„Einzig“ von Kathryn Evans

Einzig von Kathryn Evans

Wenn man sich vorbehaltlos auf die Ausgangssituation des Thrillers „Einzig“ aus der Feder von Kathryn Evans einlässt, dann steht dem un­einge­schränkten Lesespaß nichts im Wege. Sollte man jedoch eher auf der Suche nach Romanen sein, die in jeder Beziehung wissen­schaftl­ich wasserdicht sind und Probleme mit be­stim­mten Szenarien haben, die fernab der Realität liegen, dann sollte man sich und dem Buch den Gefallen tun, es nicht zu lesen. Hier gilt es, sich auf die Fantasie der Autorin einzulassen, ihr fast blind zu vertrauen und sich durch einen Thriller führen zu lassen, dessen Grundidee so faszinierend ist, dass sie diesen Roman zum „Einzig“artigen Leseerlebnis werden lässt.

Die Ausgangssituation:

Teva ist eine ganz normale Sechzehnjährige. Ein le­bens­lustiges Mädchen mit allem was man sich so vom Leben wünscht. Status: glücklich verliebt, beste Freun­din immer an ihrer Seite und schulisch läuft alles reibungslos. Wäre alles wunderbar, wüsste Teva nicht, dass ihr nur 365 Tage ihres eigenen Lebens bleiben, bevor für sie alles so endet, wie es bereits fünfzehn Mal sein Ende in einem neuen Anfang fand. Sie ist nicht einzig. Das bildet sie sich nicht ein, sie sieht es täglich mit eigenen Augen. Einmal im Jahr teilt sich der Körper, den Teva für ihren hält, lässt seine Vor­gänger­version zurück und geht hinaus ins Leben. Teva selbst hat „Fünf­zehn“ auf diese Weise verlassen und ihr Leben, ihren Freund, die beste Freun­din und das gesamte Umfeld erobert. Nun bleibt ihr genau ein Jahr, bis auch sie zurückgelassen wird.

Einzig von Kathryn Evans

„Ich bin stärker in ihr geworden.“

Dieser erste Satz des Thrillers mit dem Original­titel „More of me“ steht signi­fikant für die spannungs­geladene Story. Denn während diese Teilungen bei den jüngeren Tevas ohne großen Wider­stand verliefen, haben die Mädchen mit zun­ehmen­dem Alter wesent­lich mehr zu verlieren. Die Liebe ihres Lebens zum Beispiel. Das Versteckspiel dauert nun schon sech­zehn Jahre. Nur die aktuelle Version darf am Leben teilnehmen, während ihre Vorgänger­innen von der Mutter zuhause versteckt werden. Jedes Kind in dem Alter, in dem es zurück­gelassen wurde und jedes Kind zeitlos in dieser endlosen Schleife gefangen. Teva beschließt aus dem Kreislauf auszubrechen. Sie will ihr Leben leben und einen Ausweg aus der Einjahres-Spirale finden. Die einzigen Menschen, die ihr dabei helfen können ahnen nicht, dass sie mit einem Mädchen befreundet sind, das sie erst seit wenigen Wochen kennt und dessen Erinne­rungen aus dem Gedächt­nis der Vorgänger­innen stammt.

Teva übernimmt die beste Freundin und den Freund von „Fünfzehn“. Während die Zurückgelassene zuhause um ihr vergangenes Leben, um ihre Chancen und die große Liebe ihres Lebens trauert, muss sie erkennen, dass Teva alle Lücken geschlossen hat und niemand gemerkt hat, was passiert ist. Eifersucht ist eine mächtige Trieb­feder und Teva prallt bei „Fünfzehn“ auf eine un­erbitt­liche Gegnerin in den eigenen Reihen. Hier entbrennt ein Kampf an allen Fronten des Lebens. Wird Teva einen Ausweg finden der verhindert, dass sie zurück­gelassen wird und eine neue Variante sie zu „Sechzehn“ mit einem Leben im Ver­borgenen macht? Wird die Zeit reichen, dem Rätsel auf die Spur zu kommen oder macht ihr „Fünfzehn“ einen gewaltigen Strich durch die Rechnung?

Einzig von Kathryn Evans

Oh ja, das klingt skurril und ist wissenschaftlich nicht haltbar, könnte man denken. Sicher ein Thriller, bei dem die Protagonistin am Ende feststellt, dass sie in einem ewig währenden Traum gefangen war und alles ganz normal ist. Oh nein. So leicht macht es sich die Autorin nicht. Sie konstruiert eine Ausgangs­situation, die eine Lawine möglich macht, in der jeder einzelne Charakter des Romans unterzugehen droht. Per­spek­tiven und ihr Wechsel machen diesen Thriller absolut lesens­wert. Wie fühlt sich ein Mensch, der realisieren muss, dass er nicht älter wird, nur ein Jahr lang am Leben teil­haben darf und dann von einer aktuelleren Version ersetzt wird? Wie fühlt man sich im Körper von Menschen, die zuvor in ihm gelebt haben und jetzt zusehen müssen, wie ihr Leben für sie hätte weitergehen können?

