„Noah will nach Hause“ von Sharon Guskin

Noah will nach Hause von Sharon Guskin

Noah will nach Hause von Sharon Guskin

Die innere Bereitschaft des Lesers, sich einem ganz bestimmten Thema zu öffnen bestimmt die Fallhöhe aus der man sich persönlich in die Tiefen einer Geschichte fallen lässt. Sie ist immer wieder dafür verantwortlich, wie intensiv man glaubt, nachempfindet und fühlt. Letztlich läuft es darauf hinaus, dass man nur lachen und weinen kann, wenn man den tiefen Fall in die wogenden Fantasiewellen sehenden Auges wagt.

Ein Roman, der vom Verlag als „spirituell“ beschrieben wird, mag einige Leser, die auf der Suche nach handfesten und greifbaren Geschichten sind, eher abschrecken. Es ist nicht einfach, eine klare Kategorie für ein Buch zu finden. Spiritualität verbinde ich jedoch mit einer geistig religiösen Grundhaltung, die unsere Vorstellungen prägt und so den Zugang zum Übersinnlichen bietet. Hier sind wir in den Romanwelten von Paulo Coelho oder Antoine de Saint Exupéry.

Noah will nach Hause von Sharon Guskin

Noah will nach Hause von Sharon Guskin

Noah will nach Hause“ von Sharon Guskin ist für mich nur insofern spirituell, als dass der Leitgedanke des Romans davon bestimmt ist, ein unerklärliches Phänomen in einer rational orientierten Gesellschaft verstehen zu wollen. Also keine Angst, dass wir uns im Folgenden mit Lebensweisheiten beschäftigen müssen, die uns bei strikter und zutiefst gläubiger Einhaltung ein besseres Leben in der Zukunft versprechen. Nein. Hier geht es um einen Roman, der das Undenkbare denkbar macht und uns auf eine kuriose Achterbahnfahrt der Gefühle entführt, die wir eigentlich nie wieder beenden wollen.

Noah will nach Hause. Gehen Sie mit mir den Weg des Undenkbaren? Folgen Sie einem Kind auf der Suche nach den ungeklärten Fragen des eigenen Lebens und sind Sie offen für Denkansätze und Gefühle jenseits wissenschaftlicher Beweise? Lässt Ihre Fantasie eine Reise in die Mysterien unserer Existenz zu, und können Sie sich von den Zwängen befreien, die uns nur glauben lassen, was empirisch nachweisbar ist? Wenn Sie dazu in der Lage sind, dann sollten Sie Noah gut zuhören und ihm in seine Träume folgen. Diesen Jungen ernst zu nehmen, bedeutet diesem Roman das Herz zu öffnen.

Noah will nach Hause von Sharon Guskin

Noah will nach Hause von Sharon Guskin

Sind Sie noch da? Freut mich. Dann stellen Sie sich einfach mal vor, Sie hätten einen vierjährigen Sohn, der nachts nicht sonderlich gut schläft, von Alpträumen geplagt wird und manchmal ziemlich unausgeglichen ist. Nichts Ungewöhnliches? Mag sein. Stellen Sie sich vor, die Kindergärtnerin ihres Sohnes berichtet von Verhaltensauffälligkeiten im Umgang mit anderen Kindern. Er würde alle mit Geschichten über Voldemort und über sein Herumspielen mit Waffen einschüchtern. Nur, dass er weder Harry Potter kennt, es keine Waffen im Haus gibt und es ausgeschlossen ist, dass er das alles erfunden hat.

Ein Fall für den Kinderpsychologen? Folgen der familiären Situation des Jungen? Fragen, die der alleinerziehenden Mutter von Noah durch den Kopf geistern. Janie ist ratlos, wie sie diesen Vorwürfen begegnen soll. Ebenso ratlos ist sie, wie sie ihren Sohn in schlaflosen Nächten beruhigen soll. Medikamente? Therapie? Oder ist alles doch nur Zufall? Man könnte dies glauben, würde sie nicht immer wieder von dem einen Wunsch ihres Sohnes überrascht, der sie mehr als verstört.

