„Raumpatrouille“ – Der Kosmos der Kindheit von Matthias Brandt

Raumpatrouille von Matthias Brandt

Raumpatrouille von Matthias Brandt

Herzlich willkommen in einer Vergangenheit, an die Sie sich vielleicht gut erinnern können, weil Sie ein Teil von ihr waren. Herzlich willkommen in einer Zeit ohne Internet, Handy, RedBull und Privatfernsehen. Ich spreche hier von der Zeit der Musikkassetten, Bonanza-Räder, Tri-Top-Getränkekonzentrate und Saba-TV-Geräte. Diese Zeit, in der das Fernsehen von Wim Thoelke, einer bezaubernden Jeannie, Percy Stuart und dem Briefträger Walter Sparbier dominiert wurde und Musik zum Download anders aussah.

„<James Last: Non Stop Dancing> stand auf der kleinen Plastikschachtel. Immer noch kaum zu glauben, dass hier so viel Musik drauf sein sollte, wie auf einer Langspielplatte, auf die bespielbaren passte sogar noch mehr.“

Willkommen in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren. Es sind Jahre, in denen der erste Mensch den Mond betreten hatte, Deutschland kein einig Vaterland war und das beschauliche Bonn als Hauptstadt des westlichen Teils unseres Landes die politischen Geschicke lenkte. Das Palais Schaumburg, der Kanzlerpavillion und die Villa Hammerschmidt stehen noch heute für diese Epoche unserer Geschichte. Es ist aber auch die Zeit meiner Kindheit, die ich in der Eifel erlebte. Unweit dieses Zentrums der Macht wuchs ich eher beschaulich und gut behütet auf.

Raumpatrouille von Matthias Brandt

Raumpatrouille von Matthias Brandt

Dass zwischen 1969 und 1974 ein gleichaltriger Junge in Bonn aufwuchs, war mir damals gelinde gesagt egal. Ich war viel zu beschäftigt mit mir selbst, um mir auch noch Gedanken um einen gewissen Matthias zu machen. Als Sohn des Bundeskanzlers war er wie ein Wesen von einem anderen Stern. Willy Brandt kannte man selbst nur aus den Nachrichtensendungen im Fernsehen. Er wirkte staatstragend, wichtig und wurde auch von meinen Eltern fast ehrfürchtig bewundert. Ein großer Mann. Wie oft ich das in meiner Kindheit gehört habe. Wie aber sah die Kindheit von Matthias Brandt aus?

„Seit einiger Zeit patrouillierten Wachleute auf unserem Grundstück, man hatte ihnen sogar hinten beim Gemüsegarten, wo es in den Wald ging, eine Baracke gebaut, in der sie wohnten… Wie in unserem Schullandheim in der Eifel sah es dort aus.“

Und so überrascht es nicht, dass Matthias Brandt seine Geschichte erzählt, und nicht ich. Die Raumpatrouille ist eine sehr geschickt arrangierte Kollektion von 14 Geschichten aus seiner Kindheit, die nun bei Kiepenheuer und Witsch erschienen ist. Wer nun erwartet, das große politische Bonn hier wiederzufinden, die Hintergründe der wichtigen Entscheidungen oder geschichtliche Ereignisse aus Kindersicht vorgesetzt zu bekommen, der wird sich in einer anderen Welt wiederfinden, ohne enttäuscht zu sein. Denn Matthias Brandt gelingt es in seinen zarten Geschichten aus der Umlaufbahn der historischen Figur Willy Brandt heraus einen klaren Blick auf sich selbst zu werfen.

Raumpatrouille von Matthias Brandt

Raumpatrouille von Matthias Brandt

Matthias Brandt erzählt von Träumen und Sehnsucht, persönlichem Versagen und wildem Probieren, grandiosem Scheitern und dem Leben im goldenen Käfig. Mit keinem Wort erwähnt er den Begriff Kanzler. Sein Vater erscheint eigentlich nur ganz am Rand der Geschichten, obwohl sein Status Geschichte schrieb und den Rahmen definierte, in dem sich das Leben von Matthias entwickeln konnte. Bewacht von Sicherheitskräften, isoliert bei Kirmesbesuchen rebelliert der kleine Junge mit seinen Bordmitteln gegen die Vereinsamung und versucht Aufmerksamkeit zu erregen. Beides scheitert oft schon im Ansatz.

