„Smith & Wesson“ – Im freien Fall mit Alessandro Baricco

Smith & Wesson von Alessandro Baricco

Smith & Wesson von Alessandro Baricco

Womit haben wir es zu tun, wenn wir von kreativem Schreiben sprechen? Womit haben wir es zu tun, wenn wir den Akt der Wortschöpfung derart überhöhen, dass sich schon aus dem Adjektiv ein Prädikat ergibt? Ist nicht jede Form unseres Schreibens in sich kreativ, da immer wieder aus der Fantasie unseres menschlichen Geistes heraus Neues entsteht? Ist nicht jedes Buch die Manifestation eines kreativen Prozesses? Ist nicht auch diese Rezension kreatives Schreiben, weil sie die zuvor erbrachte kreative Leistung des Schriftstellers mit neuen Worten reflektiert?

Was aber, wenn ein Schriftsteller kreatives Schreiben lehrt? Was ist, wenn ihm ein Ruf vorauseilt, der ihn von vielen Meistern ihrer Kunst unterscheidet? Wie lehrt er, was lehrt er und wie groß muss der Druck auf den Lehrenden sein, mit eigenen Werken den Schülern unter die Augen zu treten und kraftvoll zu schreien: „So geht das…„? Wo findet Kreativität ihre Grenzen? Wann beginnt die Gratwanderung zu einer einsamen Reise in die Welt der Literatur zu werden? Fragen, die nur einer beantworten kann.

„Weil es ein Traum ist. Ein Traum, den schon viele geträumt haben.“

Smith & Wesson und Seide von Alessandro Baricco

Smith & Wesson und Seide von Alessandro Baricco

Alessandro Baricco. Er ist dies alles in einer Person. Meister, Autor, Lehrer. Sein Schreiben gilt als die literarische Blaupause geballter kreativer Wortkunst. Ihm gelingt es immer wieder, Romanbilder, Wortmelodien, Textrhythmen zu komponieren, die eine ganz eigene Sprache sprechen und meine Wahrnehmung für die Schönheit von Texten nachhaltig verändern. Für einen Schriftsteller seines Formats ist Schreiben mehr als nur das Mittel zum Zweck. Er will nicht nur Geschichten erzählen.

Sein Schreiben ist experimentell, stilprägend und avantgardistisch. Seine Bücher gehören zur Haute Couture der Literatur. Nur, dass man sich seine Bücher leisten kann Was man von den Mode-Kreationen der Pariser Laufstege nicht behaupten kann. Wer jemals „Seide„, „Novecento“ oder „Mr. Gwyn“ aus seiner Feder las, versteht wie gut diese kreativen Wortgeflechte in unsere oftmals mehr als stereotype Lesewelt passen. Sie schmiegen sich an unser Lesen an und senden elektrisierende Schlüsselreize des Neuen und Ungelesenen.

„Worte sind kleine, höchst präzise Apparaturen, glauben Sie mir, wenn einer sie nicht zu benutzen weiß, sollte er sie nicht benutzen, es ist besser für alle, wenn er sich damit begnügt, das zu bleiben, was er ist, nämlich ein wildes Tier…“

Smith & Wesson von Alessandro Baricco

Smith & Wesson von Alessandro Baricco

Smith & Wesson ist der neueste Kreativschub aus dem Literatur-Atelier dieses großen italienischen Avantgardisten. Eine schmale Geschichte, die im Verlag Hoffmann und Campe erschienen ist und sich dadurch auszeichnet, eigentlich gar nicht schmal zu sein. Auf ihren zarten 111 Seiten wartet sie mit einer verlockenden Grundidee auf ihren Leser, umschmeichelt ihn mit zarten Klängen des Erinnerns, überrascht auf jeder Seite durch Inspirationen, die auszuufern scheinen, ohne dabei jemals den Erzählraum auch nur für einen kleinen Moment zu verlassen.

Baricco entführt uns an die Niagarafälle und macht uns im Jahr 1902 mit zwei ganz besonderen Männern bekannt, deren Namen nicht nur diesen Buchtitel zieren, sondern Assoziationen wecken, die weit über das zu lesende Buch hinausgehen. Hier wirken die Namen bereits wie die Patronen aus der gleichnamigen Waffenschmiede, nur dass die beiden Protagonisten dieses Romans nichts, aber auch gar nichts mit jenen Herren zu tun haben, deren Namen zur Marke für Feuerwaffen wurden. Smith & Wesson. Bis auf eine Kleinigkeit haben sie nichts gemeinsam: Eine gewisse Explosivität der Gedanken.

