„Die unsterbliche Familie Salz“ von Christopher Kloeble

Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble

Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble

Es ist der Fluch des literarischen Bloggens, dass man schon sehr frühzeitig über die Neuerscheinungen des Jahres informiert ist und das Interesse für Bücher geweckt wird, von denen man gerade einmal den Klappentext und einen ersten Cover-Entwurf kennt. Schon Anfang des Jahres entschied ich mich für Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble und vereinbarte mit der Presseabteilung der dtv bereits im März einen Interviewtermin mit dem Schriftsteller auf der Frankfurter Buchmesse.

Wenige Tage nach diesem Arrangement lag das Presse-Exemplar in meinen Händen und musste sich gedulden, bis ich mich durch meine Projekte zu ihm durchlesen sollte. Seltsamerweise rückte das Buch in immer weitere Ferne, weil es nicht mehr so recht in mein Lesen passen wollte. Als ich dann auch noch in einer Literaturkritik die Überschrift „Hotel Adlon trifft Abingdon Road“ las, zweifelte ich schon daran, ob ich überhaupt in diesen Roman einsteigen wollte. Eine reine Familiensaga im Hotelmilieu passte einfach nicht ins Lesen dieser Tage.

Jetzt, kurz vor der Buchmesse gab ich dem Roman eine Chance. Literarisches hat mich in den letzten Wochen intensiv begleitet und mir war klar, dass ich das Buch sehr schnell abbrechen würde, wenn ich zu sehr in der bunten Glitzerwelt eines Nobelhotels eintauchen sollte, um den stereotypen Lebensweg einer reichen Familie durch die Zeit begleiten zu können. Und trotzdem las ich aufmerksam, da ich ja noch dieses Interview im Visier hatte, das ich nicht grundlos absagen würde.

Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble

Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble

Anders kann ich meine Grundstimmung zu Beginn des Buches nicht beschreiben und es kam, wie es kommen musste. Ich habe den Roman abgebrochen. Enttäuscht und traurig stoppte ich das Lesen auf Seite 438. Enttäuscht, weil ich das Ende erreicht hatte und so gerne einfach weiterlesen wollte. Traurig, weil ich so viel Zeit verstreichen ließ, bis ich „Die unsterbliche Familie Salz“ für mich entdeckte und zuletzt begeistert, da ich die letzten Worte des Autors in dieser Geschichte in dem Gefühl las, ein großes Buch beendet zu haben.

Nein. Hier trifft kein Hotel Adlon auf eine klischeehafte Familiengeschichte. Nein, hier wandelt der Leser nicht in den leeren Kulissen einer Nobelherberge umher. Dieses Buch ist weiter gefasst, präziser erzählt und überraschender strukturiert, als man es ihm auf den ersten Blick zutraut. Stilistisch erinnert dieser Roman an eine Mischung aus Die Geschichte des Regens und Die Bücherdiebin, weil sich reine Erzählelemente mit literarischen Kunstgriffen abwechseln, die den Leser ganz persönlich ansprechen.

„Sie hören mir noch zu? Ich hoffe – um ehrlich zu sein: erwarte es! Alles müssen Sie sich merken. Keine Ausflüchte. Machen Sie sich meinetwegen Notizen. Für Wiederholungen bleibt uns keine Zeit…“

Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble

Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble

Dass es eine über hundertjährige, im Koma liegende ehemalige Schauspielerin ist, die sich direkt an den Leser wendet, ist hier nur eine der vielen Facetten, die der Roman über eine unsterbliche Familie bereithält. Wobei natürlich noch erwähnenswert ist, dass genau diese alte Dame gerade im Begriff ist, zum zweiten Male in ihrem Leben zu sterben. Lola Rosa Salz.

Und mit ihr sind wir schon im Kern der Geschichte, im Auge des Orkans bei einer der schillerndsten Romanfiguren angelangt, die mir in diesem Jahr über den Leseweg gelaufen ist. Lola Rosa Salz ist die Urzelle dieses Romans. Sie ist Enkelin, Tochter, sie selbst, Mutter, Tante und Großmutter und Urgroßmutter in einem Erzählpanorama, das sich durch die Geschichte unseres Landes zieht, im Jahr 1914 kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltenbrandes beginnt und sich bis ins Jahr 2027 erstreckt. Und Rosa Lola Salz wird den Leser wie ein roter Faden und fast unsterblich durch die Zeit begleiten.

Christopher Kloeble erzählt eine Geschichte, die sich um einen Magnetberg rankt. So nennt er Orte, die eine magische Anziehungskraft besitzen und von denen man sich aus eigener Kraft kaum noch lösen kann. Das legendäre Hotel Fürstenhof in Leipzig ist der Erzähl-Pol seines Romans. Das Hotel kommt in den Besitz der Familie Salz, die sich nur schweren Herzens von ihrer eigentlichen Heimat München lösen kann, nur die Chance ist zu verlockend und eine Zukunft in Leipzig scheint 1914 alternativlos zu sein.

Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble

Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble

Ebenso alternativlos verlaufen nun die salz´schen Lebenswege parallel zur deutschen Geschichte. Weltkriege, Mauerbau, Wiedervereinigung. Schlaglichter, die ihre Schatten selten vorauswerfen, in deren Schatten man allerdings lebenslang steht. Der Dynamik der Familiengeschichte stellt die Weltgeschichte gewaltige Umwälzungen an die Seite, die sich bei jedem Schritt auf die Geschicke der Salz-Generationen auswirken. Leipzig bringt Lola kein Glück. Die gerade einmal Neunjährige wird nicht lange im Fürstenhof leben und es wird fast ein ganzes Leben dauern, bis sie ihn wieder betreten wird. Man gibt ihr die Schuld an einem mysteriösen Tod in der Familie. Schuld, die lebenslang auf ihr lastet.

Und so, wie es die Familie Salz nun zerreißt, wird in den folgenden Jahrzehnten das ganze Land mehrmals zerrissen, zerstört, aufgebaut, getrennt und vereinigt. Das Hotel Fürstenhof steht sinnbildlich für die Geschichte und im Lauf der Jahre entfernt es sich immer mehr von seinen eigentlichen Besitzern. Die magnetische Anziehungskraft bleibt bestehen. Wir folgen Lola Rosa und ihren Geschwistern durch die Berg- und Talfahrt im und nach dem Ersten Weltkrieg, erleben Flucht und Vertreibung, Bombenterror und die Gewalt anrückender Siegermächte im Zweiten Weltenbrand, werden zu Zeitzeugen der Teilung des Landes und fühlen das Vakuum, das entsteht, weil das Hotel enteignet ist. Erst die Wiedervereinigung Deutschlands ist die Initialzündung, den Fürstenhof wieder in Familienbesitz zu bringen.

Christopher Kloeble gelingt es mit seinen Magnetberg Fürstenhof die Geschichte eines ganzen Landes auf ein einziges Gebäude zu fokussieren und den Leser mit den unterschiedlichsten Perspektiven seiner eigentlichen Besitzer in die Vergangenheit zu entführen. Ihm gelingt es auf diese Art und Weise, Kausalzusammenhänge zwischen geschichtlichen Ereignissen, persönlichen Erlebnissen, Erinnerungen und dem Leben einzelner Menschen herzustellen, und Verhaltensweisen nachvollziehbar zu machen.

Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble

Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble

Verlust, Hoffnung und Verbitterung sind die heftig miteinander streitenden Gefühle, die sich durch die Jahrzehnte ziehen. Ängste und Verzweiflung werden fühlbar, Liebe und Fürsorge erlangen völlig neue Bedeutungen und die Entwicklung eines Charakters wird greifbar. Zu erleben, wie aus dem kleinen Mädchen Lola Rosa Salz eine mehr als aufopferungsvolle Mutter wird, die sich im Lauf der Zeit zum Schreckgespenst für alle Verwandten entwickelt schmerzt und macht nachdenklich. Und doch war ich immer bei ihr, weil ich sie verstehen lernte.

„Sie hören mir noch zu?

Ich hoffe – um ehrlich zu sein: erwarte es! Alles, alles müssen sie sich merken. Keine Ausflüchte. Machen sie sich meinetwegen Notizen. Für Wiederholungen bleibt uns keine Zeit…“

Ja, Lola. Ich habe mir Notizen gemacht. Diese hier. Ich werde nichts vergessen und kann Fragen beantworten. Ich weiß, warum man seinem Schatten einen Namen geben sollte, habe verstanden, dass man lebenslang gezeichnet ist, wenn man zum Opfer der Sieger wurde und kann nachvollziehen was es bedeutet, an diesen Ort zurückzukehren, der lebenslang wie ein Magnet wirkte, den man aber nie wieder betreten sollte. Ich habe verstanden, wovor Lola ihre Kinder beschützen wollte und spürte die Sehnsucht nach einer Zeit voller Unschuld. Mit jeder Faser meines Lesens war ich an ihrer Seite. Sie ist für mich Die unsterbliche Familie Salz“.

Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble

Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble

Ich freue mich schon darauf, Christopher Kloeble auf der Frankfurter Buchmesse für Literatur Radio Bayern interviewen zu können. Ich mag wissen, wie er schrieb, wie es ihm gelang, trotz dieser großen Zeitsprünge nie die Familie Salz zu verlieren, wo die Probleme dieser Konstruktion liegen und ganz besonders interessiert bin ich daran, was seine eigenen Magnetberge sind und wie sein Schatten heißt. Lest diesen Roman und folgt uns ins Gespräch. Hier geht´s zum Interview. Fast live…

Dann werdet ihr verstehen, wie wertvoll es ist, kein Schattenblinder zu sein.

Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble - Das Interview... bald

Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble – Das Interview… 

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Ein Gedanke zu „„Die unsterbliche Familie Salz“ von Christopher Kloeble

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