Nachdenkliches – UnENDliches gegen den Lauf der Zeit

Nachdenkliches - UnEndliches - Unvergessen

Nachdenkliches – UnEndliches – Unvergessen

Liebe Judith,

seit wenigen Tagen gehört die Frankfurter Buchmesse 2016 meiner persönlichen Geschichte an. Schön war`s. Unbestritten. Inspirierend und einfach literarisch exquisit. Und doch hänge ich in der Tiefe meines Geistes Gedanken nach, die mich schon lange beschäftigen. Wie schnelllebig ist unsere Lesezeit, wie dynamisch entwickelt sich mein Lesen und wie wenig bleibt am Ende eines Buches übrig. Gerade, wenn es sich um die Bücher von Menschen handelt, die in und zwischen den Zeilen rein autobiografisch um ihr Leben kämpfen.

Auch in diesem Jahr bin ich ihnen begegnet, sah ihre Bücher und hörte ihnen zu. Ich spreche hier von Autoren, die über ihren ganz persönlichen Krebs, ihre Unfälle und jene Momente schreiben, in denen sich das Leben in ein DAVOR und ein DANACH aufteilte. Sie schreiben von Diagnosen, inneren Kämpfen und Hoffnung. Oftmals ist es schon der Prozess des Schreibens allein, der sich therapeutisch auswirken kann. Manchmal sind es aber auch Buch gewordene Hilfeschreie in einer Gesellschaft, deren Empathietanks schon lange leergelaufen sind.

Mütter verarbeiten Verluste, Väter fressen nicht mehr in sich rein, sondern öffnen sich, Sportler erzählen vom neuen Leben im Rollstuhl und dem Leben danach. Einem Leben das nicht mehr viel mit dem Leben davor gemeinsam hat. Kira Grünberg sprang höher als die meisten Konkurrentinnen. Nach einem Trainingsunfall gelähmt, wird sie nun von der Schwerkraft in einen Rollstuhl gefesselt. Und Kira fliegt trotzdem. Trotzig, unfassbar kämpferisch und das eigene Schicksal nicht nur akzeptierend, sondern annehmend. Es sind Bücher, die uns zu Wegbegleitern machen und beiden Seiten helfen können.

Sterben kommt nicht in Frage, Mama von Judith End

Sterben kommt nicht in Frage, Mama von Judith End

Und doch habe ich Angst, dass wir zu schnell vergessen, was wir lesen, wen wir begleiten, warum wir berührt sind und welche Botschaft uns erreichen sollte. Viel zu schnell verfliegt die Zeit. Viel zu schnell werden wir abgelenkt von neuen tragischen Ereignissen und globalen Problemen. Viel zu schnell verlieren wir aus den Augen, was wir nicht vergessen wollten. Jedes Mal, wenn ich auf der Buchmesse auf diese Bücher stoße, werde ich nachdenklich und kämpfe innerlich gegen den Lauf der Zeit. Ich kann mich nicht vielen dieser Geschichten öffnen, weil sie mich einfach nachhaltig bewegen und nicht mehr loslassen.

Deshalb schreibe ich hier und heute diese Zeilen, liebe Judith. Es ist nicht mehr als der Versuch, die Zeit zurückzudrehen und zu zeigen, dass nicht immer vergessen wird, was so leicht vergessen werden kann. Ja, Judith, diese Zeilen gehören Dir. Sie gehören Deinem Buch, das damals in aller Munde war und sie gehören auch Deiner Tochter, die mit ihrem emotionalen Appell an ihre an Brustkrebs erkrankte Mutter für Aufsehen und auch den Buchtitel sorgte.

„Sterben kommt nicht in Frage, Mama“.

Ich habe noch heute das Buchcover vor Augen. Ich sehe Dich, Judith und den Blick Deiner Augen. Hoffnungsvoll, kämpferisch und in die Ferne gerichtet. Und ich sehe das Mädchen, das Dir diesen magischen Satz einzuflüstern scheint. Paula, Deine Tochter. Lange ist es her, dass wir Dein Buch entdeckten. Lange ist es her, dass wir es gelesen haben und lange ist es her, dass wir es wagten mit Dir in Kontakt zu treten um für den Blog.LovelyBooks ein Interview zu führen. Wir, das waren und sind Bianca und ich.

