Der Ball von Irène Némirovsky – Autobiografisches Schreiben

Der Ball von Ir`ne Némirovsky

Der Ball von Irène Némirovsky

Wenn Schreiben jemals autobiografisch war, dann hier. Wenn man jemals aus der Fiktionalität einer Geschichte und ihrer Romanfiguren auf das reale Leben der Autorin schließen konnte, die sie verfasste, dann hier. Kaum eine Schriftstellerin hat sich wohl jemals weniger in ihrem Erzählraum versteckt, als die Schöpferin dieses Romans und niemand hat insgeheim so viel Wert darauf gelegt, vom Leser entdeckt zu werden. Im direkten Dialog zwischen Biografie und Roman entsteht in diesem Fall ein gestochen scharfes Bild einer Frau, die bis heute unvergessen ist.

Iréne Némirovsky

Dies ist nun bereits mein dritter Artikel über die große Autorin, die Frankreich so sehr liebte, aber in der Mühle der Geschichte als jüdische Autorin zermalmt wurde. Ihr geliebtes Frankreich konnte der gebürtigen Ukrainerin keinen Schutz bieten, als es für sie um ihr Leben ging. Ganz im Gegenteil sogar. Willfährig machten sich Franzosen zu Handlangern des Nazi-Regimes und letztlich wurde sie am 13. Juli 1942 verhaftet und nach Auschwitz-Birkenau deportiert, wo sie nur wenige Monate später im Krankenbau des Todeslagers verstarb.

Ich las die Pariser Symphonie“. Eine Kollektion von wundervollen Kurzgeschichten, die für mich so sehr die großen Sehnsuchtsmomente widerspiegeln, die das Schreiben von Irène Némirovsky charakterisieren. Auf der Suche nach dem wahren Leben las ich dann Irène Némirovsky – Die Biografievon Olivier Philipponnat und erlebte dabei, wie sich die Kreise zu schließen begannen. Ich folgte ihren tiefen Spuren und begleitete sie auf ihrem letzten Weg. Erlebte, wie sie ihr Vermächtnis, das Manuskript der Suite Francaise in einem Koffer an ihre Töchter übergab. Und nun erlebe ich im Verständnis um die Hintergründe ihres Wirkens eine literarische Wiedergeburt, die mich in ihre Arme treibt.

Der Ball von Ir`ne Némirovsky

Der Ball von Irène Némirovsky

Scheinbar ist mir in meinem Lesen einiges entgangen, denn in einem gemütlichen Gespräch über Gott, die Welt und die Literatur musste ich den Namen Némirovsky nur kurz erwähnen und meine Lebenlesefreundin Kristina sprang fast aus dem Stand in ihr Bücherregal. Und dann lagen sie vor mir. Die großen und kleinen Geschichten aus der Feder der Frau, deren Biografie mich so sehr berührt hatte.

Der Ball“, „Leidenschaft“, die „Suite Francaise“ und „Jesabel“ schmiegten sich an meine Bücher von Irène Némirovsky und bildeten in diesem magischen Moment mit der „Pariser Symphonie“ und der Biografie den Kanon ihres Schreibens. Einladend und mehr als verführerisch. Unwiderstehlich für mich, weil ich doch gerade erst in aller Tiefe zu den wahren Hintergründen und Beweggründen eines Schreibens vorgedrungen war, das den Eindruck bei mir hinterließ, die Autorin wäre zeitlebens auf der Flucht vor ihrer Vergangenheit.

„Du musst unbedingt den Ball lesen! Dann erschließt sich dir alles!“ Mehr musste Kristina nicht sagen. Meine Neugier war geweckt und ich schloss die kleine aber feine Ausgabe aus dem Zsolnay Verlag in mein Herz. Ja, ich wollte mehr wissen. Ich wollte so vieles von dem erfahren, was mir noch verborgen war. Ich wollte in die Jugend der Frau eintauchen, die genau dieser prägenden Zeit niemals entfliehen konnte. Zu tief verletzt war Irène von der egozentrischen Lebensweise ihrer Mutter. Zu sehr hatte sie unter der Eifersucht zu leiden, die ihre Mutter nun empfand. Eifersucht und Neid auf die eigene Tochter, die nun immer mehr zur Konkurrentin der alternden Mutter avancierte.

Der Ball von Irène Némirovsky

Der Ball von Irène Némirovsky – Ein autobiografischer Tanz

Und genau hier beginnt Der Ball von Irène Némirovsky so viel mehr zu erzählen, als man es eigentlich auf 90 Seiten erwarten könnte. Die Parallelen zum wahren Leben der Schriftstellerin sind frappierend. Die Tochter eines jüdischen Bankiers, die nach der Flucht der Familie vor der russischen Revolution nach Paris erleben muss, wie sehr die Eltern versuchen, in der High Society Fuß zu fassen, spiegelt sich hier originalgetreu in der vierzehnjährigen Antoinette, deren neureiche Eltern alles in Bewegung setzen, um dem Geld das Ansehen folgen zu lassen.

Neureich sind die Kampfs und egozentrisch bis zum Kragen. Madame Kampf trägt ihren Reichtum zur Schau. Sie definiert sich über die Größe des Hauses, die Anzahl der Dienstboten und die Tatsache, dass ihre Tochter von Gouvernanten erzogen wird. Alles passt. Eines fehlt. Der Prunk des Hoch- und Geldadels, mit dem sich die Kampfs gerne umgeben würden, um gesellschaftlich en vogue zu sein. Ein großer Ball soll für Abhilfe sorgen. Hunderte von Gästen aus den höchsten Schichten werden eingeladen, um den Namen Kampf in Paris zu etablieren.

