Göttin und Held – Eine antizyklisch erzählte Liebe

Göttin und Held von Gustaaf Peek

Göttin und Held von Gustaaf Peek

Eigentlich sollte ich diese Rezension mit ihrem Ende beginnen. Dort anfangen, wo die Buchvorstellung eigentlich in ihre abschließende Empfehlung oder Warnung an den potenziellen Leser mündet. Und nach diesem Ende sollte ich mich langsam nach vorne arbeiten. Antizyklisch rezensieren. Eigentlich sollte ich so vorgehen, da der Roman des niederländischen Schriftstellers Gustaaf Peek ebenso konstruiert ist und mit dem Ende der Geschichte beginnt, die unter dem Titel Göttin und Held bei DVA erschienen ist.

Also verweigere ich mich an dieser Stelle jeder chronologischen Vorgehensweise und zäume das literarische Pferd von hinten auf. Wundern Sie sich also nicht darüber, dass dieser Artikel mit einem Fazit beginnt und mit dem ersten Blick ins Buch endet.

Göttin und Held von Gustaaf Peek

Göttin und Held von Gustaaf Peek

Das Ende – Mein Fazit

Sollte man „Göttin und Held“ jemals wortgetreu verfilmen, wäre eine Altersfreigabe unter 18 Jahren nicht zu verantworten. Wollte man den Klappentext um einige Begriffe ergänzen, die es dem Leser erleichtern könnten, sich für oder gegen diesen Roman zu entscheiden, dann wären die Adjektive offenherzig und mysteriös durch erotisch und obsessiv zu ersetzen. Würde die Formulierung pornografisch nicht zu sehr verstören, sie wäre geeignet, im Wortsinn zu beschreiben, was „Göttin und Held“ im Zentrum der Geschichte miteinander verbindet.

Gustaaf Peek konfrontiert seine Leser mit einem außergewöhnlichen Roman, der in seiner Konstruktion und Erzählweise verstörend, betörend und voyeuristisch erscheint, im eigentlichen Sinn jedoch der Dynamik und Irrationalität der Beziehung zwischen den beiden Protagonisten mehr als gerecht wird. Selten las ich so nachdenklich, selten zog mich ein Buch so oft aus dem Lesen in mein eigenes Leben. Selten hat Melancholie so intensiv Besitz von mir ergriffen, weil ich schmerzhaft realisieren musste, dass am Ende einer lebenslangen Liebe nur die Leere bleibt, die sie zuvor auszufüllen vermochte.

Göttin und Held von Gustaaf Peek

Göttin und Held von Gustaaf Peek

Wenn ein Roman mit seinem Ende beginnt und sich gegen jede Chronologie zu dem eigentlichen Beginn nach vorne erzählt, dann fühlt man sehr schnell, was antizyklisches Erzählen auslöst. Man fängt mit den vielen Abschieden, den letzten Momenten und den Erinnerungen an, die in der Seele toben. Dann liest man sich vor zu den gemeinsamen Höhepunkten einer Liebe, der uferlosen Anziehungskraft und der Faszination, die zwei Menschen aufeinander ausüben. Und letztlich endet man dort, wo alles begann. Mit all dem Wissen um das Ende. Schmerzhaft ist dieses Lesen und doch kommt „Göttin und Held“ dem Wesen der Liebe in all ihren Schattierungen näher als ich es erwartet hatte.

Dies ist ein Roman ohne „Morgen“. Dies ist eine Geschichte, die das „Gestern“ mit Leben füllt und Erinnerungen zum Motor der eigentlichen Handlung macht. Dies ist eine Erzählung im Rückwärtsgang des Lebens. Das „Heute“ ist unumkehrbar. Das „Jetzt“ steht als Momentaufnahme unverrückbar fest und lesend strebt man nur noch danach, zu ergründen warum es so endet, wie es endet. Diese retrograde Entwicklung deckt alle Dimensionen und Abgründe des menschlichen Wesens ab. Wie bei einem Kinofilm, der zurückgespult wird, entsteht ein bleibender Eindruck der Faszination einer Beziehung, die nie eine Chance hatte, in einem Happy End in den Sonnenuntergang zu entgleiten.

