„Tierchen unlimited“ von Tijan Sila – Vom Regen in die Traufe

Tierchen unlimited von Tijan Sila

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Vom Regen in die Traufe. Eine andere Überschrift braucht es eigentlich gar nicht, um genau auf den Punkt zu bringen, was uns Tijan Sila in seinem Debütroman „Tierchen unlimited“ vermitteln möchte. Soll doch bitte niemand ernsthaft glauben, dass es nicht noch schlimmer kommen kann, egal wie tief man in der Scheiße sitzt. Kennen wir doch. Man glaubt, ganz unten zu sein, arrangiert sich mit dem Leben und versucht doch sein Heil in der Flucht, um dann festzustellen, dass man tatsächlich noch weiter abrutschen kann. Eine Situation, aus der es kaum noch Auswege gibt. Besonders dann nicht, wenn man traumatisiert dort ankommt, wo man sich eigentlich sicher fühlen könnte.

Ihm jedenfalls geht es so. Dem Jungen, dessen Namen wir im Roman nicht erfahren und dessen Geschichte genau dort beginnt, wo er nicht mehr im Granatenhagel spielen muss, oder von Scharfschützen ins Visier genommen wird. Sie beginnt in einem Land, das sich so sehr vom Bürgerkriegschaos seiner zusammengeschossenen Heimatstadt Sarajewo unterscheidet. Sie beginnt im Rettungshafen Deutschland, im beschaulichen Rheinland-Pfalz, wohin seine Eltern mit ihm 1994 flohen. Nur weg aus Sarajewo. Rette sich wer kann. So lautete die Devise.

Tierchen unlimited von Tijan Sila

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Die Sicherheit des Gastlandes jedoch fühlt sich komisch an. Zumindest für den Ich-Erzähler der Geschichte, den wir blutend, nackig und mit geschwollenen Genitalien auf einem Rennrad kennenlernen. Erneut auf der Flucht rast er an uns vorbei und als Leser kann man gar nicht anders, als ihm gute 200 Seiten weit zu folgen, um herauszufinden, wer ihn warum, wo und womit so zugerichtet hat. Also auf nach Erpolzheim und immer den Blutspritzern nach, die uns als Wegweiser dienen, damit wir den jungen Flüchtling aus Bosnien nicht aus den Augen verlieren.

Und in Bosnien hatte er es gut. Er konnte mit Freunden um die Häuser ziehen, wenn es mal eben keine Bomben regnete. Er konnte sich in PC-Spielen verlieren, wenn nicht gerade der Strom weg war und er konnte Comics tauschen, wenn die UN-Soldaten sich auf den Tauschhandel mit billigen Sexheftchen einließen. Ansonsten war das Leben so einfach, wie man es sich nur wünschen konnte, wenn man den Tag überlebte. Freunde und Feinde waren klar voneinander getrennt, der Zufall regierte und den täglichen Kick konnte man überall finden.

Tierchen unlimited von Tijan Sila

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Und sollte der Bürgerkrieg mal enden, dann könnten seine Eltern wieder in den ganz normalen Jobs als Akademiker arbeiten und ihm selbst wäre eine glänzende schulische Laufbahn vorbestimmt. Was für eine tolle Perspektive in einer Stadt, in der man seinen Wohnblock noch als echte Heimat empfinden konnte. Man musste sich einfach mit dem Leben im Bürgerkrieg arrangieren und das Leben genießen, wie die zahllosen Tierchen auf den wilden Mülldeponien rund um Sarajewo.

Was aber machen seine Eltern? Hauen doch einfach ab. Fliehen nach Deutschland und setzen nicht nur sich, sondern ihren Sohn ganz neuen Bedrohungen aus. Nur, dass die eben absolut unkalkulierbar sind. Die neue Schule hat nichts mit Hochschule zu tun, die Unterbringungen sind jeweils erbärmlich und Freunde zu finden ist nun wirklich kein Zuckerschlecken. Wären da nicht die Mädchen, das Leben wäre gar nichts wert. Womit wir allerdings schon fast ohne Umwege auf das Rennrad zu sprechen kommen, das in der Eingangsszene des Romans dem zerschundenen Jungen zur Flucht verhilft.

Tierchen unlimited von Tijan Sila

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Ja, es könnte alles so einfach sein. Aber ist es denn möglich, dass die Mädchen, die er kennenlernt entweder Kampfsportlerinnen mit Polizeikarriere-Ambitionen sind, oder Brüder haben, die als Neonazis nichts anderes im Sinn haben, als deren ausländische Lover grün und blau zu schlagen? Ist es möglich, dass alle Varianten von Tagträumen immer wieder am gleichen Ausgangspunkt ankommen? Und warum findet man sich in dieser asymmetrischen Bedrohung schlechter zurecht, als im klar konturierten tödlichen Bürgerkrieg? Alles wäre so lustig, wenn es nicht gleichzeitig zum Weinen wäre.

Ich habe mich absolut göttlich amüsiert mit den „Tierchen unlimited“. Ich erfreute mich am völlig unverbrauchten und frischen Schreibstil von Tijan Sila und fand mich am Ende des Romans wieder, kaum dass ich ihn begonnen hatte. Allerdings hatten die von mir beim Lesen gelachten Tränen einen bitteren Beigeschmack. So „fluffig“ einfach und sarkastisch brillant die Geschichte erzählt ist, so dramatisch sind die Bilder, die uns der Autor vor Augen hält in der Wirklichkeit. Der Erkenntnistaumel ist ebenso unlimited, wie der Titel des Romans.

Tierchen unlimited von Tijan Sila

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Blickt man mit auch nur einem Auge auf die Vita des Schriftstellers, wird man viele Parallelen zum Jungen erkennen, der geschunden und desorientiert durch unser Land radelt. Schaut man sich Aufnahmen aus dem Bürgerkriegs-Sarajewo an und gleicht sie mit dem Erzählraum von Tijan Sila ab, dann wird einem schlecht beim Gedanken, dass man dieses Chaos im Rückblick als sicherer empfinden kann, als den Fluchtraum eines scheinbar friedlichen Landes. Und je näher man dem Jungen kommt, desto klarer wird, was psychische Traumatisierungen aus einem Menschen machen.

Tijan Sila verliert bei aller Dramatik des Themas niemals den hoffnungsvollen Ton eines Träumers. Sein Roman bleibt amüsant und die Verkettung aller Umstände, in die sich der namenlose Protagonist verstrickt, liest sich wie eine Parodie auf das Leben. Es steckt jedoch mehr dahinter, als man auf den ersten Blick vermutet. Wenn dieses Buch ein Wein wäre, dann wäre er süffig, blumig und jung. Aber eines wäre er nicht: LEICHT.

Ein Zitat steht für mich sinnbildlich für die Wahrnehmungswelt von Menschen, die in Ermangelung von Alternativen nur einen Weg finden, der ihnen Schutz verspricht:

„Es gibt keine Einwanderung in meinen Erinnerungen, vielmehr findet mich Deutschland und schließt sich um mich wie eine Faust oder eine Kralle.
Doch das Bild einer vom Habicht ergriffenen Maus ist falsch,
da ich vor Verzückung erstarrt bin, nicht vor Angst.“

Tierchen unlimited von Tijan Sila

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