Sterben kommt nicht in Frage, Mama von Judith End

Sterben kommt nicht in Frage, Mama von Judith End

Wir lasen gemeinsam, rezensierten getrennt. Zu differenziert waren unsere Gefühle. So entstanden auf LovelyBooks zwei emotionale Besprechungen auf den Profilen, die wir damals als heilige Orte unseres Lesens betrachteten. Binea und Mr. Rail. Danach haben wir unsere Fragen für das Interview mit einer Frau ausgearbeitet, die von ihrem Leben nach der Diagnose erzählt. Erfrischend humorvoll und erschreckend nah. Paula stand im Mittelpunkt des Buches, flankiert von dem Versprechen, dass Sterben nicht in Frage kommt.

Unvergessen sind Deine Antworten auf unsere Fragen. Du hast uns noch näher an Dich herangelassen, als es im Buch möglich war. Unvergessen sind die Zwischentöne in den Mails, die wir vor und nach diesem Interview gewechselt haben. Unvergessen sind unsere Gefühle, als wir Deine Antworten in die Bücherwelt tragen durften. Es war kurz vor Weihnachten. Es war der 20. Dezember 2010. Du hast so viel erzählt von Dir. Den Einschränkungen im Alltag, dem Verlust Deiner Weiblichkeit und der Kraft, die Du aus der Familie schöpfst.

Du hast Hoffnungen und Sehnsüchte nach Liebe und Beziehung geteilt und ganz offen über Deine Verfassung in diesen Tagen geschrieben.

„Meine Immunabwehr ist nach wie vor nicht die beste, aber alles zusammen sind das nur Zipperlein mit denen ich ganz gut leben und einen normalen Alltag führen kann. Es geht mir gut. Ein herrlicher Satz!“

Das Interview wurde zwei Jahre später mit dem gesamten Blog.Lovelybooks vom Netz genommen, aber es führt ein Weg zu diesem Dialog, den wir niemals vergessen werden. Er führt hier entlang!

Sterben kommt nicht in Frage, Mama von Judith End

Sterben kommt nicht in Frage, Mama von Judith End

Wir sind Dir auf Deinem weiteren Weg gefolgt. Schrieben uns, sahen Dich im TV und bewunderten Deine Haltung und die Kraft, die Du anderen Menschen und den von der gleichen Krankheit heimgesuchten Frauen vermittelt hast. Unvergessen sind Worte, die uns zeigten, was Dir die Literatur und das Lesen bedeutet.

„Gott, was wäre ich ohne euch, die ihr mein Fluchtweg seid, mich entführt und einlullt mit eurer Phantasie und euren Worten. Mir Flügel schenkt, wann immer ich sie nötig brauche. Was wäre ich ohne eure Geschichten, die mich auffangen, bergen, nicht mehr loslassen. Solang ich lesen kann bin ich lebendig.“

Warum ich dies heute alles schreibe? Weil ich dagegen ankämpfe es zu vergessen. Weil ich immer wieder an Dich und Dein Buch denken muss, wenn ich in der Weite der Messehallen Autoren begegne, die ihr Schicksal schreibend bewältigen und damit auch vielen Menschen Hoffnung geben. Weil ich hoffe, dass ihre Leser an ihrer Seite bleiben und sie nicht vergessen. Weil es eben nicht nur Geschichten sind, sondern das Leben. So hart es manchmal auch zuschlägt. Und weil ich oft an Paula denke, die Dir mit ihrem Appell das Sterben verboten hat.

Sterben kommt nicht in Frage, Mama von Judith End

Sterben kommt nicht in Frage, Mama von Judith End

Warum ich eigentlich schreibe, Judith?

