„Schnell, dein Leben“ von Sylvie Schenk

Schnell, dein Leben von Sylvie Schenk

Schnell, dein Leben von Sylvie Schenk

Manchmal schreibt das Lesen seine eigenen Geschichten. Erst vor wenigen Tagen war ich in aller Tiefe in der „Nachtigall“ von Kristin Hannah versunken, schrieb über die Relevanz eines Romans, der das besetzte Frankreich des Zweiten Weltkrieges und die Opfer der Nazi-Herrschaft in den Mittelpunkt seiner Handlungsfäden stellte. Auch wenn dieser brillante Roman nicht mit der Befreiung des französischen Volkes endet, blendet er doch die Zeit aus, die nach der Kapitulation des Dritten Reichs aus Erzfeinden neue und dauerhafte Freunde machte.

Dann fand mich ein Buch, das eigentlich gar nicht auf meinem Leseplan stand. Schon der Klappentext verursachte eine literarische Gänsehaut bei mir. Ich konnte es nicht so recht fassen, dass genau zu diesem Zeitpunkt in meinem Lesen eine Schriftstellerin in mein Leben trat, die genau diesen Missing Link zu einem tiefen Roman verdichtet hat, der mir am Ende der „Nachtigall“ und vieler vergleichbarer Werke fehlte, um eine Zeit zu verstehen, die für unser Jetzt und Heute so lebenswichtig war. Wie konnte nach den schrecklichen Verbrechen und Massakern jemals wieder Frieden entstehen, wie konnte Vergebung gedeihen, wenn sie wortlos blieb, wie die Kirche in Oradour-sur-Glane?

„Du erfährst nach und nach, dass es in diesem Jahrhundert zwei Kriege mit den Deutschen gab. Weltkriege. Deine Großeltern haben beide erlebt, deine Eltern nur den Zweiten. Die Deutschen waren die Bösen, aber man spricht kaum darüber, mit euch schon gar nicht.“

(Sie können sich diese Rezension auch gerne im Radio anhören: HIER)

Schnell, dein Leben von Sylvie Schenk - AstroLibrium

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Schnell, dein Leben“ von Sylvie Schenk, erschienen beim Hanser Verlag, liefert nur eine der vielen denkbaren und möglichen Antworten. Und es ist sicher keine leichte und schnell verträgliche Antwort. Wollte man ihr Buch mit den Werken von Kristin Hannah, Irène Némirovsky oder David Foenkinos in Relation setzen, dann kann man dies auf medizinische Art und Weise versuchen. Die Autoren, die über die Nazi-Besetzung ihres Landes schrieben, schildern den chirurgischen Eingriff, der tiefe Schnitte im Leben aller Menschen hinterließ.

Sylvie Schenk beschreibt in ihrem Roman die lange Rehaphase eines Volkes, das den Glauben an Heilung immer wieder verlor, dessen Wunden oftmals neu aufgerissen wurden und das doch in einem lange währenden Heilungsprozess an sich selbst und an der Größe des Begriffes Vergebung genesen konnte. Rückschläge, Ressentiments und tiefe Enttäuschungen waren Wegbegleiter dieser Rehabilitation und doch bewirkten die Generationen nach dem Krieg wahre Wunder, die uns heute selbstverständlich sind.

„Louise wächst in Frankreich auf, Johann in Westdeutschland.
An einer französischen Universität lernen sie sich kennen,
sie heiraten, ziehen in ein deutsches Dorf,
sehen ihre Kinder aufwachsen und ihre Eltern sterben.
Ein ganzes Leben lang suchen sie die passenden Worte
für eine Zeit, über die nie jemand sprechen wollte.“

Schnell, dein Leben von Sylvie Schenk

Schnell, dein Leben von Sylvie Schenk

Diese wenigen Zeilen auf dem Buchrücken nehmen nichts vorweg und sagen viel. Sie stecken den Rahmen ab, den sich die Autorin selbst gesteckt hat, thematisieren das Unaussprechliche in der Beziehung zweier Menschen und lassen uns den Stil fühlen, in dem „Schnell, dein Leben“ uns mit dem Vergangenen und dem Heute konfrontiert. Es ist ein sprachlicher Rhythmus, der schnörkellos und präzise Spuren hinterlässt. Wie mit einem paradoxen Zeitraffermodus wird man durch die Leben zweier Menschen im Lauf ihrer Geschichte getrieben, während eine langsame Tonspur dieses Kopfkino mit zarten und melancholischen Gefühlsmelodien begleitet.

„EIN SOMMER… Im Sommer fährst du zu deiner Familie zurück. Deine jüngeren Geschwister sind noch in der Schule, die Älteste schon im Beruf. Am liebsten gehst du allein auf Bergkämmen entlang, mit Sicht in tiefe Täler, Himmel, Felsen, Wiesen, Wasserfälle, die Pracht der Farben, diese vertraute Welt umarmt dich, wärmt dich, trinkt dich, singt dir Friedenslieder, Lebenslieder.“

Sylvie Schenk schreibt aus der „Stell-Dir-vor-Perspektive“ und erzeugt beim Leser eine unglaubliche Nähe zu Louise, dem Kind, der jungen Frau und der rückblickenden Mutter, zu deren Wegbegleiter sie werden. Stell Dir vor… Mit diesen Worten saugt sie ihre Leser auf, identifiziert sie mit einem Mädchen, das in den französischen Alpen die ersten Schritte in ein selbstbewusstes Leben macht. Ein Leben im Frieden zwar, jedoch am Rande der Verwerfungslinie zwischen Arm und Reich, tradierten Frauenbildern und gekennzeichnet von den Konventionen einer moraltheologischen Schulausbildung.

