„Die Geschichte der Bienen“ – Hörbuch-Chirurgie – Ein Exkurs

btb VerlagDie Geschichte der Bienen von Maja Lunde

Kann man Literatur berechnen, kann man ein Buch in Gold aufwiegen? Sicherlich nicht. Alleine der Gedanke, Bücher in ihrem monetären Gegenwert zu betrachten ist für wahre Liebhaber im wahrsten Wortsinn undenkbar und doch haben Bücher ihren Preis. Ich möchte hier nicht über den Wert der Literatur an sich philosophieren oder gar einen Diskurs zum Thema Buchpreisbindung lostreten. Und doch möchte ich rechnen. Ich bin hier in einem mathematischen Segment des Dreisatzes angelangt, den eigentlich jeder Buchliebhaber noch rudimentär beherrschen sollte. Und es geht hier um das weite Feld der literarischen Chirurgie bei der Produktion von Hörbüchern.

Das Spektrum der literarischen Chirurgie reicht, wie in der Medizin, vom minimal invasiven Eingriff bis hin zur Amputation. Zumindest, wenn wir von Hörbüchern und ihren unterschiedlichen Varianten sprechen, die uns im täglichen Leben begegnen. Es existieren ungekürzte Hörbücher, zumeist als Downloads bei audible, und ihre mehr oder minder stark gekürzten Geschwister, die zum Beispiel bei Der Hörverlag auf CDs angeboten werden. Dabei stammen diese Hörbücher aus derselben Produktion und wir finden lediglich verschiedene Fassungen zu unterschiedlichen Preisen vor.

Die Geschichte der Bienen von Maja Lunde

Wer jedoch käme auf die Idee, ein Buch mit unterschiedlicher Seitenzahl zu sehr verschiedenen Preisen anzubieten? „Lesen Sie Inferno von Dan Brown komplett für 20 Euro oder greifen Sie zur gekürzten Fassung für 13.99 Euro“. Nicht denkbar, oder? Bei Hörbüchern jedoch ist dies gängige Praxis und hier setzt die literarische Chirurgie ihre ersten Schnitte. Handelt es sich hierbei um Schönheitschirurgie oder haben wir es mit der brachialen Methode der rigorosen Amputation kompletter Handlungsstränge zu tun? Wo setzen die Redakteure im Studio mit ihrer Schere an, was ist nebensächlich in einem Roman und wie wird man der Verantwortung gerecht, ein Hörbuch auf den Markt zu bringen, das als eigenständiges Werk rezensiert und bewertet wird? Wird man dem Schriftsteller gerecht oder stutzt man ihn aus Kapazitätsgründen zusammen?

Und weil die Hörer nichts vom Umfang der Beschneidungen wissen, rezensieren sie das Werk, als hätten sie es in Gänze genossen. Wird diese Kritik dann dem Buch gerecht, das wesentlich mehr zu bieten gehabt hätte? Oder führt man nicht gerade das eigentliche Ausgangswerk ad absurdum, indem man klar dokumentiert, dass auch eine Kurzfassung ausreichen würde? Kann man sich das bei Kinofilmen vorstellen? Oder ist der chirurgische Eingriff wirklich so versiert und mit Bedacht zelebriert, dass es kaum ins Gewicht fällt, was hier verschlankt wurde? Bleiben wir doch nicht theoretisch. Lasst uns doch an einem Beispiel betrachten, was es bedeutet, einen Roman zu kürzen, wie sich dies auswirkt und in welche Dimensionen man vorstößt, wenn man es sich genau anhört. Hier lässt sich Literatur berechnen. Wir greifen zu:

Die Geschichte der Bienen von Maja Lunde

„Die Geschichte der Bienen“ von Maja Lunde

Folgende Ausgangsdaten und -fakten legen wir zugrunde:

Das gebundene Buch umfasst 500 Seiten und kostet 20 € – btb Verlag
Das ungekürzte Hörbuch
als Download bei audible dauert ca.13 Stunden und kostet gemäß Empfehlung des Verlages 25,95 €
Das gekürzte Hörbuch als mp3CD bei Der Hörverlag dauert rund 10 Stunden und ist für 19,99 € im Handel erhältlich

