukünftig bereit sind, den wertigen Büchern der Manesse Bibliothek Wertschätzung entgegen zu bringen, das wird sich erst zeigen.

Manesse Bibliothek – Jenseits von Afrika

Wer nun allerdings denkt, wir hätten es hier nur mit einer rein optischen Zäsur zu tun, der sollte sich die neuen Werke auch inhaltlich genau anschauen. Die Bücher sind nicht nur einer äußerlich erkennbaren Schönheitsoperation unterzogen worden, es hat nicht nur ein paar neue Schutzumschläge gehagelt. Nein. Auch im Inneren der Bücher hat sich mit diesem programmatischen Wechsel einiges getan und man hat die Chance genutzt, Fehler zu beseitigen, die sich in der Vergangenheit eingeschlichen haben. Ein Beispiel gefällig? Nehmen wir einfach mal „Jenseits von Afrika“ von Tania Blixen. Ich kann mich noch gut an meine lebhafte Diskussion mit den Verlagsverantwortlichen auf der Leipziger Buchmesse erinnern.

Manesse Bibliothek – Jenseits von Afrika – Das ist kein Gebirge

Die Neuübersetzung aus dem Jahr 2014 hat mich verstört, weil hier schon mit den ersten Sätzen des Buches ein kleines Sakrileg begangen wurde. Aus dem bekannten und sowohl in den Altübersetzungen und in der Verfilmung verwendeten Original „Ich hatte eine Farm in Afrika, am Fuße der Ngongberge“ wurde nun ohne große Not die neue Einleitung „Ich hatte eine Farm in Afrika, am Fuße des Ngong Gebirges.“ Für viele Leser vielleicht nur eine Kleinigkeit, für mich jedoch ein großer literarischer Bruch, der mich sehr verunsicherte und mich des Vertrauens beraubte, ob diese Übersetzung dem Ursprungswerk noch gerecht würde, oder ob hier lediglich mit dem Dampfhammer gezeigt werden sollte, dass man den Text wirklich angepackt hatte. Die Begründung ist in der Art des Schreibens von Tania Blixen zu suchen. Sie schrieb ihre Bücher in einer ersten Fassung in englischer Sprache und übersetzte sie selbst ins Dänische.

Manesse Bibliothek – Jenseits von Afrika

Die Ngongberge sind in der englischen Fassung „Ngong Hills“ und im Dänischen die Bjerget Ngong. Auch wenn es weitere Fassungen von Tania Blixen gibt, nie sind diese, in europäischen Maßstäben flachen, Berge ein Gebirge. Für mich war dieser Cut in der Neuübersetzung einfach zu intensiv und vergriff sich an einem Zitat, das Leser in ihrem Herzen tragen, wenn sie an Tania Blixen denken. Und nun? In der Neuausgabe mit neuem Design? Hat sich was getan? Hat man die Chance genutzt? Ich kann meine Freude kaum in Worte fassen, aber aus dem Gebirge wurden wieder Berge. Afrika hat seine Ngongberge wieder und das Buch fühlt sich wieder so an, wie es sein soll. Mein Vertrauen ist wiederhergestellt, und das Buch selbst ist ein komplettes Kunstwerk voller Überraschungen.

Das Druckbild ist konturierter, dunkler und besser zu lesen. Das Vorsatzblatt passt hervorragend zum neuen Äußeren und die hohe Qualität in der Verarbeitung wird allen Ansprüchen und Erwartungen gerecht. Hier wurde nicht nur (neudeutsch) getuned, hier sind viele Überlegungen eingeflossen, die dieses Buch mit modernem Grafik-Cover zu dem machen, was es jetzt für mich ist. Einem Lebensbegleiter, der sich an meine erste Blixen-Ausgabe von Manesse aus dem Jahr 1986 anschmiegt. In einer Artikelserie bin ich mit vielen Büchern auf den dunklen Kontinent gereist. „Jenseits von Afrika“ ist hier der Startpunkt gewesen, die Mutter aller Bücher in der Reihe „Ich hatte einen Blog in Afrika“.

„Rosenlippenmädchen, leichtfüßige Jungs“

Manesse Bibliothek – Jenseits von Afrika

Ich werde mich einem weiteren Buch der Manesse Bilbliothek widmen, das ich mir aus gutem Grund auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse ausgesucht habe. “Drei Mann in einem Boot“ von Jerome K. Jerome liegt mir schon vor und 2018 wird dieses Werk in einer ungekürzten Hörbuchfassung bei Der Hörverlag mit der Stimme von Axel Milberg erscheinen. Dann werde ich mich ins Boot schwingen und die Themse lesend und hörend bereisen. Ich freue mich schon sehr auf diese Reise… Folgt mir?

Drei Mann in einem Boot – Lesen und hören…

Manesse als Trendsetter – Das kommt vor. Tiny House meets Tiny Book

Walden von Henry D. Thoreau - Astrolibrium - Tiny books

Walden von Henry D. Thoreau