[Lesen um des Lesens Willen] – Die steinerne Schlange

Die steinerne Schlange von Iny Lorentz

Die steinerne Schlange von Iny Lorentz

Jetzt mal so unter uns Bloggern! Kennt Ihr das Gefühl, durch ein Lesejahr zu fliegen, immer auf der Suche nach großen und interessanten Geschichten zu sein, bereits beim Lesen darüber nachzudenken, wie man das jeweilige Buch rezensieren könnte und wie es in Szene gesetzt werden kann, um sich nachhaltig daran zu erinnern? Kennt Ihr! Es ist ein Lesen, das immer in einem Artikel endet. Ein Lesen, das sich selbst evaluiert, im Nachhinein abgewogen wird und erst endet, wenn man im Blog-Dashboard den Button „veröffentlichen“ gedrückt hat.

Könnt Ihr Euch noch an ein Lesen ohne Blog und Rezension erinnern? Auch wenn es unsere wahre Leidenschaft ist, gab es früher einmal ein Lesen ohne Hausaufgaben. Einfach Buch schließen, ins Regal stellen, sanft drüber streicheln und mit dem nächsten dicken Schinken in die Welt der Fantasie und Inspiration entfliehen. Nicht nachdenken, wann Sperrfristen enden, wann ein Buch erscheint, oder ob man doch besser zu einem dünnen Roman greift, um doch noch einen Artikel schreiben zu können! Ihr könnt Euch erinnern!

Die steinerne Schlange von Iny Lorentz

Die steinerne Schlange von Iny Lorentz

Das waren noch Zeiten! Und obwohl ich das Bloggen extrem liebe und mir kein Lesen ohne abschließendes „Artikeln“ mehr vorstellen kann, habe ich mir in den freien Tagen zwischen den Jahren eine ganz bewusste Auszeit gegönnt, einen Roman ausgesucht, der hierfür bestens geeignet schien, PostIts und Notizbuch beiseitegelegt, die Kamera verbannt und alle Gedanken an einen Artikel über das zu lesende Buch verdrängt! Und dann habe ich einfach angefangen zu lesen. So wie einst. Lesen um des Lesens Willen. Ich denke, das könnt Ihr gut nachvollziehen.

Welches Buch ich gelesen habe? Leicht zu beantworten. Ein historischer Roman war es, der mich hier greifbar, wenig philosophisch und ausschließlich unterhaltend auf eine Reise in die Vergangenheit entführen sollte. Ich suchte nicht nach Mehrdeutigkeiten, es sollte kein Buch sein, das durch seine vielfältigen Bezüge auf unsere Zeit zum Denken verleitet. Es sollte mächtig was los sein. Spannung, Schlachtengetümmel, Intrigen und Verrat einerseits, Freundschaft, Liebe und Loyalität auf der anderen Seite. Charaktere, mit denen man leicht warm wird, oder die man auch schnell zu verabscheuen lernt und vielleicht eine grandiose weibliche Protagonistin im Auge des Orkans. Genau das habe ich gefunden.

Die steinerne Schlange von Iny Lorentz

Die steinerne Schlange von Iny Lorentz

Die steinerne Schlange“ von Iny Lorentz versprach alle Ingredienzien für das freie und ungezwungene Lesen ohne Hausaufgaben. Wobei ich das nicht abwertend meine, denn ich würde mich niemals in ein Buch zurückziehen, das mich ohne jeden Anspruch auf Qualität lediglich berieseln soll. Nein. So ist es nicht. So weit geht keine Auszeit. Es muss schon historisch fundiert sein, wenn ich historisch lesen möchte. Nur authentisch und inhaltlich geschlossen kann mich eine Rahmenhandlung begeistern und dauerhaft fesseln. Bei Iny Lorentz hatte ich keinerlei Zweifel, da dieses sympathische Autorenduo genau dieser Erwartungshaltung seit Jahren mehr als gerecht wird. Und das auf hohem literarischem Niveau!

Oh nein! Ich werde meinem Vorsatz jetzt nicht untreu. Ich schreibe hier keineswegs einen Artikel über den historischen RomanDie steinerne Schlange“. Nein, wie käme ich denn dazu? Ich werde hier kein Wort darüber verlieren, wie gut ich mich am Limes gefühlt habe. An jener steinernen Schlange, die im Jahr 213 n. Chr. wie eine Schneise das Reich der römischen Kaiser von den Gebieten der Barbaren trennte. Diese Grenze, die keine starre Linie bildete, sondern den Truppenbewegungen der Römer folgte und sich wie eine Schlange mit unstillbarem Hunger immer mehr Territorium der Germanen einverleibte. Nein. Ich werde nicht darüber schreiben, dass es Iny Lorentz gelang, mich mit den Wortbildern zu diesem legendären Wall- und Befestigungssystem zu fesseln.

Die steinerne Schlange von Iny Lorentz

Die steinerne Schlange von Iny Lorentz

Nein, da sucht Ihr vergebens nach Rezensionsansätzen. Auch, dass ich mit Gerhild im Niemandsland zwischen Germanen und Römern in die Schlacht zog, weil nur sie in der Lage war, den Legionen etwas entgegenzusetzen. Nur sie kam als Anführerin aller Stämme in Frage, weil sie wie eine Schildmaid handelte und mehr Menschen zu einen wusste, als ihre Brüder, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Der Eine auf Seite der römischen Besatzer, den germanischen Traditionen schon entfremdet und der Andere unfähig, das Erbe des Vaters anzutreten, um im geeinten Kampf die Versklavung durch die Usurpatoren zu verhindern.

