„H wie Habicht“ und „Falke“ von Helen Macdonald

„H wie Habicht“ und „Falke“ von Helen Macdonald

Für uns sind Habichte und Falken einfach Greifvögel. Aus Laiensicht kann man bei dieser Einordnung eigentlich keine Fehler machen, dachte ich zumindest. Und doch ist es nicht so einfach, wie es scheint. Nur die Habichtartigen sind fleisch­fressende Vögel dieser Ord­nung, während die Falken­artigen eher mit Papageien verwandt sind. Na, wer hätte das gedacht? Wie ich darauf komme? Ganz einfach. In den letzten Tagen hat sich meine kleine literarische Stern­warte zum Tauben­schlag entwickelt, zumindest was die Präsenz der Jagdkönige der Lüfte betrifft. Und obwohl Habicht und Falke sich so sehr voneinander unterscheiden, wie Hund und Katze, widme ich ihnen hier einen Artikel.

Schuld daran ist Helen Macdonald, die sich zeitlebens der unglaublichen Faszination dieser Vögel ver­schrie­ben hat. Dabei sind im Lauf der Zeit zwei Bü­cher entstanden, die zwar durch Verlage getrennt sind, von uns Lesern jedoch vereint werden sollten, um in unserem Bücher­nest gemeinsam zu brüten, weil sie viel mehr beinhalten als man von Sach­büchern im eigentlichen Sinne erwarten kann. Sie beschreiben keine Sache, sind nicht als anthro­polo­gische Lehrschriften zu verstehen und werden niemals in unserem Leben im Bücherregal verstauben. Beide Bücher gehen Hand in Hand, wenn wir erneut mit der epischen Begegnung zwischen Mensch und Tier konfrontiert werden, die in der Literatur ihre tiefen Spuren hinterlassen hat.

„H wie Habicht“ und „Falke“ von Helen Macdonald

Die Lebensaufgabe…

Bekannt wurde Helen Macdonald in Deutschland mit Mabel. So zumindest heißt der Greifvogel, den sie zähmen und mit dem sie, einer jahrhundertealten Tradition folgend, auf Jagd gehen wollte. H wie Habicht entwickelte sich schnell zum Bestseller. Nicht, weil die Leser dieses Buches davon träumten, plötzlich selbst Falkner zu werden. Eher, weil es Helen Mac­donald so anschaulich gelang, die Psychologie des Menschen in das Zentrum der Betrachtung zu rücken. Warum richtet man einen Greifvogel ab, warum ist es so schwierig, sich auf ein Tier einzu­lassen, das im eigent­lichen Sinn als uner­ziehbar gilt und was macht diese Leiden­schaft mit dem Menschen selbst? Hier wurde aus dem Habicht schnell eine gelungene Metapher für alle fast aussichts­losen Ziele, denen man im Lauf seines Lebens hinterher­jagen kann.

„Die Suche nach Habichten ist wie die Suche nach Gnade:
Sie wird einem gewährt, aber nicht oft,
und man weiß nie, wann oder wie.“

Der Habicht Mabel wird zur Lebensprüfung für Helen Macdonald. Ihr Buch „H wie Habicht“ liest sich wie der Mix aus einem Seelenstriptease der Autorin und der in sich geschlossenen Betrachtung der Heraus­for­der­ungen und Risiken, die für den Menschen bei der Kon­fron­tation mit der unzähmbaren Natur bestehen. Be­fremd­lich wirkt ihr Buch an vielen Stellen. Be­fremd­lich wirkt, wie man sich dem Habicht als solchem nähert. Als Außenstehender zuckt man unwill­kürlich zurück, wenn man liest, dass es das Größte ist „einen Habicht zu fliegen“. Das hört sich eher an, als hätte man es mit einem kleinen Modell­flugzeug zu tun.

