„Das Dschungelbuch“ von Rudyard Kipling

Das Dschungelbuch von Rudyard Kipling - AstroLibrium

Das Dschungelbuch von Rudyard Kipling

Nun sind sie komplett. Drei einzigartige Ausgaben von Jugendbuchklassikern haben ihren Weg aus England nach Deutschland gefunden und setzen Maßstäbe hin­sicht­lich ihrer optischen, haptischen und inhaltlichen Gestaltung. „Peter Pan und Die Schöne und das Biesthabe ich in der kleinen literarischen Sternwarte bereits ausführlich und vor dem Hintergrund ihres Stellen­wertes als Originalausgaben der großen Klassiker im Vergleich zur inhaltlich Verkür­zung, die diese Werke im Laufe der Zeit erfahren haben, vorgestellt. Walt Disney hat hier seine Spuren hinter­lassen. Aus dem filmischen Extrakt dieser Werke lassen die Bücher des Coppenrath Verlages wieder auf ihren Ursprung schließen.

Drei bibliophile Gesamtkunstwerke hat der britische Verlag Harper Design mit dem renommierten Illus­trations­studio MinaLima literarisch interaktiv ani­miert und somit auch den Kern dieser Klassiker reanimiert. Nun schließt sich der Kreis mit der vorerst letzten Ausgabe dieser Reihe, die für den deutschen Markt perfekt und detail­getreu umgesetzt und tadellos übersetzt wurde. „Das Dschungelbuch“ von Rudyard Kipling ist für mich das absolute Highlight dieser Kollek­tion, die eigentlich in keinem Bücherregal bibliophil veranlagter Menschen fehlen darf. Jeder kennt diese Geschichte. Jeder hat den Disney Film gesehen, mit Baloo getanzt, vor Shir Khan gezittert, mit Bagheera gejagt und mit Mowgli in die hyp­notischen Augen der Riesen­schlange Kaa geschaut. Unvergessen.

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Das Dschungelbuch von Rudyard Kipling

„Versuchs mal mit Gemütlichkeit“. Ein Film-Ohrwurm, der uns noch heute begleitet, wenn wir an das Dschungel­buch denken. Und doch denken wir falsch. Wir denken mal wieder in den Dimensionen der Ver­einfach­ung und haben schon lange aus den Augen verloren, was das Dschungel­buch eigent­lich war. Vergessen wir Walt Disney. Besinnen wir uns mit der vor­liegenden Ausgabe auf das wahre und einzige Dschungel­buch, und besinnen wir uns darauf, dass es richtiger­weise „Die Dschungel­bücher“ sind, die vor mehr als 120 Jahren von Rudyard Kipling verfasst wurden. Es waren Geschichten und Gedichte, Gesänge und Legen­den der Tiere des Dschungels, die Kipling hier erdachte. Nur drei dieser Erzäh­lungen handeln von Mowgli, dem Findelkind. Nur diese drei sind in unserem kollektiven Gedächtnis verankert. Und das auch nur rudi­mentär.

Hiermit räumt „Das Dschungelbuch“ mit dieser Pracht­ausgabe auf! Erwartet also mehr. Hier ist es erlaubt, viel mehr zu erwarten, als man eigentlich erwarten dürfte. Das ist wohl die größte Leistung dieses Buches, nicht nur die Erzählung von Mowgli in ihrer ursprüng­lichen Fassung zu ver­öffent­lichen, sondern die authentische Struktur in sieben Geschichte mit ihren Gesängen und Gedichten zu präsen­tieren. Ein lite­rarisch­es Beben geht durch dieses Buch, da es so sehr verdeutlicht, in welch genialer Qualität Rudayrd Kipling fühlte, dachte und schrieb. Das Dschungel­buch legte den Grundstein für den im Jahr 1907 an ihn verliehenen Literatur­nobelpreis. Er ist noch heute der jüngste aller Preisträger in der Literatur­geschichte. Und er hatte das mit 42 Jahren mehr als verdient.

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Das Dschungelbuch von Rudyard Kipling

Der weltbekannte Film von Walt Disney war lediglich von Mowglis Geschichte und den tierischen Helden Kiplings inspiriert, hatte jedoch mit der litera­rischen Qualität des Buches so wenig zu tun, wie die Filmmusik mit den Gesängen der Tiere im Original. Es ist aus heu­tiger Sicht nur mit J.R.R. Tolkien zu vergleichen, was Rudyard Kipling schon viel früher leistete. Er erfand nicht nur tierische Protagonisten, er erweiterte den Be­griff der Fabel um die reine Fabulier­kunst seiner Charak­tere und bettete sie in eine Welt aus Legen­den und Mythen ein, die im ständigen Konflikt mit der Welt der Menschen lebt. Es ist Mowgli, der diese Welten in sich trägt. Adoptiert und groß­gezogen von Wölfen, in die Gesetze des Dschungels unterwiesen von Baloo, dem Bären und beschützt von einem schwarzen Panther namens Bagheera.