Betrachten wir nun das Ausmaß des literatur-chirurgischen Eingriffes

Gebundenes Buch: 100 % Inhalt
Ungekürztes Hörbuch: 100 % Inhalt
Gekürztes Hörbuch: 77 % Inhalt (das Verhältnis von 10 zu 13 Stunden)

Das entspricht in Buchseiten:

Gebundenes Buch: 500 Seiten
Ungekürztes Hörbuch: 500 Seiten
Gekürztes Hörbuch: 385 Seiten (77 % von 500 Seiten)

Der Umfang der Streichungen in der gekürzten Hörbuchfassung beträgt demnach genau 115 Seiten, also mehr als ein Fünftel der Originalausgabe des Buches. Von den unterschiedlichen Preisen mag ich hier nicht reden, denn erstens sind die drei hier eingesetzten Stimmen schlicht und ergreifend unbezahlbar und zweitens variieren auch die Preise der Hörbuchausgaben bei unterschiedlichen Anbietern und sinken ein wenig, wenn die Aktualität des Hörbuches ihren Höhepunkt überschritten hat.

Die Geschichte der Bienen von Maja Lunde – Hörbuchchirurgie

Kann man chirurgisch hier noch von einem minimal invasiven Eingriff sprechen? Verglichen mit einem Menschen, entfernt man fast einen ganzen Arm oder ein Bein, da man der Meinung ist, nichts Wesentliches an der Physiognomie verändert zu haben. Es ist eine gewagte These. Hätte man dann nicht auch den Roman um 115 Seiten kürzen können? Was verlieren wir inhaltlich? Mit dieser Frage entfernen wir uns von der reinen Arithmetik und wenden uns dem Roman und seiner aufwendigen Hörbuchfassung zu.

Die Geschichte der Bienen“ von Maja Lunde

Das Thema ist brisant. Nicht erst seit dem Dokumentarfilm „More than Honey“, der in bewegenden Bildern und eindringlichen Worten vom Aussterben der Bienen kündet. Es waren auch der Physiker Albert Einstein, der gesagt haben soll Wenn die Biene von der Erde verschwindet, hat der Mensch noch vier Jahre zu leben und der Forscher Charles Darwin, die schon vor den Konsequenzen eines weltweiten Bienensterbens gewarnt haben. Ohne Bienen keine Blüten-Bestäubung. Ohne Bestäubung kein Leben. Maja Lunde hat genau dieses Problem ins Zentrum ihres Romans gestellt. Die Bienen stellen für sie die Klammer dar, die ihren Plot in drei Zeitebenen miteinander verbinden.

Die Geschichte der Bienen von Maja Lunde

Dabei hat sie kein Fachbuch geschrieben, keine wissenschaftliche Abhandlung zum Bienensterben. Nein. Maja Lunde schrieb über die Menschen, deren Leben von Bienen abhängt. Dabei lässt sich der Roman in die Ebenen VOR, WÄHREND und NACH dem großen Kollaps der weltweiten Bienenpopulation unterteilen. Es ist eher die Geschichte der Menschen, die wir hier lesen. Da ist der Biologe und Samenhändler William, der im England des Jahres 1852 vor den Trümmern seines Lebens steht. Sein Geschäft und die Familie liegen brach und ihn hat alle Kraft verlassen. Nur eins hält ihn aufrecht, eine Idee, die die Welt der Imker verändern könnte. Ein völlig neuartiger Bienenstock.

Da ist der Imker George, der 2007 in den USA an den Scheideweg seiner Existenz gelangt. Er lebt von der Bienenhaltung, fährt seine Bienenstöcke durch Ohio und lässt seine geflügelten Mitarbeiter die Blüten auf den Feldern von Obstbauern bestäuben. Er träumt davon, dass sein Sohn eines Tages den Hof übernimmt. Vergeblich. Denn zwei Dinge sprechen dagegen. Tom will Journalist werden und die Bienen verschwinden. Es ist das Jahr des großen Kollapses. Und da ist die Arbeiterin Tao, die ihren Unterhalt mit der manuellen Bestäubung von Blüten verdient. Der Mensch hat die Bienen ersetzt, da sie im China des Jahres 2098 schon lange verschwunden sind. Als ihr Sohn Wei-Wen einen tragischen Unfall erleidet, beginnt auch Taos Welt zu kippen. Und nicht nur ihre.

