„Ein Monat auf dem Land“ von J.L. Carr

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ich bin einer der glücklichsten Leser der Welt!

Das kann ich mit Fug und Recht behaupten, da mich mein literarischer Spürsinn in den vielen Jahren meines Lesens immer wieder zu Büchern geführt hat, die mich mehr als beeinflusst und beeindruckt haben. Es ist, als würde mir eine buchige Wünschelrute einen Weg weisen und immer dort ausschlagen, wo Tiefgang, Charakterzeichnung und Handlung einen kulturellen Dreiklang ergeben, der in seiner symphonischen Bedeutung nur als Literatur bezeichnet werden kann. (Hier können Sie weiterhören)

Ein Monat auf dem Land – Die Rezension fürs Ohr

Das Glücksgefühl, auf eine solche literarische Goldader zu stoßen, kann ich sehr leicht in Worte und Bilder fassen. Es sind buchige Jubelsprünge der ganz besonderen Art, die mich selbst denkend, fühlend und schreibend in neue Sphären meines Geistes vorstoßen lassen und eine Menge Literatur-Adrenalin freisetzen. Während des Lesens posaune ich schon gerne heraus, was mir gerade widerfährt, auf welcher Welle ich im Moment reite und wie sehr mich das Glücksgefühl beflügelt, einen solchen Schatz mein Eigen nennen zu dürfen.

Nicht zu vergessen, die Sehnsucht und Wehmut, die mich überfallen, wenn ich nur daran denken muss, ein gerade liebgewonnenes Buch nach dem letzten Kapitel wieder verlassen zu müssen. Melancholie, Euphorie und Rapid-Eye-Movement sind deutliche Symptome, wenn ich am Ende der Wünschelrute spüre, dass eine Goldader direkt vor meinen Augen liegt. So und nicht anders ging es mir erst vor einigen Tagen, als ich ein Buch aufschlug, das mir vom Titel her eine kleine Auszeit in Aussicht stellte.

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr, erschienen im DuMont Buchverlag.

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Wie findet man seinen Frieden nach dem Krieg?

Ein Leitmotiv, dem ich schon in vielen Romanen gerne gefolgt bin. Auch hier wird es schnell zur Ausgangssituation meines Lesens, da ich vor wenigen Tagen ein Buch beendet habe, das sich dieser Frage verschrieben hat. Zwei Romane mit einem tiefen literarischen Grundton, der mich erneut zu faszinieren wusste. Zwei Charaktere, die so viel gemeinsam haben. Der Eine kehrt nach dem Krieg nach Australien zurück, sucht in der Abgeschiedenheit eines Leuchtturms nach der inneren Balance und findet dabei zu den wahren Werten des Lebens zurück. Auch, wenn dies ein steiniger Weg ist.

Der Andere steigt im idyllischen Oxgodby aus dem Zug und beginnt, in der kleinen Kirche des Dörfchens ein mittelalterliches Fresko zu restaurieren. Nordengland und die tiefe ländliche Einsamkeit geben hier den Ton an. Wir schreiben das Jahr 1920. Viele Männer sind nach dem Ersten Weltkrieg auf der Suche nach sich selbst und nach dem, was sie auf den Schlachtfeldern in Flandern oder in Artois verloren haben.

Das Licht zwischen den Meeren“ von M.L. Stedman machte mich zum suchenden Leuchtturmwärter und nun verwandelt mich „Ein Monat auf dem Land“ von J.L. Carr in den Restaurator einer zutiefst verletzten Seele. Ich weiß, wo Männer in diesem Krieg zerbrachen. Ich kenne die Orte, die sie wie Mühlsteine zermalmten. Einer von ihnen ist Passchendaele nahe Ypern. Auch Tom Birkin wurde dort gebrochen. Seitdem besteht seine Mimik aus wilden Zuckungen und seine Nächte sind von Schreien erfüllt.

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ebenso, wie mich das Bild des einsamen Leuchtturmwärters fasziniert hat, trägt in diesem Roman aus der Feder des bereits 1994 verstorbenen Autors das Bild eines Menschen, der in der tiefen Beschäftigung mit einem übertünchten Kunstwerk Schicht um Schicht eine Vergangenheit freilegt und dabei auch sich selbst immer näher kommt. Dabei schreibt J.L. Carr nicht minimalistisch, wie man es angesichts der nur 158 Seiten seines Romans vermuten könnte.

Ganz im Gegenteil. Es entwirft ein sehr komplexes Bild dieser Zeit, in dem sowohl die Menschen des kleinen Ortes, als auch die beiden eigentlichen Hauptcharaktere Birkin und Moon sehr konturiert und hintergründig beschrieben werden. Beide verbindet nicht nur die Tatsache, dass sie der Hölle des Krieges entronnen sind, sondern zwei ziemlich geheimnisvolle Aufträge, die sie getrennt voneinander nach Oxgodby führten. Das Erbe einer alten Dame verheißt der Kirchengemeinde ein sattes Sümmchen, wenn man das ewig verschwundene Kirchengemälde freilegt und das Grab eines Verwandten aufspürt.

