Die Lebensgeschichte des Ernst Lossa – „Nebel im August“

Nebel im August – Das Leben des Ernst Lossa

Gegen das Vergessen. Unter dieser Überschrift bemühe ich mich seit Jahren, Bücher vorzustellen, die sich dem Erinnern an die Opfer des Holocaust widmen. Dabei sind es insbesondere Berichte von Zeitzeugen und Opfern selbst, deren Tagebücher und auch fiktionale Texte, die mich beschäftigen und rastlos recherchieren lassen. In einer Zeit, in der die Stimmen der Überlebenden zusehends verstummen ist es wichtig, das Erinnern nur an der Wahrheit auszurichten. Authentizität ist das Maß der Dinge, dem ich absolut alles unterordne.

Den Holocaust als reine Kulisse herzunehmen, in der man lediglich eine spannende Geschichte erzählen kann, wird weder den Opfern noch ihrem Andenken gerecht, weil immer mehr Fakten verdreht werden. Beispiel gefällig? Lesen sie einfach meine Artikel zu Czesława Kwoka und vergleichen sie zwei Bücher miteinander. Eines von ihnen, aus der Feder von Reiner Engelmann, der Wahrheit verpflichtet. Das andere Werk zeichnet sich dadurch aus, dass seine Autoren die Abläufe im Konzentrationslager Auschwitz zu dramatisieren versuchten, um sie noch besser in Szene setzen zu können.

Nebel im August – Das Leben des Ernst Lossa

Den Holocaust dramatisieren? Ein Gedanke, der mir die Nackenhaare aufstellt. Hier gibt es nichts zu dramatisieren und wer der Meinung ist, die brutale Massenvernichtung menschlichen Lebens bedürfe zusätzlicher Spannungsbögen, der vergeht sich wissend um diese historischen Verfälschungen an den Opfern, Überlebenden und Nachfahren. HoloKitsch. Dieser Begriff charakterisiert treffend, was eine solche Überzeichnung für mich bedeutet. Eine solche Kulissenschieberei wird der Dimension des Schreckens im Dritten Reich nicht gerecht. Und sie ist überflüssig.

Die Lebensgeschichte des Ernst Lossa unter dem Titel Nebel im August“ aus der Feder von Robert Domes ist über jeden Verdacht erhaben, ein schiefes Bild eines real existierenden Opfers des Nationalsozialismus zu zeichnen. Zu intensiv hat der Autor in mühevoller Kleinarbeit recherchiert. Zu bewusst hat er Spekulation und Interpretation in seinem Buch eine Absage erteilt. Zu aufrichtig nähert er sich einem Menschen, dessen einzige Lebenszeichen heute Fotos sind, die die Zeit überdauert haben. Domes hat hier nicht dramatisiert. Sein Buch lässt die Automatismen der Euthanasie wirken und bringt Leser dazu, sich Ernst Lossa so anzunähern, wie er es zu Lebzeiten nicht erlebt hat.

Nebel im August – Das Leben des Ernst Lossa

Wir müssen das Buch von Robert Domes als Roman bezeichnen, weil der Autor es mit der systematischen Auslöschung Ernst Lossas aus den Geschichtsbüchern einer Zeit zu tun hat, in der das sogenannte unwerte Leben spurlos verschwinden sollte. Hier existiert kein Tagebuch, aus dem man auf die Gefühlslage eines Jungen schließen darf. Es finden sich keine Aufzeichnungen, die über sein tatsächliches Verhalten Aufschluss geben und alle Dialoge und Interaktionen im Buch folgen dem recherchierten Bild, das sich Robert Domes von Ernst Lossa gemacht hat. Weiter geht er nicht. Der Autor kennt seine Grenzen und dichtet nichts hinzu, was nicht haltbar wäre.

Die Stationen des kleinen Jungen, der als Zigeuner in die Fänge der Nazis geriet, ziehen sich wie ein roter Faden durch den „Nebel im August“ und belegen, dass dem Euthanasieprogramm T 4 keineswegs nur behinderte oder schwerstkranke Kinder der Generation „Rassenwahn“ unterzogen wurden. Nein. Man beseitigte alles, was nicht zu 100 Prozent zur Ideologie passte. Psychisch auffällig, schwer erziehbar, aufsässig und ein Zigeuner zu sein, reichte da schon deutlich aus, um als asozialer Psychopath aus dem Kinderheim in eine sogenannte Heilanstalt verlegt zu werden.