Schnell, dein Leben von Sylvie Schenk

Schnell, dein Leben von Sylvie Schenk

Der Blick schweift über die eigene französische Großfamilie, spiegelt, interpretiert, wertet, wächst und schärft sich. Wird erwachsen, erreicht die Grenze des Tellerrandes und erreicht erstmals andere Augen, die vor Liebe strahlen, wo vielleicht nur Begehren ist. Mit diesem Blick wandern wir durch die Zeit. Louises Augen sind die ihrer Leser und gemeinsam verfängt man sich im Blick von Johann. Ein Augenblick, der alles verändert. Ein Augenblick, der Louise mit allen Konventionen brechen lässt. Ein deutscher Blick. Hin- und hergerissen. So läuft das Leben weiter. Zwischen den Stühlen zweier Familien als Grenzgängerin einer viel zu früh geliebten Aussöhnung findet sich Louise zwischen den Fronten, deren Gräben niemals verschüttet waren.

Geheimnisse und nie ausgesprochene Wahrheiten, Ressentiments und Vorbehalte sind Eckpfeiler einer Liebe, die sich in der Nachkriegsgeneration zu beweisen hat. Es ist schmerzhaft, Louise auf ihrem Weg zu folgen. Der Zeitraffer hinterlässt Spuren und das Tempo der Geschichte vermittelt ein Gefühl dafür, dass sich manchmal ein Leben schneller entwickelt, als die Welt, die sich langsam dreht. Louises Bekenntnis wird auf harte Proben gestellt. Der Leser ist und bleibt auf ihrer Seite, weil sie zu differenzieren weiß. Schuld und Verantwortung sind zwei Paar Schuhe.

Louise entdeckt das Schreiben. Sie reflektiert und romantisiert. Sie hofft und bittet um Einsicht, wehrt sich gegen eifersüchtige Eingriffe in ihre Privatsphäre und verteidigt ihre Liebe. Stell dir vor. Es sind diese Worte, die der Dynamik dieser Geschichte eine ganz persönliche Dimension verleihen. Versöhnung zwischen Staaten und Nationen ist nicht das Ziel der jungen Frau und werdenden Mutter. Die Liebe gilt es zu retten, und so dies gelingt, darf sie gerne Zeichen setzen. Als das letzte Geheimnis gelüftet wird, zeigt sich, was sie wert ist. Diese Liebe. Und der Leser fragt sich selbst Stell dir vor…

Schnell, dein Leben von Sylvie Schenk

Schnell, dein Leben von Sylvie Schenk

„Alle Buchstaben in diesem Roman setzen sich
zu einem einzigen fruchtbaren Begriff zusammen:
la réconciliation, die Versöhnung.“

Dies schreibt Sylvie Schenk über ein Buch, das Louise in der Schule liest. Dieses Prädikat verdient ihr eigenes Buch. Menschlich, humanistisch und gänzlich vorurteilsfrei rast die Geschichte mit ihren Lesern durch die Zeit. Ein Rückblick, der schmerzt, hoffen lässt und desillusioniert. Familien zweier ehemals verfeindeter Länder haben sich nicht immer viel zu erzählen. Viel mehr haben sie voreinander zu verbergen. Diese Mauer zu durchbrechen ist schmerzhaft und schwer. Besonders dann, wenn man die Wahrheit zu spät erkennt.

Sylvie Schenk schreibt vielleicht autobiografisch. Ihr „Stell dir vor“ gilt vielleicht ihr selbst. Dem Rückblick auf eine Zeit, die sie selbst erlebte. Sie schützt ihre Privatsphäre durch die gewählte Erzählperspektive und erlangt so die Freiheit, in die Tiefe zu gehen, ohne dabei selbst zu versinken. Distanz ist lebensrettend im Erzählen. Der Zeitraffer als Stilmittel blendet nichts aus, er vernachlässigt nicht und lässt kaum Fragen offen. Leser fühlen sich direkt angesprochen. Man kann niemanden zum Lesen zwingen. Man kann Verständnis nicht einfordern. Sylvie Schenk jedoch gelingt es, Empathie zu erzeugen, weil sie ihre Leser zu den Hauptdarstellern der künftigen Geschichte macht.

Silvie Schenk könnte als Spätberufene bezeichnet werden. „Schnell, dein Leben“ ist ihr erster Roman, der in Deutschland veröffentlicht wird. Der Zeitraffer steht nie für die Karriere von Autoren. Manches braucht seine Zeit und manchmal braucht auch die Zeit selbst ihre Zeit, bis sie reif ist. Jetzt ist es an der Zeit für Sylvie Schenk! Ihr Weg zurück in die gemeinsame Vergangenheit ist Rückblick und Warnung zugleich:

„Jederzeit können sich die Fronten ändern, dass die Vollgefressenen irgendwann selbst zu Elendsgestalten werden.“

Schnell, dein Leben von Sylvie Schenk

Schnell, dein Leben von Sylvie Schenk

Ich freue mich schon sehr darauf, Sylvie Schenk auf der Frankfurter Buchmesse für Literatur Radio Bayern interviewen zu können. Ich habe viele Fragen zu einem Buch, das mich völlig überzeugt hat und werde das Gespräch sicher nicht im Zeitraffer führen. Hier geht es zum PodCast.

Sylvie Schenk - Das Buchmesse-Interview...

Sylvie Schenk – Das Buchmesse-Interview…

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Ein Gedanke zu „„Schnell, dein Leben“ von Sylvie Schenk

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