Während Tom Birkin in der Dorfirche ein verborgenes Kunstwerk in neuem Licht erstrahlen lässt, gräbt sich Charles Moon durch den Gottesacker der Gemeinde. Beide legen mehr frei, als sie es jemals vermutet hätten. Dabei ist es gerade Tom Birkin, der diese ruhigen Momente auf dem Gerüst innerhalb der Kirche extrem genießt, stehen sie doch im krassen Gegensatz zum Granatenhagel, dem er im Krieg ausgesetzt war. Hier enttraumaisiert sich der geschundene Geist. Hier entspannt sich der Körper. Hier wird nicht nur ein Gemälde freigelegt. Schicht für Schicht kommt auch Tom ans Tageslicht.

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Die wahre Kunst dieses Romans liegt in den parallelen Welten, die J.L. Carr hier meisterlich skizziert. Welten, die für sich genommen einzigartig sind, in der deutlichen Überlagerung jedoch beginnen, sich auf das andere kleine Universum auszuwirken. Das träge Oxgodby beginnt Wunder zu wirken, weil die Menschen des kleinen Fleckens so unverfälscht ländlich naiv und unvoreingenommen sind, dass man sie ganz einfach lieb gewinnen muss. Diese Ruhe strahlt auf Tom Birkin aus und auf der anderen Seite bringt er genau das Leben in den Ort zurück, das dort wie das Gemälde übertüncht war.

Es wundert nicht, dass Tom Birkin nicht nur ein Gemälde vom Staub befreit. Es wundert nicht, dass er Farbe ins Leben dieser Menschen bringt, deren Farblosigkeit für ihre Lebensweise steht. Es wundert nicht, dass Tom Birkin viel mehr enthüllt, als er je enthüllen sollte und wollte. Besuche in seiner Kirche nehmen zu. Tom wird beobachtet. Nicht nur mit unschuldigen Blicken, sondern auch mit den Augen einer Frau, für die er alles vergessen würde. Gäbe es da nicht genau zwei Probleme und wären da nicht die übermächtigen Moralvorstellungen der 1920er Jahre.

In der Rückschau auf sein Leben betrachtet Tom Birkin diese Epoche. Es ist ein zugleich wehmütiger Blick auf eine Zeit der Befreiung und der verpassten Chancen. Es ist aber auch ein Blick zurück in eine Zeit, die durch frisch vernarbte Wunden und nie bewältigte Verluste gekennzeichnet war. Die Zeit nach einem Krieg ist keine normale Zeit. Hier atmet man durch, horcht in sich hinein und schreckt nachts schweißgebadet auf. Die ersten zarten Pflänzchen von Gefühl beginnen zu sprießen. Eine große Zeit für große Romane.

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

J.L. Carr gelang mit „Ein Monat auf dem Land“ ein absolutes Meisterwerk. Diese Tiefe hatte ich nicht erwartet. Ich hatte nicht erwartet, mich nachts vor einem Gemälde wiederzufinden, um einem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Ich hatte nicht erwartet, schichtweise klarer zu sehen, Schützengräben zu durchrobben und erst in einer Kirche zur Ruhe zu kommen. Ich hatte nicht erwartet, mitten im Roman zu hoffen, dass ich bitte länger als nur einen Monat auf dem Land bleiben dürfte.

Nichts von alledem hatte ich erwartet. Und nun sitze ich hier als der wohl glücklichste Leser der Welt. Ich bin wundervollen Menschen begegnet, habe viel von ihnen gelernt und habe mich zweifelsohne mit Tom Birkin unsterblich verliebt. Im eigentlichen Sinn ist Oxgodby das verborgene Gemälde, das es zu enthüllen galt. In ihm liegen alle Wunder der Welt verborgen. Hier kann man glücklich werden und hier lässt es sich leben. Und hier stößt man auf eine Vergangenheit, die ihre Spuren auf ewig hinterlassen hat.

Vale. Lebwohl. Die lateinische Inschrift auf dem Steinsarg einer längst im Mittelalter verstorbenen Geliebten zeigt die Atmosphäre, die über dieser Landschaft schwebt. Sie zeigt die Sehnsuchtsmomente, auf die man überall stößt, wenn man den Schleier hebt. Sie sagt alles aus, wenn man das steinerne Bildnis der jungen Frau betrachtet, die den Sarkophag zu verlassen scheint. Es gelingt ihr nicht. Es ist nur ein Bildnis in Stein. Ich wünschte, ich könnte so wie sie immer in Oxgodby bleiben.

So bleibt mir nur ein zartes „Vale“…

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ein kleines Goodie zum Schluss: Der Trailer der englischen Verfilmung. Diese Bilder!

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2 Gedanken zu „„Ein Monat auf dem Land“ von J.L. Carr

  1. Pingback: ASTROLIBRIUM: J.L.Carr „Ein Monat auf dem Land“ – Buchhandlung Calliebe

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