„Die Spionin“ – Paulo Coelho entschleiert Mata Hari

Die Spionin von Paulo Coelho

Die Spionin von Paulo Coelho

Neunundneunzig Jahre sind vergangen seit jenem 15. Oktober 1917. Ein einsames Feld. Eine Stadt im Großraum Paris. Vincennes. Ein Erschießungskommando und eine Frau, die auf ihre Hinrichtung wartet. In schwarz gekleidet mit auffälligem Hut und ohne die bei solchen Anlässen üblichen verbundenen Augen oder Fesseln. Weit und breit ist kein Pfahl zu sehen, an den sie gefesselt ist. Aufrecht schaut sie dem zwölfschüssigen Tod ins Auge. Als der Exekutionsbefehl erfolgt und sich die Schüsse ihren Weg bahnen sackt der Körper der Getroffenen einfach in sich zusammen. Nichts Theatralisches hat dieser Tod. Und doch beginnt genau hier die Legendenbildung um eine der populärsten Frauen ihrer Zeit.

MATA HARI

„Auge des Tages, Aufgang der Sonne“, so lautet die javanische Übersetzung eines Namens, der bis in unsere heutige Zeit überdauert hat. Rein faktisch jedoch sind es nur romantisierte und von Spielfilmen geprägte Assoziationen, die uns an die Frau erinnern, die als Spionin im Ersten Weltkrieg zum Tode verurteilt und erschossen wurde. Es blieb ihr Name. Es blieben ihre unzähligen Porträts aus dem Paris der unbeschwerten Jahre vor dem Krieg und es blieb der oberflächliche Eindruck einer freizügigen, verführerisch und erotisch auftretenden Tänzerin, die ihren Lebensunterhalt verdiente, indem sie sich und ihren Körper verkaufte.

Die Spionin von Paulo Coelho

Die Spionin von Paulo Coelho

Mehr ist heute nicht mehr bekannt. Reicht ja auch, sollte man meinen und historische Fakten kann man getrost beiseite schieben, wenn man doch eine vage Vorstellung von einem Menschen hat, den die Geschichte von der Bildfläche geschossen hat. Dass sich genau hinter diesem realen Menschen eine gänzlich andere Geschichte verbirgt, als die von uns assoziierte, spielt eigentliche keine Rolle. Spionin, Nackttänzerin, Prostituierte. Wir wissen Bescheid. Es ist wie so oft, wenn von der Realität nur die matte Oberfläche bleibt, auf der sich dann unsere Fantasien austoben können.

Dass ausgerechnet Paulo Coelho mit seinem durchaus biografischen Roman Die Spionin antritt, um jener Mata Hari die Schleier erneut vom Körper zu reißen und ein ganz neues Bild von ihr zu entwerfen, hat mich schon mehr als überrascht. Ich bin nicht der größte Freund des brasilianischen Schriftstellers. Ich mag einige seiner Zitate, liebe sein Handbuch des Kriegers des Lichts, befürchte in seinen Romanen jedoch eine Überfrachtung mit zitierfähigen Lebensweisheiten. Und doch hat mich das Thema mehr als interessiert und ich spionierte der Spionin nach. Ein Glücksgriff.

Die Spionin von Paulo Coelho

Die Spionin von Paulo Coelho

So untypisch das Thema für Coelho erscheint, so untypisch beginnt er den Roman. Mit einem historisch verbrieften Augenzeugenbericht der Exekution und einem Bild, das die Hinrichtung Mata Haris zeigen soll. Wir sind auf Augenhöhe, als die Spionin in sich zusammensinkt und stirbt. Wir sind bereit, auch das Folgende als authentisch zu lesen. Der letzte Brief aus ihrer Feder findet seinen Weg zu ihrem Anwalt. Ein Vermächtnis im Angesicht des Todes. Auch das scheint verbrieft zu sein. Was Coelho dann erdenkt, ist brillant und gewagt zugleich.