Die Geschichte der Bienen von Maja Lunde

Maja Lunde verwebt diese drei Szenarien und Geschichten mit dem Nektar ihres Schreibens. Dabei bleibt sie auf dem Boden dreier Familiengeschichten, die sie durch die Konstruktion ihres Romans geschickt miteinander zu verbinden weiß. Das Hörbuch wartet mit drei großartigen Stimmen auf, die diesen drei Protagonisten noch mehr Tiefe und Leben einhauchen. Thomas M. Meinhardt, Markus Fennert und Bibiana Beglau brillieren in der Interpretation ihrer Charaktere. Gemeinsam ist ihnen der innere Kampf gegen die das Zerbrechen ihrer Familien und die Hilflosigkeit, mit der sie der Natur und dem Schicksal ausgeliefert sind. Bibiana Beglau als kämpferische Tao hat mich hierbei besonders beeindruckt. Sie macht Verzweiflung stimmlich greifbar.

„Die Geschichte der Bienen“ ist lesens- und hörenswert. Die gekürzte Fassung der dreistimmigen Lesung beschädigt den Roman in keiner Weise. Ich habe die Kürzungen aufgespürt. Paralleles Lesen und Hören sollten Aufschluss über die inhaltlichen Folgen geben. Die Eingriffe haben keine wesentlichen Handlungselemente ausgeblendet. Hier sind es eher die genauen Beschreibungen von Orten, Räumen und Hintergründen, die der Schere zum Opfer fielen. Auf fast jeder Seite finden sich Streichungen, aber mir ist dabei keine einzige ins Auge gefallen, die ich für die Handlung als relevant bezeichnet hätte. Ketzerisch könnte man also sagen, dass sie auch im Roman entbehrlich sind. Es ist jedenfalls nicht nur ein abgenagtes Gerippe, das Der Hörverlag auf CD präsentiert.

Die Geschichte der Bienen von Maja Lunde

Literatur ist unberechenbar. Sie lässt sich nicht aufwiegen. Und rein inhaltlich ist es eine Frage des individuellen Geschmacks, wie sehr ein Roman fesselt und bewegt. Ich bin der Meinung einen guten Roman erlebt zu haben, auch wenn der Titel dazu verführt mehr von den Bienen erfahren zu wollen. Die Familiengeschichten sind oft stereotyp in der Anlage und bis auf den Handlungsstrang „TAO“ nicht neu. Vater-Sohn-Konflikte vor dem Hintergrund wirtschaftlicher Ängste, enttäuschte Hoffnungen und Beziehungen hat man literarisch schon tiefer erlebt. Wer „Stoner“ von John Williams gelesen hat wird im Roman „Die Geschichte der Bienen“ von Maja Lunde Erzählräume betreten, die sehr bekannt erscheinen. Darüber hinaus fehlt mir die sprachliche Abgrenzung innerhalb der Geschichte, die sich über 250 Jahre erstreckt, bei der die Protagonisten jedoch in ihrer Sprache so einförmig sind, dass man am Erzählstrang nicht erkennen kann, in welcher Zeit er spielt. Tao und William klingen, als hätten sie die gleiche Schule besucht!

Und doch regt der Roman dazu an sich mit Bienen zu beschäftigen. Er verführt dazu, sich den Dokumentarfilm „More than Honey“ anzuschauen und bei aktuellen News aus der Welt der Bienenvölker genauer hinzuhören. Und er festigt die Überzeugung, dass eine eingeleitete Fehlentwicklung an der wir heute beteiligt sind, in der Zukunft extreme Auswirkungen hat. Ursache und Wirkung. Diese Wechselbeziehung wird sehr klar. Das Hören und Lesen sind nicht immer ein Honigschlecken… man wird so nachdenklich…

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