Nebel im August – Das Leben des Ernst Lossa

So zeichnet Robert Domes den Weg des eigentlich kerngesunden Jungen bis zu dessen letzter Lebensstation nach. Ernst Lossa wurde im August 1944 ermordet. Die tödliche Injektion setzte einem Leben ein Ende, das bis zu diesem Zeitpunkt isoliert von der Welt hinter den Mauern von Irrenhäusern und Pflegeanstalten verborgen blieb. Das Verdienst des Romans „Nebel im August“ ist es, nicht nur Ernst Lossas Schicksal vor dem Vergessen zu bewahren, sondern die Euthanasie als Ganzes in den Mittelpunkt zu rücken und das perfide Vorgehen als Vorstufe des Holocaust darzustellen. Die Täter in den Euthanasie-Anstalten wurden aufgrund ihrer Erfahrungen zu den Speerspitzen der Massenvernichtung in den Konzentrationslagern.

Nebel im August“ nun in seiner filmischen Adaption zu sehen, stellte eine neue Herausforderung für mich dar. Das Buch kennend war ich davon überzeugt, dass die literarische Steilvorlage völlig ausgereicht hätte, um einen einfühlsamen Film zu drehen und hier im Klartext dieses Romans Zeichen zu setzen. Regisseur Kai Wessel scheint jedoch der eigentliche Inhalt nicht gereicht zu haben, denn neben der Orientierung am Buch muss ihm wohl das ein oder andere Element gefehlt haben, das sich nun im Film wiederfindet. Wo Robert Domes der inneren Dramatik seines Schützlings vertraut, da wird Ernst Lossa im Film zum Widerstandskämpfer gegen das System stilisiert. Wo wir nur wissen, dass er zumeist in seiner Einsamkeit gefangen war, da wird aus der kleinen Nandl im Buch plötzlich eine Hauptrolle im Film. Eine romantische Rolle zudem. Bilder, die Ernst Lossa wohl nie erleben durfte. Hier greift der Kitsch nach meinem Verstand.

Nebel im August und Sonnenschein – T4 im Brennpunkt

Damit nicht genug. Nicht belegte Wahrheiten breiten sich im Film aus, als gelte es Historisches zu korrigieren. Da versuchen Ordensschwestern die Tötung der Kinder zu verhindern (dafür finden sich keine Belege), da plant Ernst Lossa seine Flucht mit seiner Nandl und er wagt es sogar, den Direktor der Anstalt  als Mörder zu bezeichnen. An diesen Stellen hätte ich mir die intelligente Zurückhaltung eines Robert Domes sehr gewünscht. Er hat nichts beschrieben, was er nicht belegen konnte. Er ging die Schritte nicht, die den Film durch die Kulissen holpern lassen. Eine historisch belegte Geste ist dagegen nicht Teil des Films. Leser des Buches werden wissen, wovon ich spreche.

Und doch ist der Film sehenswert, da die Darsteller bestechen. Alle Nuancen des Leids von Ernst Lossa sind im genialen Schauspiel von Ivo Pietzcker fühlbar. Alleine schon Sebastian Koch als Dr. Walter Veithausen (im Buch finden wir die historischen Namen der Täter – der Film fiktionalisiert) ist es wert, sich den Film anzuschauen. Hier zeigt sich die väterlich vertrauenswürdige Fratze des Todes. Man muss ihn fast mögen. Man muss ihn fast bewundern. Unglaublich stark gespielt. Und doch bleibe ich beim Buch. Es bedarf keiner Dramatisierung der Geschichte. Sie ist dramatisch genug.

Anton und Ernst – Bücher im Dialog

Eine zweite Stimme zum Buch lichtet den Nebel: Anja schreibt auf Zwiebelchens Plauderecke: „Beim Lesen bildet sich mehr als einmal ein Kloß im Hals. Hoffnung, Wut und Trauer bilden eine Kaskade an Gefühlen, die ich beim Lesen durchlaufen habe.“

Peggy Steike hat sich der Aufgabe verschrieben, den Opfern der Euthanasie auf ihre ganz eigene Art und Weise wieder ein Gesicht zu geben. Ihr Projekt nötigt mir allen Respekt dieser Welt ab, weil ich weiß, wie viel Kraft es sie kostet. Schaut bitte bei ihr vorbei. Hier geht´s zum Atelier des Erinnerns.

Peggy Steike und die Macht der Bilder