Antoinette träumt davon bei diesem Ball in die Gesellschaft eingeführt zu werden. Sie träumt diesen Traum für sich allein, denn Madame Kampf hat ganz andere Ziele. Es gilt, Antoinette zu verbergen. Niemand soll sie zu Gesicht bekommen. Eifersucht regiert und der pure Neid auf ihre aufblühende Jugend steht in Konkurrenz zur Schönheit der eigenen Mutter. Während der Ball vorbereitet wird, erklärt man Antoinette, dass sie die Nacht in einer kleinen Kammer zu verbringen hat. Das Entsetzen ist groß.

Der Ball von Irène Némirovsky

Der Ball von Irène Némirovsky

Antoinette fühlt sich bereit für die große und wahre Liebe. Der Schock sitzt so tief, dass erste Gedanken an einen Selbstmord in ihr reifen. Da sie aber vermutet, dass der Freitod der eigenen Tochter die Mutter kaum berühren würde, ersinnt Antoinette einen Plan, der ihre Eltern bis ins Mark treffen würde. Der Rachefeldzug der tief enttäuschten Tochter beginnt und ihr Plan hat es in sich.

So weit ist die wahre Irène Némirovsky nie gekommen. Ihre Hilflosigkeit bekämpfte sie schreibend. Romane und Kurzgeschichten spiegeln diese Entschlossenheit, mit der sie gegen ihre Grenzen kämpfen wollte. Sie dachte, träumte und schrieb in der Sprache des Landes, das sie so sehr liebte. Französisch. Ihr Zorn war in ihrem frühen Schaffen gegen ihre Eltern gerichtet. Als ihre neue Heimat zu einem besetzten Land wurde und die persönliche Gefahr immer weiter um sich griff, beschleunigte sich das Tempo ihres Schreibens.

Irène Némirovsky beobachtete die Veränderungen in Frankreich und begann mit einem neuen Lebenswerk. Im Verborgenen. Sie wurde bereits nicht mehr verlegt, ihre Texte wurden nicht mehr veröffentlicht und die antijüdischen Gesetze wirkten sich auf ihr Leben aus. Unter diesem Druck entstanden die ersten Notizen zur Suite Francaise. Fünf Teile sollten es werden. Ein großes Panorama eines besetzten Landes mit allen Facetten, die zu beobachten waren. Unvollendet blieb dieser Zyklus. Unvollendet blieb ihr Leben. Ihr Manuskript wurde gerettet. In einem Koffer. Für Irène Némirovsky selbst gab es keine Gnade.

Der Ball von Irène Némirovsky

Der Ball von Irène Némirovsky

„Ich fürchte mich vor nichts, ich habe mich im Voraus gerächt!“

Antoinettes Worte aus „Der Ball“ stehen für das ganze Leben der Schriftstellerin. Sie hat zeitlose Texte hinterlassen, die auch heute noch Zeugnis ablegen. Sie hat sich wortgewaltig gerächt. An ihrer Mutter, ihrer Vergangenheit, den Nazis-Besatzern und nicht zuletzt an den Franzosen, die als Kollaborateure funktioniert haben. Ihre Werke erfreuen sich heute erfreulicher Beliebtheit. Die „Suite Francaise wurde 2004 erstmals veröffentlicht und entwickelte sich schnell zur literarischen Sensation.

Ich werde dieses Vermächtnis noch lesen. Ich konnte jedoch nicht widerstehen, mir die Verfilmung unter dem Titel Suite Francaise – Melodie der Liebe aus dem Jahr 2015 anzuschauen. Ich war überrascht von der großen Feinfühligkeit, mit der man sich der Romanvorlage angenähert hat. Sowohl in der Besetzung als auch in der optischen Umsetzung des unvollendeten Werks besticht dieser Film als würde er die Handschrift von Irène Némirovsky tragen.

Die unglückselige Liebesgeschichte zwischen Lucille, einer jungen Französin, und dem deutschen Offizier und Besatzer Bruno von Falk zeigt das ganze Spektrum des Fühlens, Denkens und Handelns im Frankreich des Jahres 1940. Hass, Neugier, Angst und Einsamkeit geben sich im steten Wechsel ein Stelldichein. Die französische Seele und der Stolz einer geschlagenen Nation tragen die gesamte Handlung. Und doch ist es eine große Geschichte ohne Pathos. Eine Geschichte über die Liebe im Krieg. Mehr als eine Affäre. Wenn sich Feinde lieben können, kann dann nicht alles gut werden?

Suite Francaise von Irène Némirovsky - AstroLibrium

Suite Francaise von Irène Némirovsky

Irène hoffte vergebens.

Suite Francaise von Irène Némirovsky - To be continued...

Suite Francaise von Irène Némirovsky – To be continued…

Hier geht es weiter mit Irène Némirovsky und AstroLibrium: Literatur Radio Bayern präsentiert meine Audio-Rezension zur Pariser Symphonie. Schon jetzt on Air.

Die Pariser Symphonie von Irène Némirovsky - Ein Ohrenschmaus

Die Pariser Symphonie von Irène Némirovsky – Ein Ohrenschmaus

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4 Gedanken zu „Der Ball von Irène Némirovsky – Autobiografisches Schreiben

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