Schreiben Sie mir, oder ich sterbe – Liebesbriefe, die ins Ohr gehen

Schreiben Sie mir, oder ich sterbe...

Schreiben Sie mir, oder ich sterbe…

Aber was nützt das alles, sich mit zärtlichen Erinnerungen zu betrügen, ich liebe dich Süßes und du fehlst mir schrecklich, ich mühe mich, nicht daran zu denken, an die Dunkelheit, an diesen Augenblick, wenn ich zu dir kam und das Licht war aus, und aus dem Dunkel flogst du in meinen Arm und das Zimmer zerfiel und die Nacht zerfiel und die Welt zerfiel und deine Lippen waren das Weichste in der Welt und deine Kniee kamen und deine Schultern und deine zärtliche Stimme.

Komm wieder komm wieder – Behende ach, endlos Geliebte.

Ein wenig plagt mich mein Gewissen ja schon, wenn ich diese Zeilen höre, die nicht für meine Augen bestimmt sind. Zu intim, zu nah und zu geheim sollten die Worte sein, die hier der Geliebten von der Sehnsucht des Liebenden berichten. Recht peinlich wäre es beiden wohl gewesen, wenn sie geahnt hätten, dass diese zarten Zeilen jemals das Licht der Welt erblicken würden. Und doch ist es so geschehen. Ein Liebesbrief aus der Feder eines zutiefst romantischen Mannes legt Zeugnis ab von der aufrichtigsten Form der Einsamkeit. „Komm wieder komm wieder.“

Sie haben richtig gelesen, wenn ich vom Hören schrieb! Denn erstmals verlasse ich mich auf meine Ohren, wenn ich mich dem sensiblen Thema Schreiben Sie mir, oder ich sterbewidme und mir „Liebesbriefe berühmter Männer und Frauen“ in meinen Ohren zergehen lasse. Ich wollte nicht lesen, wollte lauschen, ganz nah sein. Ich habe davon geträumt, von einer zarten Frauenstimme in eine Liebesgeschichte verwickelt zu werden und dem brüchigen männlichen Timbre zu lauschen, wenn hartgesottene Jungs von Liebe schreiben. Ich habe mich ganz bewusst für ein Hörbuch entschieden und bei den Worten „Komm wieder komm wieder – Behende ach, endlos Geliebte gefühlt, wie richtig diese Entscheidung war.

Schreiben Sie mir, oder ich sterbe...

Schreiben Sie mir, oder ich sterbe…

So höre ich nun also. Mit Gänsehaut, denn das einst Geschriebene erwacht zu neuem Leben, wird vital, und katapultiert mich am 29. November 1937 nach Porto Ronco. Wem ich allerdings dort begegnen sollte, das hätte ich mir kaum vorstellen können. Und noch weniger vorstellbar war für mich die Adressatin dieser gefühlvollen Zeilen. Erich Maria Remarque, der Schriftsteller, der mit einem Kriegsroman zu Weltruhm gelangt war, sitzt an seinem Schreibtisch und träumt von der Anwesenheit seiner Angebeteten. Sieht sie in seine Arme fliegen, fühlt die Liebe. SIE: das war Marlene Dietrich, der Blaue Engel, die Göttin des internationalen Films.

„Das Zimmer zerfiel und die Nacht zerfiel und die Welt zerfiel und deine Lippen …“

Hörend stelle ich mir die Wirkung der Zeilen auf die Dietrich vor. Den Vamp, jene männermordende Legende, der die gesamte Männerwelt ihrer Zeit zu Füßen lag. Erich Maria Remarque lässt keinen Zweifel an einer Beziehung, die Zeilen sprechen für sich. Und doch wird erst nach dem Liebesbrief klar, was beide miteinander verband und wie es endete. Denn die Liebesbriefe der Kollektion werden von Christian Baumann, der in emotionaler und bewegender Art und Weise die ebensolchen Herausgebertexte liest, in den zeitlichen Kontext und das Leben der Verliebten eingeordnet.

Der Zartheit der Zeilen folgt eine Skizze ihrer Liebe. Es folgen die Kosenamen und auch die Grenzen, an die man gegenseitig stieß. Die Kreise schließen sich. Gefühl und Tragik gehen Hand in Hand, Antworten von Marlene Dietrich existieren nicht mehr. Die Ehefrau von Remarque, Paulette Goddard (auch eine Schauspielerin) hat sie wohl aus Eifersucht vernichtet. Was bleibt rührt zu Tränen. Nichts Handschriftliches von Marlene. Nur ein Telegramm, das Remarque am 6. September 1970 sechs Tage vor seinem Tod auf dem Sterbebett erreicht. Sechs Worte für die Ewigkeit:

„Ich schicke Dir mein ganzes Herz“

Schreiben Sie mir, oder ich sterbe...

Schreiben Sie mir, oder ich sterbe…

Ich beschreibe diese Geschichte so ausführlich, um ein Gefühl davon zu vermitteln, auf was man sich einlässt, wenn man die Edition der „Liebesbriefe berühmter Männer und Frauen“ hört. Die Liebesbriefe werden getragen von den großen Stimmen unserer Hörbuchszene. Die Begleittexte schmiegen sich an die verträumten Zeilen an und sind unverzichtbar für das Verständnis des Geschriebenen. Hier treten Dietmar Wunder als Erich Maria Remarque und Christian Baumann in einen zeitlosen Dialog, der sich in den folgenden Briefen mit anderen Stimmen fortzusetzen scheint.

