„Ikarien“ von Uwe Timm – Ein Opus Magnum

Ikarien von Uwe Timm

Um eines vorwegzunehmen, wir haben es bei „Ikarien“ von Uwe Timm mit einem der wohl fairsten Romane zu tun, den ich jemals über idealtypische gesellschaftspolitische Systeme, soziale Weltordnungen und ideologische Utopien lesen durfte. In seinem, nur zu Recht als Opus Magnum zu bezeichnenden Werk gelingt es dem Autor, eine Brücke über Epochen der Zeitgeschichte zu schlagen, auf der wir Leser traumwandlerisch zu Zeugen der Entstehung von Ideen werden, die das Zusammenleben von Menschen für alle Zeit verbessern sollten.

Fair ist dieser historisch brillant recherchierte und literarisch opulent aufbereitete Roman, weil Uwe Timm nicht stigmatisiert, vorverurteilt oder ideologisiert. Er führt uns an die Schwellen der modernen Staatstheorien und veranschaulicht brillant, worauf die Ideen der sozialen Neuordnung basierten und warum sie in ihrer Überhöhung scheitern mussten. Zuletzt zeigt der Schriftsteller in beeindruckender Weise auf, dass es im Lauf der Geschichte immer wieder gelang, selbst die allerbesten Ansätze für gesellschaftlich zwingend erforderliche Reformen aus machtpolitischen Interessen zu pervertieren und unter dem Deckmantel der perfekten und humanistischen Weltordnung Terrorsysteme entstehen zu lassen.

Ikarien von Uwe Timm

Wer den Nationalsozialismus und seine Ideologie vom Herrenmenschen bis heute nicht verstanden hat, seine Entstehung nicht nachvollziehen kann und sich auch nicht vorstellen mag, warum so viele Opportunisten sich scheinbar so willfährig in die Fänge einer Massenmordmaschinerie begeben haben, dem werden in „Ikarien“ endgültig die Augen geöffnet. Man muss sich nur auf Uwe Timm und sein Schreiben einlassen, ihm durch das Deutschland des Jahres 1945 folgen, das Kriegsende aus sich wirken lassen und sich in einen amerikanischen Jeep setzen, um im Land der Trümmerfrauen auf die Fährte der wahren Verbrecher zu kommen.

Und auch hier bleibt Uwe Timm fair, da er jenen klugen Köpfen, die ihr ganzes Leben in den Dienst neuer und bahnbrechender sozialer Strukturen gestellt haben, dieselben nicht abreißt, sondern vielmehr aufzeigt, wie sie schrittweise zu den Opfern ihrer Ideen wurden, oder sich eben durch bewusste Entscheidungen dazu machen ließen. Hier ist die Ausgangssituation von „Ikarien“ konsequent fiktionalisiert, um sich als Leser selbst in den Protagonisten hineinversetzen zu können und dann historisch verbrieften Boden zu betreten. Uwe Timm gelingt mehr als ein historischer Roman. Er weiß zu unterhalten und dabei doch seine Finger in die offenen Wunden der Geschichte zu legen. Hier wird aus gut gemeinten sozialen Idealbildern der Nährboden für Euthanasie und Holocaust.

Ikarien von Uwe Timm

Am Ende des Desasters kehrt der 25jährige deutschstämmige US-Offizier Michael Hansen in seine Heimat zurück. Am Ende des Zweiten Weltkrieges wird er beauftragt sich auf die Spur eines Mannes zu begeben, der seit Jahren tot ist, aber als Vordenker der braunen Rassenideologie gilt. Der Eugeniker Alfred Ploetz. Hansen soll seine Rolle im Konzert der Wissenschaftler aufklären, die den Nazis den Weg bereitet haben, sich aller Gegner zu entledigen, die dem Regime gefährlich werden konnten. Hansen trifft in einem Münchener Antiquariat auf den langjährigen Weggefährten des Professors. Aus den akribisch dokumentierten Gesprächen entwickelt sich die intensive Lebensbeichte eines Mannes, der Alfred Ploetz aus verschiedenen Blickwinkeln zu beschreiben weiß.

Der Antiquar Wagner wird zum Zeitzeugen eines Lebensweges, der im Verlauf der Geschichte zum ideologischen Irrweg wurde. Abwegig und ohne Ausweg. Mörderisch und vernichtend. Und doch nachvollziehbar, blickt man mit Wagner auf den Moment im Leben des Eugenikers zurück, in dem das Gute nur das Beste wollte. Eine Abkehr von der Ungleichbehandlung der Menschen. Ein humanistisches Weltbild, ein Ideal, Vielfalt und unter dem Zeichen der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Ein Modell für das friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion. Hier war es ein Roman, eine Utopie, die alles in Gang setzte, was Jahrzehnte später für den Mord an Millionen Menschen verantwortlich sein sollte.