„Ich will zu meiner Mama!“
„Ich bin hier, Baby!“
Er wandte sich von ihr ab. „Nein, nicht du. Meine andere Mama.“

Noah will nach Hause von Sharon Guskin

Noah will nach Hause von Sharon Guskin

Am Ende des Vertrauens in die Schulmedizin und ihr eigenes Urteilsvermögen ist Janie bereit, nach dem letzten Strohhalm zu greifen. Bei Recherchen im Internet ist es ein Name, der ihr ins Auge sticht. Es ist dieser eine Mann, der ihr einen Zugang zum Verständnis des Unverständlichen liefern könnte. Es ist diese eine Idee, der sich dieser Mann verschrieben hat, die vielleicht der Schlüssel zu Noahs Welt sein könnte. Aber ist es wirklich denkbar, was dieser Forscher glaubt: Dr. Jerome Anderson…

… der seit vielen Jahrzehnten Studien an Kleinkindern durchführt,
die sich an Einzelheiten aus früheren Leben zu erinnern scheinen.
Diese Kinder erzählen konkret von einem früheren Zuhause oder
von Familienmitgliedern, die sie vermissen.

Hat Janie den einzigen Weg gefunden, der alles Unfassbare erklärbar macht? Sie wagt den Schritt nach vorne. Sie nimmt Kontakt mit Jerome Anderson auf und lässt sich auf eine Reise in die Gedankenwelt der Wiedergeburt ein. Doch was ist, wenn er Recht hat? Was wird sie verlieren, wenn sie den Kampf um Noahs Ängste und seine mögliche Vergangenheit gewinnt? Eine psychologische Reise beginnt.

Noah will nach Hause von Sharon Guskin

Noah will nach Hause von Sharon Guskin

Genau an dieser Stelle gelingt es Sharon Guskin in der Konstruktion ihres Romans dem Thema Reinkarnation mehr als gerecht zu werden. Einerseits steht die emotionale Sichtweise der möglicherweise Betroffenen im Mittelpunkt. Die existenziellen Fragen zu Erinnerung und Identität reißen den Leser mit und lassen auch nicht mehr locker. Aber auch die philosophisch wissenschaftliche Seite spart sie nicht aus und sammelt aus der Sich des Forschers Jerome Anderson Belege aus vielen Kulturkreisen, in denen dieses Thema kein Denktabu darstellt.

Noah will nach Hause“ ist ein Pageturner, der seine Leser durch die Geschichte peitscht. Die Protagonisten sind in ihren Stärken und Schwächen brillant besetzt und in Szene gesetzt. Von der verzweifelten Mutter, die ihren Sohn verlieren könnte, wenn sie jene geheimnisvolle andere Mutter Noahs findet, über den Forscher, der zunehmend an Sprachdemenz leidet, immer mehr Worte vergisst und im Schlussspurt seines Lebens doch noch den Beweis antreten möchte, dass er einen Fall von Wiedergeburt entdeckt hat und letztlich bis zu Noah selbst, dessen Wille so stark ausgeprägt ist, dass man ihm folgen und helfen muss. Diese Romanfiguren sind wie aus dem Leben gegriffen.

Noah will nach Hause von Sharon Guskin

Noah will nach Hause von Sharon Guskin

Sharon Guskin bleibt sich bis zur letzten Seite treu und überzeugt durch einen Mix aus perfekter Story, Spekulation, Pseudowissenschaft und Ideenreichtum. Nichts wirkt hier verkünstelt oder zurechtgebogen. Kitschig wird das Buch an keiner Stelle. Was es allerdings mit dem Leser macht, liegt auf der Hand. Eine belanglose kleine Bemerkung aus dem Mund der eigenen Kinder kann plötzlich eine Denklawine auslösen, die zuvor undenkbar war…

Ein Nachtrag: Die progrediente Aphasie, unter der Dr. Jerome Anderson leidet, ist von Sharon Guskin so behutsam beschrieben, dass man sich sehr gut vorstellen kann, was es bedeutet, bei klarem Verstand zu registrieren, dass der eigene Sprachschatz in zunehmendem Maße geringer wird. „Sprachdemenz“, was für ein grausamer Begriff. Es ist ein dramatischer Einschnitt für einen Menschen, der von der Sprache lebt, Bücher schreibt und für den Worte auch immer eine tiefere Bedeutung haben. Anderson findet nicht mehr die richtigen Worte. Dabei hat er so viel zu sagen. Lesern des Romans wird das Wort „Strand“ unvergessen bleiben. Ich hoffe für mich, dass jemand da ist, der es deuten könnte, wenn es soweit wäre, es auszusprechen. Bewegend…

buchhandlung-calliebe

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