Und dies sind genau vierundzwanzig Dokumente der Leidenschaft, die vom Glück der Liebe, der mit ihr einhergehenden Verzweiflung, von Hoffnungslosigkeit und fatalen Irrwegen künden. Jede Facette ist vertreten, jedes Gefühl wird greifbar und die meisten Briefe finden im Adressaten ihre Entsprechung. Oftmals sind die Antworten verschollen, verbrannt oder in alle Winde verstreut. Nur ein Brief wurde niemals beantwortet. Marie Curie schrieb ihrem Mann Pierre im April des Jahres 1906. Nobelpreisträger waren sie beide. Ihr Leben war von ihrem Labor und gemeinsamen Forschungen bestimmt.

Und doch war Platz für Gefühle. Voller Zärtlichkeit und Verzweiflung verfasst sie jene Zeilen, die ihren größten Verlust festhalten. „Auf dem Friedhof gestern wollte es mir nicht gelingen, die in den Stein gemeißelten Worte <Pierre Curie> zu begreifen.“ Nach seinem plötzlichen Unfalltod steht sie allein vor den Trümmern eines viel zu früh beendeten gemeinsamen Lebens. Das Schreiben gibt ihr Halt und dieser erste Brief an den Verstorbenen ist der Beginn ihrer Korrespondenz, in der sie fortführt, was im Leben nicht mehr möglich war. Martina Gedeck liest diese Zeilen voller zeitloser Sehnsucht.

Schreiben Sie mir, oder ich sterbe...

Schreiben Sie mir, oder ich sterbe…

Keiner der Liebesbriefe ist ohne emotionale Relevanz. Keiner passt in die üblichen Schablonen oder Klischees. Nichts ist belanglos und jede einzelne Geschichte regt an, ihr weiter auf die Spur zu gehen. So sucht man noch während des Hörens in den Tiefen des Internets nach einem Gemälde einer gewissen Manon Balletti. Ihre zaghaften und hoffnungsvollen Zeilen an Giacomo Casanova zeugen von der inneren Zerrissenheit, die von der jungen Frau Besitz ergreift, als sie sich in Casanova verliebt und alles in die Waagschale wirft, um ihn zu erobern.

„Im Traum schon sage ich Ihnen, dass ich sie liebe!“ Keine Zeilen für die Ewigkeit, wie wir heute wissen und doch der lebendige Beweis für die Zeitlosigkeit dieser Briefe. Denn, wenn auch die Liebe nicht überdauert, diese Briefe bauen Brücken über die Zeit und haben im ein oder anderen Fall den angehimmelten Adressaten erst Jahrzehnte zu spät so richtig erreicht. Liebesbriefe überleben manchmal das wahre Leben. Friederike Kempter leiht Manon Balletti ihre unvergleichliche Stimme. Wer sich nicht in den Brief verliebt, der verliebt sich in diese Stimme. Unsterblich sogar.

So geht es weiter. Drei CDs mit über drei Stunden Gefühl in seiner Reinkultur. Die berühmten Männer und Frauen überraschen mit ihren Worten, ihrer Wärme, aber auch der Zielstrebigkeit, mit der sie ihrer Liebe Ausdruck verleihen. Ihre Briefe wirken zeitlos und inspirieren uns, doch selbst wieder einmal zu schreiben. Gefühle lesbar zu machen und unseren Angebeteten zu zeigen, was sie uns bedeuten. Vielleicht überdauern auch unsere Zeilen die Zeit. Vielleicht werden sie später einmal gelesen. Vielleicht ist das die Krönung der eigentlichen Liebe.

Schreiben Sie mir, oder ich sterbe...

Schreiben Sie mir, oder ich sterbe…

Wobei, wenn wir ehrlich sind, kann die wahre Liebe natürlich auch das Ende jeder Krönung sein. Auch davon kündet einer der wundervollen Liebesbriefe, in dem Wallis Simpson ihrem Geliebten, König Edward VIII. mitteilt, wie sehr es ihr zusetzt, dass die Liebe ihn den Thron kosten könnte. Zusammen sind wir stark genug, es mit dieser erbärmlichen Welt aufzunehmen!“ ist Liebesbrief und Kampfansage in einem. Diesen Worten folgten Taten. Die Liebe wog schwerer als die Krone. Skandalös!

Wer nach dem Hören immer noch nicht aufhören kann mit diesen Liebesbriefen, der wird im Piper Verlag fündig. Das gleichnamige Buch von Petra Müller und Rainer Wieland beinhaltet neben den 24 erlesen vorgetragenen Briefen der Hörbuchedition 53 weitere Bekennerschreiben der wahren Liebe. Hier lohnt der selbst zu lesende Genuss, und in Verbindung mit dem Hörbuch kann ich mir dieses literarische Gesamtkunstwerk als das perfekte Weihnachtsgeschenk auf dem Gabentisch vorstellen.

Kein Herz bleibt ungerührt. Das kann ich versprechen. In diesen Briefen finden wir die Antworten auf die Fragen nach dem Sinn des Lebens und der Liebe. Hier wird man fündig, wenn man Inspirationen sucht, in Hoffnungslosigkeit versinkt und vielleicht auch mal nicht weiß, wohin mit dem Überschuss an eigenen Gefühlen. Lesen und hören sind der Schlüssel zum Glauben an die Macht der Liebe, denn es ist niemals zu spät für das große Abenteuer Liebe. Wie schrieb schon Martha Gellhorn an Ernest Hemingway?

„Ich möchte jung und arm sein, mit dir und unverheiratet.“

Schreiben Sie mir, oder ich sterbe...

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calliebe_astrolibrium

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2 Gedanken zu „Schreiben Sie mir, oder ich sterbe – Liebesbriefe, die ins Ohr gehen

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