Und wie fühlt man sich in einem Leben, dem nur ein Jahr Zeit bleibt? Hier wirft die Autorin Fragen auf, die den geneigten Leser von Seite zu Seite atemloser durch diesen facetten­reichen Roman peitschen. Die Charak­tere sind plausibel angelegt, kämpferisch gezeichnet und in ihrer Hilflosigkeit dem Schicksal ausge­liefert. Die Szenerie verknappt die eigentlichen Fragen des Lebens auf den Zeitraum eines Jahres. Jeder Mensch fühlt sich in einer Zeit­scheibe gefangen, die endlich ist. Und doch strebt jeder nach Erfolg im Leben. Man häuft Reichtümer an, begnügt sich mit Ober­flächlich­keit und verschwendet lebens­wichtige Zeit. Darf es dann wundern, wenn auch Teva in ganz normale Muster in einem nicht normalen Leben verfällt?

Einzig von Kathryn Evans

Darf es verwundern, wenn sie Pläne macht, sich der Liebe öffnet und in der Schule erfolgreich sein will? Die Spirale ihres Lebens ist zeitlich klarer dimensioniert. Ein Jahr. Mehr bleibt ihr nicht. Die Flucht nach vorne ent­spricht nicht nur ihrem Charakter. In ihr liegt die kollektive Gefühls- und Gedächtniswelt ihrer Schwes­tern verborgen, die eben genau das nicht sind. Schwestern. Sie sind im weitesten Sinne eher mit Matrjoschka-Puppen zu vergleichen. Ineinander steckend, für sich selbst exis­tierend, aber niemals weiter wachsend. An diesem Bild kann man sich orientieren, wenn der Zweifel wächst. Ein Bild, das für mich diesen Thriller versinn­bildlicht. Auf mein Leben übertragen würde ich abends nach Hause kommen und 54 Vorgänger­versionen würden auf mich warten, würden mich argwöhnisch beobachten und neidisch auf dieses eine Jahr schauen, das mir alleine gehört.

Die zeitliche Nähe zum Vorgänger würde dabei das größte Konfliktpotenzial mit sich bringen. Was hat jemand aufgebaut, das er nicht fortsetzen kann? Worauf hat man sich gefreut und kann es doch nicht selbst erleben? Wo sind die Grenzen der eigenen Welt und wie enttäuscht ist man von Freunden und Geliebten, die gar nicht erkennen, dass man selbst nicht mehr vor ihnen steht? Wie weit könnte man gehen, um diesem Leben zu entfliehen? Fragen, die aus dem Buch springen und als Denkmodell der utopischen Ausgangslage be­wusst­seins­erweiternd sein können.

Einzig von Kathryn Evans

Teva stößt an die Grenzen ihrer physischen und psychischen Existenz. Sie erlebt absolute Grenz­erfahrungen und versucht, alle Steine in Rollen zu bringen, um nicht nur ein einziges Jahr am Leben teil­haben zu können, bevor die nächste Variante schlüpft. Dabei greift sie zu drastischen Schritten, als die ersten An­zeichen von „Siebzehn“ sich Raum ver­schaffen. Nichts für schwache Nerven, nichts für Zart­besaitete und schon gar nichts für die hemmungs­losen Realisten, die nur glauben, was in Wikipedia steht. Man darf in diesem Thriller keine Lösung erwarten, die aus einer Utopie eine Realität macht. Aber man darf von Kathryn Evans am Ende allen Lesens ein Ende erwarten, das nicht so einfach gestrickt ist, wie man es oftmals vorfindet.

Ich habe der Autorin vertraut. Das Gedankenexperiment hat sich gelohnt. Ich war in jeder Sequenz dieses Thril­lers an der Seite von Teva, weil es leicht ist, mit ihr zu fühlen und zu denken, wenn man sich auf diesen Roman einlässt. Dann wird er „Einzig“ und bleibt lange im Gedächtnis, weil er sich erfreulich abhebt vom geistigen Einerlei, das in diesem Genre um sich greift. Lesens- und empfehlens­wert. Auch wenn wir uns noch nicht teilen können, die Leser­erlebnisse sind teilbar. Und das völlig risikolos…

Einzig von Kathryn Evans

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4 Gedanken zu „„Einzig“ von Kathryn Evans

  1. Lieber Arndt,

    deine Worte haben mir das Buch in die Hände getrieben! Ich werde mich mental öffnen für die vielen Tevas und hoffen, dass ich bei diesem Thriller nicht auf der Strecke bleibe, wenn ich es mit so vielen Protagonistinnen, oder ist es nur eine, zu tun habe!

    GlG und einen tolle (Lese)Woche,
    monerl

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