Smith: Wie überaus schade.
Wesson: Sowas, zum Henker…
Smith: Wirklich Wesson, wie dieser Mensch?
Wesson: Smith, wirklich Smith, Smith?

Smith: Na gut.
Wesson: Wir erzählen das besser nicht überall herum.
Smith: Es könnte eine Lösung sein, sich mit Vornamen anzusprechen.
Wesson: Sehr gut.

Smith & Wesson von Alessandro Baricco

Smith & Wesson von Alessandro Baricco

Schon hier spürt der Leser die überraschende Struktur des Romans. Wie für das Theater geschrieben, unterbrechen „unverbindliche“ Regieanweisungen das Lesen und zeigen dabei deutlich auf, wie Baricco seine Geschichte gerne im Herzen seiner Leser verankert sehen würde. Es ist grandios, sich hier auf das Bühnenstück am Rande der Niagarafälle einzulassen und die Charaktere zur Entfaltung zu bringen. Smith, der mit fast allen Wassern gewaschene Meteorologe, der auf skurrile Art und Weise das Wetter voraussagen kann und Wesson, der Leichenangler, der die Karte der Wasserfälle im Kopf hat und die Selbstmörder der letzten Jahre aus dem Fluss fischte.

Diesen beiden eher trostlos schrägen und verträumten Abenteurern schließt sich die Journalistin Rachel an, die auf ihrer Suche nach der großen Story am Wasserfall fast verzweifelt. Drei im Leben gescheiterte Individualisten machen den Kassensturz ihres Lebens und neben ein paar Dollarscheinen bleibt eine bittere Erkenntnis:

„Jetzt fasse ich zusammen: Wir hatten große Erwartungen an das Leben und wir haben nichts zustande gebracht, wir sind dabei, ins Nichts abzurutschen, und das tun wir am Arsch der Welt in einem miesen Loch, wo ein herrlicher Wasserfall uns jeden Tag daran erinnert, dass Erbärmlichkeit eine Erfindung der Menschen ist und die Großartigkeit der normale Lauf der Welt.“

Smith & Wesson von Alessandro Baricco - Abwärts in den Strom

Smith & Wesson von Alessandro Baricco – Abwärts in den Strom

Doch anstatt sich gegenseitig zu erschießen, fassen sie einen Plan, der nach dem Kassensturz einen anderen Sturz zur Sprache bringt. Einen Sturz, der sie mit nur einem Schlag weltbekannt machen wird. Die furiose Idee schweißt drei Menschen zusammen, die nun aufeinander angewiesen sind. Der große Coup nimmt Formen an. Baricco hat seine Leser fest im Griff. Die Sympathien gehören seinen Figuren und man beginnt, so wie er es sich wohl gewünscht hat, die Dialoge laut zu lesen. Regieanweisungen des Meisters.

Smith & Wesson“ ist eine ganz kleine Geschichte über Freundschaft und Liebe. Wie kaum einem anderen Schriftsteller gelingt es Alessandro Baricco durch sein feines und wohldosiertes Schreiben, durch seine Melodie und die Zartheit seiner Wortbilder, alles auszublenden, was unwichtig ist. Die Charaktere entwickeln sich miteinander und aneinander. Was so entsteht, ist der melancholische Abgesang auf das Scheitern und eine Hymne auf die Unverwüstlichkeit des Menschen.

Diesmal gelingt es Alessandro Baricco, seine Leser sehr emotional die Niagarafälle hinunterzustürzen. Kreatives Schreiben ist dann in Vollendung vollbracht, wenn man bei einem Satz weint, der in sich gar kein Tränenpotenzial birgt. Ihr werdet weinen, wenn ihr erfahrt, warum Smith & Wesson am Ende der Geschichte…

„… mit einer Schießbude über die Jahrmärkte in den Dörfern ziehen.“

Smith & Wesson von Alessandro Baricco

Smith & Wesson von Alessandro Baricco

Alessandro Baricco, Mr. Rail und AstroLibrium – Hier und in meinem Archiv

Neu aus seiner Feder: „Die junge Braut

Smith & Wesson von Alessandro Baricco - AstroLibrium

Smith & Wesson von Alessandro Baricco – AstroLibrium – Ein Lesensweg

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2 Gedanken zu „„Smith & Wesson“ – Im freien Fall mit Alessandro Baricco

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