„Acht Berge“ von Paolo Cognetti

Acht Berge von Paolo Cognetti

Manche Bücher erscheinen aus rein persönlicher Sicht „Just in Time“. Sie treffen ihre Leser aus der Tiefe des Raums und zeigen ihnen, dass sie mit ihren Fragen nicht allein sind auf dieser Welt. Hier geht es nicht um Ratgeber oder Lebensweisheiten, die uns zur Seite stehen. Es sind Romane, die Themen aufgreifen, die relevant sind und in besonderer Art und Weise Stimmungen und Gefühle reflektieren, die uns beschäftigen und denen wir auf den Grund gehen wollen. Es sind Stimmen unserer Zeit, die zeitlose Fragen aufgreifen und allein schon deshalb inspirieren oder zum Diskurs anregen.

Acht Berge“ von Paolo Cognetti ist ein solcher Roman. In einer globalisierten und immer urbaner ausgerichteten Welt widmet sich der italienische Schriftsteller wohl nicht ganz zufällig der Frage, welcher Lebensweg in diesen Zeiten der richtige ist. Er schreibt über individuelle Lebensentwürfe und ihre Konsequenzen. Dabei ist sein Roman sicher auch autobiografisch angehaucht, da sein eigenes Leben in der Zerrissenheit des Plots angesiedelt ist, den sein Buch in den Mittelpunkt stellt. Paolo Cognetti lebt in Mailand, hat vor seinem literarischen Durchbruch Dokumentarfilme produziert und verbringt die Freizeit am liebsten in der Abgeschiedenheit seiner Berghütte im Aosta-Tal…

Acht Berge von Paolo Cognetti

Wer „Acht Berge“ aufmerksam liest, wird Paolo Cognetti hier wiederfinden. Seine Geschichte handelt von zwei Freunden, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Bruno und Pietro verbringen in ihrer Jugend viel Zeit miteinander. Bruno, ein Kind der Berge und Pietro, ein typischer Stadtjunge, der mit seinen Eltern die Ferien im Monte-Rosa- Massiv verbringt. Es vergeht keine Stunde dieser gemeinsamen Erlebniswelt, in der die beiden Welten nicht aufeinanderprallen. Und doch entsteht in der Schnittmenge dieser Lebenswahrheiten eine Freundschaft, die mehr als dreißig Jahre Bestand haben sollte.

Die Berge sind Zufluchtsort und Refugium zugleich. Abenteuer pur für zwei Jungs, die den Blick noch nicht in die Zukunft gerichtet haben, sondern im Hier und Jetzt leben und erleben wollen. Doch während Pietro immer wieder in die Stadt zurückkehrt, seine Ausbildung in der Schule absolviert und zu einem typisch urbanen Vertreter seiner Art wird, bleibt Bruno in den Bergen zurück und erlebt seine Jugend zwischen Ziegen, der Alm und den zurückgezogen lebenden Menschen seiner Heimat. Der Begriff Natur ist ihm fremd.

„Nur ihr Städter redet von Natur: Für euch ist sie dermaßen abstrakt, dass sogar der Name abstrakt ist. Wir sagen Wald, Weide, Bach, Fels. Alles Dinge, die man anfassen und nutzen kann. Was nutzlos ist, bekommt erst gar keinen Namen…“

Acht Berge von Paolo Cognetti

In der Szenerie der Bergwelt entwirf Paolo Cognetti einen wundervollen Roman einer Freundschaft, die trotz unterschiedlicher Lebensumstände die Basis nie verliert. Berge werden zur zweiten und oftmals eigentlichen Heimat von Pietro. Das Leben jenseits der Hektik der Städte und die Konzentration auf das Wesentliche werden zu seinem Anker. Und doch treibt das Leben die beiden Freunde immer weiter auseinander. Während im Monte-Rosa-Massiv die Zeit stehenzubleiben scheint, Bruno in die Tradition der Familie verschwindet, wird aus Pietro der Weltenwanderer und Dokumentarfilmer, den es bis zu die Weiten des Himalayas treibt. Die Rückkehr zu Bruno wird jedoch zum Ritual, dem er lange folgt. Zwei Blätter im Wind. Oft verweht – immer wieder neu vereint.

Paolo Cognetti beschränkt sich nicht auf die Beschreibung einer Freundschaft, ihre Entwicklung und die Strömungen, die sie zu zerreißen drohen. Er geht weiter und damit wesentlich tiefer, als man es vermuten könnte. Es fühlt sich an, als stünde der Autor auf einem Gipfel und ließe uns an seinem Weitblick teilhaben. Familien flankieren den Weg der beiden Freunde. Pietros Vater nimmt eine magnetisierende Rolle im Roman ein. Da wo Pietro sich von ihm abgestoßen fühlt, seinen eigenen Weg gehen möchte und auch die Konfrontation sucht, fühlt sich Bruno von ihm angezogen. Der Ersatzsohn wird zum Gefährten. Ein Konflikt, der auch die Freundschaft tangiert. Am Ende des Weges ist es jedoch genau dieser Vater, der mit seinem Vermächtnis den Weg für das Fortbestehen der Freundschaft zwischen Bruno und Pietro bereitet.

