„Der Garten von Hermann Hesse“ – Ein Exkurs mit Eva Eberwein

Der Garten von Hermann Hesse

Der Garten von Hermann Hesse

„Nein, meinen Hesse les` ich nicht… Ich lese meinen Hesse nicht…!“

Mit diesen Worten endete mein letzter Artikel über Hermann Hesse. Ich hatte mich an meine Schulzeit erinnert und darüber geschrieben, warum ich damals vom Literatur-Nobelpreisträger abrückte und nie wieder ein Buch aus seiner Feder las. Siddharthahatte mich in seiner Hörbuch-Adaption neugierig gemacht, gefesselt und mich dann mit dem wohl größten deutschen Schriftsteller versöhnt. Es hat sehr lange gedauert bis wir Frieden miteinander schließen konnten. Einen Frieden, der einem Lesekrieg folgte, den nicht Hesse selbst verursachte.

Ich hatte mir vorgenommen, mich erneut auf seine Fährte zu begeben und dabei den ersten, noch etwas brüchigen, Waffenstillstand durch das Lesen weiterer Bücher weiter zu festigen und zu untermauern. Ich habe diesen Vorsatz bisher nicht realisiert, aber es ist mir gelungen, mich Hermann Hesse auf neutralem Boden zu nähern. Ich fand Zitate, die ihm zugeschrieben werden, die mich neugierig machten. Worte, die eine neue Seite eines Schriftstellers zeigten, den ich in die reine Philosophenecke gedrängt hatte.

Der Garten von Hermann Hesse

Der Garten von Hermann Hesse

„Im übrigen bin ich, nicht ungern, der Sklave meines Gartens,
wo ich samt meiner Frau fast jede freie Minute arbeite.
Es macht mich sehr müd und ist etwas zuviel, aber mitten
in alledem, was die Menschen heut tun, fühlen,
denken
und schwatzen, ist es das Klügste und Wohltuendste,

was man tun kann.“

Ich selbst bin sicherlich kein Kompetenzzentrum mit einem grünen Daumen, aber ich weiß, wie intensiv mein Vater seinen Garten gelebt hat, wie er Wildwuchs kultivierte wo sonst nur Geradlinigkeit sein Leben kennzeichnete und wie glücklich er war, wenn in den ersten Frühlingstagen zu blühen begann, was er gepflanzt hatte. Sein Refugium im Alltag. So ist ein Garten häufig der Spiegel der Seele und gleichzeitig das Biotop in dem sich der freie Geist vom Alltag erholen kann. Wie sah Hesses Garten aus, wenn schon seine Zitate darauf schließen lassen, dass ihm das Leben mit der Natur so wichtig war?

„Die Beschäftigung mit Erde und Pflanzen
kann der Seele eine ähnliche Entlastung
und Ruhe geben wie die Meditation.“

Der Garten von Hermann Hesse

Der Garten von Hermann Hesse

Der Garten von Hermann Hesse“, erschienen bei DVA, beantwortet nicht nur diese Frage. Die Autorin Eva Eberwein erzählt in diesem hochwertigen Prachtband nicht nur „Von der Wiederentdeckung einer verlorenen Welt“, sondern verführt ihre Leser zu eine Selbstfindungsreise, in der das Haus und der Garten Hermann Hesses eine große Rolle spielen. Alleine schon das haptische Gefühl, das dieses großformatige Buch mit seiner hochwertigen Gestaltung und den wundervollen Fotos von Ferdinand Graf von Luckner vermittelt, macht dieses kleine Kunstwerk neben seinem facettenreichen und inhaltlich wertvollen Reichtum zu einem perfekten Geschenk für bibliophile Menschen.

Wer jetzt der Meinung ist, es nur mit einem Gartenbuch zu tun zu haben, der irrt. Wer denkt, sich in einem biografisch angehauchten Standardwerk über Hermann Hesse zu befinden, der irrt sich ebenso. Wer in diesem Buch eine autobiografische Reflexion der Autorin über ihren Ausstieg aus dem normalen Leben und dem Beruf vermutet, der sieht sich ebenfalls bald auf dem Holzweg wandelnd. Sie vermuten richtig, dass dieses Buch viel mehr ist, als es zu sein vorgibt. Ich selbst war angenehm überrascht, nicht nur den Garten von Hermann Hesse entdecken zu dürfen, sondern auch in die Geschichte zweier Menschen eintauchen zu dürfen, die mit ihm verwachsen sind. Nur, dass sie ihn niemals zum selben Zeitpunkt betreten haben.

Der Garten von Hermann Hesse

Der Garten von Hermann Hesse

Aber genau dieser Garten führt alles zusammen. Die Autorin, die ihn und das Haus des großen Literaten noch aus ihrer Jugend kannte; das fast schon verfallene Domizil von Hermann Hesse, das im Jahr 2003 abgerissen werden sollte und die letzten Reste seines Gartens, der im Zuge dieser Maßnahmen überbaut werden sollte. Der Bodensee und die Ortschaft Gaienhofen bilden den landschaftlichen und urbanen Rahmen für die unglaublich wirkende Geschichte einer Wiederentdeckung, die in diesem Buch erzählt und gezeigt wird.