Göttin und Held von Gustaaf Peek

Göttin und Held von Gustaaf Peek

„Göttin und Held“ beginnt im V. Buch mit dem 50. Kapitel. 330 Seiten trennen uns vom 0. Kapitel  und dem Anfang der Geschichte. Alles endet zu Beginn des Buches mit der Beerdigung von Tessa. Verstorben im Alter von achtzig Jahren. Eine Beisetzung im ganz kleinen Kreis. Alle hatte sie überlebt. Einen hat sie niemals vergessen. Marius. Im 49. Kapitel lesen wir seinen letzten, viel zu spät verfassten Brief an die geliebte Göttin. Im 48. Kapitel stirbt sie in Träumen an den Helden gefangen. Um ein Vierteljahrhundert hatte sie ihn überlebt. Fünfundzwanzig lange Jahre Sehnsucht nach der Sucht auf eine Leidenschaft, die ihr Leben bestimmt hatte.

Kapitel für Kapitel reisen wir durch die verlorenen Jahre einer jünger werdenden alten Frau, die der versiegenden Sexualität kämpferisch die Stirn bietet. Tessa lebt sie bis zuletzt in Gedanken an Marius in vollen Zügen aus. Ein Nachhall der erotischen und emotionalen Exzesse an seiner Seite. Ein Echo des blinden obsessiven Vertrauens zu einem Mann, der nur Weggefährte, nie jedoch Lebenspartner war. Eruptionen eines zur Vergangenheit gewordenen Liebesreigens in seinen Armen. Kapitel um Kapitel nähern wir uns der letzten Begegnung der Liebenden an, bis wir dann am Ende am Anfang von allem stehen. Nur wir Leser wissen, wohin alles führt. Sentimental ist der Rückblick auf das gelebte leidenschaftliche Liebesleben zweier Menschen, die schon gestorben sind.

Göttin und Held von Gustaaf Peek

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Hier müsste jetzt eigentlich der Anfang der Rezension stehen. Hier müsste ich nun beschreiben, wie es sich anfühlte, ein Buch zu lesen, das im 50. Kapitel begann. Ja, ich könnte jetzt viel darüber schreiben, wie man sich selbst fühlt, wenn man in dieses Buch eintaucht und wie sehr man teilweise daran verzweifelt, wenn man die Konstruktion auf das eigene Leben bezieht. Nur das Heute ist existent und alle Erinnerungen bestimmen das Bild, das von einem Leben erhalten bleibt. Wenn dies der letzte Tag meines Lesens wäre… Wenn die Liebe meines Lebens längst vergangen wäre. Was bliebe?

Ich kann nicht mit dem Beginn enden. Es wäre die schlechte Kopie der Konstruktion eines außergewöhnlichen Romans, der ein Liebespaar auf der Suche nach sich selbst beschreibt, keine Spielart der lebensbestimmenden Sexualität auslässt, die Sehnsucht nach dem Vergangenen zum Leitbild erhebt und der Perspektivlosigkeit des Jetzt Raum und Tiefe verleiht. Ich kann nicht mit dem Ende beginnen. Vielleicht lese ich den Roman noch einmal von seinem Beginn an und starte auf Seite 333. Vielleicht würde dies Sinn machen. Die Sehnsucht nach Zukunft würde es jedoch nicht beseitigen. Eine Sucht, die „Göttin und Held“ überstrahlt und zu einem sinnlichen Leseabenteuer macht, das dem Ende einen neuen Anfang verleiht. Mit einem Brief…

Dieser späte Brief,
so lange nach jener Zeit.

Tessa und Marius.
Marius und Tessa.

Göttin und Held von Gustaaf Peek

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Eine Frage bleibt am Ende, das der Anfang ist. Hätte ich mich anders verliebt, wenn mir das Ende schon im ersten Augenblick klar gewesen wäre? Hätte sich mein eigener Weg noch verändern lassen? Ich denke, nein. Das erste Gefühl veränderte mein Leben und ich selbst bin wohl erst im 30. Kapitel meines Liebens angelangt. Egal in welche Richtung ich nun schaue, es sind noch viele Kapitel bis zum zum Anfang vom Ende.

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8 Gedanken zu „Göttin und Held – Eine antizyklisch erzählte Liebe

  1. Deine Worte erklären, warum Frauchen mir verboten hat dieses Buch zu lesen. Sie meinte ich sei zu jung. Ich bin schon gespannt was sie dazu sagt.
    Tolle Rezi und das Fazit am Ende gefällt mir am besten. Also quasi der Anfang 🙂

  2. Diese Rezension ist richtig klasse geschrieben und ich bin sehr neugierig auf das Buch geworden. Es wird auf jeden Fall auf meine Weihnachtswunschliste kommen.
    Vielen Dank dafür und einen schönen ersten Advent.
    Liebe Grüße „Wildpony“ Sonja
    Ob der Oberst mich das Buch für die Bib besorgen lässt?

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