Acht Berge von Paolo Cognetti

Cognetti gelingt mit „Acht Berge“ ein starker selbstreflektierender Roman, der in der Lage ist, unser eigenes Leben in diesem Szenario zu spiegeln. Das Spannungsfeld zwischen Fernweh und Heimweh gehört sicherlich zu den wesentlichen Faktoren einer moderenen Gesellschaft, in der Arbeitsplätze nur zu finden sind, wenn man mobil ist, der Heimat den Rücken kehrt und sich der Achterbahnfahrt des Lebens aussetzt. Hier stellt das Monte-Rosa-Massiv die große Metapher des Romans dar und es ist nicht nur Zufall, dass Pietro erst auf einer Reise zum Mount Everest die Legende von den „Acht Bergen“ kennenlernt. Eine Legende, die so sinnbildlich für seine Freundschaft steht.

Welcher Lebensentwurf ist der richtige? Eine Frage, die auch dieses Buch nicht zu beantworten in der Lage ist. Eine Frage, die es auch gar nicht beantworten will. Hier ist es eher die klare Botschaft, die besticht. Den Weg eines Freundes zu akzeptieren, ihn nicht zu verbiegen, an den Unterschieden zu wachsen, gemeinsame Werte lebenslang zu zelebrieren und in der Schnittmenge zwischen Heimweh und Fernweh eine Welt zu gestalten, in der es sich leben lässt. Paolo Cognetti gibt die Frage des Lebensentwurfs an seine Leser weiter. Er macht uns nachdenklich, lässt uns eigene Wege erfühlen und beraubt uns jeglicher Illusion, dass es nur EINE Wahrheit gibt. Die Dramatik von „Acht Berge“ gleicht dabei einem Gipfelsturm auf die eigene Denkwelt der Leser. Man sollte dieses Buch lesen, am Gipfelkreuz angekommen das Gipfelbuch in die Hand nehmen und eine persönliche Nachricht hinterlassen. Vielleicht ist es gerade dieser Weitblick in einer immer stromlinienförmigeren Welt, der uns abhandengekommen ist.

Acht Berge von Paolo Cognetti

„Acht Berge“ ist ein richtiger Naturbursche unter den philosophischen Büchern, die unser Leben verändern können. Es strotzt nicht vor Weisheiten, sondern vor Kraft. Und darüber hinaus vermittelt der Roman ein ungeschöntes Bild von der Konsequenz einmal getroffener Entscheidungen. Sie sind zumeist irreversibel, so sehr man sich oft auch bemühen mag. Ein Leben zwischen den Welten ist ein Leben ohne Heimat. Mein Weg gleicht dem von Pietro. Meiner Heimat, der Eifel, habe ich den Rücken gekehrt. In der Rückschau auf diese Entscheidung ein alternativloser Weg. Und doch tobt sich das Heimweh oft in mir aus. Welcher Weg ist richtig? Was gewinnen wir, wenn wir gehen? Was hätten wir, wenn wir geblieben wären? Wo liegt heute die Stärke des Kleinen, wo das Große immer anonymer wird. Was kann ein kleines Kaff, was die Großstadt nicht hinbekommt? Fragen, denen ich mich auch literarisch weiter widmen möchte.

„Heimweh.. Fernweh… Sehnsuchtsbücher“ – Ein Arbeitstitel für eine Lesereise, die hier ihren Anfang fand. Auf der Frankfurter Buchmesse habe ich Neuerscheinungen in Augenschein genommen, die mich bald intensiv beschäftigen werden. Und auch mein Interview mit Sven Nieder zu seinem Lebensentwurf, seinem Eifelbildverlag und dem Weg, dem er schon immer folgte, kann als Initialzündung eines neuen Lesens gesehen werden. Hier könnt ihr es hören… „Eifeljungs unter sich

Sven Nieder und sein Eifelbildverlag im Porträt

„Acht Berge“ – nicht der erste Gipfelsturm der kleinen literarischen Sternwarte:

Tod in eisigen Höhen – Eine Reportage zum Mount Everest Drama 1996
Absturz des Himmels – Reinhold Messner und das Matterhorn
Abgründig – Betreutes Klettern mit Arno Strobel
Bluteis von Marc Ritter – St. Moritz verliert seine Unschuld – Ein Icebreaker
Kreuzzug von Marc Ritter – Das Zugspitz-Attentat

Acht Berge von Paolo Cognetti – AstroLibrium und die Gebirgszüge des Lesens

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4 Gedanken zu „„Acht Berge“ von Paolo Cognetti

  1. Guten Abend mein Lieber,
    vielen Dank für deine Worte. Es klingt sehr danach, dass das Buch ganz wunderbar zu meinem derzeitigen Leben passt. Hier Zuhause bei den Eltern ist nicht immer alles rosarot und oft fällt es mir schwer mich hier frei zu fühlen. Sie engen mich ein wenig ein….und oft schmerzt es, dass die guten Freunde in Bayern sind und ich hier. Aber ich denke, ich gehe den richtigen Weg. Das neue Studium ist toll ❤
    Danke für den Buchtipp. Ich werde ihn dem Christkind übermitteln. 😊
    Herzliche Grüße, Verena.

      • Ja, auf jeden Fall. Ich bin auch sehr dankbar, dass sie mich aufgefangen haben und mir das ermöglichen, was ich jetzt mache. Sie haben mir die Zeit gegeben herauszufinden, was ich will und ich habe mich wieder gefunden…aber mit fast 30 wieder bei den Eltern ist halt auch nicht einfach. Aber inzwischen kann ich viel besser reflektieren….das hilft ungemein…da lernt man auch zu schätzen, was man hat 😊

      • Es gibt solche Phasen im Leben und Wertschätzung ist ein wichtiger Faktor, sie zu überstehen. In der Rückschau wirst du sicher in 20 Jahrem sagen, wie wichtig diese Zeit war.

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