Das Briefmarkensammeln wird zum Fiasko, weil statt fremder Länder nur der senile Ex-Präsident im Album landet, bei dem Matthias schon mal zum Kakao eingeladen wird. Der Fahrradausflug mit einem Herrn Wehner mutiert zu Vaters symbolträchtigem Sturz und die Übernachtung bei einem Freund suggeriert ihm das wahre und freie Leben, das ihn sogleich wieder abschreckt, weil er das Alleinsein liebt, und es nicht als Einsamkeit empfindet. Die Liebe zu seinem Hund und die Zuneigung seiner Mutter sind Konstanten in einem Leben ohne väterliche Wärme. Seine Angst sucht nach Ventilen.

„Den größten Außenseiter mit zu quälen, war die einfachste Art, zu sein wie die  anderen, und das war mein brennendster Wunsch.“

Raumpatrouille von Matthias Brandt

Raumpatrouille von Matthias Brandt

Auf diese Art und Weise zeichnet Matthias Brandt ein Panorama dieser Zeit. Die „Raumpatrouille“ liefert kaum biografische Indizien für das Leben seines Vaters. Willy existiert nur kommend und gehend, entfernt und kalt. Und doch ergibt dieses Puzzle der nicht chronologisch sortierten Geschichten das Bild einer sehr einseitigen Beziehung, aus der auch Väter von heute noch lernen können. Aus maximaler emotionaler Distanz heraus beschreibt der sehr erfolgreiche Schauspieler, warum er sich niemals über den Namen Brandt definierte.

Dieses Buch ist kein Befreiungsschlag. Die Geschichten sind der ungeschönte Blick auf das eigene Leben und Schwächen, für die man nicht immer selbst verantwortlich ist. Und doch gelingt es Matthias Brandt nicht, mit seinem Vater zu brechen, oder ihn in schlechtem Licht zu präsentieren. Als schicksalhaft nimmt er die Kindheit unter diesen Rahmenbedingungen hin. Vorwurfsvoll klingt jedoch keine der Geschichten. Ein Kreis scheint sich in der letzten Geschichte „Was ist“ zu schließen. Man spürt, wie sehr der Sohn versucht, seinem Vater die Hand zu reichen, obwohl er ihm immer fremd blieb.

Der Blick in die Augen seines Vaters, der ihm in einem seltenen Moment des Lebens aus einem Buch vorliest, zeigt Nähe und Distanz zugleich. Ambivalenz wird greifbar:

„Ich sah… Augen, deren Farbe ich immer noch nicht herausgefunden hatte.“

Raumpatrouille von Matthias Brandt

Raumpatrouille von Matthias Brandt

Und wenn Sie sich nicht an diese Zeit erinnern? Wenn Sie zu jung sind, um all dies selbst erlebt zu haben? Ist dieses Buch relevant genug, um auch Leser zu begeistern, die nicht zu den Zeitzeugen der Kanzlerschaft von Willy Brandt gehören? Ist es zeitlos genug, um nachhaltiges Interesse zu wecken? „Auerhaus“ von Bov Bjerg hat deutlich bewiesen, dass Leser aller Altersgruppen einen Blick in unsere Vergangenheit werfen und nach Werten und Maßstäben suchen, die uns heute fast schon fremd sind. Diese ganz persönliche Sentimental Journey ist dann relevant, wenn sie Gefühle und Fakten vermittelt, die sich auf die Gefühls- und Denkwelt der Leser auswirkt.

„Auerhaus“ ist ein Roman. Gerade deshalb ist es uns so leicht gefallen einen Zugriff auf Handlung und Protagonisten zu finden, unsere Haltung zu Freundschaft am Roman zu reiben und zu reflektieren, was wir in Menschen investieren, die wir Freunde nennen. „Raumpatrouille“ ist nicht fiktiv. Diese Geschichten von Matthias Brandt bleiben nicht in der Umlaufbahn. Sie landen zeitlos auf unserem Denkplaneten. Auch heute ist vielen Vätern vieles wichtiger, als der Kontakt zu ihren Kindern. Sie sind staatstragend, ohne Staaten zu tragen. Matthias Brandt hat sich von seinem Vater gelöst. Und das mit sehr guten Erinnerungen, die schmerzen und helfen. Ein kleiner Schritt für den Leser, ein großer Schritt für Matthias Brandt. Der Adler ist gelandet.

Gehen Sie auf „Raumpatrouille„. Eine kleine große Geschichtenstunde.

Raumpatrouille von Matthias Brandt und Auerhaus von Bov Bjerg

Raumpatrouille von Matthias Brandt und Auerhaus von Bov Bjerg

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