„Fallensteller“ von Saša Stanišić – Zurück in Fürstenfelde

Saša Stanišić - Fallensteller - Astrolibrium

Saša Stanišić – Fallensteller

Als Ferdinand Klingenreiter das Publikum, liebe Freunde, Familie, liebe Kinder, um Ruhe für seine Große Illusion bat, lachten einige, die meisten redeten weiter.

Das ist wohl das Schicksal der großen Clowns. Sie verbergen die tiefen Wahrheiten und Enttäuschungen ihres Lebens hinter bunter Maske, aufgemaltem Lächeln und einer an Situationskomik nicht armen Show. Illusionen und Fluchten sind Programm und erst der zweite Blick offenbart die nicht aufgeschminkte Träne im Auge des Clowns. Sie sind augenscheinlich die Alleinunterhalter im Einerlei und doch tragen sie eine große Tragik in die Manege, die uns unter die Haut geht.

Saša Stanišić ist einer der ganz großen traurigen Clowns der Literatur. Man weiß nicht ob man lachen oder weinen soll, wenn man ihn liest, seinen Geschichten folgt und vielleicht sogar das Vergnügen hat, ihn bei seinen Lesungen zu erleben. Er verzaubert seine Manege mit knallbunten Lustballons, verführt mit aberwitziger Wortakrobatik zum Staunenlachen und enthüllt fast beiläufig, dass der Kern seiner Vorstellungen mit einer unübersehbaren Portion bittersüßer Melancholie garniert ist.

Saša Stanišić - Vor dem Fest - Astrolibrium

Saša Stanišić – Vor dem Fest

Erst spät, kam es Klingenreiter in den Sinn, dass sein Talent keines zur Unauffälligkeit gewesen war. Es war … den Leuten schlicht egal, ob er anwesend war oder nicht. Womöglich ist aber auch das ein Talent, Leuten egal sein.

Wie jeder große Clown bleibt sich Saša Stanišić in seiner Rolle treu. Egal zu sein gehört nicht zu seinen Talenten. Weder als Schriftsteller, noch als Mensch. Die Figuren seiner Geschichten jedoch kämpfen seit jeher mit dem bedrückenden Gefühl, dass sich niemand so wirklich für sie interessiert. Sie stehen am Rande, wirken unsicher und sind uns Lesern dabei so sympathisch nah, weil sie ungeschönt in ihrem Jammertal vor sich hin existieren und aus dieser geschützten Deckung heraus ihre Umwelt beobachten.

So kennen wir ihn selbst aus seinem preisgekrönten Roman „Vor dem Fest“. So haben wir das kleine Nest Fürstenfelde in der Uckermark erlebt und so haben sich die Menschen in dieser „Egalzone“ unseres Landes in unsere Herzen gestohlen. Komisch wirkten sie nur auf den ersten Blick. Doch unfreiwillig komisch waren sie nie. Allzu tief waren die fiktiven Charaktere angelegt, allzu zerrissen waren die Wesenszüge, die sich früher durch Haltung und heute nur noch durch Haltungsschäden auszeichneten.

Saša Stanišić - Fallensteller

Saša Stanišić – Fallensteller

Er hatte die Kiste selber entworfen. Fast fünfzig Jahre in einem Sägewerk angestellt, und mit siebenundsiebzig die erste eigene Anfertigung, vom Entwurf bis zur Herstellung.

Hatte uns Saša Stanišić schon mit „Vor dem Fest“ in eine Falle gelockt, aus der es kein Entrinnen gab, so kehrt er mit seinen Erzählungen und Kurzgeschichten unter dem klangvollen Titel „Fallensteller“ zurück in unser Lesen und Hören. Der Erzählraum ist nicht geschlossen, obwohl einige der Geschichten miteinander verwoben sind. Was sie jedoch wirklich verbindet ist diese eine große Manege, in der Stanišić seine kleinen und großen Helden des Alltags auftreten lässt. Komische Käuze sind sie allesamt. Traurige Clowns mit Sicherheit auch, aber das ist literaturimmanent in den Werken des Autors.