Der Weg des Jungen wird von Kipling so lebendig be­schrieben, als wäre er selbst an seiner Seite gewesen. Er lernt die Sprache der Wildnis, die Gesetz­mäßig­keiten des Lebens in einem Rudel und kombiniert seine Begabungen mit den Instinkten aller Tiere in seinem Umfeld. Die Angst vor dem Tiger Shir Khan eint alle Lebe­wesen. Der Konflikt mit seinem Rudel, die Flucht zu den Menschen und seine Ver­treibung aus ihren Reihen machen aus dem jungen Mowgli den charis­matischen Anführer und Befreier, der gegen alle Unter­drückung und Ausgrenzung kämpft. Ein großer Ent­wicklungs­roman in einem Szenario, das metaphorischer nicht sein könnte. Und dies so literarisch brillant verfasst, dass der Literatur­nobelpreis nur als logische Konsequenz des Schreibens erscheint.

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Das Dschungelbuch von Rudyard Kipling

Dieses Buch vereint die alte Struktur der Erzählungen mit Liedern und Gedichten mit dem neuge­stalteten Medium eines interaktiv gestalteten Buchkunstwerks. Illustra­tionen und Inlays heben die Besonder­heiten des Textes hervor. Die Gesetze der Tiere werden greifbar, weil man sie im wahrsten Sinne des Wortes entfalten kann. Der magische und grausame Hungertanz des Felsenpythons Kaa wird hypnotisch fühlbar. Und auch die Treib­jagd auf den grausamen Menschen­fresser Shir Khan wird durch die Hufabdrücke seiner Verfolger sichtbar. Ein mehrdimensionales Erlebnis für Groß und Klein. Hier wird greifbar, was diese Erzäh­lungen mit Ge­nera­tionen von Kindern seit 1894 angestellt und was sie ausgelöst haben.

Dabei sind die einzelnen Charaktere bei Kipling so tief angelegt, wie ihre Vorbilder in der Wildnis. Freund­schaften sind nicht ober­flächlich sondern leben­swichtig und eine unstill­bare Sehn­sucht nach der Welt der Menschen führt Mowgli fast in den Untergang. Wer diese drei Erzählungen mit ihren Liedern gelesen hat, wird die Tiere, die er erkennt ganz anders wahr­nehmen, als dies bisher der Fall war. Wir werden selbst zum Teil des Dschungels und erleben unser blaues und grünes Wunder. Gänsehaut inklusive, wenn die großen Reden an unsere Ohren dringen:

„Wir vom Dschungel trinken nicht, wo die Affen trinken; wir gehen nicht dorthin, wo die Affen hingehen; wir jagen nicht, wo sie jagen; und wir sterben nicht, wo sie sterben. Habe ich die Bandar-Log je zuvor auch nur erwähnt?“

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Das Dschungelbuch von Rudyard Kipling

Rudyard Kipling infiziert uns mit dem großen frie­dens­stiftenden Mantra Mowglis, mit dem er in der Sprache aller Tiere Gefolgschaft einfordert und Schutz findet. Er lässt die Menschen tierischer aussehen, als die grausamsten Tiere und macht klar, wer der eigent­liche Feind allen Lebens ist. Nach jeder Erzählung ist man versucht, selbst jedem Tier zuzurufen:

“Du und ich, wir sind vom gleichen Blut.“

Besser können lehrreiche und fantasievolle Ge­schich­ten nicht erzählt werden. Es ist ein fast unbeschreib­liches Gefühl, sich durch dieses Dschungel­buch zu wühlen, als wäre man selbst in seinem tiefen Dickicht gefangen. Es ist ein wahres Wunder, wirklich mehr von diesem Buch erwarten zu dürfen, denn es endet nicht mit Mowgli. Es geht da weiter, wo die Dschungel­bücher weitergingen. Vier Er­zäh­lungen voller Weisheit setzen uns in der Wildnis aus und machen uns zu Weg­gefährten unvergess­licher Tiere. Allein die Geschichte „Die weiße Robbe“ ist so zeitlos und traurig schön, dass man vergisst, wann sie geschrieben wurde.

Der weißen Robbe Kotick auf ihrem Weg zu folgen macht Leser auch heute noch so zornig, wie es vor langer Zeit gewesen sein mag. Geholfen hat es wohl we­nig. Als Baby wird Kotick früh zum Zeugen der Robben­jagd, erlebt das Abschlachten ganzer Herden und macht sich auf die Suche nach einer Bucht, in der es keine Menschen gab, gibt und geben wird. „Lukan­non“, das Lied der Robben am Ende der Er­zäh­lung bleibt ganz tief im Herzen des Lesers ver­ankert.

Das Dschungelbuch von Rudyard Kipling

Nun sind sie vereint. Drei Werke, die in ihrer Zeit zu Legenden wurden und in unserer Zeit nur noch fragmen­tarisch in Erinnerung sind. Ich durfte den Ursprung des Extraktes genießen und bin jetzt süchtig danach. Entdeckt doch die noch ungelesenen Welten in diesem Dschungel­buch, das eigent­lich Dschungel­bücher umfasst. Findet einen Mungo, behütet eine Elefanten­herde und lauscht den Unterhal­tungen der Lagertiere im Dienste ihrer Majestät. Ihr werdet neue Welten entdecken und nie wieder vom Dschungel­buch als Mowglis Geschichte sprechen. Es ist so viel mehr und wer jetzt diesen Trailer zum Buch anschauen kann, ohne dem Wunsch zu erliegen, es zu lesen, dem ist nicht mehr zu helfen. Sieben Erzählungen warten auf Euch… Auf in den Dschungel.

PS: Sagte ich eingangs, sie sind jetzt komplett? Schaut mal hier. Ich bleibe am Ball.

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4 Gedanken zu „„Das Dschungelbuch“ von Rudyard Kipling

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