Das Vorbild – „The Goshawk“ von T.H. White

Das gescheiterte Vorbild…

Verstörend ist es zu lesen, wie seit Jahrhunderten mit Greifvögeln umgegangen wird, um sie zu in­stru­men­tali­sieren und ihnen unseren Willen aufzuzwingen. Es klingt wie ein reiner Sport, zu dessen Ausübung man eben ein lebendiges Tier benötigt. Dies ist mit unserem Ver­ständ­nis vom Umgang mit „Haus­tieren“ nur schwer in Ein­klang zu bringen. Genau hier setzt Helen Macdonald mit ihrem fesselnden Erzählstil an und ihr gelingt, was aus der Distanz heraus eigentlich kaum zu erwarten war. Man versteht die tiefe innere Motivation der Autorin, sich völlig auf ihre Mabel einzulassen. Man fühlt die tiefe innere Verbindung, die sie eingehen muss, um eins mit dem Habicht zu werden.

„Während der Habicht zahmer wurde, wurde ich immer wilder.“

Die Grenzen zwischen Habicht und Falkner ver­schwim­men. Helen Macdonald ist so sehr auf ihren Vogel fixiert, dass sie sich rettungslos in ihm verliert. Die Realität verliert für sie jegliche Kontur. Freunde, ihr Job und Kontakte zu anderen Menschen – all diese Fak­toren gehen in der Beschäftigung mit Mabel verloren. Und Helen Macdonald geht diesen Weg bewusst, da sie nur zu gut weiß, was sie erwartet. Der von ihr oft im Buch zitierte Schrift­steller T.H. White scheiterte all­umfassend im Versuch, seinen Habicht „Goshawk“ abzurichten. Dieses Scheitern steht Helen Macdonald konstant vor Augen und vor dem Hinter­grund ihrer Un­sicher­heit entwickelt sich die Angst vor dem eigenen Versagen

„H wie Habicht“ und „Falke“ von Helen Macdonald

Die epische Begegnung…

Helen Macdonald schreibt eigentlich viel mehr über sich selbst, als über den Weg zum perfekt erzogenen Greifvogel. Die Trauer um ihren Vater treibt sie in die selbst gewählte Isolation. Mabel ist dabei die perfekte Ausrede, der erhoffte Fixpunkt und die Fluchttür in eine Welt, in der man versinken darf. Dabei wirkt die Autorin authentisch, in jeder Hinsicht selbst­kritisch und kon­se­quent in der Ehrlich­keit, die sie an den Tag legt. Hier erlangt „H wie Habicht“ die erzählerische Dimen­sion, die man aus den anderen epischen Begeg­nungen zwischen Mensch und wildem Tier kennt. Was Kapitän Ahabs Hass auf Moby Dick ist, entspricht hier dem Verlust von Helen Macdonald. Greifvogel und Wal sind Ventile für die Bedürf­nisse und Seelennöte von Men­schen.

Ich bin Helen Macdonald über die Felder gefolgt, über denen Mabel zum ersten Mal fliegen sollte. Ich spürte ihre Angst, den Vogel zu verlieren. Ich habe ihr dabei geholfen, Mabel hinters Licht zu führen, weil die ver­meint­liche Dunkelheit unter der Leder­haube den Vogel beruhigte. Ich habe mich den neugierigen Blicken der Menschen gestellt, die nicht verstehen konnten, auf welches Abenteuer sich die Autorin bewusst ein­gelassen hat. Aber ich war auch tief in den Instinkten von Mabel und wollte mir so oft vorstellen, wie schön es sein müsste, ohne Glöckchen und Fesseln frei sein zu dürfen. Ich spürte den Neid der Autorin auf diesen Platz, den ein Habicht im Leben gefunden hat:

„Für mich war sie etwas Helles, Lebendiges, etwas,
das seinen sicheren Platz für sich gefunden hatte.
Sie sprühte geradezu vor Leben…“
 