Paulo Coelho schlüpft in die Rolle seiner Protagonistin und schreibt ihren letzten Brief. Nicht mehr und nicht weniger. Er hat umfassend recherchiert und sich Zugang zu Dokumenten verschafft, die erst seit wenigen Jahren zugänglich sind. Und er hat seine wichtigste Gabe als Schriftsteller in und zwischen den Zeilen kultiviert: seine Empathie. Voller Zuversicht auf Rettung folgen wir nun den Worten Mata Haris, die im Gefängnis auf ihre Begnadigung hofft. Zu gut sind ihre Beziehungen in die höchsten Kreise. Zu gut ist ihre Verflechtung in die französischen Haute-Vollée und zu gering ist ihre Schuld, um als Spionin liquidiert zu werden. Zumindest aus ihrer Sicht.

Die Spionin von Paulo Coelho

Die Spionin von Paulo Coelho

Der literarische Kunstgriff Coelhos sorgt dafür, dass wir uns in eine Frau fühlen und denken können, die wir vorher nur als Schlagzeile kannten. Sie blickt zurück, fühlt in die Vergangenheit und rekapituliert ihren Weg von der verzweifelten und mittellosen Mutter zu einer unabhängigen Künstlerin, die jeden Mann um den Verstand bringen konnte. Es ist aber nicht nur ein Selbstporträt, das hier entsteht. Coelho entwickelt ein Kaleidoskop Frankreichs um die Jahrhundertwende und gewährt einen faszinierenden Einblick in die rasende technische Entwicklung, die das Leben aller Menschen beeinflusste.

Auf diese Art und Weise werden wir zu Zeugen des rasanten Aufstiegs Mata Haris als freizügige Tänzerin, der die Reichen und Mächtigen zu Füßen lagen und fast jeden Wunsch von den Lippen ablasen, wenn sie ihre Verführungskünste richtig dosierte. Der Niedergang folgt mit zunehmendem Alter, denn nichts ist schnelllebiger als die Jugend. Und hier beginnt ihre Verstrickung in die Politik. Hier beginnt sie sich mit Gerüchten ins Gespräch zu bringen, die sie nur aus den höchsten Kreisen erfahren haben kann. Aber zur Spionin reicht es lange nicht. Eher zum Bauernopfer auf dem Altar der Eitelkeiten.

Die Spionin von Paulo Coelho

Die Spionin von Paulo Coelho

Paulo Coelho betont, dass der Roman an der wahren Geschichte orientiert ist. Es handelt sich vor dem Hintergrund seiner freien Erfindungsgabe nicht um eine Biografie. Dazu sind seine Dialoge und die Charakterisierung seiner Protagonistin zu sehr an den Gefühlen festgemacht, die sie für seine Leser erst greifbar machen. Coelho gelingt es, eine geheimnisvolle Frau zu entmystifizieren. Das schadet ihrem Andenken nicht. Sein Roman wird ihr gerechter, als so manche biografisch angehauchte Anwandlung, die für die zeitlose und dauerhafte Vergewaltigung einer Frau steht, die sich selbst investierte, um ihre Freiheit zu finden.

Ein ungewöhnlicher Roman. Ein spannender und psychologischer Roman und ein faszinierendes Sittenbild eines hochtechnisierten Patriarchats, in dem Frauen nur einen Wert hatten, wenn man sich mit ihnen hemmungslos vergnügen konnte. Mata Hari hatte dieser Gesellschaft den Spiegel vorgehalten und dadurch vielleicht mehr bewirkt, als es auf den ersten Blick scheint. Die egozentrische Tänzerin allerdings zur Vorreiterin einer modernen Frauenbewegung zu erheben ist schon aufgrund der Begrifflichkeit ein mehr als sarkastischer Denkansatz. Coelho trifft es auf den Punkt, wenn er sagt:

„Sie war eine der ersten Frauen des 20. Jahrhunderts,
die von Männern des 19. Jahrhunderts hingerichtet wurde.“

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Coelhos letzter Kunstgriff ist gewaltig. Er wechselt die Perspektive und verfasst den letzten Brief des Romans. Ein Brief, an Mata Hari adressiert aus der Feder des Anwalts stammend, der sie verteidigen sollte. Was zu Lebezeiten nicht gelang, scheint nun zu ihrer Rehabilitätion beizutragen. Zumindest in unseren Herzen…

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