„Als das Meer uns gehörte“ von Barbara J. Zitwer

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer

„Aber ein schlechter Tag auf See ist besser, als der beste Tag an Land.“

Alles beginnt im Wasser, alles endet im Wasser. Der Kreislauf des Lebens definiert sich durch ein Element, das unseren Erdball und uns selbst dominiert. Lesenslang sind es den Ozeanen gewidmete Romane, die Generationen von Lesern das Gefühl geben, in einem Boot zu sitzen. Urgewalten und unerforschte Tiefen ziehen uns dabei ebenso an, wie die geheimnisvollen Lebewesen der Meere. Was in meinem Lesen mit „Moby Dick“ begann und sich im „Salz für die See“ und der Irrfahrt mit Kurs „Nordnordwest“ fortsetzte, zieht mich immer wieder magisch an, wenn ich lesend in See stechen kann.

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer, erschienen bei rütten und loening, erregte in mehrfacher Hinsicht meine Aufmerksamkeit. Das Cover zeigt einen Jungen, der in direkter Nähe eines tauchenden Wals völlig unbefangen zu schwimmen scheint. Ein Bild, das nicht bedrohlich wirkt, sondern viel mehr den Buchtitel widerspiegelt. Eine erste Information zum Schauplatz der Handlung, erfüllte mich mit der Hoffnung, erneut einen Roman in der Reihe meiner Lebensleseserie Leuchtturm-Literatur gefunden zu haben.

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer

Montauk auf Long Island, nicht nur bekannt durch seine Nähe zu New York, sondern eben auch wegen des Wahrzeichens dieses Küstenstreifens, dem Montauk-Lighthouse und damit ein Buch, das ich gerne einreihen wollte in die Leuchtfeuer-Geschichten des Lesens. Romane, die auch in dunkler Lesenacht Orientierung bieten. Rettung aus tiefer Lese-Seenot garantieren. Ich wurde nicht enttäuscht. Weder vom Schauplatz, noch von der meeres-affinen Grundstimmung des Romans, und ganz bestimmt nicht vom Inhalt.

„Hier passiert die ganze Zeit so viel… Hier wird einem nie langweilig.“

Ein Zitat, das für einen ganzen Roman steht. Facettenreichtum und die Erweiterung des Erzählraums auf die Weite des Meeres verwandeln eine gut erzählte Geschichte in eine Reise für Landratten und Seeleute. Montauk wird zur Metapher für die Flucht einer Frau, die das Leben völlig überraschend aus der Bahn wirft. Montauk wird zum Ziel der Neuausrichtung und zum Ankerpunkt bei höchstem Seegang und Montauk wird für uns Leser zu einem Idyll, zur Idealvorstellung von einer kleinen heilen Welt, in der Freunde und Nachbarn noch in ihren Rollen leben. Aber auch zum Sinnbild einer untergehenden Welt, die durch ihre Nähe zu New York im kommerziellen Strom zu versinken droht.

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer

Tess Harding, Ehefrau, Mutter eines gehörlosen Sohnes und Schuhdesign-Workaholic steht von heute auf morgen am Scheideweg ihres Lebens. Wie aus dem nichts heraus wird ihr Ehemann getötet. Sinnlos. Grundlos, Schicksal. Ihr Leben besteht nur noch aus der Sorge um Robbie, der den Tod seines Vaters nicht verkraften kann. Zu intensiv war er auf ihn, den großen Musikproduzenten, fixiert, zu stark war die Prägung und zu viele Spuren hatte der Vater im Leben seines Sohnes hinterlassen, um im Alter von nur neun Jahren verkraften zu können, was nicht zu verkraften ist.

Tess Harding steigt aus! Nicht nur der Verlust des geliebten Partners, sondern auch die Begleitumstände, die langsam ans Tageslicht kommen, zermürben sie und die Welt versinkt in einen dunklen Nebel aus Vorwürfen, Zweifeln und Selbstvorwürfen. Montauk wird zum Fluchtpunkt. Ihr Onkel Ike, sein marodes Motel und die Landschaft, die Tess aus ihrer Kindheit kennt, versprechen Zuflucht und Schutz zu bieten. Nicht ohne innere Widerstände lässt sich auch Robbie auf diesen Umzug auf Zeit ein. Sein Trauma lässt sich jedoch auf gar nichts ein. Er verschließt sich.

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer

Wer an dieser Stelle einen typischen Entwicklungsroman auf der Grundlage eines einschneidenden Erlebnisses erwartet, der wird sich nur in Teilen bestätigt sehen. Die neuen Lebensumstände erweisen sich natürlich als heilsam für die gepeinigten Seelen. Freunde, Nachbarn und die Familie geben Halt und die Autorin führt uns schrittweise in ruhigeres Fahrwasser. Die unverbrauchten und brillant verflochtenen Kernelemente der Geschichte heben sie jedoch vom Einerlei des Üblichen deutlich ab.

Da ist ein gehörloser Junge, der die musikalische Begabung des Vaters in sich trägt, Tuba spielt, die Vibrationen der Musik wie ein absolutes Gehör empfindet und nicht nur Gebärden beherrscht, sondern auch mittels seiner implantierten Hörgeräte am Leben teilhaben kann. Ein Junge, der verzweifelt gegen den Verlust kämpft, seiner Mutter die Schuld am Schicksal gibt und darin zu versinken droht. Da ist der Meeresbiologe Kip, der auf der Suche nach dem Wunder der Walgesänge die Küste von Montauk absegelt und in Robbie ein neues Wunder kennenlernt. Einen Jungen, für den die Melodie eines Wals kein Geheimnis zu sein scheint.

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer

Da sind die Menschen von Montauk, die gegen den Untergang ihrer Stadt kämpfen. Da ist eine Stimmung von Neubeginn, von Aufbruch und Kampf auf scheinbar verloren geglaubtem Posten. Da ist die verzweifelte Mutter, die mehr verloren hat, als nur ihren Mann. Ein zusätzlicher Verlust, der ihr Selbstwertgefühl bricht. Und da ist die Natur, da ist ein Wal, der seine Kreise zieht, Lebensfreude versprüht, obwohl auch er bedroht ist. Ein Wal, der in aller Einsamkeit das Wunder des Lebens in sich trägt. Und da sind die Zufälle des Lebens, die daran glauben lassen, dass alles wieder gut werden kann.

Und da ist eine Autorin, die auf magische Art und Weise alle zusammenführt. Den Wal mit den Menschen, die Musik der Tuba mit dem Walgesang, die Melodie von Tod und Verlust mit dem Sound von Neuanfang, die Menschen miteinander und die große Unbekannte Hoffnung mit dem scheinbar Vorherbestimmten. Barbara J. Zitwer zaubert aus dem Abgesang eines Lebens eine brillante Symphonie des Neubeginns. Dabei ist die Melodie, in der sie erzählt, dramatisch, traurig, lebensbejahend, fröhlich, zweifelnd, komisch, exzessiv und tief in sich verschlossen zugleich. Diese Melodie hat alles, was große Kompositionen brauchen. Sie erreicht die Herzen.

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer – Leuchtturmliteratur

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Ein Gedanke zu „„Als das Meer uns gehörte“ von Barbara J. Zitwer

  1. Pingback: German review on last amazing Barbara J. Zitwer’s book! – Gabriella Ambrosioni Literary Agency

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