Ikarien von Uwe Timm

Alles beginnt mit der „Reise nach Ikarien“ des Frühsozialisten Étienne Cabet. Ein Roman über die Reise eines englischen Adeligen zur Insel Ikarien fasziniert Ploetz und seinen Freund Wagner gleichermaßen. Die gesellschaftliche Utopie der grenzenlosen Gelichbehandlung und Gleichberechtigung der Menschen auf dieser Insel entspricht in ihren Grundzügen einem idealtypischen Kommunismus, der Monarchien 50 Jahre nach der französischen Revolution ins Abseits stellte. Gütergemeinschaft und Wohlfahrt sind zentrale Elemente, die Ploetz und seinem Adlatus Wagner Ende des 19. Jahrhunderts so erstrebenswert erscheinen, dass man sie verwirklichen sollte. Hier ist der Dreh- und Angelpunkt, an dem Uwe Timm seine Betrachtung eines Idealbildes beginnt.

Hier ist der Dreh- und Angelpunkt, an dem auseinanderdriftet, was in der Realität nicht funktionieren kann. Der Mensch erweist sich zu schwach, zu sehr in Konflikten verhaftet und in alten Bildern gefangen, dass schon erste Versuche scheitern. Wagner wendet sich enttäuscht dem Kommunismus zu und verschwindet Jahre später nach der Machtergreifung der Nazis im KZ Dachau. Ploetz geht einen anderen Weg. Eugenik ist sein Fachgebiet und die Gleichbehandlung des Menschen kann aus seiner Sicht nur in einer Welt garantiert werden, in der das Erbgut genutzt werden muss, um der Natur ein Schnippchen zu schlagen.

Ikarien von Uwe Timm

Von hier aus sind es nur kleine Schritte zum Chaos. Von der Züchtung des werten Lebens bis zur Vernichtung des unwerten. Von der Ausrottung des Minderwertigen bis zur Überhöhung des Herrenmenschen. Alfred Ploetz findet im Nationalsozialismus den Nährboden für seine Theorien. Die braunen Machthaber finden in ihm das Alibi für ihre perfiden Pläne. Es sind nur kleine Schritte, die von einem Roman über eine utopische Insel zu den Patientenakten eines gewissen Ernst Lossa führen. Die braune Saat geht auf und die Theoretiker verstecken sich hinter ihren guten Absichten.

Uwe Timm geht einen konsequenten Weg in seinem Roman. Er führt uns zeitlos vor Augen, was geschehen kann, wenn man sich opportunistisch andient. Er zeigt auf, wie selbstverständlich sich Machthaber bedienen und er erzählt fast nebenbei und doch so unglaublich eindringlich eine Geschichte von einem Neubeginn in den Trümmern eines zu Recht besiegten Landes. Aus wohlmeinenden Ideen werden die Extrakte von Horror und Massenmord gewonnen. Diktaturen funktionieren so. Es ist wiederholbar. Wagner weiß, wovon er redet und Hansen versteht, was er vernimmt. Dieser Roman deckt auf, wie vergewaltigte Idealbilder in der Evolution der Macht degenerieren. Ein wichtiger, in sich geschlossener und zeitloser Roman, der nicht nur Ernst Lossa gerecht wird. Lesen kann so intelligent und literarisch sein…

Ikarien von Uwe Timm – Alfred Ploetz – Vordenker und Wegbereiter des Wahnsinns

Gegen das Vergessen in der kleinen literarischen Sternwarte. Hier geht´s weiter.

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5 Gedanken zu „„Ikarien“ von Uwe Timm – Ein Opus Magnum

  1. Hallo Arndt, ich habe dich für den „Mystery Blogger Award“ nominiert. Natürlich ist deine Teilnahme freiwillig und als langjähriger Blogger ist das vielleicht nicht so interessant für dich, aber ich würde mich freuen, wenn du mitmachst!
    Alles Infos sind auf geistesgewitter.blog unter dem Menüpunkt „The Mystery Blogger Award“.
    Viele Grüße, Andrea

    https://geistesgewitter.blog/blog/the-mystery-blogger-award/the-mystery-blogger-award/

    • Liebe Andrea, herzlichen Dank für diese Nominierung. Mir fehlt schlicht und ergreifend die Zeit, bei dieser Aktion mitzumachen. Die kleine literarische Sternwarte befindet sich schon auf dem direkten Weg zur Frankfurter Buchmesse und ich habe gerade im September fast ausschließlich Bücher im Fokus, die hier thematisiert werden wollen und sollen. Viel Erfolg beim Award… Arndt

      • Oh, das ist natürlich schade, aber ich verstehe dich. Ich wünsche dir viel Spaß und Erfolg bei der Buchmesse und freue mich schon auf deine Buch-Vorstellungen! Herzliche Grüße!

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