Heute ist es nicht mehr „Der Garten von Hermann Hesse“. Heute würde es ihn wohl nicht mehr geben, hätte Eva Eberwein nicht angesichts des drohenden Abrisses dieses kulturellen Vermächtnisses entschieden, den Beruf an den Nagel zu hängen, Haus und Boden des Hesse-Anwesens zu erwerben und alles in die Waagschale zu werfen, um zu retten, was noch zu retten war. Was nun folgte, erzählt sie auf faszinierende Art und Weise. Sie geht auf die Geschichte des Grundstücks ein, spannt den weiten Bogen von Hermann Hesses Lebens- und Gartenphilosophie bis zur Neugestaltung und illustriert die Geschichte mit historischen Fotos und wildromantischen Eindrücken von heute.

Der Garten von Hermann Hesse

Der Garten von Hermann Hesse

Hier lohnt jeder Blick, hier lohnt das Lesen, hier lohnt sich die bibliophile Leidenschaft in die Garten- und Denkwelt von Menschen einzutauchen, die nicht nur ihre Fantasie im fruchtbaren Boden ihrer Leser aussäen, die zarten Pflänzchen hegten und pflegten und schon lange damit begonnen haben, die Ernte ihrer Bemühungen einzufahren. So sind das Hesse-Haus und sein Garten heute die magischen Anziehungspunkte für Literatur- und Gartenfreunde gleichermaßen. Und doch sind es keine Relikte aus alter Zeit. Allein schon den Garten von Eva Eberwein kann man als Symbiose aus Vergangenem und neuer Blüte bezeichnen.

„Der Garten von Hermann Hesse“ beinhaltet alles, was das Leserherz begehrt. Es ist eine gediegene Sammlung von Hesse-Zitaten zu seiner Grünen Welt; ein wertvoller Abriss einer Geschichte, die schon lange der Abrissglocke zum Opfer gefallen wäre; die Beschreibung der Leidenschaft der Autorin, die tiefer geht und konsequenter ist, als es manchmal vorstellbar ist und ein deutliches Zeichen, wie man die Geschichte bewahren kann, wenn man sie aufgreift. Eva Eberwein hat diese Geschichte geprägt und eigene, sehr tiefe, Spuren hinterlassen. Ein blühendes Buchwunder.

Der Garten von Hermann Hesse

Der Garten von Hermann Hesse

Möchten Sie wissen, was ich wohl nie mehr vergessen werde, nachdem ich dieses Buch beendet habe? Möchten Sie wirklich wissen, was ich in tiefer Erinnerung bewahre und was mir den Menschen Hermann Hesse so sympathisch macht? Können Sie sich vorstellen, womit er die Wege in seinem Garten unterirdisch befestigt hat? Wissen Sie, auf welchem Fundament sich sein Garten-Lustwandeln vollzog? BÜCHER. Er entsorgte die unzähligen unaufgefordert zusandten Rezensionsexemplare nicht im Papiermüll. Er nutzte sie sinnvoll und ließ sie zum Laufsteg seines Lebens werden. Herrliche Idee…

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3 Gedanken zu „„Der Garten von Hermann Hesse“ – Ein Exkurs mit Eva Eberwein

  1. Pingback: „Siddhartha“ oder Wie ich Hermann Hesse neu entdeckte | AstroLibrium

  2. Ich habe lange einen grossen Bogen um Hesse gemacht. Das hatte mehrere Gründe, einer davon war, dass oft, wenn ich jemandem erzählt habe, dass ich Literaturwissenschaft studiere, dieser sagte, er lese nicht, nur Hesse hätte er gelesen. Damit kriegte Hesse für mich den Beigeschmack des Schriftstellers, den alle die lesen, die eigentlich nicht lesen – Ich weiss, das klingt komisch.

    Dann las ich „Siddharta“. Und ich liebte das Buch nach kurzen Anlaufschwierigkeiten der Sprache wegen. Auch „Unterm Rad“ fand ich toll. Seine Gedichte sind wunderbar, etwas vom Schönsten, was es gibt, wie ich finde. Dabei ist es bei mir mit Hesse auch geblieben. Mit den anderen Romanen habe ich eher Mühe, die Erzählungen finde ich gut, die Gedichte begleiten mich immer wieder. Ein sehr sensibler, tiefgründiger und weitsichtiger Dichter und Denker.

    Das Buch hier klingt wundervoll. Da will ich auch mal einen Blick hineinwerfen.

    • Ich glaube hier verbinden uns gemeinsame Bedenken und Probleme. Siddhartha war für mich auch der Ausgangspunkt einer Annäherung. Der Garten hat mir viele neue Perspektiven eröffnet, die eben sehr vielschichtig sind. Hesse wird das gerecht und ich hatte einen sehr großen und tiefen Lesespaß und einen Hochgenuss für die Augen..

      Ich bin also nicht allein auf dieser Welt…

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