„H wie Habicht“ und „Falke“ von Helen Macdonald

Vom Habicht zum Falken…

Fesselnd ist dieses Buch. Sympathisch wurde mir die Sichtweise der Autorin nie. Oftmals hofft man auf ihr Schei­tern, wünscht sich, dass Mabel in die Lüfte entschwebt und entkommt. Und doch kann man dieses Buch nicht zur Seite legen, weil es sich liest wie der ewige Kampf zwischen Gut und Böse, wie der Pakt zwischen Teufel und armer Seele. Wobei die Rollen niemals ganz klar zugeordnet sind, da der Habicht zur finalen Heimsuchung mutieren kann. Der Originaltitel des Buches „H is for Hawk“ klingt noch intensiver, als sei­ne Über­setzung. Als sei das H in seiner Aus­schließ­lichkeit für keinen anderen Begriff, als für den des Habichts reserviert, so gibt man sein Leben hin, wenn man ihn domestizieren möchte.

Wenn die Suche nach einem Habicht einer Gnade gleicht, dann wird sie uns Lesern in diesem Buch zuteil. Wenn wir dann noch mehr erfahren wollen über den Hintergrund und die Geschichte der Falknerei, ihre Tradition, die Abwege und die Menschen hinter den Greifvögeln, dann brauchen wir nicht lange zu suchen. Falke – Biographie eines Räubersstammt aus der gleichen Feder wie „H wie Habicht. Man muss Mabel nicht kennen, um sich den Falken anzuvertrauen. Und doch ist es wundervoll zu sehen, wo sich beide Bücher berühren. So unterschiedlich die Vögel sind, so sehr unterscheiden sich die beiden Werke. Sie sind wie Hund und Katze und doch weisen sie Parallelen in der Geschichte und Heran­gehensweise der Falknerei auf, die mehr als interessant zu lesen sind.

„H wie Habicht“ und „Falke“ von Helen Macdonald

Literarisches Freifluggehege…

Wir begegnen in Falke. Biographie eines Räubers Menschen wieder, die wir aus H wie Habicht bereits kennen. Der Falke ist versachlichter als der Habicht. So kann man den wesentlichen Unterschied auf den Punkt bringen. Und wie bei der berühmten Frage nach Huhn und Ei, so ist es der Falke, der zuerst geschrieben wurde, bevor der Habicht seinen Sieges­zug antrat. Hier sieht man deutlich, dass Helen Macdonald nicht unbewusst in die Welt der Falknerei stolperte. Sie ließ sich sehenden Auges auf Mabel ein. Jedes Risiko war ihr be­wusst. Ob es sich gelohnt hat? Diese Frage sollten Sie sich nach dem Lesen selbst be­ant­worten.

Bauen Sie ein Nest in Ihr Bücherregal. Polstern Sie es gut, vermeiden Sie laute und unerwartete Geräusche und dimmen Sie das Licht dezent. Dann setzen Sie die beiden Buchschätze in ihrem Lesenest aus und beginnen Sie vorsichtig mit dem Brüten. Viele ent­behrungs­reiche und doch zugleich er­hellen­de Stunden warten auf Sie und auf dem Weg zu Mabel und den Falken werden Sie eins mit der Welt von Helen Macdonald. Sie werden viele Kontakte einbüßen und in der freien Natur anders atmen, als Sie viel­leicht je zuvor geatmet haben. Sie werden auf den Klang fliegender Glöckchen achten und es kann sein, dass Ihnen Feldmäuse als Beute erscheinen. Behaupten Sie also nie, dass ich Sie nicht vor diesen beiden Büchern gewarnt hätte. Sie sind ebenso gefährlich, wie die ungezähmte Natur, weil man sie kaum selbst zähmen kann.

Falke – Biographie eines Räubers – Helen Macdonald

PS: Bringen Sie kleine Glöckchen an den Buchrücken an. Das garantiert, dass Sie den Weg dieser beiden Werke nachverfolgen können, wenn sie zum Freiflug abheben. Hier sind sie wie Habicht und Falke… Räuber Ihrer Lesezeit und Bereicherung des Lebens.

„H wie Habicht“ und „Falke“ von Helen Macdonald – Leseabenteuer

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