24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau

24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau

24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau

Eifersucht ist ein mächtiges Gefühl. Nagende Selbstzweifel, bohrende Fragen, Angst vor Enttäuschung und das drohende Damoklesschwert, sich nach außen zu blamieren, setzen Gefühlswallungen und emotionale Irritationen frei, die ihresgleichen suchen. Es ist sicher nicht gewagt zu behaupten, dass gerade Frauen empfänglich sind für diesen emotionalen Wirbelsturm. Ich könnte ja ein wenig aus dem Nähkästchen plaudern, aber das ist eine andere Geschichte. Eine gute allerdings… (weiterhören?)

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Eifersucht bedient sich in der heutigen Zeit einiger Hilfsmittel, die wie ein Ventil in der Lage sind, das Gefühlschaos in die weite Welt zu tragen. Von Überwachung bis hin zur üblen Nachrede hinter vorgehaltener Hand reicht das Spektrum, wenn es gilt, seine Eifersucht so richtig auszuleben. Man nehme ein Beispiel. Der Geliebte steigt zu einer völlig fremden Frau ins Auto und verschwindet ohne Abschiedsworte mit ihr ins Nichts. Was passiert?

24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau

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Die Technik schlägt zu. WhattsApp beginnt seinen Dienst zu verrichten. Eine Flut von Nachrichten, Vorwürfen und Fragen erreicht den auf der Flucht befindlichen Mann. Die blauen „Ich habe gelesen-Häkchen“ zeigen der Verschmähten sofort an, ob die Texte gelesen wurden. Und sollten diese Häkchen stumm bleiben, geht es eben mit anderen Medien weiter. SMS, Telefonate dienen der inneren Klammerbewegung. Facebook und Instagram machen den Zweifel erstmals öffentlich und hintergründige Gruppenchats mit gemeinsamen Freunden werfen die Klatsch- und Tratsch-Maschine an. Und wenn alles nichts hilft, dann erfolgt die Rache mit allen verfügbaren High-Tech-Mitteln.

Die Dame von heute zelebriert ihre Eifersucht im Format 2 Punkt Null.

Wie war dies früher? Wie konnte sich Eifersucht ihren Weg bahnen, als es diese Kommunikationswege noch nicht gab? Eifersucht im Wandel der Zeit kann ein mehr als interessantes Thema sein, besonders wenn man ein literarisches Werk zurate zieht, das hier als echter Meilenstein betrachtet werden kann. 24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frauvon Constanze de Salm beschreibt das Dilemma des plötzlich verschwindenden Geliebten zu Beginn des 20. Jahrhunderts und aus dem bereits oben genannten Beispiel müssen wir nur einige Parameter dezent verändern, um den Verlust im richtigen situativen Kontext verstehen zu können.

24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau

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Wir streichen das Auto und ersetzen es durch eine Kutsche, in der sich die Flucht des Geliebten mit einer fremden Frau vollzieht. Wir ersetzen die HightTechWelt unserer sozialen Medien durch einen Bogen Briefpapier und einen Stift und billigen der soeben Verlassenen das komplette Gefühlspaket der Eifersucht zu, wie wir sie auch heute noch kennen. Und dann beobachten wir die Dame dabei, wie sie in vierundzwanzig Stunden unzählige Briefe an die verloren geglaubte Liebe ihres Lebens schreibt. Briefe, auf die sie niemals eine Antwort erhält.

Statt auf WhattsApp muss sie sich auf den treuen Diener Charles verlassen, der ihre Briefe zu übergeben hat. Und wie das nervöse Warten auf die Lesebestätigung auf unserem Smartphone frisst sich die Wartezeit auf Charles ins Gemüt der Dame, die so dringend auf ein Lebenszeichen ihres Geliebten wartet. Die Botengänge jedoch bleiben erfolglos. Wo heute Handys besetzt sind, SMS zwar gesendet, jedoch nicht empfangen werden und sich der WhattsApp-Haken nicht blau verfärbt, findet der Diener niemanden vor, dem er die Briefe übergeben kann. Die Eifersucht bekommt krankhafte Schübe.

24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau

24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau

Heute wie früher ist die gefühlte Isolation die wahre Triebfeder der Eifersucht. Es sind die bedrohlichen Gedanken, Spekulationen und das eigene Ego, die unkalkulierbar und selbstzerstörerisch wirken. Gefühlstaumel entstehen dann, wenn Nachrichten nicht ankommen, ignoriert werden und die eigene Fantasie Bilder erzeugt, die bestimmt jeder Grundlage entbehren. Der Verstand setzt aus. Und die eruptiven Wellen der Eifersucht verursachen emotionale Automatismen, gegen die man nur schwer angekämpfen kann. Constance de Salm gelingt in ihrem Briefroman ein literarisches Meisterwerk in kleinem Maßstab, da sie die Perspektive ihrer Protagonistin zum absoluten Erzählraum erhebt.

Enge, Abschottung und das Fehlen von Informationen sind Brandbeschleuniger für die verzweifelte Frau. Ihre Eifersucht bahnt sich wortreich einen Weg in ihre Briefe, die ihren Adressaten nicht erreichen. Verzweiflung löst unterschiedliche Szenarien aus, die typische Verlaufsmuster der Eifersucht sind. Selbstzweifel, Drohung, Hass, Vergebung, grenzenlose Unterwerfung, Auflehnung, Rache, Selbstzerstörung, Vertrauensbruch und der Weg an die Öffentlichkeit. All dies lässt sich auch heute noch beobachten. Als dann auch noch ein Mann auftaucht und der leidenden empfindsamen Frau seine tiefen und verborgenen Gefühle gesteht, geht das Gefühlskarussell erst richtig los.

24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau

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Eine Lektion in Sachen Eifersucht erteilt die Autorin nicht nur ihren Lesern. Auch sich selbst scheint sie zeigen zu wollen, wie Frau tickt, wenn alle Dämme brechen. Die einzelnen so entstehenden Briefe gleichen dem Psychogramm einer verletzten Seele, die in ihrer Hilflosigkeit alle Wechselbäder der Eifersucht durchlebt. 24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau, erschienen bei Hoffmann und Campe, ist zeitlos und überzeugt in der Selbstbetrachtung der Protagonistin zutiefst.

Die Eifersucht hat sich nicht geändert. Ihre Ventile sind in der heutigen Zeit sicher facettenreicher und vielfältiger. Letztlich jedoch helfen sie nichts. Der innere Schmerz wird nicht gelindert. Einsamkeit und enttäuschte Gefühle müssen sich ihren Weg nach draußen bahnen, bevor das selbstzerstörerische Element dominant wird. Das versteht man von Brief zu Brief mehr. Die Spirale der Verunsicherung dreht sich weiter und es ist nur der Autorin zu verdanken, dass am Ende aller Briefe nicht das Ende einer Liebe steht. Ein überraschendes Ende, das vom Leben geschrieben sein könnte.

24 Stunden dauert der Tag der Ungewissheit. Ein Tag, den auch wir zum Lesen des Romans benötigen. Ein Tag, der in Erinnerung bleibt. Literatur pur.

24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau

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Ein Gedanke zu „24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau

  1. Pingback: (Off-Topic) Was man aus Briefromanen lernen kann | AstroLibrium

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