Weil Du es nicht geschafft hast. Weil Du am 20. Juni 2012 gestorben bist. Weil Du den letzten Kampf verloren hast. Weil ich oft in unseren Mails lese und Fotos von damals anschaue, die den Weg in unser Interview gefunden haben. Weil wir noch auf Facebook befreundet sind und ich Dich dort besuchen kann. Weil Dein Buch noch immer seine Kampfansage in mein Leben brüllt. Weil ich oft an Dich denke, wenn ich Autoren begegne, die um ihr Leben schreiben.

Weil ich erst jetzt dazu in der Lage war. Vielleicht auch das.

Für Judith End

Autorin des BuchesSterben kommt nicht in Frage, Mama
Erschienen am 4. Oktober 2010
Droemer Knaur

Judith End starb am 20.6.2012 in Hamburg. Sie wurde 31 Jahre alt. Ihre Schwester Dorothea und ihr Mann Felix, den sie noch kurz vor ihrem Tod geheiratet hat, kümmern sich um Paula..

Unvergessen – Bini & Raily im Oktober 2016

Es bleibt auch dieser bittere Vergleich von Dir. Wir denken an Dich.

Es bleibt auch dieser bittere Vergleich von Dir. Wir denken an Dich.

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14 Gedanken zu „Nachdenkliches – UnENDliches gegen den Lauf der Zeit

      • Verstehe ich schon richtig… Das ist auch einer der Gründe, warum ich mich aktuell so schwer tue, mich diesen Büchern zu nähern, weil ich weiß, wie intensiv auch die Lesewege sein können.

        Manchmal ist es sehr zermürbend….

      • Glaub ich dir. Mir geht es manchmal beim ’nur lesen‘ schon so – und ihr wart ja noch viel näher dran.

        Hoffe, es geht dir so gut wie möglich (trotzdem).

        Liebe Grüße

      • Oh ja, es geht mir /uns gut, denn Erinnern ist etwas Positives. Und vielleicht zeigt es auch, dass man ncht so schnelllebig denkt, wie es manchmal einfach so passiert.

        Judith lebt in ihren Worten und in Paula weiter. Ein tolles Vermächtnis.

  1. Uff – jetzt habe ich stabiles Netz, jetzt bin ich im Feierabend und jetzt kann ich endlich lesen, was du hier geschrieben hast.

    Es ist gut, dass ich auf dem Fußboden sitze, denn sonst hätte ich den Halt verloren. Mir kullern Tränen über das Gesicht – ich, du, wir, Judith – in einem Artikel voller Herzenswörter die meine Seele berühren, die mich tief treffen und mich denken lassen.

    Arndt – du hast hier einen Artikel geschrieben, der mich oft an uns denken lässt, der unsere Zeit immer und immer wieder bunt macht und Judith, wir denken an dich – wohl wahr. Es gibt immer und immer wieder diese Lesen-lebens-momente, die uns bewusst machen…ach Judith.

    Danke Arndt. Danke. So sehr.

    • Ich habe mit zwei Federn geschrieben und war tief in diesem Jahr der Wunder versunken. Und Judiths Wunder gehörte so sehr dazu.

      Die Zeit war bunt und auch Erinnerung darf bunt sein. Froh und emotional. Wir gehen nicht zum Weinen in den Keller. Und ganz sicher nicht mit Judith.

      Lasst uns lachenweinen.

  2. Puh, das geht nahe. Mich berühren solche Geschichten beim Lesen so stark, dass ich diese Bücher nur in homöopathischen Dosen vertrage. Wie muss es dann sein, wenn man persönlichen Kontakt hat!

    Liebe Grüße
    Birgit

    • Das ist auch der Grund, warum ich mich nicht vielen dieser bewegenden Geschichten widmen kann. Sie lassen mich nicht los und es fällt schwer, zur Tagesordnung überzugehen.

      Ich kann nur wünschen, dass andere Leser „ihren“ Autoren treu bleiben.

  3. Danke Arndt, dass Du Judith ins Gedächtnis gerufen hast! Ich war damals bei der Leserunde auf Lovelybooks dabei und war und bin von den Erzählungen ergriffen ohne es in Worte fassen zu können. Gerade kommen auch bei mir die ganzen Empfindungen, die Gedanken an Paula wieder hoch…

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