Ferdinand Klingenreiter ist vielleicht einer der Vorreiter dieser Geschichten. Er ist den Menschen egal, er ist unauffällig, lebt am Rande und hat im Sägewerk der Familie nie etwas von bleibendem Wert geleistet. Und doch steht er plötzlich auf der Bühne. Er, der nutzlose Schüchterne ist nun „Freddie, der Fantastische“ und zeigt seine wahre und einzige Begabung. Alles ist Illusion, alles ist Zauberei und alles kann verschwinden, auch wenn es vorher gar nicht da war. Seine Show geht in die Geschichte ein als:

Die große Illusion am Säge-, Holz- und Hobelwerk Klingenreiter Import Export  

Saša Stanišić - Fallensteller

Saša Stanišić – Fallensteller

Illusionär ist keine der Geschichten und doch sind sie allesamt Fallen. Der Leser geht ihnen auf den Leim, betrachtet das Oberflächliche, schmunzelt über abstruse und skurrile Gedankenflüge und ist verleitet laut loszulachen, wenn der Wortwitz siegt. Doch spätestens dann erkennt man den Köder, der einen in die Falle gelockt hat. Es sind die tiefen Themen unserer Zeit, die von Flucht, Krieg und Verlust handeln. Es sind Themen, die in den Protagonisten verborgen sind und die wir schichtweise zurück ans Tageslicht bringen.

Fast schon spielerisch verirren wir uns in den Wirren menschlicher Abgründe und werden zu Zeugen der verzweifelten Selbstbefreiungsversuche. Eine syrische Malerin verarbeitet ihre Traumatisierung in Aquarellen, ein Handlungsreisender verschwindet in Brasilien ohne ganz zu verschwinden, ein junger Mann erlebt im Ferienlager Albträume weil er die Natur zuvor nur in Form von Holzschränken wahrgenommen hatte und zwei junge Männer mischen die Aktivistenszene gehörig auf. Menschenrechte ohne Rechte Menschen. Das Anliegen dringt durch.

Die größte Falle innerhalb der zwölf Geschichten stellt jedoch diejenige dar, die diesem Buch seinen Titel gab. Fallensteller. Was für eine Überraschung, wieder in der Uckermark zu sein. Die Rückkehr nach Fürstenfelde ist für Leser, die schon in „Vor dem Fest“ mit Stanišić unterwegs waren das eigentliche Highlight in diesem Zyklus. Ja, hier darf man erneut über Lada und all die Hinterwäldler lachen, die einem Fallensteller in die Falle gehen. Wäre Naivität ein Ortsschild, es trüge den Namen Fürstenfelde. Wir sind wieder zuhause und werden auf Schritt und Tritt an den Autor selbst erinnert, der durch sein preisgekröntes Werk dafür gesorgt hat, dass Reisebusse voller Fans auf der Suche nach den Schauplätzen des Romans die beschauliche Ruhe des Dorfes stören.

Saša Stanišić - Fallensteller

Saša Stanišić – Fallensteller

Ich habe den „Fallensteller“ gehört. Auf vier CDs bietet der Livemitschnitt der Lesung von Saša Stanišić das ungefilterte „Ich-war-dabei-Erlebnis“ und macht die sprachliche Dynamik des Schriftstellers fühlbar. Er reißt mit und fesselt. Teilweise sogar sich selbst, wenn er bekennt:

Ich bin gerade so begeistert von meinem Text, dass ich Wasser im Mund habe.

Die feinen Untertöne seines Vortrages machen das Hörbuch aus dem Hause „Der Hörverlag“ für mich zu einem besonderen Hörereignis. Es ist brillant zu erleben, wo Stanišić über sich selbst lacht, wo die pointierten Wortwitze tatsächlich verborgen sind und wann eine Geschichte auf ihren Höhepunkt zusteuert. Brillant ist der Erzähler dann, wenn er auf das Ende einer Erzählung zusteuert. Dann wird seine Stimme weich, sanft und verbindlich. Man weiß, dass große Schlussworte folgen. Man beugt sich vor, damit man nichts versäumt. Man ist mittendrin.

Natürlich trägt Stanišić seine Erzählungen bei dieser Lesung gekürzt vor, aber er erzählt, was er weglässt, leitet über, überspielt die entstehende Leere und begleitet sein Publikum. Einen direkteren Hörspaß kann ich mir kaum vorstellen. Perfekt wäre es, das im Luchterhand Verlag erschienene Buch vor dem Hören zu kennen. Aber wer ist schon immer perfekt. Mir genügt das Hörbuch. Es verleitet zum Schwelgen.

Saša Stanišić - Vor dem Fest und Fallensteller

Saša Stanišić – Vor dem Fest und Fallensteller

Im März 2014 fragte meine Tochter, welches Fest die Leute in meinem Buch denn feiern, wenn es soweit ist. Ich habe ihr ein wenig von den Menschen in Fürstenfelde erzählt und sie hat mir ein Bild zu diesem Buch gemalt. Menschen. Alle auf dem Weg zu diesem Fest. Jetzt hat sie es wieder entdeckt und ich habe ihr vom „Fallensteller“ erzählt. Schön, ein Bild für zwei Bücher zu haben. Ein Menschenbild. So offen.

Die Menschen aus der Uckermark - by Lena

Die Menschen aus der Uckermark – by Lena

calliebe_astrolibrium

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