Ach, was waren das für grandiose Lesemomente. Gerhild, die sich selbst dem Duell mit dem römischen Statthalter Quintus stellt, um nicht seine Geliebte zu werden und ihn dabei bis auf die Knochen blamiert. Quintus, der ewig auf Rache sinnt und Legionen in Marsch setzt, um seine Niederlage zu kaschieren. Und immer wieder Gerhild, die über sich hinauswächst, Männer um sich schart, ganze Dörfer rettet und sich dann im Finale einer ganzen Armee in den Weg stellt. Aber was erzähle ich hier? Das könnt ihr doch selbst lesen.

Die steinerne Schlange von Iny Lorentz

Die steinerne Schlange von Iny Lorentz

Meine Auszeit hat gut getan und den Geist befreit. „Die steinerne Schlange“ war der perfekte Wegbegleiter für diese ruhigen Momente des NUR-LESENS. Iny Lorentz haben gehalten, was ich mir von diesem Roman versprochen habe. Sie haben eine der interessantesten Epochen europäischer Geschichte in schillernden Farben gemalt und Menschen beschrieben, die aus ihrer Zeit in mein Lesen gefallen sind. Ich konnte mich entspannen, atemlos durch ein Limes-Tor wandern und mir selbst einen Eindruck vom Leben jenseits des Walls machen. Rom ist für mich auferstanden und doch haben die Barbaren mein Herz erobert.

Ich habe es tatsächlich geschafft, keine Rezension über „Die steinerne Schlange“ zu schreiben und bin jetzt mächtig stolz auf mich. Ich habe in diesem Roman Kraft für ein erlesenes neues Jahr getankt, bin wieder mit PostIts bewaffnet, suche nach Zitaten und Verbindungen zwischen Büchern. Jetzt lese ich wieder als Literaturblogger und ich kann Euch nur empfehlen, Euch auch mal wieder nur dem Lesen hinzugeben. Ihr seht, wie befreiend es ist, keine Buchbesprechung zu verfassen, sondern einfach die Seele zwischen dem römischen Reich und der Welt der Barbaren baumeln zu lassen. Mir war klar, dass ich es schaffe. Und wenn Ihr es auch mal versuchen wollt, Ihr wisst ja nun, in welches Buch Ihr springen müsst, um das Lesen um des Lesen Willens zu entdecken.

Danke Iny Lorentz für dieses Abenteuer ohne Hausaufgaben.

Die steinerne Schlange von Iny Lorentz

Die steinerne Schlange von Iny Lorentz

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10 Gedanken zu „[Lesen um des Lesens Willen] – Die steinerne Schlange

  1. Du Schelm,
    da ist Dir mit absichtloser Absicht eine ausgesprochen aussagekräftige Nichtbesprechung zwischen die Zeilen der Tastatur gerutscht… 😉
    Erheiterte Grüße
    Ulrike von Leselebenszeichen

  2. Für eine Nicht-Besprechung wird dann doch eine ganze Menge besprochen 😉 Und dann ausgerechnet ein Buch von Iny Lorentz, über die ich vor ein paar Wochen einen Artikel mit Bekanntem und Unnekanntem gelesen habe: Ich wusste, dass es sich um ein Ehepaar handelt; neu war mir allerdings, dass die beiden die erfolgreichsten deutschen Schriftsteller sind, deren Niveau aber vom klassischen Feuilleton als so niedrig eingeschätzt wird, dass man sowohl in den Printmedien als auch im Fernsehen einen großen Bogen um sie macht. Ganz schön arrogant, oder? Oder steckt dahinter der Neid der berufsmäßigen Rezensenten, nur über andere Werke schreiben zu können, aber niemals selbst etwas Erfolgreiches hervorzubringen? Ich schweife ab…
    Zu Buchmessen fahren sie mit ihrem Wohnmobil und sitzen dann unerkannt an ihrem Stand. Erstaunlich, dass man so erfolgreich und gleichzeitig dem Publikum so unbekannt sein kann.
    Ich sehe das Bloggen für mich als Hobby, von dem ich mich nicht stressen lassen will, sondern das mir Freude macht. Bis jetzt ist das auch noch so. Meine Bücher wähle ich ausschließlich danach aus, dass sie mir – mutmaßlich – gefallen sollen. Da ich breitbandig interessiert bin, habe ich es vermieden, mich auf ein Genre festzulegen oder ein anderes zu bevorzugen. Lehn dich einfach zurück und genieß das Lesen an sich, ganz entspannt. Da auch du offenbar nicht vom Buchbloggen lebst und dabei niemandem verpflichtet bist, gibt es doch auch keine Notwendigkeit, die selbst ein Hamsterrad zu bauen.
    Viele Grüße von Ina, Inas Bücherkiste ( http://inas.buecherkiste.blogspot.de )

    • Mein Hamsterrad heißt Leidenschaft und- doh – ich lebe vom Bloggen – das ist das Blut in meinen Adern, wie Luft und Liebe… lach…

      Das Niveau von Iny Lorentz mag beurteilen im Feuilleton, wer mag. Es stört sie nicht und die Leser ebenso wenig. Ich traf die beiden mehrfach auf Buchmessen und beim Literaturfest in Meißen. Sympathischer und bescheidener geht nicht. Und wenn ch mich unterhalten fühle, dann ist das ein Prädikat, das ich nicht jedem buch verleihe.

      Jenseits aller Genrtes gibt es nur das gute Lesen… und dem sind wir letztlich verpflichtet. Alles andere wäre Zeitverschwendung…

      Herzichst

      Arndt

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